Anfang
Leo, Ben und Oskar waren fast vier. Heute war Ostern. Draußen glitzerte die Sonne, und im Garten roch es nach frischem Gras. Die drei Jungs hatten kleine Körbchen in der Hand. In den Körbchen lagen schon ein Schokohase und bunte Papiergras-Fäden.
„Ich sehe was Gelbes!“, rief Ben und wackelte auf den Zehenspitzen.
„Und ich sehe was Grünes!“, sagte Oskar und kicherte.
Leo hob ein Ei hoch. Es war rot mit kleinen weißen Punkten. „Wir sammeln ganz viele“, sagte er.
Da hörten sie ein leises „Hopp, hopp“. Hinter dem Apfelbaum stand der Osterhase. Er war braun, hatte eine blaue Schleife und trug ein kleines Körbchen am Arm.
„Guten Morgen, ihr drei“, sagte der Hase freundlich. „Ich brauche eure Hilfe.“
„Hilfe?“, fragte Leo und drückte sein Körbchen fest an den Bauch.
Der Hase nickte. „Ein Ei ist verloren gegangen. Ein besonderes Ei. Es ist ganz weich glänzend, wie ein kleiner Mond. Und ohne dieses Ei ist mein Osternest nicht komplett.“
Ben zog die Stirn kraus. „Ist es weg für immer?“
„Oh nein“, sagte der Hase schnell. „Es ist nur… versteckt. Wir finden es zusammen. Ganz ruhig.“
Oskar klatschte in die Hände. „Wir sind Ei-Finder!“
Der Hase lächelte. „Dann bekommt ihr drei Rätsel. Die Rätsel sind leicht. Und jedes Rätsel bringt euch näher.“
Mitte
Der Osterhase holte ein winziges Glöckchen heraus. Es klingelte einmal: kling! „Erstes Rätsel“, sagte er. „Ich bin rund, ich bin nass. In mir schwimmt manchmal ein Blatt. Wo bin ich?“
Leo schaute zum Gartentisch. Ben schaute zur Schaukel. Oskar schaute zu der kleinen Pfütze neben dem Weg.
„Nass und rund!“, rief Oskar. „Der Teich!“
Im Garten gab es einen kleinen runden Teich, nicht tief, nur wie eine große Schüssel im Boden. Die drei liefen hin. Im Teich schwamm ein gelbes Blatt. Daneben lag, auf einem Stein, eine Karte. Auf der Karte war ein gemaltes Ei und ein Pfeil.
Ben las langsam, denn er konnte schon ein bisschen: „Z…w…e…i…t…e…s… R…ä…t…s…e…l.“ Er grinste stolz.
Der Osterhase nickte. „Sehr gut. Zweites Rätsel: Ich bin weich wie ein Kissen. Ich bin grün wie ein Frosch. Man kann darauf sitzen und gucken. Wo bin ich?“
„Weich und grün…“, murmelte Leo. Er sah die Wiese. Dann sah er den großen Moos-Hügel unter der Hecke, wo man sich gern versteckte.
„Der Mooshügel!“, sagte Leo.
Sie stapften zum Hügel. Das Moos fühlte sich warm an, obwohl es draußen frisch war. Oskar drückte mit der Hand hinein. „Wie ein Kissen“, sagte er leise.
Unter einem kleinen Ast lag die nächste Karte. Diesmal funkelte sie ein bisschen, als wäre Glitzer darauf. Ben hielt sie hoch. „Das ist Magie!“
Der Osterhase zwinkerte. „Ein kleines bisschen Oster-Magie, ja. Drittes Rätsel: Ich bin nicht groß, ich bin nicht klein. Ich mache ‚tick-tack‘, wenn du leise bist. Und ich bin gern in der Nähe von Geschichten. Wo bin ich?“
Die drei Jungen wurden still. Leo hörte: tick… tack… tick… tack…
„Bei der Uhr!“, flüsterte er.
„Und Geschichten…“, sagte Oskar und zeigte zum Haus. „Im Wohnzimmer! Da ist das Buch-Regal!“
Sie liefen hinein, die Schuhe blieben an der Tür stehen. Im Wohnzimmer stand eine Uhr, die tickte freundlich, als würde sie mit ihnen reden. Auf dem Teppich lag ein Bilderbuch mit einem Hasen drauf.
Ben schaute unter das Buch. Nichts. Oskar schaute unter den Teppichrand. Nichts. Leo schaute zur Fensterbank. Dort stand eine kleine Dose mit Buntstiften.
„Tick-tack ist bei der Uhr“, sagte Leo. „Aber Geschichten sind hier…“ Er sah das Regal. Zwischen zwei Büchern klemmte etwas. Etwas Glänzendes.
„Da!“, rief er.
Er zog es ganz vorsichtig heraus. Es war ein Ei. Es schimmerte silbrig und zart, als hätte es einen kleinen Mond im Bauch. Das Ei fühlte sich kühl und glatt an.
„Gefunden!“, jubelte Oskar.
Ben hüpfte. „Wir haben es gefunden!“
Der Osterhase atmete erleichtert aus. „Danke, ihr drei. Ihr wart mutig und schlau.“
„Das war nicht schwer“, sagte Leo. „Nur ein bisschen suchen.“
Das silberne Ei machte plötzlich ein sanftes „plim“. Ein kleiner Lichtpunkt tanzte darüber, wie ein winziger Stern. Dann war er weg.
„Hat das Ei gelacht?“, fragte Ben.
„Vielleicht“, sagte der Hase leise. „Manche Eier sind besonders fröhlich.“
Ende
Zusammen gingen sie wieder in den Garten. Der Osterhase setzte das silberne Ei in sein großes Nest aus Gras und bunten Bändern. Neben dem Ei lagen noch viele andere: blau, rosa, grün und gestreift.
„Jetzt ist alles komplett“, sagte der Osterhase. „Und weil ihr geholfen habt, bekommt ihr eine kleine Überraschung.“
Er holte drei kleine Eier heraus. Auf jedem war ein anderes Bild: eine Sonne, ein Stern und ein Herz.
„Sonne für Leo“, sagte er. „Stern für Ben. Herz für Oskar.“
„Warum Herz für mich?“, fragte Oskar.
„Weil du so freundlich guckst“, sagte der Hase.
Die Jungs kuschelten ihre Eier an sich. Es war, als würden die Farben warm werden.
Mama rief von der Tür: „Kommt ihr frühstücken? Es gibt Hefezopf!“
„Jaaa!“, riefen alle drei.
Der Osterhase winkte. „Frohe Ostern, ihr Ei-Finder.“
„Frohe Ostern!“, riefen Leo, Ben und Oskar zurück.
Sie setzten sich an den Tisch. Draußen sang ein Vogel, und im Garten glänzten die bunten Eier im Sonnenlicht. Leo sah noch einmal zum Nest. Das silberne Ei schimmerte ruhig und zufrieden.
Ben flüsterte: „Nächstes Jahr finden wir wieder was.“
Oskar nickte. „Mit Rätseln!“
Leo lächelte. „Mit Rätseln“, sagte er.
Und so fühlte sich Ostern an: hell, bunt, warm. Wie ein kleiner Mond im Nest, der sagt: Alles ist gut.