Kapitel 1: Der kleine Dachs und die vielen Lichter
Im Winterwald lag der Schnee wie Puderzucker auf den Tannenzweigen. Überall funkelte es: Laternen vor den Baumhöhlen, Kerzen in Marmeladengläsern und sogar winzige Lämpchen, die an Zapfen hingen. Der kleine Dachs Mats stapfte durch die weiße Nacht und trug eine Tasche voller Streichhölzer – na ja, eigentlich trug er sie nur, damit er wichtig aussah.
„Mats!“, rief Mama Dachs aus der warmen Höhle. „Vergiss nicht: Bevor du schläfst, werden die Lichter ausgemacht. Sonst schluckt der Wald die Sterne vor Neid!“
Mats kicherte. „Sterne können doch nicht neidisch sein. Die sind viel zu hoch oben.“
„Und du bist viel zu frech unten“, sagte Mama und drückte ihm einen Wollschal um. „Aber du hast ein gutes Herz. Hilf heute Abend ein bisschen mit, ja?“
Draußen hörte Mats schon Gesang. Die Eichhörnchen hatten sich um einen Tannenzapfen-Kranz versammelt und sangen: „Kling, klang, Nuss im Klang!“ Es klang nicht ganz wie ein echtes Weihnachtslied, aber es machte glücklich.
„Hallo, Mats!“, rief Nelli, das flinke Eichhörnchen. „Willst du mitsingen?“
„Gern!“, sagte Mats. „Aber später muss ich auch… äh… Lichter ausmachen.“
Nelli blinzelte. „Wie langweilig!“
„Gar nicht“, sagte Mats und hob die Tasche. „Ich bin ein… Licht-Aus-Macher. Sehr selten. Sehr wichtig.“
Nelli lachte so sehr, dass sie fast vom Ast rutschte. „Dann mach doch meins zuerst aus!“
„Deins bleibt noch an“, sagte Mats großzügig. „Heute ist Weihnachten. Da darf es ein bisschen länger glitzern.“
Da kam Bruno, der Bär, gemütlich herangeschlurft. Auf seinem Bauch war eine kleine Laterne festgebunden, und sie wackelte bei jedem Schritt.
„Bruno!“, rief Mats. „Du läufst ja wie ein wandelnder Lampenschirm!“
Bruno brummte zufrieden. „Damit ich im Dunkeln meine Pfoten finde.“
Alle lachten. Der Wald roch nach Tannennadeln und warmem Honigtee. Mats fühlte sich, als hätte jemand seine Brust mit Licht gefüllt.
Kapitel 2: Die Lichter-Liste und das Lied vom Gähnen
Später, als der Mond über den Bäumen hing wie eine silberne Orange, zog Mats eine kleine Liste aus seiner Tasche. Mama hatte sie gemalt: eine Kerze, eine Laterne, ein Fensterlicht und ein Sternchen. Neben jedem Bild war ein Häkchen.
„Ich mache das“, murmelte Mats und setzte seine ernsteste Dachs-Stirn auf. „Erst die Laterne beim Kaninchenbau.“
Am Kaninchenbau standen zwei Kerzen in einer RĂĽbe. Die Kaninchenkinder hĂĽpften noch herum.
„Mats!“, piepste Kiki Kaninchen. „Wir sind noch wach!“
„Schon klar“, sagte Mats freundlich. „Ich will euch nicht erschrecken. Ich frage nur: Wollt ihr die Kerzen gleich ausblasen oder soll ich später wiederkommen?“
Kiki flüsterte: „Wir wollten noch ein Lied singen. Ein ganz kurzes!“
„Ein kurzes Lied ist erlaubt“, sagte Mats. „Aber dann wird gegähnt. Das ist das Gesetz der Nacht.“
Die Kaninchen kicherten und sangen: „Gähn, gähn, Schnee ist schön!“ Dabei gähnten sie extra laut. Mats musste so lachen, dass er selbst gähnte.
„Na gut“, sagte Kiki schließlich. „Jetzt aus.“
Mats pustete ganz vorsichtig. Pffft! Die Flamme tanzte, verbeugte sich und verschwand. „Danke“, flüsterte Mats. „Schlaf gut.“
Weiter ging er zur Eulen-Fichte. Dort hing eine Lichterkette aus kleinen Glühwürmchen-Lämpchen.
„Huhu“, sagte die Eule Oda. „Warum schleichst du so? Du bist doch kein Schatten.“
„Ich bin auf Licht-Mission“, erklärte Mats. „Bevor alle schlafen, sollen die Lichter aus. Damit der Wald Ruhe hat.“
Oda nickte. „Sehr vernünftig. Aber sieh mal: Die Glühwürmchen sind noch wach und üben ihr Weihnachtsfunkeln.“
Tatsächlich summten die Glühwürmchen ein Lied: „Funkel-funkel, winzig klein…“ Es klang ein bisschen schief, aber sehr mutig.
Mats grinste. „Okay, ein letztes Funkeln. Aber dann machen wir's gemütlich dunkel.“
„Abgemacht“, summten die Glühwürmchen.
Mats ging weiter, von Höhle zu Bau, von Ast zu Ast. Überall gab es noch ein Lachen, ein „Noch ein Vers!“, ein „Nur noch ein Keks!“ Und Mats sagte fast immer: „Na gut. Aber dann wirklich.“
Er half sogar der Igel-Oma, ihre Fensterlaterne auszupusten, weil sie mit den Stacheln nicht gut pusten konnte.
„Du bist ein Schatz“, sagte die Igel-Oma und drückte ihm einen kleinen Lebkuchen in die Pfote. „Teilst du den?“
Mats dachte kurz an seinen Bauch. Dann an die Kaninchenkinder. „Ja“, sagte er. „Ich teile ihn.“
Er brach den Lebkuchen in Stücke und gab jedem, den er traf, ein kleines Eckchen. „Für dich“, sagte er. „Für dich auch. Und für dich.“ Sein Bauch knurrte, aber sein Herz klang wie ein Glockenspiel.
Kapitel 3: Das letzte Licht und die BrĂĽcke, die lachte
Als Mats fast fertig war, blieb nur noch ein Licht auf der Liste: die große Laterne an der Holzbrücke über den Bach. Die Brücke verband den Tannenwald mit dem Birkenhain. Tagsüber war sie nur ein Weg. Nachts war sie manchmal ein Ort, wo der Wind Geschichten erzählte.
Mats stapfte hin, aber schon von weitem sah er etwas Seltsames: Die Brücke war nicht nur beleuchtet – sie glitzerte! Über dem Geländer hingen Schneeflocken-Lichter, und im Schnee standen kleine Kerzen in Nussschalen.
„Äh…“, sagte Mats. „Das ist nicht auf meiner Liste.“
Hinter einem Pfosten tauchte Nelli auf, die Eichhörnchendame, mit einer Mütze, die viel zu groß war. Neben ihr stand Bruno, der Bär, und hielt vorsichtig eine Kiste voller kleiner Lämpchen. Die Glühwürmchen schwebten wie eine leuchtende Wolke. Sogar Kiki Kaninchen und die Igel-Oma waren da.
„Überraschung!“, riefen alle.
Mats blinzelte. „Aber… ich sollte doch die Lichter ausmachen.“
Bruno brummte sanft: „Genau. Und deshalb wollten wir dir helfen.“
Nelli hüpfte aufgeregt. „Du bist heute Abend für alle gelaufen und hast gefragt und gepustet und geteilt! Du hast sogar deinen Lebkuchen verschenkt!“
„Ich habe nur…“, begann Mats, aber Oda die Eule unterbrach ihn.
„Du hast gezeigt, was Weihnachten bedeutet“, sagte Oda. „Wärme teilen. Zeit teilen. Licht teilen.“
Mats spürte, wie seine Nase heiß wurde. „Aber was ist mit der Laterne an der Brücke? Die muss doch aus.“
Kiki Kaninchen nickte ernst. „Ja. Gleich. Aber vorher singen wir für dich.“
Dann stimmten alle ein Lied an. Es war ein buntes Lied aus allem, was sie konnten: ein bisschen „Funkel-funkel“, ein bisschen „Nuss im Klang“, und sehr viel Lachen dazwischen. Bruno sang so tief, dass der Schnee auf den Ästen wackelte. Nelli sang so hoch, dass ein Stern kurz zu zwinkern schien.
Mats lachte mit, bis sein Bauch wieder warm war, obwohl er kaum Lebkuchen bekommen hatte.
Als das Lied endete, wurde es ruhig. Der Bach plätscherte leise, als würde er klatschen.
Mats trat zur großen Laterne. „Also… jetzt“, sagte er feierlich. „Gute Nacht, Licht.“
Er pustete nicht – die Laterne war zu groß. Bruno half, indem er den kleinen Schieber umlegte. Klick. Das helle Licht ging aus.
Doch in diesem Moment leuchtete die Brücke selbst auf. Die kleinen Nussschalen-Kerzen und die Schneeflocken-Lichter begannen sanft zu strahlen, nicht grell, sondern weich wie ein Schlaflied. Die Glühwürmchen setzten sich wie winzige Sterne auf das Geländer.
„Hä?“, machte Mats.
Nelli flüsterte: „Das ist unser Geschenk. Eine Brücke voller Licht, damit jeder, der spät noch nach Hause muss, den Weg findet. Und morgen früh sieht sie aus wie ein Zauberpfad.“
„Aber ist das nicht… zu viel Licht?“, fragte Mats unsicher.
Oda schüttelte den Kopf. „Nicht, wenn es freundlich ist. Es ist nur hier, kurz und warm. Und es gehört allen.“
Die Igel-Oma nickte. „Gemeinsames Licht macht keine Angst. Es macht Mut.“
Mats sah über die leuchtende Brücke. Der Schnee spiegelte das Glimmen, und es war, als hätte der Winter eine Decke aus Sternen ausgebreitet.
„Dann…“, sagte Mats leise und glücklich, „mache ich heute nicht alles dunkel. Ich mache es richtig.“
Bruno legte ihm eine große, weiche Tatze auf die Schulter. „Richtig ist: schlafen und wissen, dass man nicht allein ist.“
Alle gingen zusammen ein Stück über die Brücke, lachten noch einmal, ganz leise, und wünschten sich „Frohe Weihnachten“. Dann löschten sie eine Kerze nach der anderen, bis nur noch ein sanftes Leuchten blieb, wie ein letzter guter Gedanke.
Mats kuschelte sich später in seine Höhle. Mama Dachs fragte: „Sind die Lichter aus?“
Mats lächelte müde. „Fast alle. Und die, die bleiben, sind für alle.“
Draußen schimmerte die Brücke im Mondlicht – wie ein kleiner, heller Gruß, der sagte: Schlaf gut. Weihnachten ist da.