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Geschichte eines Außerirdischen 11/12 Jahre Lesen 29 min.

Die Lampe, der Hüter und die Himmelskiesel

Jonas und Malik machen sich auf die Suche nach einem mysteriösen Himmelskiesel und treffen dabei auf Talo, einen Hüter, der ihnen hilft, verlorene Sterne zurück auf ihren Weg zu führen. Gemeinsam lernen sie, wie wichtig Mut und Freundschaft sind, während sie die Geheimnisse des Nachthimmels entdecken.

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Es gibt drei Charaktere: Jonas, ein 12-jähriger Junge mit zerzausten braunen Haaren und neugierigen Augen, trägt ein blaues T-Shirt mit Sternenmuster und beige Shorts. Er sitzt auf einer Decke und schaut fasziniert einen Außerirdischen an. Malik, ebenfalls 12, hat schwarze Haare und runde Brillen, die ihn intelligent wirken lassen. Er trägt ein rot kariertes Hemd und schwarze Hosen und steht neben Jonas mit einer Lampe, die die Szene beleuchtet. Talo, der Außerirdische, ist von mittlerer Größe mit schimmernder Haut in Blau- und Grüntönen. Seine mandelförmigen Augen funkeln wie Sterne, und er hat durchsichtige Flügel wie eine Libelle. Er steht leicht nach vorne geneigt, lächelt und breitet die Arme aus, als würde er seine neuen Freunde willkommen heißen. Die Hauptszene spielt auf einem weiten Feld unter einem sternenklaren Nachthimmel mit funkelnden Sternen und einer sanften Brise. In der Ferne steht ein alter Windmühlen, während eine bunte Decke auf dem Boden ausgebreitet ist, umgeben von Wildblumen und tanzenden Glühwürmchen. Die Hauptsituation zeigt Jonas und Malik, die erstaunt Talo, den Außerirdischen, treffen, der ihnen erklärt, dass er der Wächter der Himmelskiesel, magischer Steine, ist, die um sie herum schweben. Die drei Charaktere sind von einer magischen Atmosphäre umgeben, mit sanften Lichtern und leuchtenden Farben, die Staunen und Freundschaft widerspiegeln. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1 — Die Nacht der Sternschnuppen

„Hast du die Lampe eingepackt?“, flüsterte Jonas und hob den Rucksack vom Fahrradlenker.

„Klar doch“, sagte Malik, klopfte auf den Rucksack und grinste. „Die mit dem warmen Licht, die deine Oma uns geliehen hat. Die macht sogar meinem kleinen Cousin keine Angst.“

„Die macht niemandem Angst“, brummte Jonas, „sie beruhigt. Das ist ein Unterschied.“

Es war eine klare Spätsommernacht. Über den Feldern lag ein Geruch nach Heu, und die Luft war weich und kühl. In der Ferne glühte die Stadt wie ein kleiner, stiller Herd. Jonas und Malik, beide fast zwölf, radelten aus dem Dorf heraus zum Hügel am alten Steinbruch. Von dort aus, hatte Jonas im Internet gelesen, konnte man den Meteorenstrom heute Nacht besonders gut sehen.

„Es wird mega“, sagte Malik, als sie die Räder an einer stacheligen Hecke abstellten. „Die Sternschnuppen werden so runterregnen, dass wir uns hundert Wünsche ausdenken müssen.“

„Ein paar vorsichtige Wünsche reichen“, antwortete Jonas. „Sonst geht was schief.“

„Bei Wünschen kann nichts schiefgehen“, behauptete Malik. „Außer man wünscht sich, ein Frosch zu werden.“

Sie kletterten den schmalen Pfad hinauf. Oben war die Luft noch klarer. Der Himmel wölbte sich riesig, ein dunkles Zelt voller Silberpunkte. Jonas breitete die Decke aus, Malik setzte die Lampe an den Rand. Als er auf den Schalter drückte, sprang ein sanftes, honigfarbenes Licht an. Es war nicht grell, sondern flüsternd warm, als würde es von innen her leuchten.

„Perfekt“, meinte Jonas. „Jetzt sehen wir genug, ohne die Sterne zu stören.“

Sie lagen auf dem Rücken. Die erste Sternschnuppe fügte einen kurzen, weißen Strich an den Himmel. Dann kam eine zweite, dann eine dritte, länger, heller. Malik stieß Jonas mit dem Ellenbogen an. „Siehst du das?“

„Wenn du mich anstupst, sieh du es für uns beide“, murmelte Jonas, aber er lächelte. Noch eine Schnuppe. Und noch eine.

Dann wurde das Licht am Horizont plötzlich anders. Nicht weiß, sondern türkis. Nicht schnell, sondern langsam, schwebend, wie ein Glühkäfer, der nicht wusste, wohin er wollte. Es zog über den Wald am Fuß des Hügels.

„Das ist keine normale Sternschnuppe“, flüsterte Malik. „Das ist …“ Er suchte ein Wort. „Das ist etwas.“

Jonas setzte sich auf. Sein Herz klopfte, aber nicht vor Angst, eher vor etwas, das wie Neugier aussah. „Wir gehen hin“, sagte er, und dann fügte er hinzu, ganz ernst: „Aber vorsichtig. Wir fassen nichts an. Wir laufen nicht direkt drauf zu. Wir denken, bevor wir tun.“

„Abgemacht“, sagte Malik. Er griff nach der Lampe. „Die nehmen wir mit.“

„Die Lampe bleibt an“, entschied Jonas. „Warm hilft immer.“

Sie schulterten den Rucksack, nahmen die Lampe in die Hand und stiegen den Hügel hinunter, dem türkisfarbenen Schimmer entgegen.

Kapitel 2 — Der Hüter der Himmelskiesel

Der Wald empfing sie mit einem Rascheln, als würde er ihnen zuflüstern: Tretet leise. In den Bäumen hing das Licht wie schmale Schleier. Es roch nach feuchter Erde und Pilzen. Malik wollte vorauslaufen, aber Jonas legte ihm die Hand auf den Arm. „Erst lauschen“, flüsterte er.

Und da hörten sie es: ein leises, vibrierendes Summen, das nicht nach Insekt klang, sondern nach einem Glas, das singt, wenn man mit dem Finger am Rand entlangfährt.

„Hier entlang“, murmelte Malik und zeigte auf eine Stelle, wo das Licht zwischen den Stämmen dichter wurde. Sie schoben Zweige zur Seite und blieben abrupt stehen.

Vor ihnen lag eine Mulde im Boden, rund wie eine Schale. In der Mitte schwebten Steine. Sie waren faustgroß, einige so glatt, als wären sie jahrelang im Wasser gerollt, andere kantig und dunkel. Sie schwebten nicht hoch, nur zwei Handbreit über dem Moos, und bewegten sich langsam, als würden sie atmen.

Neben der Mulde stand ein Wesen, das nicht in den Wald gehörte und doch wirkte, als hätte der Wald es eingeladen. Es war nicht größer als ein Mensch. Die Haut hatte einen Schimmer, als sei sie aus feinstem Nebel gewebt. Augen wie tiefe Tropfen, die Licht sammelten. Der Kopf war von einer Art Kranz umgeben, dünn wie Libellenflügel, die bei jeder Bewegung leise klirrten.

Jonas riss die Augen auf. Malik auch. Beide sagten nichts.

Das Wesen hob die Hand, flach, als wollte es sagen: Keine Gefahr.

Malik atmete aus. „Hallo?“, flüsterte er und kam sich albern vor, weil er flüsterte, obwohl die Nacht ohnehin schon flüsterte.

Das Wesen blinzelte langsam. Dann berührte es ein Band an seinem Handgelenk. Ein kleines, mattes Dreieck glomm auf. „Hallo“, sagte es, und die Stimme klang, als wäre sie aus zwei Stimmen gemacht: eine helle, eine tiefe. „Nicht erschrecken. Ich bin Talo.“

„Talo“, wiederholte Jonas. Er merkte, wie sein Bauch gleichzeitig kitzelte und kniff. „Ich bin Jonas. Das ist Malik.“

„Hi“, sagte Malik. „Sind das … sind das wirklich schwebende Steine?“

„Sie heißen Himmelskiesel“, antwortete Talo. „Sie sind jung. Sie haben den Weg verloren.“ Er deutete auf die Mulde. Einige der schwebenden Steine zitterten. Das Summen wurde einen Hauch höher, dann wieder tiefer. „Heute ist viel los. Die Atmosphäre hier singt. Die Jungen werden nervös.“

„Du passt auf sie auf?“, fragte Jonas, und seine Stimme war jetzt ruhig. Er stellte die Lampe auf einen flachen Felsblock. Ihr warmes Licht legte sich wie eine Hand auf den Ort.

Talos Blicke glitten zur Lampe. Die dünnen, libellenartigen Flügelchen um seinen Kopf vibrierten einmal. „Diese Lampe“, sagte er langsam. „Sie macht weiche Wellen. Das hilft.“

„Das ist eine alte Lampe von meiner Oma“, erklärte Jonas. „Sie schenkt Licht, ohne die Augen zu erschrecken.“

Talo nickte. „Ich bin ein Wächter. Seit sehr langer Zeit begleite ich Himmelskiesel durch die dunklen Räume und halte sie zusammen, bis sie groß genug sind, um ihren eigenen Weg zu finden. Doch heute stürzten viele zu früh. Mein Sternenkompass fiel aus. Sie kamen durcheinander.“

„Sternenkompass?“, fragte Malik. „Meinst du so was wie eine Karte?“

„Eine Karte, ja, eine, die singt“, sagte Talo. „Ich muss sie reparieren, sonst verfangen sich die Kleinsten in eurem Schwerklettenwald.“ Er trat vorsichtig auf die Mulde zu. Eine Hand bewegte sich wie in Wasser in der Luft, und einer der Steine sank ruhig auf den Moosboden.

Jonas beobachtete ihn. Vorsichtig war gut. Vorsichtig war klug. „Wir können helfen“, hörte er sich sagen, bevor sein Kopf ganz nachgekommen war. Dann setzte er hinzu: „Wenn es sicher ist.“

Talos Mundwinkel hoben sich, wie bei einem Lächeln. „Sicher ist, was gedacht ist. Eilig ist, was schadet, wenn es vorgeht. Ihr seid kluge Jungen.“

Malik griente. „Endlich sagt das mal jemand.“

Von irgendwoher klang ein Hundebellen. In der Stadt, am Horizont, flackerte kurz das Licht, als hätte jemand an einem riesigen Schalter geruckelt.

„Sie spüren die Unruhe“, sagte Talo fast zu sich selbst. „Die Himmelskiesel schicken kleine Wellen. Tiere hören es, Strom auch.“

„Dann sollten wir schnell—“, begann Malik.

„Langsam“, unterbrach Jonas sanft. „Schnell, ja. Aber langsam.“

Talo neigte den Kopf. „Langsam schnell“, sagte er, als wäre es ein altes Sprichwort. „Gut.“

Kapitel 3 — Die Lampe, die beruhigt

Sie bauten eine Art Nest. Talo zeigte, wie: Man legte weiches Moos und trockene Blätter in eine runde Vertiefung, dann kleine Steine am Rand, die wie Wellenbrecher wirkten. Jonas hob die Lampe um ein paar Handbreit höher, sodass ihr Licht wie eine warme Decke darüber floß.

„Wenn ich die Lampe höher halte, ist das Licht weicher“, erklärte er. „So sagte es meine Oma immer, wenn sie mich ins Bett brachte.“

„Deine Oma ist eine gute Ingenieurin“, murmelte Talo und lenkte einen zitternden Himmelskiesel mit zwei Fingern in die Mitte. „Seht ihr, wie er atmet?“

Malik beugte sich vor. Der kleine Stein vibrierte und ruhte dann. „Er ist wie ein Baby“, flüsterte er. „Ein Baby-Stein.“

„Bitte nicht füttern“, murmelte Jonas, und beide kicherten leise.

Sie holten mehr Himmelskiesel. Talo hatte ein Feldsegel, eine durchsichtige Fläche, die in der Luft stand, wenn er sie mit zwei Gesten aufspannte. Wenn ein Stein zu hoch schwebte, fing das Segel ihn auf und leitete ihn in die Mulde zurück. Malik durfte das Segel einmal halten. Es fühlte sich an wie ein Stück Wolke, die jemand glatt gestrichen hatte.

„Nicht drücken“, sagte Talo, als Malik neugierig die Finger dagegen legen wollte. „Nur führen.“

„Führen, nicht drücken“, wiederholte Malik und war plötzlich sehr ernst. Er führte das Segel so, als wäre es ein Schmetterling, den man nicht erschrecken durfte.

Vom Dorf her hörten sie jetzt Stimmen. Eine Sirene heulte kurz auf, dann wieder ab. Jonas' Handy vibrierte. Er las: Störungen im Stromnetz. Bitte Ruhe bewahren.

„Aha“, sagte er. „Bitte Ruhe bewahren.“

„Wir bewahren“, sagte Malik. „Wir sind praktisch die Bewahrer vom Dienst.“

„Hüter“, korrigierte Talo, mit einem Blick, der glitzerte. „Dieses Wort gefällt mir. Und ihr seid jetzt meine Helfer.“

Jonas fühlte einen kurzen Stolz, so warm wie die Lampe. Trotzdem schaute er zurück zum Dorf. „Wir sollten jemanden Bescheid sagen, aber nicht jeden“, sagte er langsam. „Wenn alle kommen, gibt es Gedränge und Fragen und vielleicht Angst. Angst macht unruhig.“

„Klug“, sagte Talo. „Angst macht Wellen.“

Sie beschlossen, Herrn Reimann anzurufen, den Leiter des kleinen Sternwarten-Klubs. Er war neugierig, aber nie hektisch. Jonas wählte. „Herr Reimann? Wir sind beim Steinbruch. Es gibt … ungewöhnliche Dinge. Können Sie kommen? Bringen Sie niemanden mit, der schreit.“

Herr Reimann schwieg einen Moment, dann sagte er: „Ich schreie nie, Jonas. Und ich komme mit der roten Mütze. Damit ihr mich nicht mit einem Meteorit verwechselt.“

Malik grinste. „Als ob ein Meteorit eine rote Mütze hätte.“

Sie warteten. Die Lampe summte leise, als hätte sie ein Herz. Ein Wind ging durch die Bäume und nahm den letzten Rest von Hitze aus dem Tag. Die Himmelskiesel lagen im Nest und schwebten einen Finger breit darüber, als wollten sie jede Sekunde wieder hoch.

„Erzähl uns von deinem Sternenkompass“, bat Jonas in der Stille.

Talo holte ein kleines, rundes Gerät, das aussah wie eine Muschel aus Milchglas, mit einer feinen Rille ringsum. „Er zeigt nicht nur Wege im Raum“, erklärte er, „er erinnert auch. An Schwingungen, an Geschichten, an Wege, die andere gingen. Heute ist die Erinnerung gerissen. Ein Teil fiel bei der Landung. Ohne ihn sind die Lieder der Himmelskiesel zu laut, zu viele.“

„Du hast ihn verloren?“, fragte Malik.

„Er hängt irgendwo da drüben im Wind“, sagte Talo und deutete in Richtung des alten Windrads hinter dem Wald. „Er singt, aber ich höre ihn nicht richtig.“

„Dann holen wir ihn“, sagte Jonas. „Aber wir gehen vorsichtig. Wir lassen niemanden stolpern, der nicht stolpern muss.“

„Ihr zwei seid sehr nützlich“, sagte Talo und die libellenfeinen Flügelchen um seinen Kopf klirrten leise wie ein Lachen.

Kapitel 4 — Der Weg zum Windrad

Herr Reimann kam mit seiner roten Mütze, wirklich. „Na sowas“, sagte er, als er Talo sah, als wäre er auf einer Messe für besonders seltsame Instrumente. „Schön, dich kennenzulernen, Talo. Ich bin Reimann. Du darfst mich duzen.“ Er sprach, wie er es mit seinen Teleskopen tat: freundlich und konzentriert.

„Duzen“, wiederholte Talo gewissenhaft. „Reimann-du.“

„Ich nehme ‚Reimann‘ ohne etwas“, sagte Reimann und lachte leise. „Die Lampe ist gut. Wer hatte die Idee?“

„Meine Oma“, sagten Jonas und Malik gleichzeitig. Dann nickte Jonas: „Wir müssen zum Windrad. Talo hat etwas verloren. Es ist wichtig.“

Reimann sah in den Himmel, der inzwischen voller feiner Striche war – Sternschnuppen wie Silberhaare in der Nacht. „Ich komme mit, aber wir lassen hier nicht alles allein“, sagte er. „Ich bleibe hier. Ihr geht. Ich passe auf die Kinder auf.“

„Die Kinder?“, fragte Malik.

Reimann deutete auf die Himmelskiesel. „Die Babys. Ihr wisst schon.“

„Ah“, sagte Malik, „die Kinder.“

Talo nickte dankbar. „Die Lampe bleibt hier“, entschied er. „Sie hält die Ruhe. Ihr nehmt mein Nachtauge.“ Er gab Jonas eine Art Brille, die gar keine war. Es war ein schmaler, biegsamer Ring, den man sich über die Stirn legte. Als Jonas ihn aufsetzte, wurden die Schatten im Wald nicht dunkler, sondern tiefer. Er konnte in ihnen Details sehen, als wären sie ein Stück tieferes Licht: Wurzeln, die wie Hände waren, Spinnenfäden, die wie Skizzen hingen, Gesichter der Bäume.

„Wow“, sagte Jonas. „Ich sehe, wo ich nicht hinfassen sollte.“

„Das ist der Sinn“, sagte Talo zufrieden.

Sie gingen los: Talo, Jonas, Malik. Keine Taschenlampe, nur das Nachtauge und der ruhige Schein, der ihnen aus der Richtung des Nestes folgte, als hätte die Lampe ihre Strahlen wie lange Fäden weitergezogen. Der Weg wurde enger, dann weiter, dann standen sie am Fuß des alten Windrads. Die Flügel standen still, aber hoch oben klapperte etwas im Geäst eines großen Baums daneben.

„Da“, sagte Malik und zeigt. „Das Ding hängt fest.“

Sie sahen es jetzt: eine schimmernde Scheibe, halb im Blätterdach, halb in der Luft. Ein dünner Draht hatte sich um einen Ast gewickelt. Bei jedem Windhauch sang etwas ganz leise, aber das Lied war zerrissen, voller Pausen.

Noch bevor Malik den ersten Ast anfasste, hielt Jonas ihm den Arm. „Warte. Erst denken. Wenn wir da ran springen, reißen wir es kaputt. Oder wir fallen. Oder beides.“

Malik hob beide Hände. „Ich springe nicht. Ich verspreche es. Was machen wir?“

Talo legte die Hand an den Stamm und schloss die Augen. Seine Stirn leuchtete kurz. „Die Äste sind trocken. Der Draht ist alt. Er mag es nicht, wenn man ihn stolpert“, sagte er in seinem eigenen, seltsamen Stil.

„Wir brauchen Seil“, sagte Jonas. „Ich habe meinen Klettergurt im Rucksack. Und ich weiß, wie man einen Knoten macht, sodass er hält, aber wieder aufgeht.“ Er holte das Seil, band es um den Stamm, prüfte es. „Sicher ist sicher“, murmelte er. „Wenn etwas wackelt, halten wir. Nicht ziehen, führen.“

„Klingt nach einer Lebensweisheit“, sagte Malik und ließ sich vom Seil halten, während er langsam, vorsichtig in den unteren Astbereich kletterte. Jonas stand unter ihm, die Beine stabil, die Arme locker, aber bereit. Talo hielt das Feldsegel gespannt, als wäre es ein zusätzliches Netz.

Oben klapperte der Draht wieder. Malik verharrte. „Ich brauche einen Haken.“

Jonas reichte ihm einen Karabiner. „Du machst den Draht erst locker“, sagte er. „Zwei Finger breit. Nicht reißen.“

„Zwei Finger breit“, wiederholte Malik. Seine Zunge lugte ein bisschen zwischen den Lippen hervor, wie immer, wenn er sich sehr konzentrierte. Er führte den Karabiner unter den Draht, hob ihn, gab nach, wartete, hob ein wenig weiter. Das zerfetzte Lied wurde leiser, dann heller, dann wieder ganz leise.

„Jetzt“, sagte Talo.

Malik drehte, der Draht glitt frei, die Scheibe schwankte – und rutschte. Einen Herzschlag lang war sie einfach nur ein Stück Glanz in der Luft. Dann lag sie auf dem Feldsegel, das Talo genau darunter geführt hatte.

„Hab dich“, flüsterte Malik, obwohl er die Scheibe gar nicht in der Hand hatte. Er kletterte langsam zurück. Unten stellte er sich neben Jonas, beide sahen Talo an.

„Das ist dein Sternenkompass?“, fragte Jonas.

„Ein Teil davon“, sagte Talo. „Der, der die Geschichten hält, damit die Wege wissen, woran sie erinnern sollen.“

„Klingt poetisch“, murmelte Malik. „Und ein bisschen kompliziert.“

„Wir machen ihn wieder ganz“, sagte Jonas. „Mit unseren Mitteln und deinem Wissen.“

Kapitel 5 — Die Reparatur

Sie setzten sich ins Gras am Fuß des Windrads. Talo öffnete die milchige Muschel. Innen lagen feine, durchsichtige Fäden, die sich anfühlten, als wären sie aus Licht gemacht. Einige waren gerissen, barsten mit einem leisen Pling, wenn man sie berührte.

„Sie brauchen Ruhe und etwas, das sie erinnert“, sagte Talo leise. „Etwas Warmes. Etwas, das Menschen ‚Zuhause‘ nennen.“

„Die Lampe“, sagte Jonas. „Aber die ist beim Nest.“

„Vielleicht reicht unser Kartoffelfeuer“, schlug Malik vor und grinste unsicher, weil er keine Kartoffeln dabeihatte und eigentlich überhaupt kein Feuer machen wollte. Auf keinen Fall im Wald.

„Kein Feuer“, sagte Jonas. „Wir könnten mein Handwärmekissen benutzen. Das hat Oma auch eingepackt. Man knickt das Metallplättchen, und dann wird es warm. Nur ein bisschen, nicht heiß.“

„Das klingt richtig“, sagte Talo.

Jonas holte das kleine Kissen, durchsichtig, mit einer milchigen Flüssigkeit darin. Er knickte das Metallplättchen. Sofort breitete sich Wärme aus, sanft, wie eine Bürste aus Licht. Talo hielt die offene Muschel darüber. Die zersprungenen Lichtfäden hörten auf zu zittern. Eine zarte Farbe ging durch sie, so etwas wie die Farbe von Pfirsich, wenn die Sonne ihn trifft.

„Jetzt die Erinnerung“, murmelte Talo. Er berührte das Kissen, dann legte er die Fingerspitzen an seine Stirn und wieder zurück zu den Lichtfäden. Ein flaches, kaum hörbares Lied hob an, nur eine Linie, als würde jemand einen dünnen, hellen Ton durch einen Strohhalm pusten. Malik hielt die Luft an. Jonas merkte, dass sein Herz wieder langsam schlug.

„Es klappt“, sagte Talo. Seine Stimme war flüsternd. „Ihr habt gute Dinge in euren Taschen.“

„Die meisten sind von meiner Oma“, sagte Jonas und versuchte nicht zu kichern, weil er an die vielen, kleinen Sachen dachte, die sie ihm immer mitgab: Taschentücher, Pflaster, Bonbons, Handwärmer. Nichts davon fühlte sich heute nutzlos an.

„Was ist mit den Himmelskieseln, die nicht zu dir fanden?“, fragte Malik nach einer Weile. „Sind die irgendwo draußen und machen Unruhe?“

Talo nickte. „Ein paar. Sie hörten das Lied falsch und folgten Funktürmen, Smarthäusern, großen Lichtern, die ‚komm‘ heißen. Wir müssen sie sammeln, bevor sie in eure Drähte steigen und sie zum Singen bringen.“

„Dann beeilen wir uns“, sagte Jonas. „Aber vorsichtig.“

Sie stiegen durch den Wald zurück. Beim Steinbruch war es dunkler geworden, aber am Nest lag immer noch der warme, ruhige Schein der Lampe. Reimann stand mit verschränkten Armen da, wie ein Dirigent vor einem sehr leisen Orchester. „Die Babys schlafen“, flüsterte er. „Sie schnarchen kaum.“

„Gut gemacht, Reimann“, sagte Talo ernst. „Jetzt bitte Lampen-ruhig bleiben.“

Talo setzte die Muschel auf den Boden, fügte das schimmernde Teil darüber und berührte beide. Das Korn eines Liedes stieg auf, fädelte sich ein. Jonas sah, wie leichte Linien aus Licht zwischen der Muschel und dem Teil wanderten, erst dünn, dann stärker. Ein letztes „Pling“, dann war es still. Nicht das ängstliche still, sondern das volle, runde Still, das man hat, wenn alles da ist, wo es hingehört.

„Der Kompass erinnert sich wieder“, sagte Talo. „Wir holen die, die fehlen.“

Es wurden fast zwei Stunden. Sie gingen in den Rand des Dorfes, auf Wiesen, in die Nähe der kleinen Solaranlage am Wasserwerk. Talo zeigte mit der Hand, und manchmal sah man tatsächlich einen Himmelskiesel, der zögernd über einem Zaun schwebte oder auf dem Dach eines Schuppens vibrierte. Jonas trug die Lampe, Malik das Feldsegel. „Führen, nicht drücken“, flüsterte er jedes Mal, und jedes Mal glitt der kleine Stein in das Segel wie eine Antwort auf eine Frage, die leicht genug gestellt war.

Einmal blieb Malik mit dem Fuß hängen. Er fiel nicht, weil Jonas neben ihm ging, fest und wachsam, das Gewicht etwas vor die Fersen gesetzt, bereit, zu halten. „Danke“, murmelte Malik. „Ich war schneller als mein Kopf.“

„Kann passieren“, sagte Jonas. „Wichtig ist, es zu merken.“

Einmal kam ein Nachbar aus dem Haus und rief: „Was macht ihr da?“ Jonas hob die Lampe etwas an und sagte in ruhigem Ton: „Wir bringen Heimkehrern den Weg. Alles gut. Bitte keine lauten Geräusche.“ Der Nachbar sah erst die Lampe, dann die ernsthaften Gesichter, dann nickte er, als hätte er verstanden, ohne zu wissen, was genau.

Als sie zurückkamen, war das Nest voll. Die Himmelskiesel lagen wie eine Schale voller schwebender, dunkler Trauben. Die Lampe war flau geworden, als hätte auch sie viel getan. Talo kniete sich hin, legte die flache Hand über das Nest und sang etwas, das nur aus drei Tönen bestand. Es klang nach einem Versprechen.

Kapitel 6 — Die Karte des Himmels

„Jetzt“, sagte Talo, „zeige ich euch, was ich den Kleinen zeige, wenn es Zeit ist zu gehen.“

Er stellte die Muschel – den reparierten Sternenkompass – auf einen flachen Stein. Das milchige Material glomm, als würde darin eine kleine Morgendämmerung stattfinden. Talo berührte eine Stelle, dann noch eine. Linien erschienen, erst am Boden, dann feiner, höher, wie Fäden, die in die Luft gespannt wurden.

„Auf die Wiese“, flüsterte Jonas. „Da ist Platz.“ Er trug die Lampe, Malik trug eine Hand voll Nest-Moos, warum auch immer, es fühlte sich richtig an. Reimann folgte, die rote Mütze abgenommen.

Sie stellten den Kompass in die Wiese. Talo trat zurück und hob beide Hände. Das Feld über ihnen wurde plötzlich nicht nur Himmel, sondern auch Zeichen. Sterne verbanden sich durch sanfte Linien, nicht streng, eher wie freundliche Wege. Wo man vorher nur Punkte gesehen hatte, waren jetzt Muster, die sich öffneten wie Gesichter.

„Das ist eine Karte“, hauchte Malik. „Eine echte. Eine lebendige.“

„Eine Karte, die nicht sagt: Hier ist ein Pfeil, folge ihm“, sagte Talo leise. „Sondern die fragt: Wie fühlst du dich, wenn du diese drei Sterne zusammen siehst? Und die Antwort führt dich.“

Die Himmelskiesel im Nest hoben sich ein wenig, als hörten sie zu. Die warme Lampe legte ihre weiche Farbe über alles, so dass die Nacht nicht mehr dunkel, sondern tief erschien. Am Horizont stand das Dorf ruhig. Keine Sirene mehr, keine flackernden Lichter. Nur die Grillen sangen wieder ihr kleines Lied.

„Und jetzt?“, fragte Jonas.

„Jetzt bringe ich sie zurück in die Bahn, die sie brauchen“, sagte Talo. „Ihr habt geholfen, ihnen die Angst zu nehmen. Ohne Angst fällt Denken leichter.“

„Das gilt für Menschen auch“, sagte Reimann und nickte, als hätte er den Satz schon oft gedacht.

„Dürfen wir … können wir vielleicht …“, begann Malik und winkte vage in Richtung Himmel.

Talo verstand. „Ihr dürft schauen“, sagte er. „Ihr dürft erinnern. Und ihr dürft vorsichtig sein. Vor allem, wenn ihr gar nicht wisst, wovor.“

Er hob die Hände. Die Himmelskiesel stiegen höher, langsam, als wollten sie sich noch mal umdrehen und winken. Ein paar von ihnen warfen das warme Licht der Lampe zurück, sodass die Luft plötzlich voll von kleinen, goldenen Atemzügen war. Dann schraubten sie sich in eine spiralförmige Bahn, die im Sternenlicht verschwand.

„Ich werde wiederkommen“, sagte Talo, „irgendwann, wenn die Jungen groß sind, oder wenn die Nacht wieder singt, ohne zu wissen, welches Lied.“

„Du kannst unsere Lampe leihen“, bot Malik großmütig an, und Jonas trat ihm auf den Fuß, aber nur leicht.

Talo lächelte. „Ich habe ihr Lied gespeichert. Es war sehr freundlich. Ihr dürft sie behalten. Gutes Licht braucht gute Hände.“

Er legte Jonas die Hand auf die Stirn, kurz, Federleicht. Dasselbe tat er bei Malik. „Denkt immer zuerst. Dann geht. Und wenn ihr könnt, geht zusammen.“

„Abgemacht“, sagten Jonas und Malik gleichzeitig.

Sie standen da, auch als Talo schon eine Gestalt aus weich werdendem Licht war, und noch, als nur noch das Nest, die Wiese, die Lampe und die Sterne blieben. Reimann zog die rote Mütze wieder an. „Eins müsst ihr mir versprechen“, sagte er. „Wir erzählen das nicht als Gruselgeschichte. Wir erzählen es als Nachtgeschichte mit Mut und Ruhe. Und vielleicht sagen wir nicht alles auf einmal.“

„Wir erzählen es gar nicht“, sagte Jonas. „Nur in kleinen Stücken. Manchmal ist Geheimnis auch Schutz.“

„Genau“, sagte Malik, machte aber ein Gesicht, als würde er es kaum aushalten, nicht zu prahlen. „Aber die Lampe zeige ich Oma“, fügte er hinzu. „Die wird stolz.“

Sie packten zusammen. Die Lampe war wieder hell genug, um den Weg zu sehen, aber nicht so hell, dass die Sterne verschwanden. Als sie den Hügel hinaufgingen, drehte Jonas sich noch mal um. Über dem Feld hingen Linien, zart wie Fäden. Er sah die drei Sterne, die er fast immer vergaß, wenn er nur Punkte sah. Er sah den Bogen, der von ihnen zu anderen führte. Er sah Wege, die aus Licht bestanden.

„Schau“, sagte er leise zu Malik. „Es ist, als wäre der Himmel nicht nur oben. Er ist zwischen uns und in uns, wie eine Erinnerung, die man teilen kann, ohne dass sie weniger wird.“

„Klingt poetisch“, murmelte Malik, und diesmal sagte er es mit Respekt. „Ich mag das.“

Zu Hause, auf Jonas' Zimmer, stellten sie die Lampe auf den Schreibtisch. Das Fenster stand offen, die Nacht hing wie ein dunkles Tuch draußen. Sie schalteten die Lampe an. Warmes Licht füllte den Raum. Jonas setzte sich an seinen Schreibtisch, holte ein Blatt Papier und einen Stift. Er zeichnete nicht die ganze Nacht, nur das, was er noch in sich trug: ein paar Sterne, die durch sanfte Linien verbunden waren, ein kleines Nest, eine spiralige Spur. Malik lehnte neben ihm, sah zu, und nickte jedes Mal, wenn eine Linie genau da war, wo sie hingehörte.

„Weißt du“, sagte Jonas, als er den Stift sinken ließ, „ich glaube, es ist gut, dass wir Angst haben können. Sie sagt uns: Pass auf. Aber ich glaube auch, dass Mut so ähnlich ist wie diese Lampe. Er macht die Angst nicht weg. Er macht sie warm, sodass man in ihr atmen kann.“

„Ja“, sagte Malik schlicht. „Und dann kann man denken. Und dann kann man gehen.“

Sie sahen aus dem Fenster. Über den Dächern der Stadt war der Himmel leise. Keine flackernden Lichter, kein nervöses Summen. Nur weit, ganz weit oben, lag eine zarte Zeichnung, so fein, dass man sie fast übersehen hätte. Jonas und Malik erkannten sie trotzdem.

Beide wussten: Egal, wie viele Nächte noch kommen würden, heute hatten sie gelernt, dass man das Unbekannte freundlich begrüßen kann, wenn man es mit Vorsicht und Wärme tut. Und als der Wind das Papier auf dem Schreibtisch berührte, da glitt die Zeichnung gegen das Licht der Lampe, und auf der Wand erschien eine Karte des Himmels.

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Meteorenstrom
Eine Gruppe von Meteoriten, die in einer bestimmten Zeit am Himmel sichtbar sind.
Stamm
Der Hauptteil eines Baumes, von dem die Äste abgehen.
Himmelskiesel
Kleine, runde Steine, die im Himmel erscheinen und manchmal leuchten.
Lüstern
Leise und heimlich, oft mit einer bestimmten Absicht.
Kompass
Ein Gerät, das die Richtung zeigt, in die man geht.
Wellenbrecher
Ein Gegenstand, der Wellen aufhält oder abbremst, oft im Wasser.
Vibrierende
Sich schnell hin und her bewegen, oft mit einem Geräusch verbunden.

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