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Rittergeschichte 11/12 Jahre Lesen 30 min.

Der Eid der sieben Sterne und das Banner von Falkenquell

Ritterin Alina und der Knappe Jaro suchen das verlorene Urbanner und den fehlenden siebten Satz des Eids, bestreiten Prüfungen und Rätsel und lernen dabei, wie Mut, Wahrheit und Weisheit ihr Land zusammenhalten können.

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Ritterin Alina (Mädchen) mit offenem, entschlossenem Gesicht, gebundenen braunen Haaren und leicht beschädigter Stahlrüstung samt dunklem Umhang hisst stolz auf der Burgmauer ein großes blaues Banner mit silbernem Falken und sieben Sternen an einer Holzstange; Knappe Jaro (ca. 14) hinter ihr nervös-erfreut, hält die Stange und schaut zur Menge; Burgherr Arnulf (50–60) mit grauem Bart unten im Hof, sichtbar erleichtert, Hände auf der Brust; zwei erleichterte Dorfbewohner am Fuß der Mauern zeigen und lächeln; ein kleiner roter Fuchs sitzt im Schatten eines Steins; Ort: mittelalterlicher Burghof aus grauem Stein mit nassen Pflastersteinen, Türmen, Fahnen und Fackeln, nach einem Gewitter, dramatischer, triumphaler Moment beim Hissen des wiedergefundenen Banners, leichte Vogelperspektive, kontrastreiche Farben und hoffnungsvolle Atmosphäre. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Eid, der leise geworden war

Als die Abendglocke über Burg Falkenquell schwang, roch der Burghof nach nassem Heu und Schmiedefeuer. Ritterinnen und Knappen übten noch im Dämmerlicht, Klingen klangen, jemand fluchte, jemand lachte. Und mitten darin stand Sir Alina von den Hecken, ihre Rüstung vom Training verkratzt, das Gesicht offen und heiter, als hätte die Welt ihr gerade einen guten Witz erzählt.

„Du grinst schon wieder“, sagte Knappe Jaro und hielt ihr den Helm hin. Er war zwei Jahre jünger, aber er trug die Brauen wie ein alter Gelehrter: immer ein bisschen hochgezogen.

Alina nahm den Helm, setzte ihn nicht auf, sondern drehte ihn in den Händen. „Wenn man grinst, atmet es sich leichter“, sagte sie. „Und wir werden heute noch schwer genug atmen.“

„Wegen des Rats?“ Jaro senkte die Stimme. „Man sagt, der Herr von Falkenquell sei… nicht er selbst.“

„Man sagt vieles.“ Alina legte die Hand auf Jaros Schulter. „Wir hören hin, aber wir lassen uns nicht führen wie eine Ziege am Strick.“

Im großen Saal brannten die Fackeln, und das Feuer im Kamin warf lange Schatten auf die Wandteppiche: Drachen, Schlachten, glorreiche Turniere. Am Ende des Saals saß Burgherr Arnulf, ein breiter Mann mit grauem Bart. Doch heute wirkte er, als läge ein unsichtbares Gewicht auf seiner Stirn.

Neben ihm stand Bruder Eberwin, der Burgschreiber, dünn wie ein Stock, Augen wach wie ein Sperber. Vor ihnen lag ein Tuch, darunter etwas Längliches.

„Sir Alina“, begann Arnulf, „du bist nicht nur stark im Arm. Du bist auch stark im Herzen. Darum rufe ich dich.“

Alina kniete, so wie es sich gehörte, aber ihr Blick blieb ruhig und klar. „Was braucht Falkenquell?“

Arnulf zog das Tuch weg. Darunter lag ein zerbrochenes Bannerstück: blauer Stoff, silberner Falke, das Bild in zwei Teile gerissen. Alina spürte, wie der Saal kurz stiller wurde. Ein Banner war nicht nur Stoff. Es war Wort und Erinnerung.

„Ein alter Eid ist vergessen worden“, sagte Arnulf leise. „Nicht von allen, aber von vielen. Und wenn ein Eid leise wird, werden Lügen laut.“

Bruder Eberwin räusperte sich. „Vor hundert Jahren schworen die Ritter von Falkenquell, den ‘Eid der Sieben Sterne'. Er hielt die Grenzlande zusammen. Doch der letzte Satz… der letzte Satz ist verschwunden. Niemand erinnert ihn vollständig.“

Jaro flüsterte: „Wie kann ein Satz verschwinden?“

Eberwin hörte ihn trotzdem. „Wie kann Weisheit verschwinden? Genau so.“

Arnulf hob eine Hand. „Seit Wochen streiten die Dörfer. Händler werden überfallen. Als würde jemand die Menschen gegeneinander schieben wie Spielfiguren. Ich glaube, jemand will, dass wir den Eid nicht mehr kennen.“

Alina stand auf. „Dann müssen wir ihn erinnern. Nicht nur die Worte. Den Sinn.“ Sie nickte zu dem zerrissenen Banner. „Und wir bringen das Banner wieder hoch.“

Arnulf sah sie an, und in seinen Augen flackerte wieder etwas wie früherer Mut. „Bruder Eberwin sagt, der Eid sei einst in der Sternenkapelle gesprochen worden, in den Hügeln von Lichtenhain. Dort gibt es ein Steintor, das nur auf das vollständige Gelöbnis reagiert. Hinter ihm soll das Urbanner liegen.“

„Soll.“ Alina grinste kurz. „Ein schönes Wort. Es klingt nach Ärger.“

Arnulf schnaubte, fast ein Lachen. „Du nimmst Jaro mit. Und…“ Er zögerte, dann reichte er Alina ein kleines, glattes Stück Holz: eine Sternenscheibe, sieben Kerben am Rand. „Das ist der Schlüssel. Oder ein Teil davon.“

Alina nahm die Scheibe. Sie fühlte sich warm an, als wäre sie lange in einer Hand gehalten worden, die nicht mehr da war.

„Und wenn wir den Eid nicht finden?“ fragte Jaro.

Alina setzte den Helm auf und klappte das Visier hoch, sodass man ihr Gesicht sehen konnte. „Dann bauen wir ihn aus Mut, Verstand und Wahrheit neu. Aber erst suchen wir. Das ist die Ordnung der Dinge.“

Kapitel 2: Nebel, Rätsel und ein frecher Fuchs

Am Morgen ritten sie hinaus. Der Himmel war bleigrau, und Nebel lag in Fetzen über den Feldern, als hätte jemand die Welt mit Watte gestopft. Alina ritt auf ihrer Stute Rixa, die so ruhig war, dass selbst nervöse Hühner ihr vertrauten. Jaro saß auf einem kleineren Wallach namens Flick, der gerne tat, als wäre er ein Kriegspferd, aber beim ersten Esel schon erschrak.

„Wenn wir in den Hügeln sind“, sagte Jaro, „können wir den Eid nicht einfach… logisch herleiten? Alte Eide haben Muster.“

Alina zog die Augenbrauen hoch. „Du willst einen Eid berechnen?“

„Vielleicht.“ Jaro strahlte, als wäre das eine völlig normale Idee. „Es gibt oft sieben Tugenden, sieben Prüfungen, sieben—“

„Sieben Blasen an den Füßen.“ Alina lachte. „Aber ja, Muster helfen. Und noch mehr hilft: zuhören.“

Sie passierten das Dorf Mühlensteg. Ein Müller winkte ihnen hektisch zu. Sein Gesicht war mehlig, seine Sorgen auch.

„Ritterin!“, rief er. „Auf dem Weg zur Furt—da stehen Männer mit Kapuzen. Sie verlangen Wegzoll, als wären sie der König!“

Alina ritt näher. „Haben sie jemandem wehgetan?“

„Sie haben meinem Sohn den Sack Mehl weggenommen. Und sie sagen, Falkenquell habe uns vergessen.“

Jaro ballte die Fäuste. „Das klingt nach jemandem, der Ärger sät.“

Alina nickte. „Wir werden uns das ansehen.“ Sie beugte sich zu dem Müller. „Und du? Bleib in der Nähe deiner Leute. Man ist stärker, wenn man zusammensteht. Das ist schon eine halbe Weisheit.“

An der Furt standen tatsächlich drei Gestalten. Kapuzen tief, Speere in der Hand, und sie hatten ein Seil gespannt, als wäre der Fluss ihre private Tür. Als Alina näherkam, sah sie, dass ihre Stiefel neu waren, zu neu für echte Straßenräuber. Einer trat vor.

„Halt!“, knurrte er. „Wer passiert, zahlt.“

Alina hielt Rixa an, ganz ruhig. „Ich bin Sir Alina von Falkenquell. Und ich zahle nicht für mein eigenes Land.“

„Euer Land?“ Der Mann lachte ohne Freude. „Die Eide sind alt. Alt ist tot.“

Alina neigte den Kopf. „Alt ist nicht tot. Alt ist ein Fundament. Ohne Fundament fällt dein Dach auf dich. Das ist keine Drohung. Das ist Baukunst.“

Jaro konnte sich nicht halten. „Und ihr habt viel zu neue Stiefel für Leute, die so arm tun!“

Der Mann fuhr herum. „Halt die Klappe, Junge.“

Alina hob eine Hand, bevor Jaro etwas Dummes sagte, das später in Liedern schlecht klingen würde. „Wir wollen keinen Kampf. Nehmt das Seil weg. Geht. Und sagt dem, der euch schickt: Wir erinnern uns.“

Der Mann trat näher, Speerspitze auf Alinas Brusthöhe. „Du erinnerst dich an gar nichts. Darum wirst du auch nicht zurückkommen.“

Rixa stampfte, als hätte sie die Beleidigung verstanden.

Alina seufzte. „Gut. Dann eben so.“

Sie riss nicht die Klinge. Sie riss das Seil. Mit einem schnellen Hieb ihres Dolchs schnitt sie es durch, und das Seil schnappte ins Wasser. Im selben Moment sprang Jaro vom Pferd und warf einen Stein in den Schlamm, sodass die beiden anderen ausrutschten. Der erste Mann stach nach Alina, doch sie lenkte den Speer mit dem Schild ab, drehte sich, und der Mann landete unsanft im flachen Wasser.

Es war kein glanzvoller Turniersieg. Es war eher ein nasser Lehrsatz.

Die drei Kapuzen flohen fluchend. Einer verlor dabei seine Kapuze, und Alina sah kurz ein Gesicht: jung, verängstigt, nicht böse, eher… geführt.

„Sie sind nicht das Hauptproblem“, murmelte Alina.

Jaro atmete schwer und grinste trotzdem. „Aber sie waren sehr rutschig.“

„Das nennt man Schlammtaktik“, sagte Alina. „Ganz alte Schule.“

Als sie weiterzogen, raschelte es im Gebüsch. Ein Fuchs schoss heraus, rot wie ein Funke, und blieb dann mitten auf dem Weg stehen, als würde er sie mustern. Er hielt etwas im Maul: ein Stück blauen Stoff.

Jaro deutete. „Das ist…“

Alina beugte sich vor. „Ein Fetzen wie unser Banner.“

Der Fuchs warf den Stoff hin, drehte sich um und lief ein Stück den Pfad hinauf, dann blieb er wieder stehen. Als wolle er sagen: Na? Kommt ihr?

Jaro blinzelte. „Füchse führen keine Ritter.“

Alina schmunzelte. „Heute vielleicht doch.“

Sie folgten ihm, hinein in den Nebel, und der Wald schluckte die Geräusche der Welt, bis nur noch Hufschritte und das leise Tropfen von Wasser übrig blieben.

Kapitel 3: Die Sternenkapelle und der Satz, der fehlte

Der Pfad führte zu den Hügeln von Lichtenhain. Die Bäume wurden knorriger, die Steine größer, als hätte die Erde hier alte Gedanken aufgetürmt. Zwischen zwei Felsen stand die Sternenkapelle: ein kleines Gebäude aus grauem Stein, mit einem Dach, das aussah wie gefaltete Flügel.

Der Fuchs verschwand, als wäre er nie da gewesen.

„Ich mag das nicht“, flüsterte Jaro. „Das ist zu still.“

„Still ist nur die Pause zwischen zwei Dingen“, sagte Alina. „Und Pausen sind nützlich. In einer Pause hört man sein eigenes Herz. Und wenn es zu laut schlägt, weiß man, dass man mutig sein muss.“

Sie traten ein. Innen roch es nach kaltem Stein und altem Wachs. An der Decke war ein Kreis aus sieben Sternen gemalt, jeder mit einem winzigen Silberpunkt. In der Mitte des Bodens lag eine Steinplatte, glatt poliert, mit einer Vertiefung: genau die Form der Sternenscheibe.

Alina kniete, legte die Scheibe hinein. Nichts geschah.

Jaro runzelte die Stirn. „Vielleicht fehlt ein Teil?“

„Oder ein Wort.“ Alina strich über die Kerben. „Der Eid ist der Schlüssel, sagte Arnulf. Vielleicht muss man ihn sprechen.“

An der Wand hing eine Tafel mit verwitterten Buchstaben. Jaro las langsam, während Alina die Fackel hielt.

„‘Bei Stern eins schwören wir… Schutz dem Schwachen. Bei Stern zwei… Wahrheit dem Wort. Bei Stern drei… Mut dem Weg. Bei Stern vier… Maß dem Zorn. Bei Stern fünf… Treue dem Bund. Bei Stern sechs… Hoffnung dem Dunkel.'“ Jaro stockte. „Und Stern sieben… ist abgebrochen.“

„Sechs Sätze“, sagte Alina. „Und ein siebter fehlt.“

Jaro setzte sich auf die Fersen, starrte an die Decke. „Es muss etwas sein, das alles zusammenhält. Sonst ist es nur eine Liste.“

Alina ging langsam im Kreis, betrachtete die Sterne, dann die Steinplatte. In einer Ecke lag etwas wie ein alter Besen, daneben ein umgestürzter Kerzenständer. Sie hob ihn auf, stellte ihn gerade, ganz automatisch. Ordnung war manchmal ein stiller Mut.

„Was würde ein alter Eid sagen, das nicht nach ‘sei brav' klingt?“ fragte Jaro. „Was ist die kluge Spitze?“

Alina blieb stehen. „Eide sind nicht dafür da, Menschen klein zu machen. Sie sind dafür da, Menschen zu erinnern, wofür sie groß sein können.“ Sie legte die Hand auf die Steinplatte. „Und was passiert, wenn man stark ist? Man kann andere übersehen.“

Jaro sah sie an, plötzlich ernst. „Also… Demut?“

„Demut ist ein Wort, das viele falsch benutzen“, sagte Alina. „Demut heißt nicht: Ich bin nichts. Es heißt: Ich bin Teil von etwas. Und ich handle klug, nicht nur laut.“

Sie blickte auf das Bannerfetzchen, das sie eingesteckt hatte, und erinnerte sich an den Müller, an die verängstigten Räuber, an Arnulfs müde Augen. Alles fühlte sich an wie ein Puzzle, das nicht mit Gewalt passte.

„Vielleicht lautet der siebte Satz…“ Alina atmete tief ein. „…‘Weisheit dem Schwert.'“

Jaro verzog das Gesicht. „Klingt gut, aber ist das nicht zu… geschniegelt?“

Alina lachte leise. „Geschniegelte Worte sind nicht automatisch falsch. Aber wir prüfen.“ Sie trat in die Mitte, hob das Kinn und sprach klar, als würde sie vor hundert Rittern stehen:

„Bei Stern eins: Schutz dem Schwachen. Bei Stern zwei: Wahrheit dem Wort. Bei Stern drei: Mut dem Weg. Bei Stern vier: Maß dem Zorn. Bei Stern fünf: Treue dem Bund. Bei Stern sechs: Hoffnung dem Dunkel. Bei Stern sieben… Weisheit dem Schwert!“

Die Sternenscheibe im Boden wurde warm. Ein leises Klicken, als würde irgendwo ein Schloss aufatmen. Dann rutschte die Steinplatte einen Fingerbreit zur Seite.

Jaro sprang auf. „Es funktioniert!“

Doch im selben Moment zischte es. Aus kleinen Löchern in den Wänden schossen dünne Pfeile—nicht tödlich, aber schnell genug, um Auge oder Hand zu treffen.

„Runter!“ rief Alina.

Sie warf sich vor Jaro, zog den Schild hoch. Pfeile prasselten dagegen wie Hagel. Jaro kroch zur Seite, griff nach einem umgestürzten Holzbalken und hielt ihn vor sich, so gut es ging.

„Das ist eine Falle!“ keuchte er.

„Eine Prüfung“, presste Alina. „Sie wollten sicher sein, dass nur jemand mit Mut und Verstand weitergeht.“

Die Pfeile stoppten so plötzlich, wie sie begonnen hatten. Stille. Dann öffnete sich die Steinplatte ganz und gab eine Treppe frei, die hinab in Dunkelheit führte. Unten glomm ein schwaches Licht, grünlich, wie Moorfeuer.

Jaro schluckte. „Gehst du zuerst?“

Alina stand auf, klopfte Pfeilsplitter vom Schild. „Ich gehe zuerst. Und du gehst klug.“

Jaro hob das Kinn. „Ich gehe immer klug. Manchmal stolpert die Klugheit nur.“

„Dann stolpert sie heute leise“, sagte Alina, und gemeinsam stiegen sie hinab.

Kapitel 4: Der Ritter ohne Banner

Der Gang unter der Kapelle war enger, als Alina lieb war. Ihre Rüstung schabte an den Wänden, und jeder Schritt hallte, als würden unsichtbare Füße mitlaufen. Das grünliche Licht kam von kleinen Steinen, die in Nischen lagen und schwach leuchteten.

„Das ist Magie“, flüsterte Jaro.

„Oder sehr kluge Steine“, sagte Alina. „In alten Zeiten hatten die Leute mehr Geduld, Dinge auszuprobieren.“

Am Ende des Ganges standen sie vor einem Steintor. Darauf waren sieben Sterne eingeritzt, und in der Mitte eine Vertiefung—wieder für die Scheibe. Daneben war ein Spruch eingemeißelt, halb verwittert:

„Nur wer den Eid nicht als Kette trägt, sondern als …“

Der Rest fehlte.

„Als was?“ Jaro kratzte sich am Kopf. „Klinge? Krone? Keks?“

Alina prustete. „Wenn es Keks ist, werde ich Ritterin der Backstube.“

Sie legte die Scheibe in die Vertiefung. Wieder klickte es, aber das Tor blieb zu.

„Wir haben den Satz, aber nicht den Sinn“, murmelte Alina. Sie betrachtete den Spruch. „Nicht als Kette… also nicht als etwas, das zwingt. Sondern als…“

„Kompass“, sagte Jaro plötzlich. „Eide sind Kompasse. Sie zeigen Richtung, aber sie laufen nicht für dich.“

Alina lächelte. „Das ist weise.“

Sie sprach laut, als würde das Tor zuhören: „Wir tragen den Eid nicht als Kette, sondern als Kompass.“

Die Sterne am Tor leuchteten kurz auf. Das Steintor schob sich langsam auf, als hätte es wirklich verstanden.

Dahinter lag eine Kammer, rund und hoch. In der Mitte stand ein einzelner Ritter, oder das, was davon übrig war: eine Rüstung aufrecht, aber leer, ohne Körper darin. Auf der Brustplatte war das Falkensymbol, und in den Händen hielt die Rüstung eine Stange, an der einst ein Banner gehangen hatte—doch der Stoff fehlte.

Jaro flüsterte: „Das ist… gruselig.“

Alina trat vorsichtig näher. „Das ist ein Wächter. Oder eine Erinnerung.“

Als sie den ersten Schritt in die Kammer machte, drehte sich die Rüstung knirschend zu ihnen. Nicht schnell, eher würdevoll. Aus dem Helm erklang eine Stimme, als würde Wind durch eine Muschel sprechen:

„Wer sucht das Urbannner?“

Jaro riss die Augen auf. „Es spricht!“

Alina hielt sich ruhig. „Wir suchen nicht nur Stoff. Wir suchen den Eid, der uns zusammenhält.“

„Viele suchen Macht“, sagte die Stimme. „Wen schützt du, Ritterin?“

Alina dachte an den Müller, an die Kinder im Dorf, an die Räuber mit den neuen Stiefeln. „Den, der gerade keine Klinge hat. Und den, der seine Klinge vergessen hat zu zügeln.“

„Was ist dein Schild, wenn die Menge schreit?“ fragte die Stimme.

Alina hob den Kopf. „Maß. Und Wahrheit.“

Die Rüstung schwieg einen Moment. Dann: „Was ist dein Schwert, wenn du verlieren könntest?“

Jaro flüsterte: „Sag Mut!“

Alina nickte, aber fügte hinzu: „Mut, ja. Und Weisheit. Sonst wird Mut nur ein Sprung ohne Blick.“

Die Rüstung senkte die Bannerstange, als würde sie sie anbieten. Doch als Alina danach greifen wollte, schoss aus dem Boden eine Kette aus Stein hervor, schlang sich um ihr Handgelenk—nicht hart, aber fest. Ein zweiter Ring schnappte um Jaros Knöchel.

„Prüfung“, knurrte Jaro und zog. „Sehr… fest.“

Aus der Rüstung erklang die Stimme, nun lauter: „Wer den Eid spricht, muss ihn halten. Was tust du, wenn Halten schwer wird?“

Alina spürte den Druck der Steinkette. Sie hätte mit roher Kraft ziehen können, doch das hätte nur Schmerzen gebracht. Sie atmete aus und sah zu Jaro.

„Nicht reißen“, sagte sie. „Denke.“

Jaro zog die Brauen zusammen. „Stein… bewegt sich nicht. Aber Mechanismen schon.“

Alina blickte auf den Boden. Zwischen den Platten waren winzige Linien, wie Wege. Sie führten zu sieben kleinen Sternen aus Metall, die in den Boden eingelassen waren. Einer davon war leicht höher.

„Sieben Sterne“, flüsterte Alina. „Wie der Eid.“

„Also… drücken?“ Jaro hob den Fuß, so weit die Kette es erlaubte.

„In der Reihenfolge“, sagte Alina. „Nicht blind.“

Sie erinnerte sich an die sechs Sätze an der Tafel. Schutz, Wahrheit, Mut, Maß, Treue, Hoffnung, Weisheit. Sie kniete so gut es ging und drückte mit der freien Hand den ersten Stern: Schutz. Ein leises Klack. Dann Wahrheit. Wieder Klack. Bei Mut wackelte der Boden leicht, als wäre er ungeduldig. Bei Maß wurde das Kettengefühl ein wenig lockerer. Bei Treue klickte es tiefer, wie ein zufriedenes Schloss. Bei Hoffnung glomm das Licht heller.

„Und der siebte?“ fragte Jaro.

Alina sah auf ihre Hand, die in der Kette steckte. „Weisheit.“ Sie drückte den letzten Stern.

Die Steinketten lösten sich, krümelten zu Sand und rieselten auf den Boden. Jaro rieb sich den Knöchel.

„Das war… gemein“, sagte er.

„Das war gerecht“, erwiderte Alina. „Ein Eid ist leicht zu sagen. Schwerer ist es, ihn Schritt für Schritt zu leben.“

Die Rüstung hob die Bannerstange. Aus einer Nische glitt ein Bündel Stoff hervor, sorgfältig gerollt, blau wie tiefer Himmel. Darauf: ein silberner Falke, und über ihm sieben Sterne.

Jaro atmete aus. „Das Urbannner.“

Alina nahm es behutsam. Es fühlte sich schwer an, nicht vom Stoff, sondern von Bedeutung.

Doch dann hörten sie über sich ein dumpfes Dröhnen. Stimmen. Viele.

„Sie sind uns gefolgt“, flüsterte Jaro.

Alina band das Banner auf ihrem Rücken fest. „Dann müssen wir jetzt nicht nur erinnern. Wir müssen auch handeln.“

Kapitel 5: Sturm im Hügel und die List der Freude

Sie stiegen die Treppe hinauf, so schnell es ging. Als sie die Kapelle erreichten, war die Tür bereits offen—und davor standen Menschen: die Kapuzenmänner von der Furt, mehr als zuvor, und hinter ihnen ein Mann in einem sauberen Mantel, der so tat, als hätte er mit Räuberei nichts zu tun. Seine Augen waren kalt wie Zinn.

„Ah“, sagte er, als würde er Gäste begrüßen. „Die tapfere Sir Alina. Du hast gefunden, was wir suchen.“

Jaro knurrte. „Ihr seid der, der sie schickt.“

Der Mann verbeugte sich halb. „Man nennt mich Mael. Ich sammle nur, was ohnehin herrenlos ist. Eide, Banner, Hoffnung.“

Alina trat vor, Helmvisier oben, sodass sie ihm ins Gesicht sehen konnte. „Eide sind nicht herrenlos. Sie gehören jedem, der sie lebt.“

Mael lächelte dünn. „Dann gib mir den Stoff, und ich lasse euch leben. Ein fairer Handel.“

„Fair?“ Alina lachte, und ihr Lachen klang so unerwartet in dieser Spannung, dass selbst zwei Kapuzenmänner irritiert blinzelten. „Du klingst, als würdest du am Markt Äpfel feilschen. Aber das hier ist ein Versprechen.“

Maels Augen wurden schmal. „Dann sterbt ihr eben als Beispiele.“

Die Kapuzenmänner rückten vor. Jaro griff nach seinem kurzen Schwert, die Finger zitterten kaum.

Alina hob jedoch die Hand. „Warte.“

Sie trat einen Schritt zurück, als würde sie nachgeben. Mael hob das Kinn, zufrieden. In diesem Moment zog Alina nicht ihr Schwert, sondern warf etwas Kleines auf den Boden: eine Handvoll getrockneter Kräuter und Asche aus ihrer Satteltasche, die sie immer für Feuer dabei hatte.

„Was soll das?“ fauchte Mael.

„Ein Trick“, sagte Alina fröhlich. „Sehr alte Schule.“

Jaro verstand sofort. Er schlug mit dem Stahl auf einen Stein. Funken sprühten, fingen in der Asche, ein kurzer, beißender Rauch stieg auf. Nicht giftig, aber so scharf, dass Augen tränkten.

„Augen zu!“ rief Alina und zog Jaro an sich vorbei.

Im Rauch wirkte Alina wie ein Schatten mit einem Banner auf dem Rücken. Sie rannte nicht kopflos. Sie kannte den Raum: rechts der Altar, links die Wand, hinten die Tür. Sie stieß einen Kerzenständer um, der klirrend fiel, und der Lärm ließ die Gegner einen Moment zögern.

Draußen war der Nebel wieder da, dick wie Suppe. Alina sprang auf Rixa, Jaro auf Flick. Hufschläge, Atemwolken. Hinter ihnen hörten sie Mael fluchen.

„Nach ihnen!“ brüllte er.

Die Verfolger kamen, aber im Nebel war alles verwischt. Alina lenkte Rixa nicht auf den breiten Weg, sondern auf den schmalen Pfad, den der Fuchs gezeigt hatte. Er schlängelte sich zwischen Felsen, so eng, dass Pferde einzeln gehen mussten.

„Warum lachst du noch?“ keuchte Jaro, während Flick über Wurzeln stolperte.

„Weil Angst weniger Platz hat, wenn Freude da ist“, rief Alina zurück. „Und weil Mael gerade aussieht, als hätte er in eine Zwiebel gebissen!“

Jaro musste trotz allem lachen, kurz und hell. Das Lachen war wie ein kleiner Schild.

Hinter ihnen wurden die Hufschläge weniger. Ein Verfolger rief etwas, dann ein Schrei—wahrscheinlich war jemand in eine Pfütze gefallen. Der Pfad führte zu einer alten Brücke aus Holz, halb verrottet, über eine tiefe Schlucht.

Jaro schluckte. „Die hält doch nie!“

Alina zog die Zügel an. „Wir haben keine Zeit für ‘nie'. Wir haben nur Zeit für ‘jetzt'.“

Sie stiegen ab. Alina prüfte die Seile der Brücke, zog daran, hörte das Knarren. Sie war alt, aber nicht tot. Genau wie ein Eid.

„Einzeln“, sagte sie. „Und leicht.“

„Leicht?“ Jaro sah auf ihre Rüstung.

Alina klopfte gegen ihre Brustplatte. „Leicht im Kopf, Jaro. Nicht im Metall.“

Sie ging zuerst, Schritt für Schritt, den Blick auf die Planken. Die Brücke schwankte, der Wind zog an ihrem Umhang. Unter ihr gähnte die Schlucht, dunkel und kalt.

Halbwegs in der Mitte hörte sie hinter sich Maels Stimme aus dem Nebel: „Halt! Gebt mir das Banner!“

Alina antwortete nicht mit Worten. Sie ging weiter. Das war manchmal die beste Antwort.

Auf der anderen Seite angekommen, half sie Jaro hinüber. Als die Verfolger den Brückenanfang erreichten, schnitt Alina mit einem schnellen Hieb das seitliche Halteseil durch—nicht ganz, nur so, dass die Brücke sich stärker neigte.

Zwei Männer stolperten, fluchten und zogen sich zurück. Mael blieb am Rand stehen, die Hände zu Fäusten geballt.

„Du kannst nicht ewig rennen!“ rief er.

Alina hob die Stimme, klar durch den Nebel: „Wir rennen nicht. Wir tragen etwas heim.“

Dann wandten sie sich ab und ritten, so schnell die Hügel es erlaubten, Richtung Falkenquell.

Kapitel 6: Der Tag des entfalteten Falken

Als Burg Falkenquell in Sicht kam, brach die Sonne durch die Wolken, als hätte sie lange gewartet. Das Licht lag auf den Zinnen, und die Fahnenstangen standen leer wie fragende Finger.

Im Burghof sammelten sich Menschen: Ritter, Mägde, Schmiede, Kinder, der Müller von Mühlensteg war auch da, und sogar zwei der Kapuzenmänner, die sie an der Furt gesehen hatten, standen zögernd am Rand, ohne Kapuzen, die Gesichter rot vor Scham.

Arnulf trat Alina entgegen, Bruder Eberwin hinter ihm. Arnulfs Augen suchten zuerst ihr Gesicht, dann den Stoff auf ihrem Rücken. Er schluckte, als müsste er ein altes Lied wieder lernen.

„Ihr seid zurück“, sagte er rau.

Alina stieg ab, nahm das Banner in beide Hände und rollte es langsam auf. Der silberne Falke erschien, die sieben Sterne darüber, als wären sie frisch in den Himmel gesetzt.

Ein Raunen ging durch die Menge. Manche wurden still. Manche legten unbewusst die Hand aufs Herz.

Jaro trat vor, die Stimme erstaunlich fest. „Der Eid hat sieben Sätze. Der letzte lautet: Weisheit dem Schwert.“

Bruder Eberwin flüsterte, als würde er ein kostbares Wort anfassen: „Weisheit dem Schwert…“

Arnulf hob den Kopf. „Dann soll Falkenquell ihn heute nicht nur sagen, sondern verstehen.“

Alina stellte sich vor die Menge. Sie war keine Königin, kein Priester. Nur eine Ritterin, die gelernt hatte, dass Mut ohne klugen Sinn wie ein Pferd ohne Zügel war.

„Hört zu“, sagte sie, und ihre Stimme trug über den Hof. „Ein Eid ist kein Stein, den man auf andere wirft. Er ist ein Feuer, an dem man sich wärmt und das man bewacht. Wir schützen den Schwachen—nicht, weil er schwach ist, sondern weil er unser Nachbar ist. Wir halten Wahrheit—auch wenn sie unbequem ist. Wir gehen mutig—auch wenn der Weg zittert. Wir zügeln unseren Zorn—damit er nicht uns zügelt. Wir bleiben treu—nicht aus Angst, sondern aus Liebe zum Bund. Wir tragen Hoffnung—damit Dunkelheit nicht allein regiert. Und wir führen das Schwert mit Weisheit—damit unsere Stärke nicht zur Schande wird.“

Es war einen Moment lang still, so still, dass man das Knacken des Feuers aus der Schmiede hörte. Dann hob der Müller den Kopf und rief: „So soll es sein!“

Andere fielen ein, erst zögerlich, dann kräftiger. Selbst die zwei jungen Räuber am Rand schauten einander an, als würde jemand in ihnen eine Tür öffnen.

Arnulf trat neben Alina. „Dann lasst uns den Eid sprechen.“

Gemeinsam sprachen sie ihn, Satz für Satz. Nicht wie ein auswendig gelernter Spruch, sondern wie eine Entscheidung, die man neu trifft. Als sie beim siebten Stern ankamen, sagte Alina nicht lauter als die anderen, aber man hörte sie trotzdem:

„Weisheit dem Schwert.“

Dann stieg Alina die Stufen zum Wehrgang hinauf. Jaro folgte mit dem Banner, und Rixa schnaubte unten, als wäre sie ebenfalls gespannt. Oben wehte Wind, stark und klar. Alina nahm das Banner, befestigte es an der Stange, zog die Schnüre fest.

Der Stoff entfaltete sich mit einem Schlag, blau und leuchtend, der Falke sprang in den Himmel, die sieben Sterne standen darüber wie ein Versprechen.

Unten sah Alina, wie die Menschen die Köpfe hoben. Nicht aus Angst, sondern aus Stolz. Und irgendwo, am Rand des Hofes, meinte sie, einen roten Fuchs zwischen den Schatten zu sehen, der kurz den Kopf neigte—als hätte auch er seinen Teil getan—und dann verschwand.

Jaro trat neben sie und blinzelte gegen den Wind. „Und wenn Mael wiederkommt?“

Alina sah auf das Banner, das nun sichtbar war für jeden, der sich näherte. „Dann erinnern wir uns. Und dann handeln wir weise.“

Sie legte die Hand auf die Brustplatte, dort, wo das Herz schlug, ruhig und unerschrocken.

„Ein Eid“, sagte sie, „ist nur so stark wie die Menschen, die ihn leben. Und heute leben wir ihn.“

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Burghof
Der offene Platz mitten in einer Burg, wo Menschen arbeiten und sich treffen.
Dämmerlicht
Das schwache Licht, wenn es gerade hell oder dunkel wird am Tag.
Rüstung
Die harte Kleidung aus Metall, die Ritter zum Schutz tragen.
Knappe
Ein junger Helfer eines Ritters, der später selber Ritter werden will.
Banner
Ein großes Tuch mit einem Zeichen, das eine Gruppe oder Burg zeigt.
Eid
Ein feierliches Versprechen, das man laut sagt und halten soll.
Kapelle
Ein kleiner Raum oder kleines Gebäude für Gebet und Stille.
Vertiefung
Eine kleine, eingerückte Stelle in einem Gegenstand, wie eine Mulde.
Prüfung
Eine Schwierigkeit oder Aufgabe, die man bestehen muss, um weiterzukommen.
Wächter
Jemand oder etwas, das aufpasst und Beschützer spielt.
Nische
Eine kleine eingerückte Stelle in einer Wand, oft für Dinge oder Licht.
Mechanismen
Verbindungen oder Teile, die zusammenarbeiten, um etwas zu bewegen.
Steinplatte
Ein flacher, großer Stein, der als Boden oder Abdeckung dient.
Moorfeuer
Schwach leuchtendes Licht in feuchtem Boden oder Moor, wie kleine Lampen.

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