Kapitel 1: Die stille Gasse mit dem Sternenlicht
Mina war zehn und konnte warten wie niemand sonst. Nicht dieses langweilige Warten, bei dem man mit den Füßen scharrt, sondern das geduldige, bei dem man Dinge bemerkt: den weichen Schein einer Straßenlaterne, das Rascheln einer Zeitung im Wind, den Geruch von warmem Brot, der aus einer Bäckerei an der Ecke kroch.
An diesem Abend war die Stadt fast leise. Mina ging den Heimweg, wie immer, durch eine schmale, ruhige Gasse hinter den alten Häusern. Über ihr hing ein Stück Himmel zwischen den Dächern, dunkelblau wie Tinte.
Da hörte sie ein Geräusch, als würde jemand mit einem Löffel ganz vorsichtig gegen eine Glocke tippen. Ein helles pling, dann noch eins. Mina blieb stehen. Geduldig. Sie spähte in die Gasse hinein.
Am Ende, dort wo sonst nur Mülltonnen und ein vergessener Fahrradreifen standen, glomm etwas. Nicht wie eine Lampe. Eher wie ein Stück Mond, das heruntergefallen war und jetzt in einer Ecke steckte.
„Hallo?“, fragte Mina in die Stille.
Das Glimmen wurde heller, als hätte es sie gehört. Und dann schob sich etwas aus dem Schatten: ein rundes, glattes Ding, ungefähr so groß wie ein Kleinwagen, ohne Räder, ohne Fenster. Es schwebte knapp über dem Boden, als sei der Asphalt für einen Moment nicht wichtig.
Mina schluckte. Ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer, aber ihre Füße blieben ruhig. Geduld kann manchmal stärker sein als Angst.
Aus dem runden Ding klappte eine kleine Tür auf. Nicht mit einem Knarzen, sondern mit einem sanften pff, wie wenn man eine Tüte Chips öffnet. Ein warmer Lichtstreifen fiel in die Gasse.
Mina trat näher. „Das ist… ein Raumschiff“, flüsterte sie, und es klang, als würde sie ein Geheimnis aussprechen.
Im Lichtstreifen stand ein Wesen. Es war etwa so groß wie Mina, hatte einen schmalen Körper, lange Arme und Augen wie zwei dunkle Murmeln. Um den Hals hing etwas, das wie ein Schal aus feinen, glänzenden Fäden aussah.
Das Wesen hob langsam eine Hand. „Haa… lo?“
Mina musste trotz allem lächeln. „Hallo“, sagte sie zurück. „Ich heiße Mina.“
Das Wesen deutete auf sich. „Lu.“
Und dann, als hätte es sich dafür entschieden, dass Mina nicht gefährlich war, machte Lu einen kleinen Schritt zurück und zeigte auf die offene Tür. Eine Einladung, ohne Worte.
Mina ging nicht sofort hinein. Sie stellte sich direkt neben den Türrahmen, so nahe, dass sie das warme Licht auf ihrem Arm spüren konnte. Die offene Tür fühlte sich an wie ein freundlicher Mund, der nicht drängte.
„Ich bleibe erstmal hier“, sagte Mina. „Nur… gucken.“
Lu nickte so ernst, dass es fast komisch war, und Mina musste schon wieder grinsen.
Kapitel 2: Die Tür, die wie Mut riecht
Von innen sah das Raumschiff aus wie eine kleine, runde Stube. Es gab keine Ecken. Alles war weich gebogen, als hätte jemand eine Seifenblase in ein Zimmer verwandelt. Überall liefen leise Lichter, die wie Glühwürmchen an den Wänden entlangwanderten.
Mina blieb am Eingang stehen. Die Tür hinter ihr war noch offen, und die ruhige Gasse lag wie ein vertrauter Teppich draußen. Das machte es leichter. Sie spürte: Hier drinnen ist fremd, aber die Tür ist da. Die Tür ist wie ein Versprechen.
Lu trat neben sie und hielt ihr etwas hin: eine flache Scheibe, die aussah wie ein Spiegel, aber darin tanzten kleine Punkte, als wären winzige Sterne gefangen.
„Für… sprechen“, sagte Lu und legte sich die Scheibe an den Hals. Dann hörte Mina Lus Stimme auf einmal klarer, als hätte sie einen neuen Platz gefunden. „Ich kann jetzt besser.“
Mina staunte. „Das ist ja praktisch.“
Lu nickte. „Du… nicht Angst?“
Mina überlegte kurz. „Ein bisschen. Aber ich kann warten. Und ich bleibe bei der Tür.“
Lu legte den Kopf schief. „Tür… gut.“
„Tür ist gut“, bestätigte Mina.
Im Inneren gab es etwas, das wie ein Tisch aussah, nur dass er aus Licht bestand. Darüber schwebten kleine Kugeln, die sich drehten, als spielten sie ein Spiel. Als Lu eine Kugel berührte, wurde sie zu einem Bild: eine Karte, aber nicht von der Stadt. Es war eine Karte mit Punkten, Linien, Spiralen. Ein Himmel, der gezeichnet worden war.
„Dein… Ort“, sagte Lu und tippte auf einen winzigen Punkt. „Hier.“
Dann tippte Lu auf einen Punkt weit weg, in einer anderen Spirale. „Mein… Ort. Sehr weit.“
Mina zog die Augenbrauen hoch. „Du bist wirklich weit gereist.“
„Ja. Und… falsch gelandet.“ Lu machte eine kleine, entschuldigende Bewegung, die Mina an jemanden erinnerte, der aus Versehen gegen eine Vase gestoßen hat.
„Dann bist du hier in meiner Gasse gelandet“, sagte Mina. „Das ist gar nicht so schlimm. Hier ist es meistens ruhig. Nur die Katze von Frau Noll ist manchmal gruselig.“
Lu sah sofort alarmiert aus. „Katze?“
„Die ist nicht böse“, beruhigte Mina schnell. „Sie guckt nur so, als wüsste sie alles.“
Lu entspannte sich ein wenig. Dann zeigte Lu auf ein Fach an der Wand. Es öffnete sich wie von selbst und gab ein kleines, silbriges Ding frei, das aussah wie ein zusammengefalteter Löffel.
„Kaputt“, sagte Lu.
Mina beugte sich vor, blieb aber mit den Schuhspitzen im Licht der Tür stehen. „Was ist das?“
„Teil für… Heimweg“, erklärte Lu. „Ohne das… nicht gut.“
Mina dachte an die Bäckerei, an den Wind, an die vertraute Gasse hinter sich. Und sie dachte an Lu, das so ernst und höflich war, dass man es einfach mögen musste.
„Dann reparieren wir das“, sagte Mina. „Zusammen.“
Lu blinzelte. „Zusammen… klingt gut.“
Kapitel 3: Ein Handel mit Schrauben und Keksen
Mina wusste nicht viel über Raumschiffe. Aber sie wusste, wie man Dinge findet, die fehlen. Und sie wusste, dass Erwachsene manchmal alles komplizierter machen, als es sein muss.
„Du musst hier bleiben“, sagte Mina. „Wenn jemand dich sieht, gibt's nur Geschrei und Sirenen. Und du bist bestimmt nicht hier, um Sirenen zu sammeln.“
Lu hielt die Hände hoch. „Keine Sirenen.“
„Gut“, sagte Mina. „Ich hole, was wir brauchen.“
Lu gab Mina eine kleine Tasche, leicht wie ein Beutel Federn. „Darin… Dinge.“
Mina nickte, trat aus dem Licht und spürte sofort die kühle Luft der Gasse. Sie drehte sich noch einmal um: Lu stand im Türrahmen, wie ein stiller Wächter, und die Tür war weiterhin offen, freundlich, geduldig.
Mina lief zur Bäckerei-Ecke. Herr Sander, der Bäcker, kehrte gerade den Bürgersteig. „Mina! Noch unterwegs?“
„Nur kurz“, sagte Mina. „Haben Sie… äh… einen Keks?“
Herr Sander lachte. „Immer. Nimm zwei.“
Mina steckte die Kekse ein. Dann ging sie in den kleinen Laden nebenan, wo es Schrauben, Batterien und alles gab, was nach Metall roch. Frau Elif hinter der Kasse kannte Mina. „Was suchst du?“
Mina zeigte auf ein Regal. „So einen kleinen Draht. Und vielleicht… eine winzige Feder.“
Frau Elif legte ihr beides hin. „Wofür?“
Mina überlegte. „Für ein… Spielzeug. Es soll wieder funktionieren.“
„Ein wichtiges Spielzeug“, sagte Frau Elif und zwinkerte.
Mina rannte zurück. Die Gasse war noch stiller geworden, als hätte sie den Atem angehalten. Der Lichtstreifen aus der Tür war immer noch da, warm und einladend.
Lu nahm die Tasche und sah die Kekse. „Das… Essen?“
„Ja“, sagte Mina. „Das ist ein Friedensangebot. Auf der Erde repariert man besser, wenn man nicht hungrig ist.“
Lu nahm vorsichtig einen Keks, roch daran, als würde es den Sternenduft prüfen, und biss hinein. Dann wurden Lus Augen groß. „Oh! Knusper… Glück.“
Mina lachte leise. „Genau.“
Sie setzten sich nicht hin. Mina blieb nahe bei der Tür, auf der Grenze zwischen Gasse und Schiff, und Lu kniete am offenen Fach. Das kaputte Teil lag da wie ein beleidigter Löffel.
„Zeig“, sagte Mina.
Lu legte es in Minas Hände. Es war kühl, aber nicht kalt. Es vibrierte ganz leicht, als würde es sich erinnern wollen, wie es funktioniert.
Mina nahm den Draht und die Feder. „Wenn das hier hält… und das da drückt…“
Lu beobachtete jeden Handgriff, als sei Mina eine Zauberin. „Du… kannst?“
„Ich kann probieren“, sagte Mina. „Das ist manchmal genug.“
Als Mina den Draht befestigte, machte das Teil ein kleines schnapp. Dann leuchtete ein Punkt darauf auf, so grün wie eine Erbse.
Lu atmete hörbar aus. „Gut! Sehr gut!“
Mina gab das Teil zurück. „Dann kann dein Heimweg wieder anfangen.“
Lu sah Mina an, lange. „Du… kommst mit?“
Mina stellte sich noch näher an die Tür. Das Licht war wie eine Decke auf ihrer Schulter. Draußen wartete ihr Zuhause. Drinnen wartete etwas Riesiges.
„Ich kann nicht mit“, sagte Mina sanft. „Aber ich kann dir helfen, von hier wegzukommen. Und ich kann dich verabschieden.“
Lu nickte, ein bisschen traurig, aber auch tapfer. „Freund… verabschiedet.“
Kapitel 4: Der Start, der kaum ein Geräusch macht
Lu setzte das reparierte Teil ein. Das Raumschiff summte daraufhin leise, als würde es sich strecken. Die Glühwürmchen-Lichter an den Wänden liefen schneller. In der Mitte des Raumes erschien ein Bild: die ruhige Gasse von oben, als schwebte ein unsichtbarer Vogel darüber.
„Damit… niemand sieht“, erklärte Lu.
„Sehr nett“, murmelte Mina. „Ich möchte nicht, dass Frau Noll denkt, ihre Katze kann jetzt fliegen.“
Lu machte ein Geräusch, das vielleicht ein alienhaftes Kichern war, und Mina fühlte, wie sich die Anspannung löste.
„Du hast mir geholfen“, sagte Lu. „Ich gebe… auch.“
Lu ging zu einem kleinen Fach und holte etwas heraus: eine winzige Kugel, durchsichtig wie Glas. Darin wirbelten Punkte, die wie Schnee aussahen, nur dass sie manchmal die Farbe wechselten.
„Was ist das?“, fragte Mina.
„Erinnerung“, sagte Lu. „Wenn du… traurig oder allein… du schaust. Dann… weißt du: Freund gibt es.“
Mina nahm die Kugel vorsichtig. Sie war warm, als hätte sie einen eigenen kleinen Sommer.
„Danke“, sagte Mina, und ihre Stimme war leiser geworden.
Lu trat zur Tür. Draußen lag die Gasse, still und brav, als wäre nie ein Raumschiff da gewesen. Mina stand genau an der Schwelle, wie am Anfang. Die Tür war ihr sicherer Punkt, ihr Anker.
„Wirst du den Weg finden?“, fragte Mina.
Lu tippte sich an den Hals, wo die Übersetzerscheibe hing. „Teil… heil. Weg… klar.“
„Und wenn du wieder falsch landest?“, fragte Mina.
Lu dachte nach. „Dann… suche ich… Bäckerei.“
Mina musste lachen. „Gute Idee.“
Das Raumschiff zog die Tür nicht sofort zu. Lu hob die Hand. Mina hob auch ihre. Zwei Hände in zwei Welten, im selben Licht.
„Freund Mina“, sagte Lu.
„Freund Lu“, antwortete Mina.
Dann schloss sich die Tür mit dem sanften pff. Das Schiff wurde heller, aber nicht grell. Es hob sich, kaum einen Fingerbreit über den Boden, und glitt aus der Gasse, als würde es auf einem unsichtbaren Fluss fahren. Ein letztes Summen, und dann war es weg, als hätte der Himmel es eingesteckt.
Mina stand noch einen Moment da. Die Gasse war wieder nur eine Gasse. Mülltonnen. Schatten. Eine Laterne. Und trotzdem fühlte sich alles ein bisschen größer an.
Sie steckte die Erinnerungskugel in die Jackentasche und ging nach Hause. Ihr Herz war ruhig. Geduldig.
Als sie an Frau Nolls Fenster vorbeiging, sah sie die Katze auf der Fensterbank sitzen. Sie blinzelte Mina an, als wolle sie sagen: Ich habe alles gesehen.
Mina hielt kurz inne, beugte sich zu der Katze und flüsterte: „Sag's niemandem.“
Die Katze antwortete nicht. Aber Mina hörte in sich drin ein kleines, zurückgehaltenes Lachen, als würde es in ihrer Tasche zwischen den Sternenpunkten kitzeln.
Und so endete der Abend: mit einem gedämpften Kichern.