Emil ist drei. Er hat kleine Hände und große Augen. Am Morgen sitzt er am Tisch. Er trinkt Milch. Ein Tropfen fällt. Plitsch. Die Milch macht einen See.
Emils Wangen werden warm. Im Bauch wird es rot, ganz rot. Ein kleines Rot. Es flüstert: Oh je.
Emil schaut nach innen. Er sagt leise: "Hallo, kleines Rot. Wer bist du?"
Das Rot rollt sich ein wie ein Igel. Es sagt nichts.
Mama lächelt. Sie nimmt ein Tuch. Wisch, wisch. "Das passiert", sagt sie. Ihre Stimme ist weich. Emil atmet. Das Rot atmet mit. Es wird kleiner. Nur noch ein roter Punkt.
Emil will wissen, was das Rot ist. Das ist sein leiser Wunsch. Sein geheimes Ziel. Er zieht seine Schuhe an. Er und Mama gehen in den Garten. Hand in Hand. Die Sonne malt goldene Streifen ins Gras.
Ein Spatz hüpft. Er singt. Tschip, tschiiip… und dann verrutscht ein Ton. Der Spatz kichert. "Ich übe", sagt er. "Manchmal rutsche ich. Dann singe ich weiter."
Emil nickt. Das kleine Rot schaut zu. Es wird rosa.
Emil malt mit Kreide. Er will einen runden Mond. Der Mond wird krumm. Er sieht ein bisschen wie eine Kartoffel aus. Emil spürt Wärme im Gesicht. Das Rot wird größer. "Oh je", flüstert es.
Da krabbelt eine Schnecke vorbei. Ihr Haus glänzt. "Langsam", sagt sie, "ist auch eine Art schnell." Sie streckt Fühler aus. "Wenn du dich schämst, wirst du klein. Mach dich weich. Sag Hallo."
Emil sagt sehr leise: "Hallo, Scham." Das Wort ist neu und weich. "Bist du Scham?"
Das Rot nickt. Jetzt hat es Augen. Es sieht traurig und zart aus. "Ich will dich schützen", sagt die Scham. "Ich klingele, wenn du denkst: Das war nicht so, wie du wolltest."
"Und was soll ich tun?" fragt Emil. Seine Stimme ist klein, aber klar.
"Atmen", sagt die Schnecke. "Sagen, was ist." Mama kniet zu Emil. "Willst du es mir zeigen?" fragt sie. Emil zeigt den krummen Mond. Mama schaut liebevoll. "Ich mag deinen Kartoffelmond", sagt sie. "Er ist freundlich. Er lacht."
Emil lacht auch. Die Scham lauscht. Sie wird leichter. Sie wird zu einem roten Drachen mit Schnur. Emil hält die Schnur. Der Drachen steigt. Er zittert ein bisschen. Aber er bleibt am Himmel. Nicht zu hoch. Ganz nah.
Am Mittag kippt Emil Saft. Plitsch. Das Rot kommt wieder. "Oh je", sagt die Scham. "Ich bin da."
Emil hält seine Hand auf den Bauch. Er atmet. Ein, aus. "Hallo, Scham", sagt er. "Danke, dass du mich warnst. Ich sage es Mama." Er sagt: "Der Saft ist gefallen." Mama nickt. "Wir wischen." Wisch, wisch. Alles gut.
Die Scham lächelt. "Wenn du mich anschaust, werde ich weich", flüstert sie. "Wenn du sprichst, werde ich still. Wenn dich jemand lieb ansieht, werde ich warm. Dann werde ich zu Mut."
Am Abend liegt Emil im Bett. Der Mond im Fenster ist rund. Oder ein bisschen Kartoffel. Beides ist schön. Emil fragt den Mond: "Ist Scham böse?"
Der Mond blinzelt. "Nein", sagt er. "Sie ist wie ein zu enger Mantel. Du kannst die Knöpfe öffnen. Mit Atem. Mit Worten. Mit einem Blick, der sagt: Ich bin trotzdem lieb."
Emil lächelt. Er öffnet die Knöpfe. Eins, zwei, drei. Die Scham wird zu einer roten Lampe. Sie leuchtet weich. Sie flüstert: "Gute Nacht."
Emil flüstert zurück: "Danke." Er kuschelt sich an sein Kissen. Er weiß jetzt mehr. Wenn das kleine Rot kommt, sagt er Hallo. Er atmet. Er spricht. Er bekommt einen Blick voll Liebe. Dann ist alles leicht. Dann ist sein Herz groß und ruhig.
Die Nacht ist still. Der Drachen schläft am Himmel. Emil auch. Alles ist gut.