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Rittergeschichte 11/12 Jahre Lesen 19 min.

Die Ritterin der Waage und das Geheimnis der Zugbrücke

Die geheimnisvolle Ritterin Serafina und der Stalljunge Jaro entdecken Sabotage an der Zugbrücke von Auenfels und müssen gemeinsam die Ursache aufdecken, um die Burg zu schützen.

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Die Ritterin Serafina (Mädchen) mit entschlossenem, ruhigem Gesicht und klaren Augen in schlichter matter Stahlrüstung und dunklem Mantel zieht energisch einen Jungen vom Mauerrand; Jaro (~12) mit rundem, mutigem Gesicht, abgenutzter Tunika und zerzaustem blondem Haar hockt am Rand und greift den Ärmel des Saboteurs; der Saboteur (~17) trägt einen staubigen schwarzen Mantel, dunkles Haar, panische und beschämte Miene, die Knie am Abgrund, ein kleines offenes Säckchen mit feinem Sand rieselt; die Festungsmauer aus rauem grauem Stein mit niedrigem Brustwehr, etwas Moos, Fackeln in Eisenträgern werfen warmes Flackern, Wachturm-Dachpfosten im Hintergrund; nächtliche Szene mit tiefblauem Himmel und niedriger runder Mondscheibe, silbriger Schimmer auf Händen und Gesichtern, Wind hebt Sandkörner und Haarsträhnen; dramatischer, zärtlicher Moment voller Spannung, Angst, Mut und Mitgefühl; visuell sanfte, kontrastreiche Farben, klare Konturen, detaillierte Stein- und Rüstungstexturen, zentrale Komposition, kinderfreundlich. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Frau mit dem grauen Wappen

Als der Morgennebel noch wie nasse Wolle über den Gräben hing, ritt eine Ritterin allein den Hügel hinauf. Ihr Mantel war dunkel wie Krähenfedern, ihr Helm schlicht, ohne prahlernde Hörner. Nur auf dem Schild schimmerte ein graues Zeichen: eine Waage, fein eingeritzt, als wollte sie sagen, dass alles geprüft und abgewogen werden muss.

Die Burg Auenfels lag vor ihr wie ein schlafender Riese aus Stein. Am Tor hingen Ketten, und das Fallgatter war halb oben, halb unten—als hätte es mitten im Atmen innegehalten.

Der Torwächter blinzelte. „Wer begehrt Einlass?“

Die Ritterin hob das Visier nur ein Stück. Man sah Augen, ruhig wie ein stiller See. „Man nennt mich Serafina von der Waage. Ich komme im Auftrag des Burgherrn.“

„Im Auftrag?“ Der Wächter kratzte sich am Bart. „Unser Burgherr schickt selten… Boten.“

„Ich bin kein Bote.“ Serafina deutete auf den mächtigen Brückenturm. „Ich soll die Seile des Zugbrückwerks prüfen. Es gab Berichte über Knacken, über rutschende Knoten. Eine Zugbrücke ist ein Versprechen aus Holz und Hanf. Wenn sie bricht, bricht Vertrauen.“

Das Wort blieb in der Luft hängen wie ein glühender Funke.

Hinter dem Tor trat ein Junge hervor, vielleicht zwölf, mit strohigem Haar und einem Blick, der zu schnell von einer Sache zur nächsten sprang. Er trug einen Eimer und hatte mehr Flecken als Stoff an seiner Tunika.

„Sie ist wirklich eine Ritterin?“ flüsterte er dem Wächter zu, laut genug, dass Serafina es hörte.

„Ich bin's,“ sagte Serafina trocken. „Und du bist?“

Der Junge stellte den Eimer ab, als wäre er plötzlich sehr schwer. „Jaro. Stallknecht, Laufbursche, manchmal… Knotenhalter.“

Serafina legte den Kopf schräg. „Knotenhalter ist kein Beruf.“

„Doch, wenn die Knoten sich selbständig machen,“ murmelte Jaro. Dann grinste er, als hätte er einen Witz gerettet, der fast ertrunken wäre.

Der Wächter öffnete das Tor. „Geht hinein. Aber passt auf. Seit drei Nächten heult der Wind im Brückenschacht, als ob dort etwas wohnt.“

Serafina ritt durch, und Jaro lief nebenher. „Wohnt da wirklich was?“

„Manchmal wohnt in Geräuschen nur Angst,“ antwortete Serafina. „Und manchmal eine Ratte.“

„Oder ein Geist, der Knoten hasst,“ sagte Jaro.

„Dann wird er heute enttäuscht sein,“ sagte Serafina. „Ich hasse schlechte Knoten ebenfalls.“

Kapitel 2: Der Schacht der Seile

Im Brückenturm roch es nach altem Holz, Harz und kaltem Eisen. Über ihnen verliefen Balken wie Rippen. Zwischen den Balken führten zwei dicke Hanfseile über Rollen nach draußen zur Zugbrücke. Jede Faser schien eine kleine Geschichte von Regen, Sonne und Belastung zu erzählen.

Der Burgherr, Graf Roderich, erwartete sie oben auf der Plattform. Er war groß, sein Bart grau, sein Blick müde. Neben ihm stand eine Frau mit strenger Frisur und einem Notizbrett aus Holz—die Burgschreiberin.

„Serafina von der Waage,“ sagte der Graf und legte zwei Finger an die Stirn. „Man sagt, du prüfst nicht nur Seile. Man sagt, du prüfst Menschen.“

Serafina neigte den Kopf. „Menschen sind oft brüchiger als Seile.“

„Dann hoffe ich, du findest bei meinen Seilen den Fehler, nicht bei meinen Leuten.“ Der Graf zeigte nach unten. „Die Zugbrücke hat gestern beim Hochziehen gezuckt. Als würde jemand daran reißen.“

Jaro räusperte sich. „Ich hab's auch gesehen. Es war, als… als ob der Brückenbalken kurz hängen blieb.“

Die Schreiberin tippte mit dem Stift. „Zeugenbericht des Stallknechts: ‚Zucken‘.“

Serafina kniete sich an das erste Seil. Mit einem Messer kratzte sie vorsichtig über den Hanf. „Nicht schneiden. Nur fühlen.“ Sie zog einzelne Fasern heraus, roch daran, rieb sie zwischen den Fingern. „Feuchtigkeit. Und… Sand.“

„Sand?“ Jaro beugte sich so nah vor, dass seine Nase fast das Seil berührte.

„Feiner Sand frisst sich in die Fasern wie winzige Zähne.“ Serafina stand auf und ging zur Rolle. „Und hier—siehst du die Kerbe?“

Jaro nickte. „Als hätte jemand mit einem Stein gerieben.“

„Oder mit Absicht,“ sagte Serafina leise.

Der Graf ballte die Hand. „Sabotage?“

Serafina hob die Waage auf ihrem Schild ein wenig, als würde sie damit die Luft abmessen. „Noch ist es nur ein Verdacht. Aber Seile reißen nicht aus Laune.“

„Wer würde so etwas tun?“ Jaro flüsterte.

Serafina blickte in den dunklen Schacht. Unten tropfte Wasser. Irgendwo klapperte eine Kette. „Jemand, der will, dass die Burg bei der nächsten Gefahr nicht schließen kann. Oder jemand, der will, dass sie sich nicht mehr öffnen kann.“

Der Graf nickte langsam. „Heute kommt ein Händlerzug. Und in drei Tagen soll mein Neffe eintreffen—mit Geschenken und… Gerüchten.“

„Gerüchte sind leichter als Seile,“ sagte Serafina, „aber sie können schwerer reißen.“

Jaro schluckte. „Was tun wir?“

Serafina nahm ein kleines Bündel aus ihrer Satteltasche: Kreide, Wachs, ein Stück Leinwand, ein Haken aus Metall. „Wir testen. Nicht nur einmal. Wir testen klug. Und wir bleiben wach.“

Kapitel 3: Die Probe des Himmels und die List im Schatten

Am Nachmittag stand die Sonne wie eine goldene Münze über den Zinnen. Serafina ließ die Zugbrücke langsam hochziehen, während sie neben dem Seil lief und jeden Laut sammelte: Knarzen, Schnarren, das leise Singen der Fasern unter Spannung.

„Langsamer,“ befahl sie.

Zwei Soldaten drehten an der Winde. Der Graf beobachtete alles mit gerunzelter Stirn. Jaro hielt das Kreidestück, als wäre es ein Zauberstab.

„Jetzt,“ sagte Serafina.

Jaro strich Kreide an die Stelle, wo das Seil über die Rolle lief, und Serafina drückte Wachs in eine kleine Kerbe der Rolle. „Wenn jemand nachts daran arbeitet, hinterlässt er Spuren. Kreide verschiebt sich, Wachs bricht.“

„So wie ein Brotkrumenweg,“ sagte Jaro.

„Nur dass die Raben diesmal die Schuldigen sind,“ murmelte Serafina.

Als die Brücke oben war, blieb sie einen Herzschlag lang stehen—zu lange.

Ein kurzes Zucken ging durch das Seil. Die Winde knarrte. Ein Soldat fluchte.

Serafina hob sofort die Hand. „Halt!“

Stille. Dann hörte man es: ein feines, fast beleidigtes Klicken aus dem Schacht.

„War das… ein Stein?“ Jaro fragte, und seine Stimme wackelte.

Serafina beugte sich über das Geländer. „Nicht rufen. Nicht rennen. Nur schauen.“

Unten, zwischen Schatten und Balken, bewegte sich etwas. Kein Geist—eher eine Gestalt, die zu schnell verschwand, als hätte sie gelernt, wie man aus Blicken entkommt.

„Da ist jemand!“ Jaro platzte heraus.

Der Graf riss sein Schwert halb aus der Scheide. „Wachen!“

Serafina blieb ruhig. „Wenn wir jetzt Lärm machen, hat er Vorsprung.“ Sie blickte zu Jaro. „Kannst du leise sein?“

Jaro nickte so heftig, dass seine Haare wackelten.

„Gut. Dann bist du heute mein Schatten.“

„Ich? Aber ich bin… eher ein Stolperstein.“

„Dann stolpern wir clever,“ sagte Serafina.

Sie zog Jaro in eine Ecke, wo die Mauer eine Nische bildete. Von dort konnte man den Schacht überblicken, ohne selbst sofort gesehen zu werden. Serafina legte eine Hand auf Jaros Schulter—nicht schwer, aber so, dass er spürte: Du bist nicht allein.

„Vertrauen,“ flüsterte sie. „Du musst mir vertrauen, und ich muss dir vertrauen. Sonst werden wir nur zwei Leute mit Angst.“

Jaro atmete langsam aus. „Ich vertrau Ihnen. Also… dir. Ritterin.“

„Serafina,“ sagte sie.

„Serafina.“ Jaro schmeckte den Namen, als wäre er ein neues Wort in einem alten Lied.

Als es dämmerte, lockerte Serafina die Brücke ein winziges Stück, gerade so, dass die Seile sich minimal bewegten. Die Kreide ließ einen feinen Streifen zurück.

„Wer auch immer das war, wartet auf die Nacht,“ flüsterte sie. „Dann warten wir ebenfalls.“

Kapitel 4: Nachtwache am knarrenden Tor

Die Nacht kam nicht plötzlich, sondern schlich wie ein Dieb über die Burg. Fackeln flackerten, Eulen riefen, und der Wind spielte mit den Fahnen, als wolle er Geheimnisse aus ihnen herauskitzeln.

Serafina und Jaro saßen im Brückenturm zwischen Kisten und Seilen. Jaro hatte eine Laterne, die er so hielt, als könnte zu viel Licht die Dunkelheit beleidigen. Serafina hatte ihr Schwert neben sich gelegt—nicht drohend, sondern bereit.

„Warum bist du eigentlich… geheimnisvoll?“ fragte Jaro nach einer Weile. „Die anderen Ritter tragen bunte Farben und erzählen laute Geschichten. Du… bist wie eine Tür, die nicht ganz offen steht.“

Serafina lächelte kurz. „Weil ich gelernt habe, dass ein zu offenes Herz manchmal schneller getroffen wird. Aber das heißt nicht, dass es leer ist.“

Jaro kaute auf der Unterlippe. „Ist das… traurig?“

„Manchmal,“ sagte Serafina. „Und manchmal ist es klug.“

Ein leises Kratzen. Nicht vom Wind. Nicht von einer Maus. Es klang wie ein Messer, das an Holz entlangschabt.

Serafina hob einen Finger. Jaro hielt den Atem an, so sehr, dass man fast sein Herz hören konnte.

Aus dem Schacht stieg eine Gestalt hoch, nur halb sichtbar im schwachen Licht: ein Mann in dunkler Kleidung, mit einem Beutel am Gürtel. In der Hand hielt er etwas, das glitzerte—Sand, fein wie Mehl.

„Da,“ hauchte Jaro.

Serafina schob sich lautlos nach vorn. Statt sofort zu springen, wartete sie, bis der Mann sich der Rolle näherte. Dann trat sie aus dem Schatten.

„Der Wind hat dich also gebracht,“ sagte sie ruhig.

Der Mann fuhr herum. Ein Moment reiner Überraschung—dann riss er den Beutel auf und warf Sand in die Luft.

Jaro nieste, als hätte ihn ein unsichtbarer Riese gekitzelt. „Hatschi!“

„Danke,“ zischte Serafina, halb blind, aber wach. Sie zog ihren Mantel hoch, schützte die Augen, und machte einen Schritt zur Seite, genau dorthin, wo der Mann fliehen wollte.

Er stieß gegen sie, prallte zurück, fluchte, und rannte die Treppe hinauf.

„Nicht hinterher, ohne zu denken!“ rief Serafina Jaro zu, der schon losstürmen wollte.

„Aber er entkommt!“

„Nicht, wenn wir das Tor selbst benutzen.“ Serafina riss die kleine Seitentür zum Wehrgang auf. „Du kennst die Burg. Abkürzung?“

Jaro blinzelte, rieb sich die Augen. „Ja! Über den Kornboden, dann die kurze Leiter zur Mauerkrone!“

„Führ mich,“ sagte Serafina.

Sie rannten—nicht kopflos, sondern wie zwei Pfeile, die dasselbe Ziel gefunden hatten. Jaro sprang über einen Eimer, Serafina duckte sich unter eine niedrige Strebe. Schritte dröhnten irgendwo über ihnen.

„Er läuft zur Außentreppe!“ keuchte Jaro.

„Dann schneiden wir ihm die Flucht ab,“ sagte Serafina, und in ihrer Stimme lag etwas Helles, als ob Mut selbst eine Fackel wäre.

Auf der Mauerkrone sahen sie ihn: Er wollte über das Dach des Wachhauses zum Burghof springen. Unten lag Pflaster. Kein weicher Heuhaufen, nur Stein und Pechgeruch.

„Halt!“ rief Serafina.

Der Mann drehte sich, stolperte—und in diesem Stolpern sah Serafina, dass er jung war, vielleicht kaum älter als sie selbst es früher gewesen war. Angst machte sein Gesicht hart.

„Ich muss!“ keuchte er. „Ich muss es tun!“

„Du musst gar nichts, was andere dir befehlen,“ sagte Serafina.

Ein Pfeil surrte—nicht von ihr. Ein Wächter, alarmiert durch Lärm, hatte geschossen. Der Pfeil traf die Mauer neben dem Mann, vibrierte wie eine drohende Biene.

Der Mann sprang trotzdem. Sein Fuß rutschte. Er wäre gefallen—wenn Jaro nicht, ohne nachzudenken, nach vorn geschnellt wäre und ihn am Ärmel gepackt hätte.

„Ich hab dich!“ japste Jaro, die Knie auf dem kalten Stein, die Finger weiß vor Kraft.

Serafina war sofort da, packte den Mann am Gürtel und zog mit. Gemeinsam zogen sie ihn zurück auf sicheren Boden.

Der Mann sank keuchend zusammen, Tränen und Wut im Gesicht. „Ich wollte niemanden töten… nur Angst machen. Sie haben gesagt, wenn die Brücke versagt, wird der Graf zahlen… und mein Bruder kommt frei.“

Serafina kniete sich hin. „Wer sind ‚sie‘?“

Der Mann schüttelte den Kopf, als hätte er eine Kette um den Hals. „Ich… ich weiß den Namen nicht. Nur ein Siegel. Eine schwarze Lilie.“

Jaro sah Serafina an. „Was heißt das?“

Serafina blickte in die Nacht, als könnte sie dort ein Wappen lesen. „Dass jemand im Schatten spielt. Und dass wir morgen das Seil nicht nur prüfen—wir müssen es retten.“

Kapitel 5: Die Prüfung der Seile

Am nächsten Morgen war die Burg wach wie ein Ameisenhaufen. Der Graf ließ die Tore geschlossen, die Händler mussten warten. Wachen standen doppelt, und die Schreiberin notierte alles, als könnte Schrift die Welt festbinden.

Serafina stand wieder im Brückenturm. Neben ihr Jaro, diesmal mit einem Werkzeugkasten, der fast so groß war wie er selbst. Der gefangene Saboteur saß bewacht im Hof, den Blick leer.

„Wir ersetzen die angeschliffene Rolle,“ sagte Serafina. „Und wir flechten ein neues Stück Seil ein. Nicht nur flicken—verstärken.“

„Kann man Seile flechten wie Haare?“ fragte Jaro.

„Fast,“ antwortete Serafina. „Nur dass Haare beleidigt sind, wenn man daran zieht. Seile sind dafür gemacht.“

Sie zeigte Jaro, wie man die Enden aufdröselt, die Fasern kreuzt, verdreht, wieder kreuzt. Es war wie ein stiller Tanz aus Händen und Geduld.

Jaro stöhnte. „Meine Finger sind zu kurz für so viel Heldentum.“

„Heldentum ist nicht die Länge der Finger,“ sagte Serafina. „Sondern dass du weitermachst, wenn es schwierig wird.“

Als das neue Stück saß, bestrich Serafina die Rolle mit Öl und prüfte die Achse. Dann begann der eigentliche Test.

„Wir machen drei Proben,“ erklärte sie dem Grafen, der nun daneben stand. „Langsam hoch, schnell hoch, und unter Last.“

„Unter Last?“ Der Graf hob die Braue.

„Ein Wagen mit Steinen auf der Brücke, während wir sie heben. Wenn sie das aushält, hält sie auch einen Sturm—und Panik.“

Jaro schluckte. „Und wenn nicht?“

Serafina sah ihn an. „Dann finden wir es jetzt heraus, nicht während Feinde vor dem Tor stehen.“

Sie führten den Test durch. Beim ersten Mal sang das Seil leise, aber gleichmäßig. Beim zweiten Mal knarrte es, doch es hielt. Beim dritten Mal, mit dem Wagen, spannte sich alles—Holz, Hanf, Eisen, sogar die Luft. Jaro hielt die Kreide in der Hand, als wolle er damit beten.

Die Brücke hob sich. Langsam. Ohne Zucken. Ohne heimliches Klicken.

Als sie ganz oben war, atmete der Graf hörbar aus. „Du hast Auenfels gerettet.“

Serafina schüttelte den Kopf. „Wir haben es. Jaro hat mitgeflochten. Und er hat gestern Nacht einen Menschen festgehalten, der sonst gefallen wäre.“

Jaro wurde rot. „Ich… ich hab nur…“

„Du hast vertraut,“ sagte Serafina. „Und du warst mutig. Das ist nicht ‚nur‘.“

Der Graf legte Jaro eine Hand auf die Schulter. „Du bekommst eine bessere Tunika. Und—“ Er sah zu Serafina. „—du bekommst meinen Dank. Und meinen Schutz, falls die schwarze Lilie wirklich ihre Wurzeln hier hat.“

Serafina blickte auf die Zugbrücke, die nun ruhig in ihren Ketten hing. „Schutz ist gut. Aber Wachsamkeit ist besser.“

„Bleibst du?“ fragte Jaro schnell, als hätte er Angst, die Frage könnte zerbrechen, wenn er sie zu spät stellt.

Serafina sah zum Burghof, zu den Dächern, zu den fernen Feldern. „Noch ein wenig. Bis ich sicher bin, dass das Versprechen dieses Tores wieder stimmt.“

Kapitel 6: Ein stiller Abend über Auenfels

Am späten Nachmittag durften die Händler schließlich hinein. Die Zugbrücke senkte sich glatt, als wäre sie nie beleidigt gewesen. Kinder liefen neben den Wagen her, und irgendwo spielte jemand eine Flöte, schief, aber fröhlich.

Jaro stand mit Serafina auf der Mauer. Unter ihnen glitzerte der Burggraben. Der Himmel färbte sich langsam von Blau zu Kupfer, als hätte jemand einen riesigen Kessel mit Licht umgerührt.

„Glaubst du, der Saboteur sagt noch mehr?“ fragte Jaro.

„Vielleicht,“ sagte Serafina. „Vielleicht braucht er nur jemanden, der ihm zeigt, dass er nicht allein ist. Vertrauen wächst manchmal erst, wenn man es nicht erzwingt.“

Jaro nickte. „Ich dachte immer, Rittersein heißt nur: Schwert, Schild, Sieg.“

Serafina lehnte sich an den Stein. „Rittersein heißt auch: prüfen, ob etwas hält. Seile. Worte. Versprechen. Und manchmal Menschen, die kurz davor sind zu fallen.“

Jaro grinste. „Dann bist du wirklich… die Ritterin der Waage.“

„Und du,“ sagte Serafina, „bist der Knotenhalter. Endlich ein echter Beruf.“

Jaro lachte, so laut, dass sogar eine Krähe erschrocken aufflog. „Na gut. Aber nur, wenn ich irgendwann auch ein Wappen bekomme.“

„Vielleicht ein Knoten,“ schlug Serafina vor.

„Oder eine Leiter. Weil ich überall raufklettern muss.“

„Oder beides.“ Serafina streckte die Hand aus. Jaro schlug ein, feierlich, als wären sie zwei Könige, die ein Bündnis schließen.

Die Sonne sank weiter. Ihr Licht floss über die Zinnen, über das Tor, über die Zugbrücke—und blieb einen Moment lang auf den frisch geflochtenen Seilen liegen, als wolle es sie segnen.

Der Wind war jetzt sanft. Kein Heulen mehr im Schacht, nur ein leises Summen, wie ein Lied, das endlich den richtigen Refrain gefunden hatte.

Serafina hob das Visier ein Stück und sah hinaus in die Weite. „Siehst du, Jaro? So sieht Frieden aus, wenn man ihn sich erarbeitet.“

Jaro folgte ihrem Blick. „Und so sieht Vertrauen aus,“ sagte er leise, „wenn es hält.“

Unter ihnen schloss der Tag seine Augen. Ein ruhiger, goldener Sonnenuntergang legte sich über Auenfels, und die Burg wirkte nicht mehr wie ein schlafender Riese—sondern wie ein wachsamer Freund.

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Fallgatter
Ein großes Tor aus Holz oder Metall, das nach oben oder unten geht.
Zugbrückwerks
Der Mechanismus, der die Zugbrücke hebt und senkt.
Torwächter
Eine Person, die am Tor steht und entscheidet, wer hineindarf.
Hanfseile
Starke Seile aus der Pflanze Hanf, oft für Brücken und Lasten.
Brückenturm
Ein hoher Turm, an dem die Seile der Zugbrücke befestigt sind.
Seile
Dicke Stricke aus Fasern, die etwas halten oder ziehen.
Winde
Ein Gerät mit einer Kurbel, das Seile auf- und abrollt.
Rolle
Ein rundes Teil, über das ein Seil läuft, damit es leichter geht.
Kerbe
Eine kleine Einkerbung oder Rille im Holz oder Metall.
Sabotage?
Absichtliches Beschädigen oder Stören von etwas Wichtigem.
Verdacht.
Eine Ahnung, dass etwas nicht richtig oder schlecht ist.
Wehrgang
Ein Weg an der Burgmauer, auf dem Wachen gehen können.
Mauerkrone
Der obere Rand einer Mauer, wo man entlanggehen kann.
Faser
Ein dünner Strang aus Pflanzen oder Stoff, aus dem ein Seil besteht.
Versprechen
Ein Wort, das sagt, dass man etwas sicher machen oder tun will.

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