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Kleine Abenteurer 11/12 Jahre Lesen 21 min.

Die Werkstatt der verlorenen Geräusche und Miras mutige Wecker-Rettung

Mira und ihr Freund Samir folgen einer geheimnisvollen Karte zu einer Werkstatt der verlorenen Geräusche, wo sie mit Mut, Einfühlungsvermögen und Geschick versuchen, den wehmütigen Wecker wieder glücklich zu machen.

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Die 12-jährige Mira, konzentriert und fröhlich, braune Pferdeschwanzhaare, leicht ölige Finger, sitzt mit einem offenen alten Wecker auf dem Schoß und setzt behutsam eine winzige goldene Glocke ein, neben ihr kniet der etwa 12-jährige Samir, schüchtern aber stolz, kurze schwarze Haare, grüne Jacke, und hält eine Lupe ins Weckerinnere, während die etwa 35-jährige Tilda, warmherzig und schelmisch, blondes unordentliches Dutt-Haar, Schutzbrille auf der Stirn, hinter einer mit Werkzeug bedeckten Werkbank steht und lächelnd eine kleine Schachtel mit blauen Funken reicht; die Werkstatt ist ein großer Holzraum mit hohen Regalen voller kurioser Gegenstände, beschrifteten Kisten, Seilen und Federn, und schwebenden, leuchtenden Klangblasen („Pling“ silbern, „Wusch“ blau, „Piep“ rosa); warmes, goldenes Licht fällt in Staubstrahlen, auf dem Tisch liegen farbige Werkzeuge, eine Gelenkleuchte und ein großes Glas mit einer mürrischen kleinen grauen Wolke (dem „Klangknoten“), die die Szene beobachtet; die Komposition zeigt Mira zentral in Aktion, Samir leicht links mit der Lupe, Tilda im Hintergrund bei den Regalen und die Klangblasen, die eine magische, einladende Atmosphäre schaffen. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Wecker, der nur noch seufzt

Mira war elf und konnte sehr gut zuhören. Nicht nur Menschen. Auch Dingen.

An diesem Morgen seufzte der Wecker auf ihrem Nachttisch, als hätte er die ganze Nacht Hausaufgaben gemacht. Er zeigte zwar die Zeit. Aber statt zu klingeln, machte er nur ein müdes „Pffft“.

„Nicht schon wieder“, murmelte Mira und stupste ihn an.

Der Wecker antwortete mit einem beleidigten Klicken. Dann Stille.

Mira zog die Decke hoch und flüsterte: „Ich bring dich wieder zum Singen. Versprochen.“

Unten in der Küche roch es nach Kakao. Ihre Mutter stand am Herd und las Nachrichten auf dem Handy.

„Mama, der Wecker ist kaputt. Ich will ihn reparieren.“

Mutter hob die Augenbrauen. „Du und deine Rettungsaktionen.“

„Er ist nützlich“, sagte Mira ernst. „Und er hat es verdient.“

Mutter lächelte. „Dann hol dir bitte erst ein Frühstück. Mut braucht Energie.“

Mira nickte. Sie hatte schon eine Idee. In der Schublade im Flur lag der kleine Werkzeugkasten ihres Opas. Opa sagte immer: „Bevor du etwas wegwirfst, frag dich, ob es nur ein bisschen Hilfe braucht.“

Mira schluckte den letzten Schluck Kakao und nahm den Wecker vorsichtig in beide Hände. Als wäre er ein verletzter Vogel.

In dem Moment klingelte das Handy. Mutter hörte kurz zu und seufzte. „Oh nein. Die Hausmeisterin ist krank. Ich muss nachher kurz in die Schule, helfen. Du bleibst hier, ja?“

„Klar“, sagte Mira. Und dachte: Schule. Hausmeisterraum. Dort gibt es Ersatzteile. Und vielleicht sogar… Wunder.

Sie schaute den Wecker an. Der schaute zurück. Also zumindest fühlte es sich so an.

„Keine Sorge“, flüsterte Mira. „Wir machen das schon.“

Kapitel 2: Die Karte im Werkzeugkasten

Der Werkzeugkasten roch nach Metall, Staub und Opas Pfefferminzbonbons. Mira klappte ihn auf wie eine Schatztruhe.

Drin lagen Schraubendreher, Zangen und eine kleine Dose mit Schrauben, die aussahen wie winzige Soldaten. Ganz unten entdeckte sie etwas, das dort gestern noch nicht gewesen war: ein zusammengefaltetes Blatt Papier.

Mira zog es heraus. Auf der Vorderseite stand in krakeliger Schrift:

„Für gute Ratgeberinnen, die Dinge wieder fröhlich machen.“

„Äh… ich?“ Mira blinzelte.

Sie faltete das Papier auf. Es war eine Karte. Eine echte Karte, mit Linien und kleinen Symbolen. Darauf: ihr Haus, die Straße, der Park – und die Schule. Hinter der Schule war ein Bereich eingezeichnet, den Mira nur als „da ist halt Zaun“ kannte.

Auf der Karte stand: „Hinter dem Geräteschuppen: Eingang zur Werkstatt der verlorenen Geräusche.

Mira schluckte. „Werkstatt der verlorenen Geräusche?“

Der Wecker seufzte plötzlich wieder. Ein ganz leises, trauriges „Pffft“.

„Okay“, sagte Mira. „Du willst da hin.“

Sie packte den Wecker in ihren Rucksack. Dazu den kleinsten Schraubendreher, eine Taschenlampe und ein Käsebrot, weil Mut angeblich Energie braucht.

Als sie die Wohnungstür leise zuzog, rief Mutter aus dem Wohnzimmer: „Mira, denk an den Müll!“

„Ich— äh— ja!“, rief Mira und schnappte sich einfach den Müllbeutel. Der perfekte Tarnumhang für Abenteuer: ein stinknormaler Müllbeutel.

Draußen war die Luft frisch. Der Himmel sah aus wie ein sauberes Blatt Papier. Mira ging zügig. Der Müllbeutel schaukelte, als würde er mitlaufen und „Ich bin total unauffällig!“ rufen.

Am Park traf sie Samir. Er war aus ihrer Klasse, zwei Köpfe größer als Mira und hatte immer ein Pflaster dabei, für alle Fälle.

„Hey, Mira! Wohin so schnell?“

Mira überlegte. Opa sagte auch: „Mut ist leichter, wenn man ihn teilt.“

„Ich… repariere was“, sagte sie. „Und es könnte… kompliziert werden.“

Samir grinste. „Kompliziert ist mein zweiter Vorname.“

Mira zeigte ihm den Wecker.

Samir horchte. „Der macht wirklich nur ‚Pffft‘. Traurig.“

„Willst du mitkommen?“ fragte Mira. „Aber es ist geheim. Und vielleicht ein bisschen… seltsam.“

Samir zog sein Pflastermäppchen wie einen Ausweis. „Ich bin bereit für seltsam.“

Gemeinsam liefen sie zur Schule. Hinter der Turnhalle begann der Teil, wo sonst niemand hinging. Dort raschelten Büsche, als würden sie tuscheln.

Kapitel 3: Hinter dem Zaun, wo der Wind zuhört

Der Zaun hinter der Schule war hoch und hatte oben eine Reihe verbogener Spitzen. Ein Schild hing schief: „Betreten verboten“.

„Das Schild sieht müde aus“, flüsterte Mira.

Samir hob eine Augenbraue. „Du redest mit Schildern?“

„Nur wenn sie dringend was sagen wollen“, flüsterte Mira zurück.

Sie fanden eine Stelle, wo der Zaun unten ein wenig hochgebogen war. Jemand hatte wohl mal einen Ball gerettet. Oder ein Geheimnis.

Samir kniete sich hin. „Ich halte. Du kriechst.“

Mira schluckte. Der Boden darunter war voller kleiner Steine, die gerne in Knie pieksen. Aber der Wecker im Rucksack fühlte sich schwer an, als würde er bitten.

„Okay“, sagte Mira. „Eins, zwei…“

Sie schob sich hindurch. Der Zaun kratzte an ihrer Jacke. Ein Zweig zog an ihren Haaren, als wollte er sie zurückhalten.

„Nicht jetzt“, murmelte Mira und zog weiter.

Drüben stand sie auf. Es roch nach feuchter Erde und nach etwas Süßem, wie wenn Regen auf warmen Asphalt fällt.

Samir folgte. Er blieb kurz hängen.

„Zieh den Bauch ein“, zischte Mira.

„Ich zieh schon! Der Bauch ist halt… selbstbewusst“, knurrte Samir, dann plumpste er auf die andere Seite.

Sie lachten leise.

Vor ihnen stand ein kleiner Geräteschuppen. Der war eigentlich grau. Aber jetzt schimmerte er, als hätte jemand mit einem unsichtbaren Pinsel Licht darauf gemalt. An der Tür hing ein Vorhängeschloss. Und daneben… ein winziges Schild, das man nur sah, wenn man genau hinsah:

„Klingle nur, wenn du etwas reparieren willst, nicht wenn du nur glotzen willst.“

Mira hielt den Wecker hoch. „Wir wollen wirklich.“

Samir klopfte. „Hallo?“

Nichts.

Mira trat vor und flüsterte: „Bitte.“

Da machte es im Schloss „Klick“. Das Vorhängeschloss sprang auf wie ein Fisch, der endlich wieder ins Wasser darf.

„Äh… okay“, sagte Samir.

Mira drückte die Tür auf.

Drinnen war es dunkel. Aber nicht normal dunkel. Eher wie ein Theater, kurz bevor der Vorhang aufgeht. Ihre Taschenlampe schnitt einen Lichtkegel durch Staub. Im Staub tanzten winzige Funken, als wären es Glühwürmchen, die sich als Staub verkleidet hatten.

Hinten im Schuppen war keine Wand. Dort war ein runder Durchgang, wie eine Tür aus Luft. Dahinter glomm ein warmes, goldenes Licht.

Samir flüsterte: „Das ist… nicht in der Schulordnung.“

„Dann müssen wir eben besonders ordentlich sein“, flüsterte Mira.

Sie traten hindurch.

Kapitel 4: Die Werkstatt der verlorenen Geräusche

Sie standen in einem Raum, der nach Holz, Öl und Zimt roch. Regale reichten bis zur Decke. Überall lagen Dinge: ein Fahrradklingel-Herz ohne Fahrrad, ein Staubsaugerrohr, das wie eine Trompete aussah, ein Schirm, dessen Griff leise kicherte.

Und überall: Geräusche.

Sie lagen nicht einfach in der Luft. Sie schwebten wie kleine, bunte Blasen. Ein „Pling“ glitzerte silbern. Ein „Wusch“ zog eine blaue Spur. Ein „Miau“ saß auf einem Hocker und putzte sich, als wäre es eine echte Katze.

Mira starrte. „Das gibt's doch nicht.“

„Doch“, sagte eine Stimme.

Hinter einer Werkbank tauchte eine Frau auf, ungefähr so alt wie Miras Mutter, mit Schutzbrille auf der Stirn und einem Schraubenschlüssel in der Hand. Ihr Haar war zu einem wilden Knoten gebunden, als hätte es selbst Abenteuer erlebt.

„Ich bin Tilda“, sagte sie. „Werkstattmeisterin. Und ihr seid… eindeutig nicht hier, um nur zu glotzen. Ihr schaut viel zu besorgt.“

Mira nahm den Wecker aus dem Rucksack. „Er klingelt nicht mehr. Nur… seufzen.“

Tilda nahm den Wecker in die Hand, hielt ihn ans Ohr und nickte langsam. „Ah. Sein Klingelgeräusch ist ausgerissen. Passiert öfter, als man denkt.“

Samir kratzte sich am Kopf. „Geräusche können ausreißen?“

„Klar“, sagte Tilda. „Wenn sie sich nicht gehört fühlen. Oder wenn man ständig auf Snooze drückt.“

Mira wurde rot. „Ich drücke manchmal Snooze. Aber nur… wenn Mathe ist.“

Tilda lachte. Ein warmes Lachen, das wie Kakao im Bauch war. „Mathe ist auch früh. Keine Sorge. Wir holen das Klingeln zurück. Aber dafür braucht ihr Mut. Und freundliche Ohren.“

Sie zeigte auf ein großes Glas, in dem ein graues, verknotetes Geräusch hockte und mürrisch brummte.

„Was ist das?“ fragte Mira.

„Das ist der Knotenlärm“, sagte Tilda. „Er liebt es, Dinge durcheinanderzubringen. Er hat wahrscheinlich das Klingeln geschnappt und irgendwo versteckt. Er macht das, wenn er sich langweilt.“

Samir sah das Glas an. „Kann man ihn nicht einfach… wegschicken?“

Tilda schüttelte den Kopf. „Er ist nicht böse. Er ist nur… überdreht. Wenn ihr ihn nur wegdrückt, kommt er lauter zurück. Wir müssen ihm etwas anderes geben, das er ordnen kann.“

Mira dachte nach. „Also… wir brauchen Empathie. Für ein brummiges Geräusch.“

„Genau“, sagte Tilda. „Und Köpfchen. Ihr bekommt drei Aufgaben. Wenn ihr sie schafft, zeigt euch der Knotenlärm, wo das Klingeln ist.“

Sie stellte drei Dinge auf den Tisch:

Ein kaputtes Windspiel, dessen Stäbe verklemmt waren.

Eine Dose voller winziger Schrauben, alle durcheinander.

Und einen kleinen, traurigen Ton, der nur „Piep…“ machte, als wäre er verloren.

Mira atmete tief ein. „Wir schaffen das.“

Samir nickte. „Und wenn nicht, kleb ich alles mit Pflastern.“

Kapitel 5: Drei Aufgaben und ein brummiger Zuhörer

Erste Aufgabe: das Windspiel.

Mira hielt die Stäbe hoch. „Die hängen fest. Vielleicht ist da Staub oder ein Knoten.“

Samir leuchtete mit der Taschenlampe. Zwischen zwei Stäben klemmte ein winziger Faden. „Da!“

Mira zog vorsichtig. Der Faden war zäh wie Kaugummi.

„Nicht reißen“, sagte Mira. „Sonst wird's schlimmer.“

Sie nahm den kleinen Schraubendreher und schob den Faden sanft zur Seite. Samir hielt die Stäbe ruhig. Endlich löste sich der Knoten. Das Windspiel machte ein vorsichtiges „Kling…“ und dann ein fröhliches „Kling-kling“.

Eine silberne Geräuschblase stieg auf und tanzte. Der Knotenlärm im Glas brummte leiser. Fast interessiert.

Zweite Aufgabe: die Schrauben.

Die Dose sah aus wie eine Mini-Wüste aus Metall. Mira grinste. „Sortieren kann ich.“

Samir stöhnte. „Sortieren ist mein dritter Vorname. Mein zweiter ist kompliziert.“

Mira teilte die Schrauben nach Größe. Samir legte die Muttern dazu. Sie arbeiteten schnell, wie ein Team, das schon lange eins ist, obwohl es erst heute so richtig angefangen hatte.

Mira bemerkte, dass Samir bei den kleinsten Schrauben langsamer wurde. Seine Finger zitterten ein bisschen.

„Alles okay?“ fragte sie.

Samir zuckte mit den Schultern. „Meine Hände sind manchmal… ungeduldig.“

Mira nickte. „Dann machst du die mittleren. Ich mach die winzigen. Teamarbeit.“

Samir atmete aus. „Danke.“

Als die Dose geordnet war, machte es im Regal hinter ihnen ein zufriedenes „Tack“, als hätte jemand einen Haken gesetzt. Der Knotenlärm brummte jetzt fast wie ein schnurrendes „Mmm“.

Dritte Aufgabe: der traurige Ton.

Der kleine Ton saß auf dem Tisch wie ein einsames Krümelchen. „Piep…“

Mira beugte sich hin. „Warum bist du traurig?“

„Piep“, sagte der Ton.

Tilda legte den Kopf schief. „Manchmal brauchen Geräusche ein Zuhause. Dieser Ton gehört zu einer Türklingel. Aber die Türklingel wurde ersetzt. Jetzt fühlt er sich nutzlos.“

Samir runzelte die Stirn. „Das ist gemein. Nur weil was neu ist, ist das alte nicht wertlos.“

Mira nahm den Ton vorsichtig in ihre Handfläche. Er kitzelte. „Du kannst bei uns bleiben. Zumindest bis wir wissen, wohin du willst.“

Der Ton machte ein helleres „Piep!“, als hätte er endlich eine Jacke gegen Kälte bekommen.

Da vibrierte das Glas. Der Knotenlärm räusperte sich. Nicht mehr mürrisch. Eher wie jemand, der sich schämt.

„Brrrr—“, begann er, dann löste sich das Brummen in Worte auf. „Ihr… habt geordnet. Und zugehört.“

Mira trat ans Glas. „Du warst nur gelangweilt, oder?“

Der Knotenlärm wackelte. „Ja. Alle schimpfen immer. Niemand fragt, was ich brauche.“

Samir verschränkte die Arme. „Was brauchst du denn?“

„Eine Aufgabe“, brummte der Knotenlärm. „Etwas, das ich verknoten darf. Aber… wieder entknotet werden. Sonst ist es kein Spiel.“

Mira lächelte. „Deal. Du hilfst uns, das Klingeln zu finden. Und danach bekommst du ein altes Seil zum Üben. Mit Regeln.“

Der Knotenlärm wurde fast rosa vor Freude. Das Glas sprang auf.

„Folgt mir“, brummte er, und rollte wie eine kleine Gewitterwolke durch die Werkstatt, ohne jemanden zu erschrecken. Eher wie ein Haustier, das endlich Gassi gehen darf.

Kapitel 6: Der Tunnel aus Tick-Tack

Der Knotenlärm führte sie zu einer Tür, die vorher nicht da gewesen war. Sie sah aus wie ein Uhrenzifferblatt. Statt Zahlen standen Wörter: „Jetzt“, „Gleich“, „Zu spät“ und „Noch fünf Minuten“.

„Sehr witzig“, murmelte Samir.

Die Tür öffnete sich mit einem „Tick“. Dahinter war ein schmaler Gang. Die Wände bestanden aus schimmernden Zahnrädern, die sich langsam drehten. Überall hörte man „Tick-tack“, aber es war nicht nervig. Es war wie ein Herzschlag.

Mira hielt den Wecker fest. „Wenn wir das Klingeln finden, müssen wir es auch wieder reinbekommen.“

„Das ist dein Spezialgebiet“, sagte Samir. „Ich bin eher… Rettungskräfte und Pflaster.“

Der Gang machte eine Kurve. Dann noch eine. Mira merkte, wie die Zeit sich komisch anfühlte. Als würden Minuten Gummistiefel tragen.

Plötzlich stand vor ihnen eine Schranke. Dahinter lag etwas Goldenes auf einem Podest. Es funkelte wie eine kleine Sonne: das Klingelgeräusch.

Aber vor der Schranke hockte etwas, das aussah wie ein Wächter. Es war ein großes, schwarzes „Sssssch“, wie in einer Bibliothek. Es trug eine winzige Mütze und sah streng aus.

„Halt“, zischte das Sssssch. „Nur wer leise ist, darf das Klingeln holen. Sonst erschreckt es sich und rennt wieder weg.“

Samir flüsterte: „Wie soll man ein Klingeln leise holen? Das ist doch… laut.“

Mira dachte schnell. Mut. Köpfchen. Empathie.

Sie kniete sich hin, sodass sie auf Augenhöhe mit dem Sssssch war. „Du passt auf, dass niemand die Geräusche erschreckt. Das ist wichtig.“

Das Sssssch zischte ein bisschen weniger. „Endlich jemand, der das versteht.“

Mira zeigte auf den Wecker. „Das Klingeln gehört ihm. Er fühlt sich ohne es… leer. Kannst du uns helfen, es sicher zu tragen?“

Das Sssssch überlegte. Dann zog es eine kleine, durchsichtige Tasche hervor. „Geräuschbeutel. Da bleibt es ruhig drin.“

Samir staunte. „Du hast wirklich für alles was.“

„Ich bin Wächter“, zischte das Sssssch stolz.

Mira ging langsam, auf Zehenspitzen, als wäre der Boden aus knisternden Chips. Sie nahm den Geräuschbeutel, näherte sich dem goldenen Klingeln und hielt den Beutel darüber.

Das Klingeln hüpfte einmal. Es machte ein winziges „Bling?“ wie eine Frage.

Mira flüsterte: „Wir bringen dich nach Hause.“

Da glitt es in den Beutel. Warm. Leuchtend. Bereit.

Als Mira sich umdrehte, rutschte Samir aus. Sein Schuh streifte ein Zahnrad. Es klackerte laut: „KRRK!“

Das Klingeln zuckte im Beutel.

„Stopp!“, flüsterte Mira scharf. Sie hielt den Beutel ganz still. Samir erstarrte, als wäre er ein Standbild.

Mira atmete langsam. „Alles gut“, flüsterte sie. „Niemand jagt dich. Nur ein Stolperer.“

Samir flüsterte: „Tut mir leid. Mein Bauch ist… wieder selbstbewusst gewesen.“

Mira musste fast lachen, aber sie blieb ruhig. Das Klingeln beruhigte sich. Der Beutel glomm gleichmäßig.

Das Sssssch nickte anerkennend. „Ihr wart leise genug, als es wichtig war.“

Sie gingen zurück. Der Gang klang wieder wie ein freundliches „Tick-tack“, nicht wie eine Prüfung.

Kapitel 7: Reparatur, Rückkehr und eine Einladung

In der Werkstatt legte Tilda den Wecker auf ein weiches Tuch. „So“, sagte sie. „Jetzt wird er wieder vollständig.“

Mira nahm einen Schraubendreher. Ihre Hände waren plötzlich nicht mehr zittrig. Eher ruhig. Sie öffnete den Wecker vorsichtig. Drinnen sah es aus wie eine kleine Stadt aus Zahnrädern.

Tilda zeigte auf eine winzige Halterung. „Dort gehört das Klingeln hin. Aber nicht mit Gewalt. Mit Geduld.“

Mira nahm den Geräuschbeutel. Das goldene Klingeln hüpfte darin wie ein ungeduldiger Ball.

„Bereit?“ flüsterte Mira.

„Pffft“, machte der Wecker, als wäre das ein Ja.

Mira setzte den Beutel an die Halterung. Das Klingeln floss heraus wie warmes Licht und klickte an seinen Platz. Es machte ein leises „Pling“, als würde es sich räuspern.

Samir hielt die Taschenlampe, damit Mira alles sah. „Du bist echt gut darin.“

Mira zuckte mit den Schultern. „Ich höre halt hin.“

Sie schraubte den Wecker wieder zu. Dann stellte Tilda die Zeit ein. Sie drehte am Rädchen, bis es passte.

„Und jetzt“, sagte Tilda, „der Moment der Wahrheit.“

Mira stellte den Wecker auf den Tisch. Sie drückte einen Knopf. Eine Sekunde passierte nichts.

Dann klingelte er.

Nicht zu laut. Nicht nervig. Eher wie ein fröhliches „Aufwachen, du schaffst das!“ Es war ein Klang, der Licht in Ecken schob.

Mira grinste so breit, dass ihr fast die Backen wehtaten. Samir klatschte leise. Der Knotenlärm machte ein zufriedenes „Brmm“, als wäre er ein Motor, der endlich rund läuft. Das Sssssch, das irgendwo hinter einem Regal stand, zischte: „Schön leise anfangen, ja.“

Tilda beugte sich zu Mira. „Du hast nicht nur repariert. Du hast verstanden. Dinge sind oft kaputt, weil etwas fehlt. Und manchmal ist das nur Aufmerksamkeit.“

Mira dachte an den traurigen Ton. „Und der kleine ‚Piep‘?“

Tilda zeigte auf eine Ecke, wo eine alte Haustürklingel stand. Der Ton hüpfte hinein wie ein Kind in eine Pfütze. „Piep!“ machte er, diesmal stolz.

Samir sah Mira an. „Und jetzt? Wie kommen wir zurück, ohne Ärger?“

Tilda grinste. „Der Zaun bleibt derselbe. Aber ihr seid anders. Das hilft.“

Der Durchgang aus Luft schimmerte. Mira steckte den Wecker in den Rucksack. Der Klang darin war wie ein kleines Versprechen.

Zurück im Schuppen schoben sie die Tür leise zu. Draußen war der Schulhof normal. Fast zu normal, als hätte er sich extra geschniegelt.

Sie krochen wieder unter dem Zaun durch. Dieses Mal fühlte es sich leichter an. Als würde der Zaun kurz die Luft anhalten und sie durchlassen.

Am Park blieb Mira stehen. Sie hörte in die Welt. Da war das Rascheln der Blätter, das Rufen eines Fahrrads, das entfernte Lachen eines Kindes. Alles klang ein bisschen wichtiger.

„Danke“, sagte Samir. „Fürs Team. Und fürs… Zuhören.“

Mira nickte. „Danke, dass du mitgekommen bist. Und dass du nicht gelacht hast, als ich mit Schildern gesprochen habe.“

Samir grinste. „Ich hab gelacht. Innerlich. Aber freundlich.“

Als Mira nach Hause kam, stand Mutter in der Küche und schaute auf die Uhr. „Du warst aber flott mit dem Müll.“

Mira räusperte sich. „Ich hatte… Rückenwind.“

Sie stellte den Wecker auf ihren Nachttisch. Er wirkte jetzt aufrechter, als hätte er einen neuen Zweck gefunden.

Am Abend, als es dunkel wurde und die Straße leiser, hörte Mira den Wecker ganz zart „Kling“ üben, wie jemand, der eine Melodie probiert.

Mira flüsterte: „Gute Nacht.“

Und ganz sicher, ganz leise, als Antwort:

„Tick-tack“, sagte die Zeit. „Bis bald.“

Mira zog die Decke hoch und lächelte in die Dunkelheit. Denn sie wusste: Hinter dem Geräteschuppen warteten noch mehr verlorene Geräusche. Und irgendwo da draußen fehlte bestimmt wieder etwas, das gefunden werden wollte.

„Wenn du willst“, flüsterte Mira, als würde sie zu jemandem am Bettrand sprechen, „komm morgen wieder mit. Wir schauen, ob die Welt noch ein Geheimnis übrig hat.“

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Seufzte
Ein leises, trauriges oder müdes Ausatmen, das Gefühle zeigt.
Werkzeugkasten
Eine Kiste, in der Werkzeuge wie Schraubendreher und Zangen liegen.
Vorhängeschloss
Ein Schloss mit Bügel, das man an einer Tür oder Kette befestigt.
Werkstatt der verlorenen Geräusche
Ein Ort, wo Geräusche gesammelt, repariert oder wiedergefunden werden.
Knotenlärm
Ein erfundenes Wort für Lärm, der Dinge durcheinanderbringt oder verheddert.
Geräuschblase
Eine bunte, sichtbare Form im Text, die ein Geräusch darstellt.
Schutzbrille
Eine Brille, die die Augen vor Staub oder Splittern schützt.
Geräuschbeutel
Eine Tasche, die in der Geschichte Geräusche sicher aufbewahrt.
Wächter
Eine Person oder Figur, die auf etwas aufpasst und es bewacht.
Geräteschuppen
Ein kleines Gebäude, in dem Werkzeuge und Geräte stehen.

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