Teil 1
Jens war ein junger Pirat. Er hatte eine rote Mütze und ein Lachen wie ein Glockenspiel. Sein Schiff hieß Die Möwe. Die Möwe knarrte und wiegte sich auf den Wellen. Jens liebte das Meer. Er liebte den Wind im Gesicht und das Salz auf den Lippen.
Eines Morgens sah Jens etwas Fremdes im Nebel. Ein anderes Schiff trieb still. Es gab keinen Ton. Kein Huf, kein Ruf, kein Lied. Das Schiff war stumm, wie ein Schiff im Traum. Jens runzelte die Stirn. „Komm mit, Möwe“, sagte er. „Wir helfen.“ Die Möwe quietschte vergnügt.
Jens und seine kleine Crew fuhren leise näher. Das stumme Schiff lag zwischen blauen Wellen. Auf dem Deck saß ein kleiner Hund und wedelte. „Hallo“, sagte Jens. „Warum bist du stumm?“ Der Hund bellte leise und zeigte mit der Pfote auf einen großen Mast. Jens kletterte flink hinauf. Dort hing eine bunte Flagge, ganz verklumpt. Vielleicht war die Flagge müde. Jens löste die Knoten. Die Flagge flatterte. Langsam, wie ein Herz, atmete das Schiff auf. Ein leises Knarren wurde hörbar. Die Segel bewegten sich. „Hurra!“, lachten alle. Das stumme Schiff war wieder wach.
Teil 2
„Das Schiff ist müde“, sagte der Kapitän des stummen Schiffes mit einer Stimme, die wie Honig klang. „Wir haben unseren Klang verloren. Wir müssen zum Inselchor. Dort singen die Steine.“ Jens staunte. „Singen die Steine wirklich?“, fragte er. „Ja“, sagte der Kapitän. „Die Steine singen, wenn man ihnen hilft.“
Die Möwe setzte die Segel. Der Wind schob das Schiff voran. Die Sonne malte Goldstreifen auf das Wasser. Unterwegs kam eine kleine Wolke, dann eine größere. Eine lustige, plätschernde Sommersturmwolke zog vorbei. Die Wellen hüpften wie fröhliche Fische. Jens hielt das Steuerrad fest. „Achtung“, rief er, „ein Sprung!“ Die Crew lachte und sprang. Sie sprangen über kleine Wellen. Sie sangen ein bisschen: „Hopp, hopp, Schiffchen, hopp!“
Bald sahen sie Inseln. Hübsche Inseln mit Palmen wie Pinsel. Die Inseln lagen wie Schafe auf dem Meer. Am Ufer tanzten Steine. Nicht wirklich tanzen, aber sie glitzerten und brummten leise. Jens hörte ein summen. Das war der Chor.
„Wir müssen ihnen zuhören“, sagte Jens. Er ging barfuß durch den Sand. Der Sand kitzelte. Kleine Krabben schauten neugierig. Jens kniete sich nieder. Er legte die Hand auf einen Stein. Der Stein war warm. „Hallo, Stein“, flüsterte Jens. Die Steine antworteten mit einem tiefen Ton, wie eine Trommel unter der Erde. Der Ton war traurig und schön zugleich.
„Was fehlt euch?“, fragte Jens. „Uns fehlt ein Lachen“, sagte der Stein. „Wir brauchen ein Lied, das leicht ist wie eine Feder.“ Jens lächelte. Er klatschte in die Hände. „Dann singen wir ein Lied!“, sagte er. Die Crew summte, Jens pfiff, sogar der kleine Hund jaulte leise. Das Lied war kurz, rund und fröhlich. Die Steine hörten zu. Langsam wurden ihre Töne heller. Sie sangen nun mit.
Teil 3
Das stumme Schiff am Horizont begann zu klingen. Zuerst nur ein kleines Pling. Dann ein Kling! Die Seile sangen. Die Segel schnurrten. Das Schiff schüttelte sich wie ein Kätzchen und war wieder lebendig. Die Crew der Möwe jubelte. Der Kapitän des anderen Schiffes weinte kleine Freudentränen. „Danke“, sagte er. Sein Schiff klang nun warm und freundlich.
Auf dem Rückweg fischte Jens eine bunte Feder aus dem Wasser. „Das ist ein Glücksfloss“, sagte die alte Matrosin. Sie steckte die Feder in Jens' Mütze. Die Möwe glitt durch die Abendsonne. Der Wind spielte mit den Segeln. Die Crew aß Kuchenstücke und teilte Honigbrot. Alle fühlten sich satt und froh.
Bevor sie schlafen gingen, stellte Jens das stumme Schiff neben die Möwe. Die beiden Schiffe plauderten leise in der Nacht. Der Mond schaute zu und nickte. „Gute Nacht“, flüsterte Jens. „Gute Nacht“, murmelte das Meer.
Jens legte seinen Kopf auf ein Kissen aus alten Karten. Er dachte an die singenden Steine, an den wedelnden Hund und an das Schiff, das wieder sprechen konnte. In seinem Herzen war es warm. Morgen würde wieder ein Abenteuer warten. Aber jetzt war Zeit fürs Träumen. Die Möwe schnarchte ganz sacht. Das Meer summte leise. Alles war sicher. Alles war gut.