Kapitel 1: Der Gartenzaun, der leise summte
Im Reihenhausviertel „Sonnenhang“ klangen die Nachmittage meistens gleich: Rasenmäher brummten, ein Ball klatschte gegen Garagentore, und irgendwo klirrte immer eine Fahrradtür gegen einen Zaun.
Mina, Jona und Emir standen auf dem Bürgersteig vor Minas Haus und starrten auf etwas, das nicht in dieses Bild passte.
„Das… ist nicht von Herrn Krügers Drohne“, flüsterte Jona und schob seine Brille hoch.
Zwischen dem Fliederbusch und dem Gartenzaun lag ein glatter, schimmernder Stein. Nur: Er war nicht steinig. Er sah aus wie ein Stück Mondlicht, das vergessen hatte, wieder in den Himmel zu springen. Und er summte. Ganz leise, wie eine Biene, die versucht, höflich zu sein.
Emir hielt sein Notizbuch fest, als wäre es ein Schutzschild. Er saß in seinem Rollstuhl, die Räder geschniegelt, als wären sie bereit für ein Rennen. „Nicht anfassen“, sagte er sofort. „Regel Nummer eins: Erst gucken, dann denken, dann… vielleicht anfassen.“
Mina grinste. „Du hast die Reihenfolge erfunden, damit Jona länger still bleibt.“
„Unmöglich“, protestierte Jona. „Ich kann sehr gut still sein.“
In diesem Moment summte das Ding lauter und eine dünne Lichtlinie lief darüber, als würde jemand mit einem unsichtbaren Stift eine Nachricht schreiben.
Mina kniete sich hin, ohne den Stein zu berühren. „Okay, wir machen es vorsichtig. Wie bei einem Igel. Nur… glänzender.“
„Und ohne Stacheln“, ergänzte Emir.
Jona zückte sein Handy, hielt es über den Stein und flüsterte: „Wenn es explodiert, will ich wenigstens ein Foto.“
„Prudenz, Jona“, sagte Emir trocken. „Das heißt: Vorsicht.“
Die Lichtlinie formte plötzlich ein Zeichen, das aussah wie ein tanzendes Komma. Dann noch eins. Und noch eins. Drei tanzende Kommas, die kurz aufblitzten und wieder verschwanden.
„Das war… freundlich?“ Mina klang, als frage sie den Gartenzaun um Rat.
Da hörten sie es: ein leises Plopp. Hinter dem Flieder bewegte sich etwas. Die Blätter teilten sich, und ein Kopf tauchte auf.
Der Kopf war klein, rund und trug etwas, das wie ein durchsichtiges Regencape aussah. Darunter zwei Augen, groß wie Murmeln, und eine Nase, die eher eine neugierige Falte war.
Das Wesen sah die drei Kinder an, sah den Stein an, und machte dann ein Geräusch, das klang wie: „Pip-pip… blub?“
Jona erstarrte. „Ähm… hallo?“
Mina hob die Hand wie im Unterricht. „Hi. Wir… wohnen hier.“
Emir atmete langsam aus. „Regel Nummer zwei: Keine plötzlichen Bewegungen.“
Das Wesen blinzelte, machte einen kleinen Schritt nach vorn und zeigte mit einem winzigen Finger auf den schimmernden Stein. „Pip.“
„Das gehört dir?“ Mina deutete darauf, ohne näher zu kommen.
„Pip!“ Es nickte so begeistert, dass sein Cape knisterte.
Emir schlug sein Notizbuch auf. Auf der ersten Seite stand in sauberer Schrift: „Gemeinsames Wörterheft: Erde–Raum“. Darunter eine leere Spalte.
Er hielt den Stift bereit. „Okay“, murmelte er. „Dann fangen wir eben an.“
Kapitel 2: Ein Wörterheft für zwei Welten
Mina holte als Erstes etwas, das sich im Viertel bewährt hatte: einen Apfelsaft in einer kleinen Flasche. Nicht, weil Außerirdische Apfelsaft brauchten, sondern weil Apfelsaft bei Menschen in schwierigen Momenten erstaunlich beruhigend wirkte.
Sie stellte die Flasche auf den Gehweg, trat zwei Schritte zurück und sagte: „Trinken? Wenn… du trinken kannst.“
Das Wesen beugte sich vor, schnupperte, und seine Augen wurden noch runder. Es tippte gegen die Flasche, als wäre sie ein interessantes Rätsel. Dann zog es aus dem Cape ein Gerät, das wie ein gläserner Löffel aussah, berührte die Flasche damit – und die Flasche begann plötzlich zu leuchten, als würde sie innerlich lachen.
„Oh“, sagte Jona. „Jetzt ist dein Apfelsaft… beleuchtet.“
Emir flüsterte: „Vorsichtig. Es könnte testen, ob das sicher ist.“
Das Wesen machte wieder dieses „Pip-pip“, nahm die Flasche, setzte sie an – und schüttelte sie dann, als hätte der Saft eine freche Bemerkung gemacht. Ein Tropfen spritzte auf seine Hand. Es leckte ihn ab, verzog das Gesicht, und dann grinste es so breit, dass man nicht wusste, ob es drei oder fünf Zähne hatte.
„Pip!“ Es klopfte sich auf die Brust. „Pipli.“
„Pipli“, wiederholte Mina. „Heißt das… dein Name?“
„Pipli!“ Es nickte und zeigte auf Mina.
„Mina“, sagte Mina langsam und deutete auf sich.
Pipli zeigte auf Jona.
„Jona“, sagte Jona und verbeugte sich ein bisschen, als wäre er auf einer Bühne.
Pipli zeigte auf Emir.
Emir hob die Hand. „Emir.“
Pipli versuchte es: „E… mir.“ Es klang, als würde es ein Bonbon im Mund drehen.
Emir schrieb in sein Heft:
Erde: Name — Raum: Pipli?
Dann hielt er das Heft so, dass Pipli es sehen konnte. „Das ist ein Wörterheft. Für… Wörter. Damit wir uns verstehen.“
Pipli beugte sich vor. Seine Fingerchen machten eine kleine Wellenbewegung über der Seite. Die Buchstaben schimmerten kurz, als hätte jemand sie mit Sternenstaub bestreut.
„Hey!“, rief Jona. „Dein Heft hat ein Upgrade bekommen!“
Emir lächelte, obwohl er versuchte, ernst zu bleiben. „Danke… glaube ich.“
Mina zeigte auf die Straße. „Das hier ist unser Viertel. Sonnenhang.“
Pipli sah sich um. Es betrachtete eine Hecke, als wäre sie ein grünes Tier, und einen Briefkasten, als wäre er eine sehr höfliche Maschine. Dann zeigte es auf einen Gartenzwerg mit Angel.
„Pip… pip?“ fragte es unsicher.
„Das ist… Kunst“, erklärte Jona. „Also… manche finden's Kunst.“
Mina flüsterte Emir zu: „Wenn Pipli den Gartenzwerg mitnimmt, merkt es niemand.“
Emir schrieb weiter:
Erde: Gartenzwerg — Raum: ?
Pipli tippte auf den Zwerg, dann auf seinen eigenen Kopf und sagte: „Gloff.“
„Gloff“, wiederholte Emir und schrieb es dazu. „Okay. Gartenzwerg heißt Gloff. Das wird die Menschheit verändern.“
Jona hob warnend den Finger. „Oder die Gartenzwerg-Industrie.“
Pipli zeigte plötzlich nach oben, zum Himmel, und machte ein schnelles „Pip-pip-pip“, das wie ein aufgeregtes Morsezeichen klang. Dann zeigte es auf den schimmernden Stein.
Der Stein summte wieder. Diesmal öffnete sich in seiner Oberfläche ein hauchdünner Spalt, wie eine Muschel. Darin lag etwas Kleines, rundes: eine Kugel, so groß wie eine Murmel, die innen ein winziges blaues Gewitter trug.
„Äh“, sagte Mina. „Das sieht… wichtig aus.“
Emir nickte. „Und deswegen: Regel Nummer drei. Nichts anfassen, was innen Gewitter hat.“
Pipli sah sie an, als würde es verstehen, und legte die Kugel vorsichtig wieder zurück. Dann setzte es sich auf den Bordstein, als wäre es plötzlich sehr müde, und seufzte: „Pip…“
Mina setzte sich daneben, mit Abstand. „Bist du… allein?“
Pipli zeigte in die Ferne, Richtung Ende der Straße, wo der kleine Spielplatz lag. Dann machte es ein Geräusch wie: „Wuuum“, und zeichnete mit dem Finger einen Kreis in die Luft.
Jona rieb sich die Hände. „Spielplatz. Kreis. Das klingt nach… Raumschiff-Parken.“
Emir schrieb:
Erde: Spielplatz — Raum: ?
Pipli sagte: „Pling.“
„Pling“, wiederholte Mina und lachte leise. „Der Spielplatz heißt Pling. Passt.“
Kapitel 3: Das Raumschiff unter der Rutsche
Sie fuhren und liefen in Richtung Spielplatz. Emir rollte vorneweg, nicht weil er der Chef war, sondern weil sein Rollstuhl auf dem glatten Gehweg leise und schnell war wie ein Schatten mit Rädern. Mina und Jona gingen links und rechts, als wären sie seine Eskorte. Oder seine zwei übermütigen Satelliten.
Im Viertel roch es nach warmem Asphalt und frisch geschnittenem Gras. Hinter einem Zaun bellte ein Hund, als würde er sagen: „Ich habe schon immer gewusst, dass heute was Seltsames passiert!“
Auf dem Spielplatz standen die üblichen Dinge: eine Rutsche, eine Schaukel, ein Klettergerüst. Und darunter… nichts.
Jona blinzelte. „Ich sehe kein Raumschiff.“
Pipli hüpfte auf den Sand, legte beide Hände auf den Boden und machte ein tiefes „Puuum“.
Der Sand vibrierte. Ganz kurz. Die Rutsche klirrte, als würde sie lachen. Und dann: ein Flimmern in der Luft, direkt unter der Rutsche, als wäre dort eine unsichtbare Tür aus Wasser.
Mina schluckte. „Oh. Da ist es.“
Emir hielt das Wörterheft fester. „Vorsicht. Wir bleiben draußen. Wir gucken nur.“
Pipli nickte heftig. Es zeigte auf sich selbst, dann auf die Tür, dann machte es eine Geste, die wie „kurz rein, gleich wieder raus“ aussah.
„Du willst… was holen?“ fragte Mina.
„Pip!“ Pipli verschwand halb in der flimmernden Tür, als würde es in Seifenblasen eintauchen. Für einen Moment sahen sie nur sein Cape, das im Licht glitzerte, und dann war es weg.
Jona flüsterte: „Wenn es jetzt nicht wiederkommt, müssen wir den Spielplatz als intergalaktisches Bermuda-Dreieck melden.“
„Jona“, sagte Emir, „ruhig.“
Nach ein paar Sekunden ploppte Pipli wieder heraus, in den Sand. Es hielt etwas in den Händen: eine dünne Scheibe, die wie eine Mischung aus Spiegel und Pfannkuchen aussah. In der Mitte war ein kleines Loch.
Pipli reichte die Scheibe Mina – stoppte aber, als Emir sofort den Kopf schüttelte.
„Erst erklären“, sagte Emir. „Bitte.“
Pipli sah verwirrt aus. Dann klopfte es sich an die Stirn, als hätte es eine Idee, und hielt die Scheibe hoch. Es sagte langsam: „Saa… fe.“
Mina wiederholte: „Safe? Sicher?“
Pipli nickte, sehr ernst.
Emir überlegte kurz. „Okay. Aber wir fassen sie nur am Rand an. Und wenn sie zischt, legen wir sie sofort hin.“
„Wenn sie zischt, renne ich“, sagte Jona.
„Du rennst sowieso“, meinte Mina.
Mina nahm die Scheibe am Rand. Sie war überraschend warm, wie ein Stein, der lange in der Sonne lag. Als Mina durch das Loch in der Mitte schaute, wurde die Welt… anders.
Der Spielplatz war immer noch da, aber er sah sortiert aus. Als hätten unsichtbare Linien alles in kleine, ordentliche Kästchen geteilt: Sandkorn zu Sandkorn, Blatt zu Blatt, sogar Jona hatte plötzlich eine Art leuchtenden Umriss.
„Ich sehe… Raster“, sagte Mina.
„Gib her!“ Jona beugte sich vor, aber Emir hielt das Wörterheft dazwischen wie ein Stoppschild.
„Regel Nummer vier“, sagte Emir. „Kein Drängeln bei fremder Technik.“
Jona seufzte dramatisch. „Ich werde hier so viel erziehen müssen.“
Pipli zeigte auf die Scheibe und sagte: „Luupe.“
„Lupe“, wiederholte Emir und schrieb:
Erde: Lupe — Raum: Luupe
„Das ist fast dasselbe“, murmelte Jona. „Die Aliens haben abgeschrieben.“
Pipli legte den Kopf schief, als hätte es „abgeschrieben“ gehört, ohne es zu verstehen. Mina nahm das Wörterheft, zeigte auf das Wort „Vorsicht“, das Emir groß auf eine neue Zeile schrieb.
„Vorsicht“, sagte Mina. „Das ist wichtig.“
Pipli wiederholte langsam: „For… sicht.“
Emir nickte. „Genau. Vorsicht.“
Pipli hielt sich die Hände vor den Mund, als würde es das Wort warm halten, und sagte dann stolz: „Forsicht!“
Jona grinste. „Fast. Aber gut!“
Da knackte es hinter ihnen. Ein Geräusch, das in einem Reihenhausviertel sehr bekannt war: ein Gartentor. Und Schritte. Erwachsene Schritte.
Mina fuhr herum. „Oh nein.“
Herr Krüger, der Nachbar mit der Drohne und dem immergleichen Stirnrunzeln, stand am Rand des Spielplatzes. In der Hand hielt er einen Müllbeutel. Sein Blick fiel auf die flimmernde Luft unter der Rutsche. Dann auf die drei Kinder. Dann auf Pipli.
„Was… macht ihr da?“ fragte er langsam.
Pipli hob die Hand und sagte fröhlich: „Pip!“
Herr Krüger ließ den Müllbeutel fast fallen.
Kapitel 4: Vorsicht ist besser als Nachbarschaft
Mina machte einen Schritt vor, als könnte sie mit ihrem Körper alles Normale wieder herstellen. „Hallo, Herr Krüger! Wir… äh… machen ein Schulprojekt.“
Jona nickte viel zu schnell. „Ja! Physik. Luft… äh… Luftdinge.“
Emir murmelte: „Das ist nicht mal gelogen. Es ist definitiv Luft… und Dinge.“
Herr Krüger starrte weiter. „Und… wer ist das?“
Pipli winkte wieder. „Pipli!“
Herr Krügers Stirnrunzeln wurde zu einem ganzen Gebirge. „Ist das… ein Kostüm?“
Mina dachte blitzschnell an Fasching, Halloween, Theater-AG. Dann sah sie Pipli an. Pipli sah so echt aus wie der Himmel über den Dächern.
„Ja“, sagte Mina. „Ein Kostüm. Sehr… neu. Aus… äh… einem Onlineshop.“
Jona flüsterte Emir zu: „Onlineshop aus dem Weltall.“
Emir tippte schnell ins Wörterheft, ohne dass Herr Krüger es sah:
Erde: Lüge (klein) — Raum: Bitte nicht
Dann schob Emir sein Heft wieder zu. Er schaute Mina an und schüttelte kaum merklich den Kopf. Mina verstand: Vorsicht bedeutete auch, nicht einfach alles zu behaupten. Lügen waren wie glatte Steine: Man rutschte schnell aus.
Mina räusperte sich. „Also… es ist ein… äh… Austausch. Ein Freund. Von weit weg.“
Herr Krüger blinzelte. „Von… weit weg.“
Pipli zeigte auf den Himmel und machte ein ehrfürchtiges „Wuuum“.
Herr Krüger folgte dem Finger nach oben. Für einen Moment sah er nur Wolken. Dann wieder Pipli. Dann wieder die flimmernde Tür.
„Ich…“, begann Herr Krüger, und seine Stimme klang plötzlich nicht mehr streng, sondern eher… unsicher. „Ihr solltet vorsichtig sein. Da können Unfälle passieren.“
Emir nickte sofort. „Ja. Wir sind vorsichtig. Sehr.“
Pipli strahlte. „Forsicht!“
Herr Krüger stutzte. „Was hat es gesagt?“
Jona lachte nervös. „Es… übt Deutsch.“
Herr Krüger sah Pipli noch einmal an. Dann, erstaunlicherweise, atmete er aus und hob den Müllbeutel wieder auf, als wäre er ein rettender Anker in der Normalität.
„Gut“, sagte er. „Dann… keine Dummheiten. Und keine… Explosionen. Ich will meine Hecke behalten.“
„Versprochen“, sagte Mina.
„Pip!“, sagte Pipli, als wäre das auch ein Versprechen.
Herr Krüger ging langsam weiter. Er schaute zwar noch zweimal zurück, aber er rief niemanden an. Kein Alarm, keine Sirenen, kein „Achtung, außerirdisches Wesen zwischen Schaukel und Rutsche“.
Als er außer Hörweite war, sanken alle drei Kinder gleichzeitig ein bisschen in sich zusammen.
„Das war knapp“, flüsterte Mina.
Emir schrieb in sein Heft:
Erde: Nachbar — Raum: Beobachter
Jona sah Pipli an. „Du musst… unauffällig sein.“
Pipli zog sein durchsichtiges Cape enger, als hätte es verstanden. Dann machte es eine Bewegung über seinem Kopf – und das Cape veränderte seine Farbe. Es wurde matt, graugrün, fast wie die Hecke von Herrn Krüger.
Mina starrte. „Du kannst dich tarnen?“
Pipli nickte stolz. „Tarn“, sagte es, als wäre es ein leckeres Wort.
Emir schrieb:
Erde: Tarnung — Raum: Tarn
„Das ist wieder fast dasselbe“, murmelte Jona. „Die haben echt unser Wörterbuch geklaut.“
Pipli zog jetzt die schimmernde Steinkapsel hervor, öffnete sie wieder und holte die kleine Gewitterkugel heraus. Es hielt sie aber nicht einfach hin, sondern stellte sie auf den Boden. Dann zeigte es auf die Kugel, auf das Wörterheft und auf die drei Kinder.
„Es will… dass wir dem Ding einen Namen geben“, sagte Mina.
Emir nickte. „Oder erklären, was es ist.“
Pipli machte ein leises „Brrr“, als würde es frieren, und deutete auf die Kugel. Das blaue Gewitter darin blitzte einmal, sehr höflich, sehr klein.
Jona schluckte. „Ist das… ein Akku? Ein Ei?“
Pipli sagte: „Hoom.“
„Hoom“, wiederholte Mina. „Was macht ein Hoom?“
Pipli nahm einen kleinen Stein aus dem Sand, legte ihn neben die Kugel und sagte streng: „No.“
Dann nahm es ein trockenes Blatt, legte es daneben und sagte: „Ja.“
Die Kugel blitzte, und das Blatt hob sich ganz leicht, drehte sich einmal wie ein Tänzer und landete sanft wieder.
Emir verstand als Erster. „Es reagiert auf… leicht. Oder auf… trocken.“
Mina schnippte mit dem Finger einen winzigen Sandhaufen hin. Pipli machte sofort „No!“ und schob Minas Hand weg, nicht grob, sondern bestimmt.
„Okay, okay“, sagte Mina. „Nicht mit Sand.“
Emir schrieb groß in sein Heft:
Erde: Staub/Sand — Raum: Nein beim Hoom
Jona grinste schief. „Also: Nichts Dreckiges in die Nähe vom Gewitter-Bonbon.“
Pipli hob beide Hände, als wäre es erleichtert, dass sie es verstanden hatten. Dann zeigte es auf die flimmernde Tür, und diesmal machte es eine andere Geste: eine Drehbewegung, wie ein Windrad.
„Drehen“, sagte Emir.
Pipli nickte. „Dreh.“
Mina bekam eine Idee. „Du willst… am Ende etwas drehen?“
Pipli klatschte begeistert in die Hände. „Pip-pip! Dreh!“
Kapitel 5: Das gemeinsame Wörterbuch wird gerettet
Als sie zurück zu Minas Haus gingen, blieb Pipli dicht bei ihnen, sein Cape jetzt in einem unauffälligen Hecken-Grün. Es sah aus wie ein sehr eleganter, etwas zu runder Gartenschlauch mit Augen.
Mina führte sie in die Garage. Dort war es kühler, und es roch nach Fahrradreifen und Holz. Überall standen Kisten: „Weihnachten“, „Alte Bücher“, „Bitte nicht öffnen“.
Emir rollte hinein und klappte sein Wörterheft auf einen kleinen Werktisch. „Wir brauchen mehr Wörter. Damit Pipli nicht aus Versehen den Toaster für ein Haustier hält.“
„Zu spät“, sagte Jona. „Der Toaster macht auch Geräusche.“
Pipli näherte sich tatsächlich dem Toaster, beugte sich vor und sagte ehrfürchtig: „Gloff?“
Mina lachte. „Nein, das ist kein Gartenzwerg. Das ist ein Toaster. Der macht Brot warm.“
Pipli zeigte auf das Brotbild auf der Verpackung und sagte: „Brot.“
„Brot“, bestätigte Emir, schrieb es hin und ließ Pipli daneben „Brot“ murmeln, als würde es den Klang sammeln.
Dann passierte das Unvermeidliche: Minas kleiner Bruder Tim (7), stürmte in die Garage, weil er irgendwas gesucht hatte, wahrscheinlich sein ferngesteuertes Auto oder die Hälfte seiner Geduld.
Er blieb stehen. Sein Blick fiel auf Pipli. Seine Augen wurden groß. Sein Mund formte ein perfektes „O“.
„Mamaaa!“, holte er Luft.
Mina sprang vor ihn, schneller als eine Katze. „Tim! Halt!“
Emir sagte ruhig, aber bestimmt: „Tim, hör zu. Das ist… ein Besucher. Und wir müssen vorsichtig sein. Keine Schreie, okay?“
Tim schnupperte, als könnte er am Geruch erkennen, ob das stimmt. „Ist das ein Alien?“
Jona flüsterte: „Kinder sind schrecklich gut.“
Pipli winkte. „Pipli.“
Tim flüsterte jetzt, als wäre das Ganze plötzlich ein Geheimclub. „Kann es Laser?“
„Nein“, sagte Mina sofort. „Und selbst wenn, würde es sie drinnen lassen.“
Emir fügte hinzu: „Prudenz. Vorsicht. Pipli übt das gerade.“
Pipli nickte ernst. „Forsicht.“
Tim kicherte. „Das sagt es falsch.“
Pipli schaute Tim an, sehr konzentriert, und wiederholte langsam: „Vor… sicht.“
Diesmal klang es fast richtig.
Tim wurde plötzlich feierlich. „Okay. Ich schreie nicht. Aber darf ich… es malen?“
Mina entspannte sich ein bisschen. „Malen ist okay. Mit Abstand.“
Tim holte Papier und Stifte und setzte sich auf den Garagenboden. Pipli hockte sich gegenüber und sah zu, als wäre jede Linie ein Wunder.
Während Tim malte, schrieb Emir weiter Wörter auf: „Hallo“, „Danke“, „Bitte“, „Wasser“, „Pause“, „Gefahr“, „sicher“. Pipli wiederholte sie, probierte sie im Mund aus wie neue Bonbons. Mina fügte lustige, ungefährliche Wörter hinzu: „Keks“, „Wackelpudding“, „Pfütze“.
Jona brachte aus der Küche eine Dose Kekse. Pipli roch daran und sagte: „Keks“, so zufrieden, als hätte es gerade eine neue Farbe entdeckt.
Dann vibrierte der schimmernde Stein in Pip lis Tasche (oder was auch immer Außerirdische als Tasche benutzen). Pipli holte ihn hervor. Die Lichtlinie erschien wieder, schnell, nervös.
Pipli wurde blass. Also… blasser. Es zeigte auf die Zeichen und sagte: „Spät.“
„Du musst zurück“, verstand Mina.
Pipli nickte. Es klopfte an die Scheibe-Lupe, die Mina noch hatte, und dann auf das Wörterheft.
Emir zog das Heft sofort an sich. „Das bleibt hier“, sagte er. Dann sah er Pipli an und wurde weicher. „Aber… wir machen dir eine Kopie. Oder… etwas, das du mitnehmen kannst.“
Mina schnappte sich Bastelkram aus einer Kiste: dünne Holzstäbchen, Faden, Papierstreifen. „Ein kleines Wörter-Mobile“, sagte sie. „Mit den wichtigsten Wörtern. Damit es sich… dreht. Du wolltest doch drehen.“
Jona hob eine Augenbraue. „Du bastelst ein intergalaktisches Vokabel-Mobile in fünf Minuten?“
„Ich habe einen kleinen Bruder“, sagte Mina. „Ich kann alles in fünf Minuten basteln, wenn es sonst Ärger gibt.“
Tim hielt sein Bild hoch: Pipli als grüner Punkt mit riesigen Augen, daneben eine Rutsche, und über allem ein Stern, der „Pip“ sagte. Pipli legte die Hand aufs Bild, gerührt, und sagte leise: „Danke.“
Emir schrieb „Danke — Pipli: Danke“ und lächelte. „Siehst du? Manche Wörter sind wie Brücken.“
Sie arbeiteten schnell, aber nicht hektisch. Emir achtete darauf, dass niemand die Gewitterkugel auch nur anschaute, als wäre sie eine Einladung. Jona band den Faden, Mina schnitt Papierstreifen, Tim malte kleine Symbole darauf.
Auf die Streifen schrieben sie mit dicker Schrift:
Vorsicht — Vor-sicht
Freund — Freund
Zuhause — Zu-hau-se
Danke — Dan-ke
Spielplatz — Pling
Keks — Keks
Pipli beobachtete alles und machte ab und zu „Pip“, als würde es kleine Nägel aus Zustimmung in die Luft hämmern.
Als das Mobile fertig war, hing es an einem Holzring. Es sah aus wie ein kleiner Planetengürtel aus Papier.
Pipli nahm es vorsichtig, als wäre es aus Schmetterlingsflügeln.
„Dreh“, sagte Pipli zufrieden.
„Am Ende muss es sich drehen“, murmelte Mina. „Das passt.“
Kapitel 6: Abschied am Pling und das drehende Ende
Sie gingen zurück zum Spielplatz, als die Sonne tiefer stand und die Dächer golden machte. Im Viertel wurden Gardinen zugezogen, irgendwo klapperte Geschirr, und ein Fußball rollte ohne Besitzer über den Gehweg, als hätte er die Richtung verloren.
Unter der Rutsche flimmerte die Tür noch immer, aber jetzt war das Flimmern schneller, unruhiger, wie ein ungeduldiger Fluss.
Pipli blieb davor stehen und drehte sich zu den Kindern um. Es hielt das Wörter-Mobile hoch.
Emir räusperte sich. „Also… Vorsicht, Pipli. Und… komm gut nach Hause.“
Mina winkte. „Und wenn du wiederkommst… bring vielleicht einen Stern mit, der nicht innen Gewitter hat.“
Jona grinste. „Oder einen, der Brot toasten kann.“
Pipli lachte „Pip-pip“, als würde es den Witz in seine Tasche stecken. Dann zeigte es auf Emir und sagte deutlich: „Emir. Wörter. Gut.“
Emir wurde ein bisschen rot. „Danke.“
Pipli zeigte auf Mina. „Mina. Keks. Gut.“
„Ich nehme das als Kompliment“, sagte Mina.
Pipli zeigte auf Jona. „Jona. Lustig. Gut.“
Jona legte die Hand aufs Herz. „Endlich erkennt es jemand an.“
Dann hob Pipli die Hand, als wollte es noch etwas Wichtiges sagen. Es deutete auf das Wörter-Mobile, dann auf alle drei Kinder, und sagte langsam: „Freund.“
Mina spürte ein warmes Ziehen im Bauch, als hätte jemand eine kleine Lampe angeknipst. „Freund“, wiederholte sie.
Emir schrieb das Wort in Gedanken noch einmal fett und groß: Freund.
Pipli trat zur flimmernden Tür. Bevor es hindurchging, stellte es das Mobile auf den Sand. Es tippte einmal gegen den Holzring.
Ein leiser Wind kam auf, aber nur dort, ganz lokal, als hätte die Tür kurz ausgeatmet. Das Mobile hob sich, nicht hoch, nur ein bisschen, und begann sich zu drehen.
Langsam zuerst. Dann gleichmäßig, ruhig. Die Papierstreifen schwebten, und die Worte drehten ihre Runden: Vorsicht, Freund, Zuhause, Danke, Pling, Keks.
Pipli sah zu, zufrieden, als wäre das Drehen ein Zeichen, dass alles richtig eingerastet war.
„Mobile dreht“, sagte Jona leise.
„Ja“, flüsterte Emir. „Und es dreht… weiter. Auch wenn Pipli weg ist.“
Pipli winkte ein letztes Mal. „Vor-sicht“, sagte es deutlich, fast perfekt.
Dann glitt es durch die flimmernde Tür und verschwand, als würde es in einen hellen Traum treten.
Die Tür flackerte noch einmal. Dann war nur noch Luft. Normale Luft, die nach Sand und Sommer roch.
Das Mobile drehte sich weiter unter der Rutsche, als hätte es sein eigenes, kleines Universum. Die Worte schaukelten sanft, und jedes Mal, wenn „Vorsicht“ vorbeikam, fühlte es sich an wie ein freundlicher Tipp – nicht wie Angst, sondern wie eine Taschenlampe in der Dunkelheit.
Mina setzte sich auf die Bank. „Glaubt ihr, er kommt wieder?“
Jona zuckte mit den Schultern. „Wenn nicht… hat er wenigstens gelernt, dass Gartenzwerge Gloffs sind.“
Emir lächelte und sah zu dem Mobile. „Und dass Vorsicht ein Wort ist, das man behalten sollte. Egal auf welchem Planeten.“
Sie saßen noch eine Weile da, im warmen Licht, und hörten dem leisen Rascheln der Papierstreifen zu. Das Mobile drehte sich. Und drehte sich. Und drehte sich.