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Geschichte eines Außerirdischen 11/12 Jahre Lesen 25 min.

Kiri aus dem Gewächshaus: Das Geheimnis der feuchten Luft

Zwei neugierige Kinder finden im Schulgarten ein fremdes, feuchtigkeitsliebendes Wesen namens Kiri und helfen ihm heimlich, während sie lernen, zuzuhören, vorsichtig zu handeln und Versprechen zu halten.

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Drei Figuren: Mira, 11-jährige Tochter mit schwarzer Zopf, hellblauer etwas verschmutzter Windjacke, hockt links und hält einen mit Blättern ausgelegten Korb, schaut sanft auf ein leuchtendes Objekt; Leo, 11-jähriger Junge mit beschlagenen runden Brillengläsern und grüner Jacke, steht rechts und hält einen langen Stock als Hebel, Arme zum teilweise angehobenen Metalldeckel des zylindrischen Behälters ausgestreckt; Kiri, kleines außerirdisches Wesen mit blasser, leicht glänzender grüner Haut, drei flexiblen Armen und zwei großen wässrigen Augen, halbeinhängend aus einem silbernen, schwebenden runden Schiff, schüchtern Mira und Leo zugewandt. Ort: Hinterhof einer Schule am späten Nachmittag neben der Turnhalle, gealterter kreisrunder Metallbehälter mit rostigem teilweise geöffnetem Deckel, dunkler Kiesboden mit Grasflecken, nasse große Pflanzen und Farne, orangees Sonnenlicht zwischen Gebäuden, feuchte Atmosphäre mit feinem Dunst und Tropfenreflexen. Szene: kleines zylindrisches Schiff gibt bläulich-grünen Dampf ab, Kiri steigt leise aus, Mira und Leo helfen behutsam und aufmerksam, Komposition zentriert auf Behälteröffnung und schwebendes Schiff, staunende und ruhige Gesichter, sichtbare Gouache-Texturen (Pinselstriche, nasse Lasuren, weiche Kontraste), Farbpalette: zarte Grüntöne, metallische Grautöne, warme Ocker und phosphoreszierende Lichtakzente um das Schiff. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Das Flüstern aus der Schulgärtnerei

Im Hinterhof der Schule stand die alte Gärtnerei wie ein riesiger, beschlagener Atem. Die Scheiben waren milchig, als hätte jemand von innen mit warmen Händen daran gepustet. Drinnen wuchs alles schneller als draußen: Tomaten mit dicken Bäuchen, Gurken wie grüne U-Boote, und Basilikum, der so stark roch, dass man ihn fast schmecken konnte.

Mira zog die Kapuze aus dem Gesicht. Ihr dunkler Zopf klebte schon ein bisschen am Hals. „Ich sag's dir, Leo, hier drin ist es wie in einer Wolke, die sich nicht entscheiden kann, ob sie Regen sein will.“

Leo grinste und wischte sich die Brille mit dem Ärmel frei. „Oder wie ein Aquarium, nur ohne Fische. Und ohne dass man schwimmen muss.“

Sie waren beide elf, und sie waren die Art Kinder, die neugierig blieben, auch wenn Erwachsene „Nicht anfassen!“ sagten. Nicht aus Trotz. Eher, weil ihre Köpfe Fragen sammelten wie andere Leute Sticker.

„Frau Heise hat gesagt, wir sollen die Sensoren ablesen“, erinnerte Mira. An ihrem Handgelenk hing ein kleines Notizgerät, das die Schul-AG „Klima und Pflanzen“ benutzen durfte. „Temperatur, Luftfeuchte, Boden… alles.“

„Und das Wichtigste“, sagte Leo und machte eine dramatische Pause, „ist die Regel: Erst schauen, dann fragen, dann anfassen.“

Mira nickte. „Genau. Sicherheitsregel. Wie beim Fahrradfahren: Erst links, dann rechts, dann wieder links. Und beim Unbekannten: Erst zuhören, dann handeln.“

Da war es. Ein Ton, so leise, dass er eher im Bauch vibrierte als im Ohr. Ein plopp und dann ein zartes Knistern. Aus der Ecke, wo die großen Farnkübel standen.

Leo hielt den Atem an. „Hast du…?“

„Ja“, flüsterte Mira. „Und wir halten uns an unsere Regel.“

Sie gingen langsam, vorsichtig, als würden sie durch unsichtbare Spinnweben laufen. Zwischen Farnblättern, die wie grüne Hände über ihnen zusammenschwebten, stand etwas, das nicht zu den Töpfen und Schaufeln passte: ein kleines, rundes Ding, etwa so groß wie ein Fußball, mit einer Oberfläche wie nasser Stein. Es glomm von innen, nicht hell, eher wie Glühwürmchen hinter Milchglas.

„Das ist kein Sensor“, hauchte Leo.

„Und kein Kürbis“, ergänzte Mira. Sie beugte sich ein Stück vor. „Hallo?“

Das Ding antwortete nicht mit Worten. Es machte ein zweites plopp. Dann spaltete sich die Oberfläche wie eine Blüte, die sich öffnet. Drinnen saß… etwas.

Es war klein, vielleicht so groß wie eine Katze, aber nicht katzenförmig. Es hatte drei Arme, die aussahen wie weiche Schlauchschals, und zwei große Augen, die schimmerten wie Wasser in einem Eimer bei Sonnenschein. Die Haut war blassgrün und glänzte vor Feuchtigkeit, als hätte es die Luft hier besonders gern.

„Ich… bin… nicht… hier“, piepste es in einer Stimme, die klang, als hätte jemand ein Radio auf ganz leise gestellt.

Leo schluckte. „Doch. Bist du.“

Mira hob beide Hände, offen, wie man es bei einem aufgeregten Hund machte. „Wir tun dir nichts. Wir hören erst mal zu.“

Das Wesen blinzelte. „Zuhören… gut. Ich… suche… Gewächs-Haus. Feucht. Sicher.“

„Du bist im Gewächshaus“, sagte Leo, und seine Stimme zitterte nur ein bisschen. „Und feucht ist es definitiv.“

Das Wesen schob einen Arm aus seiner Hülle und tippte auf ein Farnblatt. Es schien zu atmen, langsam, und die Luft um es herum schimmerte kurz, als wäre sie heiß. „Name… Kiri.“

„Mira“, sagte Mira sofort. „Und das ist Leo.“

Leo hob die Hand. „Hi. Also, Kiri. Wie… bist du hier reingekommen?“

Kiri machte ein Geräusch, das wie ein Lachen klang, nur kürzer. „Ich… bin gefallen.“

„Wie ein Apfel?“, fragte Leo.

Kiri schaute ihn sehr ernst an. „Nein. Wie… Schiffchen.“

Mira spürte, wie ihre Neugier in ihrem Bauch kribbelte. „Ein Schiffchen? Aus dem Weltraum?“

Kiri nickte. Die Hülle neben ihm zuckte, und ein dünner Faden Licht zog sich über den Boden, wie eine Leuchtspur. „Verloren. Und… leise bleiben.“

Leo atmete aus. „Okay. Dann machen wir das. Leise bleiben. Aber wir müssen wissen, ob du Hilfe brauchst.“

Kiri legte einen Arm an den Kopf, als würde es nachdenken. „Brauche… hören. Und… Wasser.“

Mira sah auf die Gießkanne. „Wasser können wir.“

„Und hören“, sagte Leo. „Das können wir auch. Das ist sozusagen unsere Spezialfähigkeit.“

Kapitel 2: Ein Geheimnis zwischen Farnen

Mira füllte die Gießkanne am kleinen Hahn. Das Wasser spritzte laut, und beide zuckten zusammen.

„Pssst“, machte Leo, als wäre das Wasser ein Schwätzer.

Mira drehte den Hahn nur noch ganz wenig auf. „Das Gewächshaus ist voller Geräusche. Tropfen, Ventilator, das Summen. Vielleicht fällt das nicht auf.“

Sie trugen die Kanne zu Kiri. Das Wesen streckte einen Arm aus, und die Tropfen schwebten kurz, als würden sie überlegen, ob sie fallen wollen. Dann landeten sie sanft auf Kiris Haut und wurden sofort aufgesogen, als hätte es Durst wie trockene Erde.

„Ah“, sagte Kiri, und das Wort klang warm. „Danke.“

Leo kniete sich hin, aber mit Abstand. „Du hast gesagt, du bist gefallen. Von wo?“

Kiri zeigte nach oben, als könnte es durch das Dach hindurch den Himmel sehen. „Von… weiter. Sehr weiter.“

„Weltraum-weit?“, fragte Mira.

Kiri nickte. „Ich… Kundschafter.

Leo riss die Augen auf. „Wie ein Spion?“

Kiri schüttelte den Kopf, so gut es eben ging. „Nicht stehlen. Nur… lernen. Zuhören. Pflanzen. Wasser. Menschen.“

Mira spürte, wie sich etwas in ihr entspannte. „Zuhören ist gut. Das ist bei uns auch wichtig.“

„Bei uns“, ergänzte Leo, „muss man sich melden, bevor man was sagt. Aber ich vergesse das manchmal.“

Kiri machte wieder dieses kurze Lachgeräusch. „Melden… gut. Ich… sende Meldung. Aber Gerät… kaputt.“

Neben der geöffneten Hülle lag ein kleiner, flacher Gegenstand, der aussah wie ein Steinplättchen mit winzigen Rillen. Es flackerte kurz und wurde dann dunkel.

„Kannst du es reparieren?“, fragte Mira.

Kiri zog die Arme ein. „Brauche… Teil. Metall. Dünn.“

Leo dachte nach. Sein Blick fiel auf die Kiste mit Büroklammern und Draht, die die AG zum Basteln von Pflanzenhaltern benutzte. „Dünnes Metall haben wir.“

Er stand auf, aber Mira packte ihn am Ärmel. „Sicherheitsregel“, flüsterte sie. „Erst sagen, was du tust.“

Leo nickte, drehte sich zu Kiri. „Ich hole dünnes Metall. Ich komme gleich wieder. Ich fasse nichts von deinem Zeug an, okay?“

Kiri blinzelte langsam. „Okay. Danke, Leo.“

Leo lief leise zur Kiste, als wäre der Boden aus knisternden Chips. Er nahm ein Stück weichen Draht und eine Handvoll Büroklammern. Als er zurückkam, saß Kiri still und sah den Tropfen am Farn zu, wie sie an der Spitze hingen und dann fielen.

„Bei uns“, sagte Kiri, ohne den Blick abzuwenden, „fallen Tropfen anders. Langsam.“

„Weil ihr weniger Schwerkraft habt?“, fragte Mira.

Kiri drehte die Augen zu ihr. „Ja. Und mehr Nebel.

Leo hielt den Draht hin, aber nicht zu nah. „Ist das gut?“

Kiri streckte einen Arm aus. Die Büroklammern klickten leise zusammen, als hätten sie sich verabredet. Kiri bog den Draht mit einer Bewegung, die viel zu präzise für einen „Schlauchschal-Arm“ war, und schob ihn an das Steinplättchen. Es glomm. Ein sanftes Summen füllte die Luft, wie wenn ein Handy vibriert, nur freundlicher.

„Gerät… lebt“, sagte Kiri zufrieden.

Mira lehnte sich zurück. „Okay. Was passiert jetzt? Rufst du dein Schiff?“

Kiri sah plötzlich unsicher aus. „Schiff… hört mich vielleicht. Aber… Gefahr.“

Leo runzelte die Stirn. „Welche Gefahr?“

Kiri zog die Arme an den Körper. „Wenn Schiff kommt… Menschen sehen. Dann Angst. Dann… laut.“

Mira dachte an die Schule, an die Lehrer, an die Eltern, an Nachrichten, die groß und schrill werden, wenn etwas Unbekanntes auftaucht. Sie stellte sich vor, wie jemand Kiri mit einem Kescher einfangen wollte, „nur zur Sicherheit“.

„Wir wollen nicht, dass jemand Angst bekommt“, sagte Mira leise. „Und du auch nicht.“

Kiri nickte. „Ich will… nicht erschrecken. Ich will… verstehen.“

Leo stieß Mira sanft mit dem Ellenbogen an. „Dann müssen wir zuhören. Und einen Plan machen.“

Mira atmete tief ein. Die Luft roch nach Erde und warmem Grün. „Wir versprechen dir, Kiri: Wir helfen dir, ohne dass jemand panisch wird.“

Kiri blinzelte, und für einen Moment sah es aus, als würde das Wesen lächeln. „Versprechen… wichtig.“

Kapitel 3: Die Karte aus Licht

Das Steinplättchen summte jetzt regelmäßig. Kiri legte zwei Arme darauf, und aus der Rille stieg ein dünner Lichtfaden auf. Er zeichnete Linien in die feuchte Luft, als würde jemand mit einer Taschenlampe malen.

„Wow“, flüsterte Leo. „Hologramm, oder?“

„Lichtkarte“, sagte Kiri. „Zeigt… Weg.“

Die Linien formten einen kleinen Plan: das Gewächshaus, die Beete, die Tür, der Hof. Dann wanderte die Karte weiter, als könnte sie durch Wände sehen. Ein Kreis erschien am Rand des Schulgeländes, dort, wo hinter der Sporthalle ein stillgelegter Regenwassertank stand.

Mira kannte den Ort. Alle nannten ihn „die Dose“. Man durfte da eigentlich nicht hin, weil der Deckel alt und schwer war.

„Da willst du hin?“, fragte sie.

Kiri nickte. „Dort… mein Schiffchen. Versteckt.“

Leo kratzte sich am Kopf. „Moment. Du bist in einem Ei gelandet, aber dein Schiff ist im Tank?“

Kiri machte ein Geräusch, das nach „Jein“ klang. „Ei ist… Schutz. Schiffchen ist… klein. Landet. Rollt. Versteckt.“

Mira musste lachen, obwohl sie versuchte, leise zu bleiben. „Wie eine Murmel mit Geheimfunktion.“

„Ja“, sagte Kiri ernst. „Sehr gute Murmel.“

Leo beugte sich über die Lichtkarte. „Und warum brauchst du das Gewächshaus? Nur wegen der Feuchtigkeit?“

Kiri berührte mit einem Arm die Luft. „Mein Körper… braucht Wasser in Luft. Sonst… kratzig.“

„Wie trockener Hals“, sagte Mira.

„Ja. Und ich kann… besser hören“, fügte Kiri hinzu. „Feuchte Luft trägt… Stimmen weich.“

Leo hob eine Augenbraue. „Stimmen weich. Das klingt schön.“

Mira wurde wieder ernst. „Wenn wir zum Tank gehen, müssen wir vorsichtig sein. Und wir dürfen nicht die Sicherheitsregel vergessen.“

„Welche?“, fragte Kiri.

Leo zählte an seinen Fingern ab. „Erstens: Wir sagen, wohin wir gehen. Zweitens: Wir gehen nie allein. Drittens: Wir fassen nichts Unbekanntes an, bevor wir wissen, was es macht.“

Kiri schaute von Leo zu Mira. „Gute Regeln. Bei uns: Erst… lauschen. Dann… bewegen.“

Mira nickte. „Dann sind wir uns ähnlich.“

Draußen klapperte irgendwo eine Tür. Stimmen näherten sich. Frau Heises Stimme, hell und energisch: „Kinder? Seid ihr im Gewächshaus?“

Leo und Mira erstarrten.

Kiri zog sich blitzschnell in die Farnschatten zurück. Die Hülle schloss sich mit einem leisen plopp wieder, als hätte sie geübt, unsichtbar zu werden. Nur ein winziger Lichtpunkt blieb, wie ein Glühwürmchen, das nicht wusste, dass es sich verstecken soll.

Mira sprang vor und stellte die Gießkanne so, dass sie den Punkt verdeckte. Leo riss sein Notizgerät hoch, als hätte er die ganze Zeit gewissenhaft gemessen.

„Hier!“, rief Leo. „Wir lesen gerade die Feuchtewerte!“

Frau Heise kam herein, beschlug sofort die Brille und lachte. „Dann seid ihr ja im besten Klima. Und?“

Mira schaute auf das Display, das zum Glück echte Zahlen zeigte. „Ähm… sehr feucht. Also… wirklich sehr.“

„Das ist die wissenschaftlichste Antwort des Tages“, sagte Frau Heise. „Okay, macht weiter. Aber bleibt nicht zu lange. Und Leo, wisch nicht immer mit dem Ärmel, du siehst danach aus wie ein Fensterputzer auf Klassenfahrt.“

Als sie wieder ging, hörten Mira und Leo ihre Schritte auf dem Kies. Erst als die Tür wieder zufiel, atmeten sie aus.

Aus dem Farn kam Kiris leises Flüstern: „Ihr… habt gut gelogen.“

Leo verzog das Gesicht. „Ich nenne es… freundlich ausweichen.“

Mira hob den Finger. „Aber jetzt müssen wir wirklich handeln. Heute Nachmittag, nach der letzten Stunde, ist der Hof fast leer. Dann bringen wir dich zum Tank.“

Kiri öffnete die Hülle einen Spalt. „Gut. Aber… nicht schnell. Ich werde… schwindlig.“

Leo nickte. „Langsam. Und wir hören aufeinander. Wenn einer Stopp sagt, dann ist Stopp.“

„Stopp“, wiederholte Kiri, als würde es das Wort kosten. „Gutes Wort.“

Kapitel 4: Der Weg zur Dose

Nach der letzten Stunde fühlte sich der Flur an wie ein Schiff, das gerade im Hafen anlegt: überall Rucksäcke, Stimmen, schnelle Schritte. Mira und Leo schoben sich mit dem Strom, aber ihr Herz lief in eine andere Richtung.

Sie hatten Kiri in einem Pflanzenkorb versteckt, unter feuchten Tüchern und ein paar großen Salatblättern. Kiri war erstaunlich leicht. Es roch ein bisschen nach Regen auf warmem Stein.

„Bist du okay?“, flüsterte Mira, als sie an der Tür zum Hof vorbeigingen.

„Ja“, kam die Antwort wie ein Hauch. „Dunkel… gut.“

Leo trug den Korb. Er versuchte, normal zu wirken, aber seine Arme waren steif wie Bretter. „Wenn mich jemand fragt, sag ich, ich bringe Salat in Sicherheit.“

Mira kicherte. „Rette den Salat!“

Sie gingen hinter der Sporthalle entlang. Dort war es stiller. Der Regenwassertank lag halb im Boden, rund wie ein riesiger Metallkeks. Der Deckel war alt, mit einem Griff, der aussah wie ein verbogener Anker.

Leo stellte den Korb ab. „Okay. Sicherheitsregel Nummer eins: erst schauen.“

Mira kniete sich hin und prüfte den Deckel. „Der wackelt nicht, aber er ist schwer. Und rostig.

„Rost ist gemein“, sagte Leo. „Der tut so, als wäre er nur braun, und dann bricht er dir das Herz. Oder die Finger.“

Kiri bewegte sich unter den Tüchern. „Rost… ist wie müde Metall.“

„Genau“, sagte Mira. „Also: Wir nehmen einen Stock als Hebel. Und wir halten Abstand.“

Leo holte aus der Nähe einen stabilen Ast, wahrscheinlich von der Hecke. Gemeinsam schoben sie ihn unter den Griff. Langsam, mit knirschendem Protest, hob sich der Deckel einen Spalt. Ein Geruch nach kaltem Wasser und dunkler Erde stieg auf.

Mira hielt den Korb bereit. „Kiri? Wir sind da. Wenn du raus willst, sag es.“

Ein Arm schob das Tuch zur Seite. Kiri blinzelte in das graue Nachmittagslicht. „Kalt“, murmelte es.

„Nur kurz“, sagte Leo. „Du musst nicht lange… äh… im Freien sein.“

Kiri kroch aus dem Korb, langsam, vorsichtig, und blieb dicht bei den Kindern. Sein Körper schimmerte matter als im Gewächshaus.

„Wir hören auf dich“, sagte Mira. „Sag uns, was wir tun sollen.“

Kiri legte das Steinplättchen auf den Boden. Es summte und warf einen dünnen Lichtkreis in den Spalt des Tanks. Drinnen glomm etwas zurück, wie ein Auge im Dunkeln.

„Da“, flüsterte Kiri. „Schiffchen.“

Leo schluckte. „Also wirklich.“

Kiri beugte sich vor. Das Licht wurde stärker, als würde es die Dunkelheit anstupsen. Ein kleines Objekt löste sich vom Inneren des Tanks und schwebte nach oben. Es war rund, glatt, etwa so groß wie ein Handball, mit kleinen Öffnungen, aus denen Nebel kroch.

„Es fliegt!“, keuchte Mira.

„Es… hört“, sagte Kiri. „Wie ich.“

Das Schiffchen schwebte über Kiris Kopf, und ein sanfter Ton erklang, fast wie das Summen einer Biene, nur tiefer. Dann wurde der Nebel dichter, und in der Luft roch es plötzlich nach dem Gewächshaus: feucht und grün.

Leo musste lachen. „Dein Schiff macht… tragbare Luft.“

Kiri wirkte stolz. „Ja. Für mich. Für Reise.“

Mira sah zum Schulgebäude. Ein Fenster ging auf, irgendwo rief jemand. Sie hatten nicht viel Zeit.

„Kannst du damit nach Hause?“, fragte sie schnell.

Kiri zögerte. „Fast. Aber… Meldung. Ich muss… versprechen halten.“

„Welches Versprechen?“, fragte Leo.

Kiri schaute sie nacheinander an, ernst und ruhig. „Ich kam, um zu lernen. Und ich lernte: Zuhören ist… Stärke. Ich muss das… erzählen. Aber niemand soll… Angst.“

Mira nickte. „Dann halten wir unser Versprechen auch. Wir helfen dir, ohne dass es jemand sieht.“

Leo hob den Deckel mit dem Ast noch weiter an. „Und danach machen wir zu, als wäre nichts gewesen. Damit keiner reinfällt.“

„Das ist auch eine Sicherheitsregel“, sagte Mira. „Man lässt keinen gefährlichen Ort offen.“

Kiri berührte kurz Leos Handrücken mit einem Arm. Es fühlte sich kühl an, wie ein Blatt im Schatten. „Danke. Ihr seid… gute Erde.“

Leo blinzelte verwirrt. „Gute Erde?“

„Für… Freundschaft“, erklärte Kiri.

„Das nehme ich“, sagte Leo leise.

Kapitel 5: Ein Abschied, der nicht wehtut

Der Nebel aus dem Schiffchen legte sich wie ein unsichtbarer Mantel um Kiri. Sein Glanz wurde wieder stärker, als hätte es gerade einen Schluck Luft getrunken.

Das Schiffchen senkte sich neben Kiri, und an seiner Seite öffnete sich eine Klappe, klein und elegant, wie bei einem Spielzeug, das viel zu schlau ist. Innen war es nicht groß, aber es wirkte tiefer, als es sein konnte, als würde der Raum sich falten wie Papier.

„Magie“, murmelte Leo.

„Technik“, korrigierte Mira, aber sie sagte es freundlich. „Nur… andere Technik.“

Kiri schaute zu den beiden Kindern. „Ich gehe. Aber… Versprechen?“

Mira schluckte. „Wir haben versprochen, dir zu helfen. Das haben wir gemacht.“

„Und ihr habt versprochen…“, begann Kiri.

Leo erinnerte sich. „…dass niemand panisch wird. Ja. Wir sagen es nicht einfach herum.“

Mira hob den Finger. „Aber wir wollen auch ehrlich sein. Vielleicht… erzählen wir es später Frau Heise. Wenn wir sicher sind, dass sie zuhört und ruhig bleibt.“

Kiri nickte. „Gute Idee. Zuhören ist… Schlüssel.“

Ein Geräusch kam vom Schulhof: ein Ball prallte, Schritte, Lachen. Jemand rief: „Kommt ihr?“

Leo zuckte zusammen. „Okay, Zeitfenster wird klein.“

Mira kniete sich zu Kiri. „Hör zu. Wenn du wiederkommst… komm ins Gewächshaus. Da ist es feucht. Da fühlen wir uns… nicht so verloren.“

Kiri blinzelte. „Ich komme vielleicht. Wenn Sternenweg… gut.“

„Und wenn du kommst“, sagte Leo, „bring bitte so ein tragbares Luftding mit. Im Sommer ist mein Zimmer nämlich auch ein Gewächshaus.“

Kiri machte sein kurzes Lachen. „Vielleicht.“

Dann wurde Kiri wieder ernst. „Ich will euch etwas geben. Kein… gefährlich.“

Es legte das Steinplättchen in Miras Hand. Es war warm, als hätte es sich ihre Haut gemerkt.

Mira erschrak. „Aber das ist dein Gerät!“

Kiri schüttelte den Kopf. „Ich habe… anderes. Dieses ist… Erinnerung. Damit ihr… zuhört. Auch wenn niemand glaubt.“

Leo beugte sich vor. „Und… wenn wir dich rufen müssen?“

Kiri zeigte auf eine Rille am Rand. „Drücken. Dreimal. Dann… flüstern. Leise.“

Mira schloss die Finger darum. „Wir benutzen es nur, wenn es wichtig ist. Versprochen.“

„Versprochen“, sagte Leo sofort.

Kiri kletterte in das Schiffchen. Die Klappe schloss sich lautlos. Der Nebel zog sich zusammen, wurde zu einem dünnen Faden, und das Schiffchen sank in den Tank, als würde es sich in die Dunkelheit rollen.

Mira und Leo legten den Deckel wieder zurück. Gemeinsam drückten sie, bis er fest saß. Kein Spalt blieb offen.

„Sicher“, sagte Mira.

„Sicher“, wiederholte Leo. Dann sah er sie an. „Und jetzt tun wir so, als hätten wir nur… Salat gerettet.“

Mira grinste. „Rette den Salat. Rette den Alien. Alles ein normaler Dienstag.“

Als sie zurückgingen, fühlte sich der Weg heller an, obwohl die Sonne schon tiefer stand. Mira spürte das Steinplättchen in ihrer Tasche, als wäre es ein kleiner, ruhiger Herzschlag.

Kapitel 6: Die gehaltene Promise

Am nächsten Tag saßen Mira und Leo wieder im Gewächshaus. Frau Heise war dabei, neue Samen in kleine Töpfe zu setzen. Die Luft war warm und voller Tropfen, die auf Blättern glänzten wie winzige Spiegel.

Mira und Leo tauschten Blicke. Ihr Plan war nicht, alles herauszuschreien. Ihr Plan war: zuhören, den richtigen Moment finden, und ehrlich sein, ohne Angst zu säen.

„Frau Heise?“, begann Mira.

„Hm?“, machte Frau Heise, ohne aufzuschauen. Sie drückte die Erde vorsichtig fest. „Wenn ihr mir jetzt sagt, die Feuchtewerte sind ‚sehr feucht‘, dann bekomme ich ein Déjà-vu.“

Leo lachte nervös. „Diesmal… ist es etwas anderes. Können Sie… kurz zuhören? Ohne sofort zu… na ja… ausflippen?“

Frau Heise sah auf. Ihre Augen waren freundlich, aber aufmerksam, als hätte sie gerade eine seltene Pflanze entdeckt. „Ich kann zuhören. Das ist sogar mein Job. Erzählt.“

Mira atmete ein. Dann erzählte sie. Nicht jedes Detail, nicht jedes Geräusch, aber genug: ein Besucher, der Feuchtigkeit brauchte, ein kleines Schiffchen, ein Abschied im Verborgenen. Sie zeigte das Steinplättchen nicht gleich. Erst als Frau Heise nicht lachte, nicht schimpfte, sondern ruhig fragte: „Und was habt ihr dabei gefühlt?“ zog Mira es aus der Tasche.

Frau Heise nahm es nicht. Sie betrachtete es aus der Entfernung, wie man eine Hummel betrachtet, die man nicht stören will. „Ihr habt… vorsichtig gehandelt“, sagte sie langsam. „Ihr seid zusammen geblieben. Ihr habt eine Gefahr abgesichert. Und ihr habt… zugehört.“

Leo nickte. „Wir wollten niemanden erschrecken.“

Frau Heise lächelte klein. „Das Unbekannte wird oft nur deshalb groß und gruselig, weil man es anschreit. Zuhören macht es… menschlicher. Oder… wie auch immer man es nennen soll.“

Mira spürte, wie sich ihre Schultern lösten. „Also sind Sie nicht wütend?“

„Wütend?“ Frau Heise schüttelte den Kopf. „Ich bin… beeindruckt. Und ich bin froh, dass ihr euren Kopf benutzt habt. Aber wir müssen auch eine Regel hinzufügen: Wenn etwas wirklich gefährlich sein könnte, holt ihr Hilfe. Versprochen?“

„Versprochen“, sagten Mira und Leo gleichzeitig.

In diesem Moment vibrierte das Steinplättchen in Miras Hand. Ein warmes Summen. Drei kurze Pulse, wie ein Klopfen von weit weg.

Mira und Leo hielten den Atem an.

Frau Heise hob eine Augenbraue. „Das… war nicht euer Handy, oder?“

Mira schüttelte den Kopf. Sie drückte, ganz vorsichtig, dreimal auf die Rille, so wie Kiri es gezeigt hatte. Dann flüsterte sie: „Kiri?“

Das Steinplättchen warf einen winzigen Lichtpunkt auf ein Farnblatt. Darin erschien für einen Augenblick ein Bild: Kiri, umgeben von Nebel, die Augen glänzend. Und eine Stimme, leise wie ein Tropfen:

„Ich habe… erzählt. Niemand hatte Angst. Weil ich… zuhörte. Wie ihr. Versprechen… gehalten.“

Mira schluckte, und sie merkte, wie sie lächelte. „Unser Versprechen auch“, flüsterte sie zurück. „Wir hören weiter zu.“

Das Licht erlosch. Im Gewächshaus tropfte es beruhigend, Blatt für Blatt, als würde die Welt sagen: Alles ist in Ordnung. Und irgendwo, sehr weit oben, hielt jemand sein Wort.

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Gärtnerei
Ein Ort, wo viele Pflanzen in Töpfen und Kästen wachsen und gepflegt werden.
Milchig
Beschreibt Glas, das nicht klar ist und etwas verschwommen aussieht.
Kapuze
Stoffteil an einer Jacke, das man über den Kopf ziehen kann.
Sensoren
Kleine Geräte, die messen, zum Beispiel Temperatur oder Luftfeuchte.
Luftfeuchte
Wie viel Wasser als feiner Dampf in der Luft vorhanden ist.
Hologramm
Ein Lichtbild, das dreidimensional wirkt, aber aus Licht besteht.
Schwerkraft
Kraft, die alles zur Erde zieht und Dinge fallen lässt.
Kundschafter
Jemand, der neugierig die Umgebung beobachtet, oft heimlich oder leise.
Rille
Eine schmale Vertiefung oder Spur in einem Material, wie eine Furche.
Rostig
Wenn Metall durch Feuchtigkeit braun und brüchig wird.
Nebel
Feine Wassertröpfchen in der Luft, die Sicht dämpfen und feucht machen.

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