Teil 1
Kapitänin Mira stand auf dem Deck ihres kleinen Piratenschiffs. Es hieß „Flitzefloss“. Das Holz war warm von der Sonne. Das Meer glitzerte blau und roch nach Salz.
„Ahoi, Crew!“, rief Mira. Ihre Stimme klang fröhlich und mutig.
Neben ihr wackelte Mats, der Matrose. Er war groß, aber manchmal ein bisschen tollpatschig. Auf seiner Schulter saß Kiki, der grüne Papagei. Kiki sagte gern Quatsch.
„Keks für Kapitänin! Keks für alle!“, krähte Kiki.
Mira lachte. „Später, Kiki. Erst suchen wir die Insel mit dem goldenen Anker.“
Auf der Karte war ein roter Punkt. Und daneben stand: „Hier gluckst das Meer.“ Das fand Mats komisch.
„Kann Meer glucksen?“, fragte er.
„Heute schon“, sagte Mira und zwinkerte. „Das Meer kann alles.“
Sie segelten los. Das Segel blähte sich wie ein großer Bauch. Es machte „Pffft“ im Wind. Die Wellen klatschten leise: klatsch, klatsch.
Mats hielt das Fernrohr falsch herum. „Ich sehe… eine winzige Möwe!“
„Mats“, sagte Mira sanft. „Dreh es um.“
Mats drehte. „Oh! Eine riesige Möwe!“
Mira kicherte. „Genau. Jetzt passt es.“
Sie fuhren an einem runden Felsen vorbei. Darauf saß eine Robbe und schaute streng, als wäre sie die Hafenpolizei.
„Guten Tag, Frau Robbe!“, rief Mira.
Die Robbe machte nur „Uff“ und rutschte ins Wasser.
„Sie mag keine Piraten“, flüsterte Mats.
„Dann sind wir heute eben besonders höfliche Piraten“, sagte Mira. „Höflich und schnell.“
Am Nachmittag wurde der Himmel grauer. Der Wind wurde stärker. Das Meer glitzerte nicht mehr so freundlich. Es roch nun kalt und frisch.
Kiki plusterte sich auf. „Wetter macht Witze! Wetter macht Wuuuusch!“
Mira kniff die Augen zusammen. „Ich glaube, da kommt eine kleine Sturmwolke. Keine Angst. Wir machen das schlau.“
Mats schluckte. „Ich habe nur ein kleines bisschen Angst.“
„Ein kleines bisschen ist okay“, sagte Mira. „Wir bleiben zusammen. Und wir passen aufeinander auf.“
Teil 2
Der Wind pfiff: „Fiuu!“ Das Segel zappelte. Die Wellen wurden höher, aber nicht gruselig. Eher wild, wie spielende Hunde.
„Alles fest!“, rief Mira. „Mats, Seil um die Stange! Kiki, bleib bei mir.“
Kiki nickte wichtig. „Kapitänin ist klug! Kapitänin ist kugelrund!“ Er musste immer reimen, auch wenn es nicht passte.
Mira lachte kurz, dann wurde sie wieder ruhig. Sie spürte den Wind im Gesicht. Er war nass und kühl. Sie roch Regen.
Ein Tropfen ploppte auf ihre Nase. Dann noch einer. Plopp. Plopp.
„Regenküsse!“, sagte Kiki.
„Genau“, sagte Mira. „Nur viele Regenküsse.“
Ein stärkerer Windstoß kam. Das Schiff schaukelte. Mats rutschte fast aus.
„Halt dich fest!“, rief Mira.
Mats klammerte sich an ein Seil. „Ich halte! Ich halte wie eine Krabbe!“
„Gut so“, sagte Mira. „Krabben können das.“
Mira überlegte schnell. Sie erinnerte sich an eine Regel: Bei Sturm wird das Segel kleiner. Dann zieht der Wind nicht so stark.
„Wir machen das Segel klein“, sagte sie. „Ganz ruhig. Eins, zwei, drei.“
Sie zog an einem Seil. Mats half. Das Segel wurde kleiner. Der Wind zerrte weniger daran. Das Schiff fühlte sich sofort sicherer an, wie in einer warmen Decke.
„Oh!“, sagte Mats. „Das ist besser!“
„Siehst du?“, sagte Mira. „Köpfchen hilft.“
Die Wellen spritzten. Tropfen prickelten auf den Händen. Es schmeckte salzig. Kiki schüttelte sich. „Ich bin eine nasse Gurke!“
„Eine sehr laute Gurke“, sagte Mira.
Sie suchte nach einem ruhigen Ort. Zwischen zwei Felsen konnte man eine kleine Bucht sehen. Dort war das Wasser glatter.
„Da!“, sagte Mira. „Wir fahren in die Bucht. Das ist wie ein Bett für unser Schiff.“
Mats schaute. „Aber da sind Steine.“
„Ja“, sagte Mira. „Deshalb fahren wir langsam und schlau.“
Sie nahm das Steuerrad fest. Langsam drehte sie. Das Schiff glitt. Die Wellen wurden kleiner. Der Wind wurde leiser. In der Bucht hörte man nur noch: plätscher, plätscher.
„Geschafft“, flüsterte Mats.
„Geschafft“, flüsterte Mira zurück. „Du warst mutig.“
Mats wurde rot. „Ich war wie eine Krabbe.“
„Genau“, sagte Mira. „Und Krabben sind tapfer.“
Der Regen ließ nach. Die Wolken wurden heller. Ein Streifen Sonne kam hervor und machte das Wasser silbern.
Kiki hüpfte. „Sonne ist zurück! Sonne macht kitzel!“
Mira strich Kiki kurz über den Kopf. „Gut aufgepasst, kleiner Freund.“
In der Bucht lag ein Strand. Er war weich und hell. Dahinter standen Palmen, die im Wind wackelten und „Schsch“ machten.
„Ist das die Insel?“, fragte Mats.
Mira holte die Karte heraus. Sie hielt sie fest, damit sie nicht wegflog. „Der rote Punkt… ja. Das muss sie sein. Die Insel mit dem goldenen Anker.“
Teil 3
Sie ankerten. Das Schiff machte „Knarr“ und ruhte. Mira sprang nicht wild. Sie stieg vorsichtig aus, damit niemand ausrutschte.
„Wir gehen zusammen“, sagte sie. „Immer zusammen.“
Mats nickte. Kiki saß auf Miras Hut und sah sehr stolz aus.
Am Strand fanden sie Muscheln. Eine war rosa, eine war wie ein kleiner Teller. Mats hielt eine ans Ohr.
„Ich höre das Meer“, sagte er leise.
„Das Meer erzählt Geschichten“, sagte Mira. „Und heute erzählt es unsere.“
Sie gingen einen kleinen Pfad entlang. Dort duftete es nach warmem Sand und süßen Blättern. Dann sahen sie etwas im Gras glitzern.
„Gold!“, rief Mats.
Mira kniete sich hin. Es war kein großer Schatz. Es war ein kleiner, goldener Anker. Er war so groß wie Miras Hand. Er glänzte freundlich.
Daneben lag ein Zettel in einer Flasche. Mira machte die Flasche vorsichtig auf. Sie las laut, langsam:
„Für die Crew, die klug bleibt im Wind. Für die Crew, die zusammenhält. Der goldene Anker bringt Glück. Und erinnert: Mut ist, wenn man weitermacht.“
Mats schaute Mira an. „Das sind wir.“
Mira lächelte. „Ja. Das sind wir.“
Kiki krähte: „Mut! Mut! Und Keks!“
„Keks gibt's jetzt wirklich“, sagte Mira. Sie holte eine kleine Dose aus ihrer Tasche. Drei Kekse. Einer für Mira, einer für Mats, einer für Kiki.
Sie setzten sich in den Sand. Der Himmel war wieder blau. Das Meer war ruhig. Es gluckste sogar ein bisschen, als würde es lachen.
Mats knabberte. „Kapitänin Mira… wenn wieder ein Sturm kommt?“
Mira legte eine Hand auf seine Schulter. „Dann machen wir es wieder. Ruhig denken. Festhalten. Zusammenbleiben.“
Mats nickte. „Zusammen.“
Kiki nickte auch, so gut ein Papagei nicken kann. „Zusammen, zusammen!“
Am Abend segelten sie zurück. Der Wind war nun weich wie ein Lied. Die Sonne ging langsam unter. Alles wurde orange und gold.
Mira hing den kleinen goldenen Anker an das Steuerrad. Er klingelte leise: kling, kling.
„Hörst du?“, fragte sie. „Das ist unser Glück.“
Mats gähnte. „Und unsere Geschichte.“
„Ja“, sagte Mira. „Eine gute Geschichte. Mit Mut. Mit Witz. Und mit Keksen.“
Kiki murmelte schon halb im Schlaf: „Keks… Kapitänin… kugelrund…“
Mira lachte ganz leise. Das Schiff schaukelte sanft. Klatsch, klatsch. Und die „Flitzefloss“ fuhr sicher nach Hause.