Teil 1
Milo, der kleine Drache, wachte in seinem Moosbett auf. Draußen glitzerte die Frühlingssonne. Überall roch es nach Gras und nach Blumen. Milo streckte seine Flügel. „Heute ist Ostern!“, sagte er leise und lächelte.
In seiner Höhle standen schon Schalen bereit. Eine mit braunen Eiern. Eine mit roter Farbe. Eine mit gelber Farbe. Und eine mit grüner Farbe. Daneben lagen Pinsel, Punkte-Stempel und ein Tuch.
Milo wollte schöne Ostereier machen. Für seine Freunde im Wald. Für die Nachbarn am Bach. Und für seine Familie im Felsnest.
Er setzte sich hin. „Erst rot, dann gelb, dann grün“, murmelte er. Er tauchte ein Ei in Rot. Es wurde warm in seiner Pfote. Dann malte er weiße Punkte darauf. Punkt, Punkt, Punkt. „So sieht es fröhlich aus“, sagte Milo.
Das zweite Ei wurde gelb. Milo malte kleine Sonnen darauf. Das dritte Ei wurde grün. Milo malte Blätter, die wie kleine Hände winkten.
Auf einmal hörte er ein leises Klingeln. Kling, kling. Es kam aus der Farbschale mit dem Gelb.
Milo blinzelte. In der Schale tanzten winzige Lichtfunken. Nicht laut, nicht wild. Nur weich und leuchtend, wie kleine Sterne am Morgen.
„Hallo?“, fragte Milo.
„Hallo“, flüsterte es zurück. Die Funken drehten sich wie ein kleiner Wirbel. Und dann passierte etwas Seltsames: Ein Ei, das noch ganz weiß war, bekam von selbst ein Muster. Erst ein Ring, dann noch ein Ring. Bunt, ganz fein, wie Regenbogen-Seide.
Milo staunte. „Oh! Das ist ja Zauberfarbe.“
Die Funken klingelten wieder, als würden sie kichern. Milo fühlte sich ruhig dabei. Es war ein freundlicher Zauber, wie eine warme Decke.
Teil 2
Milo malte weiter. Er machte Streifen. Er machte Herzen. Er machte Sterne. Manchmal halfen die Lichtfunken. Sie stupsten sanft die Farben an. Dann glitzerten die Linien ein bisschen. Nicht zu viel. Gerade so, dass man es sehen konnte, wenn man ganz genau hinschaute.
Milo legte die Eier in ein Körbchen aus Weidenzweigen. Er füllte weiches Gras hinein. Und er steckte kleine Federn dazu, die er im Wald gefunden hatte.
Dann dachte Milo an Schokolade. Zu Ostern gehört Schokolade. Er öffnete eine kleine Kiste. Darin lagen Schokoeier, rund und glänzend. Milo schnupperte. „Mmm. Süß.“
Er wollte die Schokoeier neben die bunten Eier legen. Da rollte ein Schokoei weg. Plopp. Es rollte über den Boden, direkt zu einer Ritze im Fels.
„Oh nein, komm zurück“, sagte Milo. Er lief hinterher. Das Schokoei rollte in die Ritze und blieb stecken.
Milo kniete sich hin. „Ich krieg dich da raus.“ Er pustete vorsichtig. Pff. Nichts. Er stupste mit einer Kralle. Das Ei rührte sich kaum.
Da klingelte es wieder. Kling, kling. Die Lichtfunken kamen angeflogen. Sie schwebten über der Ritze, ganz ruhig.
„Keine Sorge“, flüsterten sie.
Ein Funke setzte sich auf Milos Nase. Er kitzelte. Milo musste leise lachen. „Hatschi… nein, kein Hatschi“, sagte er und hielt still.
Die Funken leuchteten sanft in die Ritze. Und Milo sah etwas: Hinter dem Schokoei lag ein kleines, goldenes Glöckchen, das er noch nie gesehen hatte. Es war rund und warm glänzend.
Milo staunte. „Das war hier die ganze Zeit?“
Die Funken flüsterten: „Ein Oster-Geheimnis.“
Milo nahm einen dünnen Zweig und schob das Schokoei vorsichtig heraus. Plopp, da war es wieder frei. Dann nahm er das goldene Glöckchen. Es war nicht schwer. Es fühlte sich freundlich an.
„Darf ich es behalten?“, fragte Milo.
Die Funken klingelten wie ein Ja.
Teil 3
Milo band das Glöckchen an sein Körbchen. Es machte bei jedem Schritt ein leises Kling. Kling, kling. Das klang wie Ostern.
Er ging den Waldweg entlang. Die Sonne malte helle Flecken auf den Boden. Milo besuchte zuerst seine Familie im Felsnest. Dort warteten zwei kleine Drachen, die ihm zuwinkten. „Für uns?“, fragten sie.
„Für euch“, sagte Milo. „Schaut, mit Punkten! Und mit Sonnen!“
„Ohhh“, machten die kleinen Drachen. Sie schnupperten an der Schokolade und kicherten.
Dann ging Milo zum Bach. Dort wohnte eine Biberfamilie. Sie klatschten mit ihren Schwänzen ganz leise aufs Wasser. „Frohe Ostern“, sagte Milo.
„Frohe Ostern“, sagten die Biber. „Deine Eier sind so schön.“
Milo zeigte das Glöckchen. „Ich habe ein Geheimnis gefunden.“
„Kling, kling!“, machte das Glöckchen, als würde es mitreden.
Als Milo weiterging, bemerkte er: Wo das Glöckchen klang, wuchsen kleine Blümchen schneller. Ein gelbes hier. Ein blaues dort. Nicht plötzlich, nicht erschreckend. Ganz sanft, wie ein kleines Hallo im Gras.
Milo fühlte sein Herz warm werden. „Das ist Oster-Zauber“, flüsterte er.
Am Ende des Tages war das Körbchen fast leer. Nur ein einziges Ei blieb übrig: das Regenbogen-Ei mit dem feinen Glanz. Milo setzte sich auf einen sonnigen Stein und hielt es in beiden Pfoten.
„Dieses Ei ist für mich“, sagte er. „Zum Erinnern.“
Die Lichtfunken schwebten noch einmal um ihn herum. Dann wurden sie kleiner. „Gute Nacht“, flüsterten sie.
„Gute Nacht“, sagte Milo.
Als die Abendluft weich wurde, ging Milo nach Hause. Er kuschelte sich in sein Moosbett. Das Glöckchen hing neben ihm und machte ein letztes leises Kling.
Milo schloss die Augen. Er dachte an Farben, an Freunde, an Schokolade und an das freundliche Geheimnis im Fels. Draußen sang ein Vogel leise.
Und so schlief Milo ruhig ein, ganz zufrieden, mit Ostern im Herzen.