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Zeitreisegeschichte 11/12 Jahre Lesen 30 min.

Die Zeitmaschine aus Pappe und das andere Heute

Zwei neugierige Kinder, Mara und Emil, bauen aus alten Teilen eine kleine Zeitmaschine und landen auf einer geheimnisvollen Wiese, wo sie auf den Jungen Jannis und rätselhafte Gegenstände stoßen; gemeinsam lernen sie behutsam mit den Folgen ihrer Entdeckungen umzugehen.

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Ein 12-jähriges Mädchen mit konzentriertem, erstaunten Blick, kastanienbraunem Pferdeschwanz, runden Brillen und ölverschmutzter, praktischer Kleidung (kurze Jeansjacke, Cargohose) sitzt in einem alten Campingstuhl, der zur "Maschine" umgebaut ist, die Hände an Lederriemen, auf dem Kopf ein Papphelm mit einer kleinen Fahrradrückleuchte; daneben hockt Emil, 12, mit schelmischem, entschlossenem Gesicht, blonden zerzausten Haaren und gestreiftem T‑Shirt, er hält einen alten Armbandwecker mit sichtbaren Zeigern und zieht einen Kupferdraht; etwas abseits steht Jannis, etwa 11, braune Haare unter einer gelben Kappe, weite Jacke, lächelnd und ein kleines glänzendes Metallring mit Blitzzeichen haltend, als käme er gerade an; Schauplatz eine sonnenbeschienene Wildwiese mit hohen Gräsern, einem glitzernden Bach im Hintergrund, rechts ein Apfelbaum mit roten Früchten, links ein kleiner Holzschuppen voller Werkzeuge und Kartons; die improvisierte Maschine beginnt zu leben — kleine Funken, ein Lichtschein um den Papphelm, der Wecker dreht rückwärts, abenteuerliche, warme Kontraste, klare expressive Linien, dynamische Bildkomposition, die die Kinder in den Vordergrund stellt und die Wiese als Kulisse des Staunens. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Werkstatt aus Kartons und Mut

Mara war elf und konnte leise sein wie Staub im Sonnenlicht. Nicht, weil sie sich verstecken wollte, sondern weil sie gern genau hinsah. Sie merkte Dinge, die andere übersahen: wie der Kühlschrank brummte, wenn jemand traurig war, oder wie ein Schraubenzieher „klick“ machte, wenn er endlich richtig saß.

Heute saß sie im Schuppen hinter dem Haus. Der roch nach Holz, Öl und einem Hauch Sommer. Auf dem Arbeitstisch lagen: ein alter Wecker, ein kaputtes Fahrradlicht, Kupferdraht, ein Taschenrechner ohne Taste „7“ und ein Notizbuch, in dem Mara alles aufschrieb, was sie nicht vergessen wollte.

„Du meinst das ernst“, sagte Emil und hielt eine Rolle Isolierband hoch, als wäre es ein Mikrofon.

Emil war zwölf, ihr Nachbar und ihr Lieblingsmitverschwörer. Er redete schnell, dachte noch schneller und konnte aus einem Joghurtbecher eine Weltraumsonde basteln.

Mara nickte. „Ganz ernst. Eine Zeitmaschine. Nicht riesig. Nur… passend.“

„Passend für zwei Personen und ein paar gute Ideen“, grinste Emil. „Und für meinen Bauch. Der braucht Snacks.“

Mara schob ihm eine Tüte Kekse hin. „Erst bauen, dann knuspern.“

Sie hatten die letzten Wochen an einem Plan gearbeitet. Keine komplizierten Formeln, sondern klare Schritte. Mara liebte Regeln, wenn sie fair waren. Und Zeitreisen brauchten Regeln wie ein Spiel.

In ihrem Notizbuch stand:

1) Nichts mitnehmen, was auffällt.

2) Nichts verändern, was man nicht versteht.

3) Immer zurück, bevor es dunkel wird.

4) Wenn etwas schiefgeht: ruhig bleiben, atmen, denken.

„Also“, sagte Emil und deutete auf das Herzstück ihres Projekts: ein ausrangierter Campingstuhl, umgebaut mit Gurten und einer Art Helm aus Pappe, in den Mara das Fahrradlicht eingebaut hatte.

„Bequem genug?“ fragte er.

Mara setzte sich vorsichtig hinein. Der Stuhl knarrte, als erzähle er eine alte Geschichte. „Er klingt, als hätte er schon Abenteuer erlebt.“

„Hat er auch“, sagte Emil. „Er war mal auf einem Zeltplatz in Regen. Das ist quasi ein anderes Zeitalter.“

Mara lächelte. Dann wurde sie ernst. „Die Energiequelle.“

Emil stellte feierlich den alten Wecker auf den Tisch. „Tadaa: der Taktgeber! Er macht pro Sekunde ein Tick. Und wir… wir drehen das Tick um.“

„Wir drehen nicht die Zeit“, korrigierte Mara sanft. „Wir nutzen den Rhythmus, um ein Fenster zu finden. Wie bei einer Schaukel: Wenn du im richtigen Moment anschubst, fliegst du höher.“

Emil rieb sich die Hände. „Zeit-Schaukel. Klingt nach einem Vergnügungspark für Nerds.“

Mara befestigte den Kupferdraht am Wecker und führte ihn zum Fahrradlicht im Helm. Der Taschenrechner sollte dabei helfen, den Abstand zwischen den „Ticks“ zu zählen. Emil hatte eine Idee: Wenn sie 60 Ticks rückwärts zählten und gleichzeitig das Licht einschalteten, könnte der Stuhl „springen“. Nicht weit. Nur so weit, wie ein Atemzug.

„Und wohin?“ fragte Emil.

Mara blätterte im Notizbuch auf eine Seite mit einer Zeichnung: eine Wiese, ein Bach, ein einzelner Apfelbaum. „In eine Wiese. Heute.“

Emil blinzelte. „Heute? Das ist… kein Zeitsprung.“

Mara tippte auf den Apfelbaum. „Doch. Es ist ein ganz bestimmtes Heute. Ein Heute, das wir nicht sehen, wenn wir hier im Schuppen sitzen. Ein Heute mit Wind, mit Insekten, mit diesem Licht. Und außerdem: Wenn wir es schaffen, in die Gegenwart zu springen, schaffen wir vielleicht auch gestern oder morgen. Schritt für Schritt.“

Emil nickte langsam. „Kleine Sprünge. Weniger Risiko. Mehr Kekse.“

Mara legte den Schalter um, den sie aus dem Fahrradlicht gebaut hatte. Ein zartes Summen begann. Nicht laut, eher wie eine Biene, die sich überlegt, ob sie überhaupt Lust auf Arbeit hat.

„Bereit?“ fragte Emil.

Mara atmete ein. „Bereit.“

Emil hob den Wecker. „Dann zählen wir. Rückwärts. Bei Null: Licht. Und Mara: nicht erschrecken, wenn die Welt kurz… wackelt.“

„Ich erschrecke nicht“, sagte Mara, obwohl ihr Magen sich anfühlte, als hätte er einen kleinen Knoten gemacht.

„Okay. Drei… zwei… eins…“ Emil drückte den Weckerknopf. „Tick.“

Und sie begannen zu zählen. Die Ticks wurden schneller, oder vielleicht wurde nur Maras Herz langsamer, weil es sich konzentrierte.

„…fünf… vier… drei… zwei… eins… Null!“

Mara schaltete das Licht ein.

Für einen Moment wurde alles hell, aber nicht wie eine Lampe. Eher wie eine Erinnerung, die zu groß ist für den Kopf. Der Schuppen verschwand. Maras Ohr hörte ein leises „Plopp“, als hätte jemand eine Seifenblase aufgefangen.

Und dann—Stille. Frische. Himmel.

Kapitel 2: Die Wiese, die anders atmet

Mara stand auf Gras. Nicht auf dem kurzen, ordentlichen Rasen der Gärten, sondern auf einer richtigen Wiese, die wild war wie ein ungekämmter Haarschopf. Das Gras streifte ihre Beine, und es roch nach Erde, nach Sonne und nach etwas Süßem, das sie nicht sofort benennen konnte.

Emil landete neben ihr, etwas weniger elegant. Er stolperte, fing sich und flüsterte: „Ich habe das Gefühl, meine Zehen sind gleichzeitig alt und neu.“

Mara hob eine Hand. „Regel vier: ruhig bleiben.“

„Ich bin ruhig“, hauchte Emil. „Das ist mein Ruhe-Gesicht.“

Vor ihnen floss ein schmaler Bach. Er glitzerte und murmelte, als erzähle er Witze, die nur Steine verstehen. Ein Apfelbaum stand am Rand der Wiese, die Äste voller Blätter. An einem Ast hing ein einzelner Apfel, rot und glänzend.

Mara zog ihr Notizbuch aus der Tasche. Es war mitgekommen. Zum Glück. Sie schrieb: „Wiese erreicht. Luft fühlt sich… größer an.“

„Wir sind wirklich in der Gegenwart“, sagte Emil. „Und trotzdem ist es anders. Wie wenn man ein Lied plötzlich ohne Kopfhörer hört.“

Mara nickte. „Hier ist heute. Aber ein anderes Heute. Nicht das Heute im Schuppen.“

Emil drehte sich um. Hinter ihnen stand—zu Maras Überraschung—auch der Campingstuhl. Er sah aus, als würde er sich schämen, mitten auf einer Wiese zu stehen. Der Papphelm glänzte leicht.

„Die Maschine ist mitgekommen“, stellte Emil fest. „Praktisch. Und ein bisschen auffällig.“

Mara zog ihn am Ärmel. „Wir stellen sie hinter den Baum. Regel eins.“

Sie schoben den Stuhl vorsichtig in den Schatten des Apfelbaums. Dort passte er besser, als wäre er nur ein seltsamer Gartenstuhl.

Mara schaute nach oben. Wolken zogen langsam, dick und weiß. Ein Käfer krabbelte über ihren Schuh. Sie hob ihn auf und setzte ihn ins Gras.

„Emil“, sagte sie leise, „hörst du das?“

„Was denn?“

„Wie laut es hier ist.“ Mara breitete die Arme aus. „Die Bienen, der Bach, der Wind… In unserem Zimmer klingt alles nach Strom. Hier klingt es nach Leben.“

Emil grinste. „Poetisch. Hast du das geübt?“

„Nein“, sagte Mara. „Es passiert einfach.“

Sie gingen über die Wiese. Das Gras kitzelte. In der Ferne sah man einen Feldweg. Und auf dem Weg—bewegte sich etwas.

Emil kniff die Augen zusammen. „Ein… Fahrrad?“

Mara blieb stehen. Ein Junge fuhr langsam, als hätte er Zeit in der Tasche. Er trug eine gelbe Jacke, die ein bisschen zu groß wirkte, und einen Rucksack. Als er sie sah, bremste er.

„Hallo“, rief er.

Mara hob die Hand. „Hallo.“

Der Junge schaute von Mara zu Emil und dann kurz zum Apfelbaum, als würde er prüfen, ob der Baum noch da war. „Wohnt ihr hier?“

Emil öffnete den Mund. Mara war schneller. „Wir… sind zu Besuch. Wir schauen uns die Wiese an.“

Der Junge nickte. „Das ist eine gute Wiese. Ich heiße Jannis.“

„Mara“, sagte Mara.

„Emil“, sagte Emil und machte eine kleine Verbeugung, als wäre er in einem Theaterstück.

Jannis lachte. „Ihr seid komisch. Im guten Sinn.“

Mara fühlte sich erleichtert. Er klang freundlich. Und normal. Und heute.

„Ich sammle…“ Jannis hielt seinen Rucksack hoch. „…Dinge.“

Emil hob eine Augenbraue. „Welche Dinge?“

Jannis zog den Reißverschluss auf. Darin klapperte es. „Schrauben, alte Münzen, ein Stück Glas, das aussieht wie ein Stern, und—“ Er zog etwas heraus, das Maras Herz kurz stolpern ließ. Es war ein kleiner Metallring. Darauf war ein eingeritztes Symbol: ein winziger Blitz.

Mara kannte dieses Symbol. Sie hatte es gestern auf Emils Taschenrechner gekritzelt, nur zum Spaß. Ein Blitz als Zeichen für „Energie“.

Emil sah es auch. Sein Gesicht wurde plötzlich ernst. „Woher hast du das?“

Jannis zuckte die Schultern. „Hab ich am Bach gefunden. Es lag im Schlamm. Als hätte es jemand verloren.“

Mara spürte ein Kitzeln am Hinterkopf, aber nicht vom Wind. Von einer Idee, die zu groß war. „Emil…“, flüsterte sie.

„Paradox-Alarm“, flüsterte Emil zurück.

Jannis hielt den Ring hoch. „Ist er wertvoll?“

Mara zwang sich zu einem ruhigen Lächeln. „Vielleicht nur wertvoll für jemanden, der ihn vermisst.“

Jannis steckte ihn wieder ein. „Dann behalte ich ihn erstmal. Falls jemand fragt.“

Emil atmete aus, als hätte er den Atem angehalten. „Clever“, murmelte er, mehr zu Mara als zu Jannis.

Jannis schwang sich wieder aufs Fahrrad. „Ich muss weiter. Meine Oma wartet. Aber wenn ihr wollt… der Apfelbaum hat die besten Äpfel. Manchmal fallen sie einfach runter. Als Geschenk.“

Er fuhr los. Hinter ihm wippte der Rucksack.

Mara schaute ihm nach. „Emil… wenn der Ring von uns ist…“

„Dann sind wir gerade in einer Schleife“, sagte Emil. „Eine freundliche Schleife. Aber trotzdem: Schleife.“

Mara sah zum Bach. Das Wasser glitzerte unschuldig. Als wüsste es ganz genau, was es tat.

Kapitel 3: Der freche Paradox-Trick

Sie setzten sich ins Gras, etwas entfernt vom Baum. Mara öffnete ihr Notizbuch und zeichnete schnell eine Linie: „Schuppen“„Wiese“. Dann einen Kreis darum.

„Wenn Jannis den Ring gefunden hat“, sagte sie, „muss er vorher hier gewesen sein.“

Emil kaute an einem Grashalm, ohne ihn zu essen. „Oder wir verlieren ihn gleich. Und dann findet er ihn. Und dann hat er ihn. Und dann… verlieren wir ihn…“ Er schüttelte den Kopf. „Mein Gehirn macht Knoten.“

Mara lächelte schief. „Zeit ist wie ein Zopf. Wenn man dran zieht, wird er fester.“

Emil zeigte auf den Apfelbaum. „Und der Apfel da oben guckt uns an, als wüsste er alles.“

Tatsächlich hing der Apfel noch. Rot, rund, verlockend.

„Wir brauchen klare Regeln“, sagte Mara. „Wir dürfen nichts tun, was das Heute kaputt macht. Keine großen Eingriffe.“

„Wir sind doch nur zwei Kinder auf einer Wiese“, sagte Emil. „Wie groß kann der Eingriff sein?“

In dem Moment trat Emil aus Versehen auf etwas Hartes. Es knirschte. Er hob den Fuß und bückte sich.

„Aua. Okay, das war ein Eingriff.“ Er zog etwas aus dem Gras: ein kleines, graues Gerät, halb im Boden. Es sah aus wie ein flacher Stein, aber mit einer winzigen Rille.

Mara beugte sich näher. „Das ist…“

„Das ist ein Teil von unserem Helm“, flüsterte Emil. „Der Magnetclip. Ich hab den gestern gesucht!“

Mara spürte, wie ihr Gesicht warm wurde. „Dann waren wir… schon mal hier.“

„Oder wir werden es noch sein“, sagte Emil. Er versuchte zu lachen, aber es klang wie ein Husten.

Mara nahm den Clip und drehte ihn in der Hand. „Wenn er hier liegt, dann wird er irgendwann hierhin kommen. Wenn wir ihn jetzt mitnehmen…“

„…dann liegt er später nicht hier“, ergänzte Emil.

„Und dann findest du ihn nicht“, sagte Mara.

„Und dann können wir die Maschine vielleicht nicht bauen“, sagte Emil.

Sie sahen sich an. Der Wind wehte. Eine Biene landete auf einer Blüte, als wäre nichts davon wichtig.

Mara schloss die Hand um den Clip. „Wir müssen ihn zurücklassen.“

Emil verzog das Gesicht. „Aber das fühlt sich an wie absichtlich verlieren. Ich bin sonst nur unabsichtlich gut darin.“

Mara legte den Clip genau dorthin zurück, wo Emil draufgetreten war. „Wir lassen ihn hier. So, wie er gefunden wurde. Das ist… fair.“

Emil nickte langsam. „Okay. Regel zwei: Nichts verändern, was man nicht versteht.“

Sie standen auf und gingen zum Bach. Mara kniete am Rand und schaute ins Wasser. Zwischen Steinen lag Schlamm, und darin blitzte etwas Kleines.

„Nicht schon wieder“, murmelte Emil.

Mara griff vorsichtig hinein. Ihre Finger wurden kalt und braun vor Schlamm. Sie zog etwas heraus: eine Münze. Ganz alt? Nein—nur schmutzig. Sie rieb sie mit dem Daumen sauber. Auf der Münze war ein Jahr eingraviert: 2026.

„Das ist… dieses Jahr“, sagte Emil.

Mara schluckte. „Wir sind in 2026. Aber… wir sind doch auch in 2026.“

Emil setzte sich auf einen Stein. „Vielleicht sind wir im gleichen Jahr, aber in einer anderen Stunde. Oder an einem Tag, den wir verpasst hätten.“

Mara dachte an die Wiese im Notizbuch. „Ich glaube, wir sind in einem Heute, das parallel neben unserem Heute läuft. Ein Heute, das wir sonst nicht betreten würden. Wie eine Tür, die normalerweise zu bleibt.“

„Und wir haben den Schlüssel aus Pappe gebaut“, sagte Emil.

Mara musste lachen. „Genau.“

Sie hörten plötzlich ein Platschen. Nicht weit weg. Ein Frosch sprang, erschrocken, ins Wasser. Und dann… sah Mara etwas zwischen den Gräsern am Bach: eine kleine, glänzende Ecke. Ein Stück Plastik, blau. Es sah aus wie—

„Emil“, flüsterte sie. „Ist das… deine Trinkflasche?“

Emil starrte. „Meine Flasche ist im Rucksack. Also… war sie. Warte.“ Er riss seinen Rucksack auf. Die Flasche fehlte.

„Oh nein“, sagte Emil. „Ich hab sie wohl beim Verstecken der Maschine fallen lassen.“

Mara sah wieder zum blauen Plastik am Bach. „Wenn die da bleibt, findet Jannis sie vielleicht. Und dann… fragt er sich, was das für eine Flasche ist. Und vielleicht nimmt er sie mit. Und dann…“

Emil schnappte nach Luft. „Und dann gibt es plötzlich Trinkflaschen in seiner Sammlung und er wird der berühmteste Flaschenforscher der Welt?“

Mara schüttelte den Kopf. „Oder er stolpert über uns. Oder er verändert seinen Weg. Kleine Dinge machen große Wellen.“

Emil zog eine Grimasse. „Also müssen wir die Flasche zurückholen. Aber wenn wir sie zurückholen, ist sie nicht da, um gefunden zu werden. Aber eigentlich soll sie gar nicht gefunden werden. Oder?“

Mara atmete tief ein. „Regel eins: Nichts Auffälliges. Unsere Flasche ist auffällig. Also holen wir sie. Das ist eher eine Reparatur.

„Zeit-Reparaturdienst Mara & Emil“, sagte Emil. „Wir rechnen nach Ticks ab.“

Sie schlichen zum Bach. Mara griff nach der Flasche, aber da passierte es: Ihr Fuß rutschte im feuchten Gras, sie verlor das Gleichgewicht—und der Apfelbaum schüttelte sich, als hätte er gelacht.

Der rote Apfel löste sich und fiel.

„Nein!“ rief Emil und streckte die Arme aus. Zu spät.

Der Apfel landete nicht auf dem Boden. Er landete—plopp—in Emils offenen Rucksack.

Stille.

Emil blickte in seinen Rucksack, als hätte er gerade einen Meteoriten gefangen. „Äh… Mara?“

Mara starrte. „Das ist… ein Apfel aus der Wiese. Das ist… ein Mitbringsel.“

„Regel eins!“ Emil flüsterte so laut, wie man flüstern kann. „Nichts mitnehmen, was auffällt! Ein Apfel fällt auf!“

Mara hielt sich die Stirn. „Ein Apfel ist doch normal.“

„Aber nicht ein Apfel aus dem Heute-neben-dem-Heute! Vielleicht ist er superwichtig. Vielleicht war er für… Jannis' Oma!“

Mara musste trotz der Spannung kichern. „Oder er ist einfach… ein Apfel.“

Emil zog ihn heraus. Er roch süß und frisch. „Was machen wir damit?“

Mara dachte an Jannis' Satz: „Manchmal fallen sie einfach runter. Als Geschenk.“ Sie sah den Apfel in Emils Hand. „Vielleicht ist er ein Geschenk. Aber wir müssen sicher sein, dass wir nichts durcheinanderbringen.“

Emil schaute zum Baum. „Da hängen noch genug. Der Baum wird nicht merken, dass einer fehlt.“

Mara nickte langsam. „Trotzdem. Wir sollten ihn hier essen. Dann nehmen wir ihn nicht mit.“

Emil hielt den Apfel hoch wie einen Pokal. „Einverstanden. Zeit-Apfel wird vor Ort vernichtet—äh, genossen.“

Sie setzten sich in den Schatten. Emil biss hinein. Es knackte so laut, dass eine Krähe auf einem Ast aufschreckte.

Emil schloss die Augen. „Das ist der beste Apfel meines Lebens.“

Mara nahm einen kleinen Bissen. Der Saft schmeckte nach Sonne. Und plötzlich fühlte sie etwas, das sie nicht erwartet hatte: Dankbarkeit. Nicht wie ein großes Feuerwerk. Eher wie eine warme Decke.

„Emil“, sagte sie leise, „wir sitzen hier und haben eine Wiese, einen Bach, einen Apfel… und wir haben das alles normalerweise direkt vor unserer Tür. Und ich laufe oft dran vorbei.“

Emil kaute nachdenklich. „Ich auch. Ich denke dann an Mathe oder an… meine nächste Idee.“

Mara blickte über die Wiese. „Vielleicht ist das der Trick der Zeit. Sie zeigt dir, was du sonst übersiehst.“

Emil nickte. „Und sie klaut einem dabei fast die Trinkflasche.“

Mara lachte und wischte sich Apfelsaft vom Kinn.

Dann hörten sie Schritte. Jemand kam zurück.

Kapitel 4: Jannis und die Regeln der Zeit

Jannis tauchte am Rand der Wiese auf, das Fahrrad schiebend. Er wirkte, als hätte er etwas vergessen—oder als hätte ihn etwas zurückgerufen.

„Da seid ihr ja noch“, sagte er.

Mara und Emil sprangen auf. Emil schob hastig den Apfelrest in eine Tasche. Mara hoffte, es sah nicht verdächtig aus.

Jannis blieb stehen. Sein Blick glitt kurz zum Apfelbaum. Dann zu ihnen. „Ich habe meinen Ring nochmal angeschaut“, sagte er und klopfte auf den Rucksack. „Mit dem Blitz.“

Emil schluckte. „Aha.“

Jannis sah Mara direkt an. „Das ist komisch. Weil ich gestern im Dorf einen Jungen gesehen habe, der genau so einen Blitz auf sein Heft gemalt hat.“

Mara spürte, wie ihr Herz schneller wurde. „Viele Leute malen Blitze.“

„Stimmt“, sagte Jannis. „Aber… es fühlte sich an, als würde der Blitz mir hinterhergucken.“ Er schüttelte sich, als fände er das selbst albern. „Klingt bescheuert, oder?“

Emil räusperte sich. „Nicht bescheuert. Eher… aufmerksam.“

Jannis setzte sich ins Gras, als würde er entscheiden: Ich bleibe. „Ich mag Rätsel. Und ihr seid ein Rätsel. Seid ihr… so etwas wie Forscher?“

Mara überlegte. Sie wollte nicht lügen. Aber sie durfte auch nicht alles sagen. „Wir testen etwas“, sagte sie vorsichtig. „Eine Art… Experiment.“

Emil ergänzte schnell: „Mit sehr vielen Regeln.“

Jannis hob die Augenbrauen. „Regeln sind gut. Mein Opa sagt: Wer Regeln hat, kann mutiger sein. Weil man weiß, wo man anhalten muss.“

Mara fühlte sich verstanden. „Genau.“

Jannis sah sich um. „Und was testet ihr?“

Emil und Mara wechselten einen Blick. Mara entschied, die Wahrheit klein zu machen, damit sie nicht gefährlich wurde. „Eine Maschine, die uns… woandershin bringt“, sagte sie.

Jannis nickte langsam, als hätte er so etwas geahnt. „Wie weit?“

„Nicht weit“, sagte Emil schnell. „Nur… in ein anderes Heute.“

Jannis zog die Luft ein. Dann grinste er plötzlich. „Das ist das beste, was ich seit Wochen gehört habe.“

Mara blinzelte. „Du glaubst uns?“

„Ich glaube, dass ihr glaubt“, sagte Jannis. „Und ich habe den Ring. Und ihr habt das Gesicht von Leuten, die gerade etwas Großes getan haben und so tun, als wäre es nur ein Spaziergang.“

Emil stieß Mara mit dem Ellenbogen an. „Er ist gut.“

Mara seufzte. „Jannis, wenn du es weißt… dann musst du etwas versprechen.“

Jannis legte die Hand aufs Herz. „Versprochen. Wenn ich weiß, was ich versprechen soll.“

„Du darfst nichts anfassen, was du nicht kennst“, sagte Mara. „Und du darfst niemandem erzählen, dass du uns gesehen hast. Nicht, weil wir gemein sind. Sondern weil… sonst Dinge durcheinandergeraten.“

Jannis nickte ernst. „Zeit-Regeln.“

Emil grinste. „Er hat's verstanden. Fast wie ein Profi.“

Jannis stieß mit dem Schuh gegen einen Stein. „Und der Ring? Soll ich ihn euch geben?“

Mara spürte, wie ihr Hals trocken wurde. Wenn sie ihn jetzt nahm, würde die Schleife vielleicht reißen. Wenn sie ihn nicht nahm… würde er ihn behalten. Und später vielleicht verlieren. Und dann…

Sie dachte an den Clip im Gras. An die Flasche. An den Apfel. Kleine Dinge, große Wellen.

„Behalte ihn“, sagte Mara schließlich. „Aber… wenn du irgendwann einen Ort siehst, an dem er sicher liegen kann, leg ihn dorthin. So, dass er gefunden werden kann. Ohne dass es auffällt.“

Jannis grinste. „Eine Schatzablage. Verstanden.“

Emil flüsterte: „Das klingt wie absichtlich verlieren.“

Mara flüsterte zurück: „Manchmal ist zurücklassen auch eine Entscheidung.“

Jannis stand auf. „Darf ich wenigstens die Wiese mit euch anschauen? Ohne Maschine anfassen. Nur… gucken.“

Mara nickte. „Gucken ist erlaubt.“

Sie gingen zu dritt am Bach entlang. Jannis zeigte ihnen eine Stelle, an der Libellen über dem Wasser schwebten wie kleine Hubschrauber aus Glas. Emil versuchte, eine Libelle zu zählen, gab aber auf, weil sie zu schnell war.

„Ich komme oft hierher, wenn alles zu laut ist“, sagte Jannis. „Die Wiese macht mich leise.“

Mara fühlte ein Kribbeln. „Mich auch.“

Sie setzten sich auf einen warmen Stein. Jannis zog ein Stück Brot aus seiner Tasche. „Oma hat zu viel gemacht. Nehmt.“

Emil nahm es sofort. Mara zögerte.

„Regel eins“, murmelte Emil mit vollem Mund. „Nichts Auffälliges mitnehmen. Essen ist okay. Man nimmt's im Bauch mit.“

Mara musste lachen und nahm ein kleines Stück. Es schmeckte nach Körnern und Zuhause.

„Danke“, sagte sie.

Jannis nickte. „Gern. Ich bin dankbar, dass ihr… hier seid. Auch wenn ich nicht alles verstehe.“

Mara sah in den Himmel. „Ich bin dankbar, dass es diese Wiese gibt. Und dass wir sie sehen dürfen.“

Emil schluckte. „Und dass der Apfelbaum uns nicht auf den Kopf gezielt hat.“

Jannis lachte laut. Das Lachen flog über das Gras und blieb irgendwo zwischen den Blumen hängen.

Dann vibrierte plötzlich etwas. Ein leises Summen. Maras Helmlicht, versteckt beim Stuhl, blinkte einmal. Wie ein Auge, das zwinkerte.

Mara sprang auf. „Emil. Das ist das Signal.“

Emil wurde blass. „Die Rückkehrzeit.“

Mara sah zu Jannis. „Wir müssen gehen.“

Jannis' Lächeln wurde kleiner, aber nicht traurig. Eher klug. „In euer Heute.“

Mara nickte. „Ja.“

Jannis griff in seinen Rucksack und holte den Ring heraus. Er hielt ihn Mara hin, stoppte aber in der Luft. „Oder… ich lege ihn lieber gleich?“

Mara sah den Boden neben dem Bach. Eine flache Stelle, halb trocken, halb schlammig. Unauffällig. „Dort“, sagte sie.

Jannis kniete sich hin, drückte den Ring vorsichtig in den Schlamm und schob ein kleines Blatt darüber. „Schatzablage erledigt.“

Emil atmete aus. „Danke.“

Jannis stand auf und wischte sich die Hände ab. „Darf ich euch noch was fragen?“

„Schnell“, sagte Emil. „Zeit ist heute empfindlich.“

Jannis lächelte. „Wenn ihr zurück seid… werdet ihr euch an mich erinnern?“

Mara spürte einen Stich. „Ja“, sagte sie fest. „Das verspreche ich.“

„Dann reicht mir das“, sagte Jannis. „Gute Reise.“

Mara und Emil liefen zum Apfelbaum. Der Stuhl wartete im Schatten.

Kapitel 5: Der Sprung zurück und das weiche Landen

Emil klappte den Helm hoch. „Okay. Gleicher Ablauf. Rückwärts zählen. Bei Null: Licht.“

Mara setzte sich auf den Campingstuhl. Emil setzte sich hinter sie auf den Boden, nahe genug, um den Wecker zu halten und den Draht zu kontrollieren. Ihre Hände zitterten ein bisschen, aber mehr vor Aufregung als vor Angst.

Mara schaute noch einmal zur Wiese. Jannis stand am Feldweg und hob die Hand. Der Wind spielte mit seiner gelben Jacke.

Mara hob ebenfalls die Hand. „Danke“, flüsterte sie, obwohl sie nicht wusste, ob er es hören konnte.

Emil drückte den Weckerknopf. „Tick.“

Sie zählten. Das Gras, der Bach, die Wolken—alles wirkte plötzlich wie eine Szene, die man in ein Buch kleben will, damit sie nicht wegfliegt.

„…drei… zwei… eins… Null!“

Mara schaltete das Licht ein.

Wieder dieses helle, seltsame Leuchten. Wieder das „Plopp“. Ihr Magen machte einen kleinen Purzelbaum. Der Geruch der Wiese rutschte weg wie ein Traum am Morgen.

Und dann war da Holzgeruch. Öl. Staub. Der Schuppen.

Mara blinzelte. Der Arbeitstisch stand noch da. Die Werkzeuge lagen genauso, wie sie sie verlassen hatten. Durch das Fenster fiel das gleiche Nachmittagslicht wie vorher—als wären sie nur kurz hinausgegangen.

Emil sprang auf. „Wir sind zurück! Ich… ich bin sehr froh über Wände.“

Mara stand langsam auf. Ihre Beine fühlten sich an, als hätten sie einen langen Spaziergang gemacht, obwohl die Uhr an der Wand kaum vorgerückt war.

„Wie spät ist es?“ fragte sie.

Emil schaute auf sein Handy, dann auf den Wecker, dann wieder aufs Handy, als würde er einen Streit schlichten. „Fast genau die gleiche Minute. Vielleicht… drei Minuten später.“

Mara setzte sich auf die Werkbank. „Also ist die Zeit hier fast stehen geblieben, während wir dort waren.“

Emil nickte. „Oder wir haben ein Fenster erwischt, das sich wieder schließt, ohne dass hier viel passiert. Wie… eine Drehtür.“

Mara öffnete ihr Notizbuch und schrieb alles auf, so klar sie konnte: Wiese, Jannis, Ring, Clip, Apfel.

Emil schob seine leere Trinkflasche aus dem Rucksack. „Zum Glück ist sie wieder da. Zeit hat sie uns verziehen.“

Mara lächelte. „Oder wir haben gut repariert.“

Emil setzte sich neben sie. „Und der Ring?“

Mara spürte in ihrer Tasche. Nichts. „Wir haben ihn nicht mitgenommen.“

Emil wirkte erleichtert. „Gut. Keine Souvenirs.“

Mara dachte an den Apfelgeschmack und an das Brot. „Außer Erinnerungen.“

Sie hörten Schritte draußen. Jemand rief nach Emil. Seine Mutter. „Emil! Abendessen!“

Emil zuckte zusammen. „Oh. Realität ruft.“

Mara lachte leise. „Geh.“

Emil stand auf, stoppte aber in der Tür. „Mara?“

„Ja?“

Er kratzte sich am Kopf. „Danke. Für… dass du mich mitgenommen hast. Und dass du immer so ruhig bleibst, wenn mein Gehirn Knoten macht.“

Mara spürte Wärme. „Danke, dass du Ideen hast, die sich trauen.“

Emil grinste. „Und jetzt bin ich dankbar für Spaghetti.“

Er verschwand.

Mara blieb allein im Schuppen. Sie hörte das entfernte Klappern aus der Küche, das Summen einer Fliege am Fenster. Alles war wie immer. Und doch nicht.

Sie ging hinaus in den Garten. Der Himmel war derselbe, aber sie sah ihn genauer. Der Wind fühlte sich wie eine Nachricht an: Du bist hier. Jetzt.

Am Rand des Gartens wuchs eine kleine, unordentliche Ecke mit hohen Gräsern. Mara war früher oft vorbeigelaufen und hatte gedacht: Muss man mal schneiden.

Heute kniete sie sich hin und betrachtete eine kleine Blüte, die sie nie bemerkt hatte. Sie war winzig, aber perfekt.

„Danke“, sagte Mara leise. Nicht zu jemand Bestimmtem. Eher zum Tag.

Dann nahm sie das Notizbuch, ging zurück in den Schuppen und legte es in eine Schublade, als wäre es ein Schatz.

Bevor sie das Licht ausmachte, schaute sie ein letztes Mal den Campingstuhl an. Er stand still da, ganz unschuldig.

„Nicht heute“, flüsterte Mara. „Heute bleiben wir hier.“

Sie schloss die Tür.

Draußen rief eine Amsel. Und das ganz normale Heute fühlte sich plötzlich an wie etwas, das man nicht verschwenden sollte.

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Werkstatt
Ein Raum, wo man Dinge repariert oder baut, oft mit Werkzeugen und Tischen.
Schuppen
Ein kleines Häuschen im Garten, oft voll mit Werkzeug und alten Sachen.
Taktgeber
Etwas, das gleichmäßige Töne oder Schläge macht, damit man etwas misst.
Paradox-Alarm
Eine Warnung, wenn etwas an der Zeitlogik komisch oder widersprüchlich ist.
Schleife
Eine Art Kreis oder Wiederholung, die sich immer wieder schließt.
Unauffällig
So, dass etwas nicht leicht gesehen oder bemerkt wird.
Schatzablage
Ein geheimer oder versteckter Ort, wo man etwas Wertvolles legt.
Reparatur
Das Wiederherstellen oder Fixen von etwas, das kaputt ist.
Draht
Ein dünner Metallfaden, den man für Verbindungen oder Strom nutzt.
Taschenrechner
Ein kleines Gerät, das man zum Rechnen und Prüfen von Zahlen benutzt.

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