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Zeitreisegeschichte 11/12 Jahre Lesen 23 min.

Das Zeitfenster im Hafen: Bitte nicht drängeln!

Zwei Jungen entdecken in einem alten Schuppen ein geheimnisvolles Zeitfenster, reisen in die Zukunft und müssen mit Neugier, Geduld und klaren Regeln einen Weg zurückfinden.

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Drei Personen: Finn, circa 11, kurzes braunes Haar, zu große marineblaue Jacke, steht mittig mit einem Fuß bereits in einem ovalen leuchtenden Portal, Gesicht staunend und ängstlich, Hand zu Jona ausgestreckt; Jona, circa 11, kastanienbraunes lockiges Haar, grüner Sweatshirt, hält ein abgenutztes Notizbuch an die Brust, steht rechts hinter Finn und blickt mit erleichterter Schuldgefühlsmiene zum Portal; Amir, etwa 40, Techniker, ergrautes Haar, beige Arbeitsjacke, Brille auf der Stirn, links beim Hangartor, eine Hand erhoben beruhigend, in der anderen Besucheraufkleber, ruhige, zuversichtliche Haltung. Ort: Wartungshangar im Hafen, leicht rissiger Betonboden, Werkzeuge an der Wand, warmes gedämpftes Licht, hinten große Glasfront mit silbernen Shuttles und modernen Pflanzkästen; mittig ein großes metallisches ovales Rahmenportal, wie spiegelndes Wasser, abgenutzte Ränder und technische Etiketten. Szene: Die Jungen schreiten vorsichtig durch ein irisierendes blau-goldenes Zeitportal mit schwebenden Lichtpartikeln, leichte Bewegungsunschärfe um Finn; Amir bremst die Szene sanft, Jonas Notizbuch sichtbar als potenzielles Problem; gedehnte Spannung, pastellige Farben, Lichtfokus auf dem Portal, feine weiße Reflektionen und Glitzerakzente. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Hafen der stillen Summen

Finn fand, dass ein Hafen nicht immer nach Salz und Fisch riechen musste. Dieser hier roch nach warmem Metall, Regen auf Asphalt und einem Hauch Zimt aus der Bäckerei an der Ecke. Vor allem aber klang er anders: kein Hupen, kein Motorbrüllen. Nur ein leises, gleichmäßiges Summen, als würden hunderte große Bienen brav ihre Runden drehen.

„Autonome Shuttle“, sagte Finn wichtig und zeigte auf die langen Reihen glänzender Kapseln, die an kleinen Plattformen andockten. „Sie fahren von allein. Ohne Fahrer.“

Neben ihm stand Jona, der fast genauso alt war wie Finn, aber immer so guckte, als würde er gleich eine Frage stellen, die niemand erwartet. Er trug einen Rucksack, aus dem ein zerknicktes Notizheft lugte.

„Und die sind wirklich… brav?“, fragte Jona.

„Braver als mein kleiner Cousin“, meinte Finn. „Schau, da steht's: ‘Bitte einsteigen. Ziel wählen. Anschnallen.'“

Sie waren nur kurz hier. Finns Mutter arbeitete in einem Büro in der Nähe und hatte gesagt: „Wartet hier. Nicht weit weg. Und: Geduld.“ Dieses letzte Wort hatte sie so betont, als hätte sie es mit einem dicken Filzstift in die Luft gemalt.

Finn versuchte geduldig zu sein. Wirklich. Aber dieser Hafen war wie ein Rätsel, das sich selbst laut vorlas. Über den Plattformen hingen Anzeigen, die wie Wasseroberflächen schimmerten. Und in der Mitte des Geländes stand ein alter Wartungsschuppen, der nicht zum Rest passte: graue Bretter, rostige Scharniere, ein Schild mit verblassten Buchstaben.

Jona las laut: „‘Service: Zeitfenster – Zutritt nur für Personal.' Zeitfenster?“

Finn grinste. „Vielleicht ist das nur ein lustiger Name.“

„Oder…“, begann Jona und zog das Wort in die Länge, „…es ist wirklich ein Zeitfenster.“

Finn lachte. „Du denkst immer gleich an verrückte Sachen.“

„Verrückt ist nur ein anderes Wort für ‘noch nicht verstanden'“, sagte Jona und klopfte auf sein Notizheft, als wäre es ein Wörterbuch.

Sie schlichen näher. Der Schuppen hatte einen Spalt in der Tür, gerade breit genug, um hindurchzuschauen. Drinnen war es dunkel, bis plötzlich ein dünner Streifen Licht aufflackerte. Nicht wie eine Lampe. Eher wie ein Riss im Raum.

Finns Herz machte einen kleinen Hüpfer. „Hast du das gesehen?“

„Ja“, flüsterte Jona. „Und ich wette, da drin steht nicht nur ein Besen.“

Der Riss wurde heller. Er sah aus wie eine stehende Pfütze aus Glas. In ihr wirbelten winzige Punkte, als würde jemand Glitzer in Zeitlupe schütteln.

Finn schluckte. „Wir sollten… warten. Geduldig sein.“

Jona hob eine Augenbraue. „Geduld heißt nicht, dass man nie etwas tut. Geduld heißt, dass man das Richtige zur richtigen Zeit tut.“

„Das klang gerade, als wärst du ein Kalender“, murmelte Finn.

Der Riss summte, als würde er Finn direkt rufen. Jona drückte vorsichtig gegen die Tür. Sie gab nach, ohne zu knarren, als hätte sie selbst beschlossen, leise zu sein.

„Nur kurz gucken“, sagte Jona.

„Nur kurz“, wiederholte Finn, obwohl sein Bauch etwas anderes sagte: Lauf weg! Und gleichzeitig: Geh rein!

Sie traten ein. Es roch nach Staub und Öl. In der Mitte stand kein Besen. Da stand ein ovaler Rahmen aus dunklem Metall, so groß wie eine Tür. Darin vibrierte das Licht wie ein lebendiger Spiegel.

Am Rahmen klebte ein Aufkleber: „ZEITPASSAGE – Bitte nicht erschrecken. Bitte nicht drängeln.“

Finn prustete. „Bitte nicht drängeln? Wer drängelt denn in… Zeit?“

„Leute ohne Geduld“, sagte Jona trocken.

Der Spiegel flackerte, und in seinem Inneren tauchte ein Bild auf: derselbe Hafen – aber anders. Die Plattformen waren höher, die Shuttles schwebten ein Stück über dem Boden, und überall wuchsen Pflanzen in ordentlichen Kästen, als hätte jemand den Hafen in einen Garten verwandelt.

„Das ist… der Hafen“, flüsterte Finn. „Nur… später.“

Jona streckte die Hand aus. Das Licht berührte seine Fingerspitzen wie kühles Wasser. „Es fühlt sich echt an.“

Finns Gedanken rasten. Regeln, dachte er. Wenn das wirklich Zeit ist, dann gibt es Regeln. In Filmen ging immer alles schief, sobald jemand einen Dino streichelte oder seinem Großvater den Fußball klaute.

„Wir gehen nur hin, schauen, und kommen sofort zurück“, sagte Finn. „Nichts anfassen. Niemandem erzählen, dass wir…“

„…aus dem Heute sind“, ergänzte Jona. „Abgemacht.“

Sie sahen sich an. Dann atmeten sie gleichzeitig ein, als würden sie ins kalte Schwimmbad springen.

Und traten durch das Zeitfenster.

Kapitel 2: Ankunft im Morgen

Es fühlte sich an, als würde Finn gleichzeitig stolpern und schweben. Ein Moment lang war da nur Licht und ein Summen, das in seinen Zähnen kitzelte. Dann: fester Boden.

Sie standen wieder in einem Hafen. Nur war alles klarer, sauberer, heller. Der Himmel wirkte wie frisch gewaschen. Und die Shuttles… die Shuttles waren keine Kapseln mehr. Sie waren wie glatte Tropfen aus Silber, die leise über den Boden glitten, als hätten sie Angst, Staub aufzuwirbeln.

Finn drehte sich um. Hinter ihnen war kein Schuppen. Nur eine Wand aus Glas mit Pflanzen dahinter. Sein Magen zog sich zusammen.

„Jona“, sagte er, „wo ist das Zeitfenster?“

Jona tastete die Luft ab, als könnte er es fühlen. „Nicht da. Aber… keine Panik. Vielleicht ist es woanders. Oder es kommt wieder.“

„Oder wir sind festgeklebt in der Zukunft“, murmelte Finn.

Ein Shuttle glitt an ihnen vorbei und bremste, als hätte es sie bemerkt. Eine freundliche Stimme kam aus einem unsichtbaren Lautsprecher: „Hallo! Ihr steht auf einer Sicherheitslinie. Bitte tretet zwei Schritte nach links. Danke.“

Finn machte zwei Schritte nach links. Jona auch.

„Sogar die Shuttles sind höflich“, sagte Finn.

„Höfliche Maschinen sind die besten“, meinte Jona. „Die machen weniger Ärger.“

Sie gingen zu einer großen Anzeige, die in der Luft schwebte. Darauf stand: „Shuttle-Hafen Nord – Jahr 2064 – Willkommen.“

Finn schnappte nach Luft. „Zweitausendvierundsechzig?“

Jona rechnete kurz. „Das sind… mehr als vierzig Jahre.“

Finns Knie wurden weich. „Dann sind wir…“

„…in der Zukunft“, sagte Jona, als hätte er es gerade erst bestätigt bekommen. Seine Augen glänzten vor Neugier, aber auch er schluckte. „Okay. Regel Nummer eins: Wir bleiben zusammen.“

„Regel Nummer zwei: Wir suchen den Rückweg“, sagte Finn.

„Regel Nummer drei: Wir bleiben unauffällig“, ergänzte Jona.

In diesem Moment fuhr ein kleines Reinigungsgerät an ihnen vorbei, das aussah wie ein runder Mülleimer auf Rädern. Es piepste fröhlich und zog einen dünnen Strich Wasser über den Boden, der sofort wieder verschwand.

Finn zeigte auf eine Bank, die in der Sonne stand. „Kurz hinsetzen? Ich… ich brauche eine Sekunde.“

Jona nickte. Sie setzten sich. Finn merkte erst jetzt, wie sehr sein Herz klopfte. Er versuchte, ruhig zu atmen.

„Geduld“, sagte Jona leise.

„Ich weiß“, brummte Finn. „Aber Geduld ist leichter, wenn man nicht gerade durch die Zeit gefallen ist.“

Jona zog sein Notizheft heraus. „Wir müssen logisch sein. Wenn es ein Zeitfenster gibt, gibt es wahrscheinlich auch… Schilder. Oder Personal. Oder Sicherheitsregeln. Und irgendwo muss der Zugang sein.“

Finn starrte auf den Hafen. Menschen liefen herum, aber sie wirkten entspannt. Niemand rannte. Niemand schrie. Manche trugen Armbänder, die leise leuchteten. Ein paar Kinder in ihrem Alter saßen auf dem Boden und bauten aus kleinen Bausteinen etwas, das wie ein Mini-Shuttle aussah.

„Die Kinder da“, sagte Finn. „Die sehen normal aus.“

„Das ist beruhigend“, sagte Jona. „Normal ist gut.“

Ein Mädchen mit kurzen Locken kam näher, musterte sie und lächelte. „Hey. Ihr seht aus, als hättet ihr euch verfahren.“

Finn öffnete den Mund, aber kein Ton kam raus.

Jona war schneller. „Ähm… ja. Wir suchen… den Servicebereich.“

Das Mädchen nickte, als wäre das die normalste Sache der Welt. „Servicebereich ist hinten, bei den alten Docks. Da, wo die Zeitpassagen gewartet werden.“

Finns Ohren wurden heiß. Sie sagte es einfach so. Zeitpassagen. Als wäre das wie „Fahrradständer“.

„Danke“, brachte Finn heraus.

„Kein Ding“, sagte sie. „Ich bin Leni. Wenn ihr euch beeilt, seht ihr vielleicht die Kalibrierung. Die ist cool. Aber nicht drängeln. Sonst spinnt das Fenster.“

Jona schnaubte. „Schon wieder: nicht drängeln.“

Leni grinste. „Zeit ist empfindlich. Wie Pudding. Wenn du zu schnell draufdrückst, wackelt alles.“

Finn musste trotz allem lachen. Ein bisschen Spannung fiel von ihm ab wie ein zu enger Rucksackriemen.

„Kommt ihr mit?“, fragte Jona.

Leni schüttelte den Kopf. „Darf nicht. Ich hab gleich Unterricht im Zukunftslabor.“ Sie zwinkerte. „Und ihr… seht so aus, als würdet ihr lieber erst mal allein staunen.“

Finn nickte dankbar. „Stimmt.“

Sie gingen los, den Weg entlang, den Leni gezeigt hatte. Je weiter sie nach hinten kamen, desto älter wirkte der Hafen. Hier standen noch Schilder aus Metall, nicht aus Licht. Hier hörte man wieder etwas mehr Brummen, als würden die Maschinen ihre alten Stimmen üben.

Und dann sah Finn es: einen Eingang, über dem „Zeitfenster-Service“ stand. Die Tür war halb offen, als würde jemand gleich wiederkommen.

Finn blieb stehen. „Das ist es.“

Jona legte eine Hand auf den Türrahmen. „Langsam. Geduldig. Wenn wir zu hastig sind, machen wir einen Fehler.“

Finn atmete aus. „Okay. Langsam.“

Sie traten ein.

Kapitel 3: Die Regeln, die nicht verhandeln

Der Servicebereich war überraschend gemütlich. Es gab Werkbänke, Regale voller Werkzeuge und in einer Ecke einen Automaten, der „Kakao – heute wie früher“ anbot. An der Wand hing ein großes Plakat:

„ZEITREISEN: 5 EINFACHE REGELN“

1. Bleib in deiner Gruppe.

2. Nimm nichts mit, was nicht dir gehört.

3. Lass nichts zurück.

4. Sprich nicht über Dinge, die die Vergangenheit verändern könnten.

5. Wenn du unsicher bist: Warten. Geduld schützt.

Finn starrte auf Regel fünf. „Das ist… als hätte das Plakat meine Mutter getroffen.“

Jona grinste. „Deine Mutter hätte das Plakat geschrieben.“

Hinter einer Glaswand stand ein Zeitfenster-Rahmen, ähnlich wie der im Schuppen – nur moderner. Daneben blinkte eine Anzeige: „Nächste Öffnung: in 27 Minuten.“

Finn stöhnte. „Siebenundzwanzig Minuten!“

„Das ist nicht schlimm“, sagte Jona sofort. „Wir warten.“

Finn ließ sich auf einen Hocker fallen. „Du sagst das so, als wäre Warten ein Hobby.“

„Ist es auch“, meinte Jona. „Man kann dabei denken. Und beobachten.“

Finn verschränkte die Arme. „Ich bin eher Team ‘sofort zurück nach Hause'.“

„Ich auch“, sagte Jona, „aber nicht Team ‘Panik und Fehler'.“

Während sie warteten, passierte etwas Merkwürdiges. Eine kleine Tür am anderen Ende öffnete sich, und ein Mann mit grauen Haaren und einer Werkzeugweste kam herein. Er hatte eine Schutzbrille auf der Stirn und einen Stift hinterm Ohr. Er sah die Jungs, blieb stehen und runzelte die Stirn.

„Ihr seid nicht auf meiner Liste“, sagte er.

Finns Kehle wurde trocken.

Jona hob die Hände. „Wir… äh… sind nur… Besucher.“

Der Mann sah genauer hin. Seine Stirn glättete sich ein bisschen. „Ihr seid Kinder. Und ihr seid… verwirrt.“ Er zeigte auf das Plakat. „Habt ihr die Regeln gelesen?“

Finn nickte schnell. „Ja. Wir wollen nur zurück.“

Der Mann seufzte, aber nicht böse. Eher so, als hätte er gerade einen Knoten in einem Kabel gefunden. „Dann seid ihr wahrscheinlich durch ein altes Fenster gekommen. Die alten Dinger öffnen manchmal, wenn sie sich langweilen.“

„Fenster können sich langweilen?“, fragte Finn.

„Alles kann sich langweilen, wenn es lange genug steht“, sagte der Mann. „Ich heiße Amir. Ich bin Zeitfenster-Techniker.“

Jona strahlte. „Echt? Dann wissen Sie bestimmt, wie wir zurückkommen.“

Amir nickte und tippte auf die Anzeige. „In 27 Minuten geht eine stabile Passage ins Jahr 2026, Hafen Nord, Dock 3.“

Finn sprang auf. „Das ist unser Heute!“

Amir hob den Finger. „Fast. Wichtig: Ihr müsst genau zur Öffnung durchgehen. Nicht vorher, nicht nachher. Und ihr müsst…“ Er musterte Finn und Jona. „…ruhig bleiben.“

Finn blinzelte. „Wir versuchen es.“

Amir ging zu einem Regal und holte zwei kleine Aufkleber. Er klebte sie den Jungs auf die Jacken. Darauf stand „TEMPORÄRER BESUCHER – BITTE NICHT ANSPRECHEN“.

„Das ist ja nett“, murmelte Finn.

„Das ist praktisch“, sagte Amir. „So stellt niemand dumme Fragen. Und dumme Fragen sind…“

„…gefährlich?“, fragte Jona.

Amir nickte. „Nicht die Fragen an sich. Aber die Antworten zur falschen Zeit.“

Finn schaute zur Glaswand. Das Fenster dahinter war jetzt nur ein dunkler Rahmen.

„Was passiert, wenn man Regel zwei bricht?“, fragte Finn und dachte an all die coolen Sachen draußen. Schwebeshuttles! Leuchtarmbänder! Kakao-Automaten, die „wie früher“ waren!

Amir sah ihn scharf an. „Dann trägt man die Zukunft in die Vergangenheit. Und die Vergangenheit stolpert darüber. Stell dir vor, du gibst einem Baby einen Taschenrechner. Es ist nicht böse, aber es ist… zu früh.“

Jona nickte ernst. „Also keine Souvenirs.“

„Genau“, sagte Amir. „Und Regel drei: Nichts zurücklassen. Auch kein Papier, keine Münze, kein…“ Sein Blick fiel auf Jonas Notizheft. „…kein Kritzelblatt.“

Jona umklammerte es. „Das ist meins. Das nehme ich mit.“

„Gut“, sagte Amir. Dann lächelte er plötzlich. „Aber ihr dürft etwas mitnehmen, das nicht gegen die Regeln verstößt.“

Finn runzelte die Stirn. „Was denn?“

Amir zeigte auf seinen Kopf. „Eine Beobachtung. Eine Idee. Eine Lektion. Die nimmt euch keiner ab.“

Finn dachte kurz nach. Geduld schützt, stand da. Vielleicht war das die Lektion.

Die Minuten vergingen. Finn schaute ständig auf die Anzeige. 18 Minuten. 12. 8.

„Ich halte das nicht aus“, flüsterte Finn.

„Doch“, sagte Jona. „Du hältst es aus. Stell dir vor, wir sind wie die Shuttles. Die fahren nicht los, bevor das Signal kommt.“

Finn musste lachen. „Ich bin ein Shuttle.“

„Ein sehr nervöses Shuttle“, sagte Jona.

Als noch drei Minuten übrig waren, begann der Rahmen hinter der Glaswand zu glimmen. Es war, als würde ein Sonnenaufgang in einem Türrahmen stattfinden.

Amir öffnete die Tür zur Schleuse. „Jetzt: keine Hektik. Wenn es euch zieht, geht ihr. Wenn es ruckelt, bleibt ihr stehen. Zeit ist…“

„…wie Pudding“, sagte Finn und Jona gleichzeitig.

Amir lachte. „Genau. Und ihr tretet nicht auf Pudding.“

Der Rahmen wurde zu einem klaren, fließenden Spiegel. Finn sah darin den alten Wartungsschuppen. Er sah sogar die dunkle Ecke, in der er zuerst gezögert hatte.

Finns Herz schlug schnell, aber diesmal fühlte es sich an wie Vorfreude. „Okay.“

„Zusammen“, sagte Jona.

„Zusammen“, wiederholte Finn.

Sie traten vor.

Kapitel 4: Der kleine Paradox-Stolperer

Gerade als Finn einen Fuß in den Spiegel setzen wollte, hörte er hinter sich ein leises Klirren. Er drehte sich um und sah, wie Jonas Notizheft aus dem Rucksack gerutscht war. Es lag auf dem Boden, aufgeklappt, und ein paar Seiten flatterten, als würde die Luft sie kitzeln.

„Mein Heft!“, rief Jona und sprang zurück.

„Regel drei!“, rief Amir gleichzeitig.

Finn streckte die Hand nach Jona aus. „Lass es! Wir müssen—“

Aber Jona war schon bei dem Heft. Er hob es auf, drückte es an die Brust und rannte zurück zum Fenster.

In diesem Moment flackerte der Spiegel. Nicht gefährlich, eher beleidigt. Als hätte jemand beim Film auf Pause gedrückt.

Amir hob beide Hände. „Stop! Nicht rennen!“

Jona bremste so abrupt, dass seine Turnschuhe quietschten. Finn blieb mitten im Schritt stehen. Sein Fuß war schon halb im Spiegel, halb draußen. Es kribbelte bis ins Knie.

„Das ist ein… sehr blödes Gefühl“, murmelte Finn.

„Langsam“, sagte Amir fest. „Das Fenster kalibriert auf euch. Wenn ihr hektisch seid, wird die Kante unscharf.“

Finn zog den Fuß zurück, ganz vorsichtig, als würde er eine Katze nicht erschrecken wollen.

Der Spiegel beruhigte sich wieder. Das Summen wurde gleichmäßig.

Jona atmete schwer. „Tut mir leid. Ich… ich hab's vergessen.“

„Du hast es nicht vergessen“, sagte Finn. „Du hattest nur Angst, es zu verlieren.“

Jona nickte, die Ohren rot. „Ich hasse dieses Gefühl, wenn man etwas zurücklassen muss.“

Amir sah ihn mild an. „Zeitreisen sind eine Übung im Loslassen. Aber auch im Festhalten an den richtigen Dingen. Du hast dein Heft gerettet, ohne etwas zurückzulassen. Das ist okay.“

Finn blinzelte. „Dann… kein Paradox?“

Amir schüttelte den Kopf. „Ein Paradox entsteht, wenn ihr euch selbst im Weg steht. Oder wenn ihr versucht, die Zeit zu überlisten. Ihr habt nur… gestolpert. Das passiert.“

Jona versuchte zu lächeln. „Ein Paradox-Stolperer.

Finn grinste. „Klingt wie ein peinlicher Tanzschritt.“

„Mach ihn nicht nach“, sagte Amir. „Jetzt. Ganz ruhig. Eins nach dem anderen. Und… Geduld.“

Finn hob die Hand. Jona nahm sie. Ihre Finger waren kalt und schwitzig zugleich.

„Bereit?“, fragte Finn.

Jona nickte. „Bereit.“

Sie traten durch.

Diesmal war es sanft. Wie durch einen Vorhang aus Wasser, der nicht nass machte.

Kapitel 5: Zurück im Heute, mit einem Funken Morgen

Finn landete fast auf seinen eigenen Füßen. Der Geruch von Staub und Öl war wieder da. Und das Licht im Schuppen war dunkler, schmaler, als würde es gleich ausgehen.

Jona stolperte neben ihm, fing sich aber.

„Wir sind… zurück“, flüsterte Finn.

Draußen hörten sie wieder den normalen Hafen von heute: ein paar Stimmen, das Rollen von Koffern, ein weit entferntes Hupen. Und natürlich: das Summen der autonomen Shuttles, die hier noch auf Rädern fuhren und nicht schwebten.

Finn drückte die Tür auf. Die Welt sah plötzlich sehr… vertraut aus. Und trotzdem neu, als hätte jemand die Farben ein bisschen heller gedreht.

Sie rannten nicht. Sie gingen. Schnell, aber nicht kopflos. Finn merkte, dass er automatisch langsamer wurde, als hätte Amirs Stimme sich in seinen Schuhsohlen festgesetzt.

Auf einer Bank saß Finns Mutter und schaute auf die Uhr. Als sie die Jungs sah, hob sie die Augenbrauen.

„Da seid ihr ja“, sagte sie. „Ich hoffe, ihr habt euch…“

Finn und Jona tauschten einen Blick.

„…geduldig verhalten“, beendete Finn und räusperte sich.

Jona nickte heftig. „Sehr. Also… wir haben es versucht.“

Seine Mutter musterte sie. „Ihr seht aus, als hättet ihr einen Marathon im Kopf gemacht. Alles okay?“

Finn überlegte. Regel vier. Nicht über Dinge sprechen, die die Vergangenheit verändern könnten. Und außerdem: Wie erklärt man seiner Mutter, dass man gerade mit Pudding-Zeit gekämpft hat?

„Wir haben was wirklich Spannendes gesehen“, sagte Finn vorsichtig. „Aber… das erzählen wir später. Wenn es… die richtige Zeit ist.“

Seine Mutter lachte. „Aha. Philosophisch geworden, was? Na gut. Kommt. Ich hab versprochen, wir holen euch ein Eis.“

Jona flüsterte Finn zu: „Eis ist auch wie Pudding. Nur kälter.“

Finn kicherte. „Und man drängelt nicht beim Essen, sonst bekommt man Gehirnfrost.“

Sie gingen mit Finns Mutter Richtung Ausgang. Finn drehte sich noch einmal um. Der alte Wartungsschuppen stand da, als wäre er nur ein Schuppen. Kein Glitzern. Kein Riss. Nur eine Tür, die ein bisschen schief hing.

„Glaubst du, das Fenster öffnet sich wieder?“, flüsterte Finn.

Jona zuckte die Schultern. „Vielleicht. Aber wir müssen nicht dauernd durch. Heute reicht.“

Finn nickte. Er spürte etwas Warmes in der Brust. Es war nicht nur Erleichterung. Es war… Staunen. Und ein kleines bisschen Stolz, dass sie es geschafft hatten, ohne alles durcheinanderzubringen.

Zu Hause, am Nachmittag, saßen Finn und Jona in Finns Zimmer. Jona schlug sein Notizheft auf. Die Seiten waren leerer, als Finn erwartet hatte.

„Du hast gar nicht so viel aufgeschrieben“, sagte Finn.

„Ich hab mehr geguckt als geschrieben“, sagte Jona. „Und ich will nicht, dass das hier… zu einem Plan wird, wie man alles wiederholt. Es soll nur eine Erinnerung sein.“

Finn nahm einen Bleistift. „Dann lass uns eine Erinnerung machen, die niemandem wehtut.“

Jona grinste. „Ein Bild?“

Finn nickte. „Ein Bild. Ohne Technik. Ohne Zukunftsteile. Nur… wir. Und der Hafen. Und das Fenster. Und vielleicht ein Schild: ‘Nicht drängeln.'“

Sie zeichneten zusammen. Finn malte die Shuttles, Jona das Zeitfenster wie einen schimmernden Spiegel. Sie gaben Amir eine Werkzeuggürtel-Figur, die freundlich aussah. Und sie schrieben in kleinen Buchstaben an den Rand: „Geduld schützt.“

Als sie fertig waren, klebte Finn das Bild mit zwei Streifen Tape an die Wand neben seinem Schreibtisch. Es hing dort, leicht schief, aber genau richtig.

Finn trat einen Schritt zurück. „Sieht aus, als würde es uns beobachten.“

Jona nickte zufrieden. „Damit wir uns erinnern. Wenn wir das nächste Mal warten müssen.“

Finn setzte sich aufs Bett und seufzte. „Okay. Ab heute versuche ich… ein weniger nervöses Shuttle zu sein.“

Jona lachte. „Und ich versuche, mein Heft nicht wie ein Schatz zu behandeln, der die Welt retten muss.“

Finn schaute auf das Bild an der Wand. Es war nur Papier und Bleistift. Und doch fühlte es sich an wie ein kleiner Haken, der das Morgen ganz vorsichtig im Heute festhielt.

Er blieb noch einen Moment still.

Geduldig.

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Autonome Shuttle
Ein Fahrzeug, das ohne Fahrer selbst fährt und Menschen transportiert.
Zeitfenster
Ein spezieller Durchgang, der in eine andere Zeit führen kann.
ZEITPASSAGE
Ein Rahmen oder Tor, durch das man in eine andere Zeit gelangt.
Zeitfenster-Service
Ein Ort, wo solche Zeit-Durchgänge überprüft und repariert werden.
Kalibrierung
Feineinstellung einer Maschine, damit sie genau und richtig arbeitet.
Kalibriert
Wenn etwas gerade eingestellt oder genau gemacht wird.
Paradox-Stolperer
Ein Fehler, der beim Zeitreisen passieren kann und Probleme bringt.
TEMPORÄRER BESUCHER – BITTE NICHT ANSPRECHEN
Aufkleber, der sagt: Du bist nur kurz hier, frag nicht nach Details.
Schleuse
Ein geschützter Raum oder Durchgang zwischen zwei Bereichen.
Kakao – heute wie früher
Getränkeautomataufschrift, die verspricht: Kakao schmeckt wie in alten Zeiten.

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