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Kleine Abenteurer 11/12 Jahre Lesen 21 min.

Das Geheimnis auf dem Dachboden: Finn, Zora und der Mut, Fragen zu stellen

Als Finn auf dem Dachboden in Schwierigkeiten gerät, machen sich Mila und Lotte auf, ihn und die vermisste Katze Zora zu finden; dabei lernen sie Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam kluge Lösungen zu finden.

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Zwölfjähriges Mädchen mit entschlossenem Gesicht, braunen Pferdeschwanz, Staubfleck auf der Nase, hält eine gelbe Taschenlampe und schiebt einen alten Holzbesen; etwa elfjähriger Junge mit Sommersprossen, zu großem T‑Shirt und aufgeschürften Knien sitzt hinter einem umgestürzten Möbel, schuldig und erleichtert lächelnd zur Mädchen; etwa zehnjähriges Mädchen mit kurzen Haaren und bunten Haarklammern, Arme verschränkt, lächelnd, hält einen Karton mit alter Decke; schwarze Katze mit gelbem Blick auf einem Holzbalken, glänzendes Fell, neugierig bereit, in den Karton zu springen; alter Metallventilator auf einer Kiste mit Rostmustern und verhedderten Drähten im Vordergrund; schmaler Dachboden, lampenbeleuchtet, abgenutzte Dielen, schräge Holzbalken, Kartonstapel, alte Bilderrahmen und feine Spinnweben, warme Lichtstimmung mit tiefen Schatten; Szene des Rettungsmoments: Mädchen leuchtet die Katze an, Junge hat die Tür freigemacht, zweites Mädchen hält den Karton bereit, abenteuerliche Atmosphäre, Staub in der Luft, Erleichterung und Verbundenheit der Kinder. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Nachricht unter dem Briefkasten

Mila war zwölf und hatte diese Art von Blick, die alles bemerkt. Die lose Pflasterplatte. Den schiefen Fahrradständer. Den Spatz, der dreimal hüpfte und dann tat, als wäre nichts gewesen.

An diesem Dienstag roch das Treppenhaus nach nassen Jacken und Waschmittel. Mila kam von der Schule, warf den Ranzen in die Ecke und wollte gerade nach einem Apfel greifen, als ihr etwas auffiel.

Unter dem Briefkasten ihrer Nachbarin Frau Yilmaz steckte ein gefalteter Zettel. Nicht in den Schlitz. Sondern darunter, als hätte ihn jemand schnell versteckt.

Mila kniete sich hin. „Wer schreibt denn so geheimnisvoll?“

Sie zog den Zettel vorsichtig heraus. Darauf stand in krakeliger Schrift:

„FINN IST WEG. DACHBODEN. BITTE. — L.“

Mila spürte, wie ihr Herz einmal schneller machte. Finn war ihr bester Freund. Elf, mit Sommersprossen und einer Menge Ideen, die meistens „nur ganz kurz“ dauern sollten und dann drei Stunden später immer noch liefen.

„Dachboden?“ Mila flüsterte. Der Dachboden war oben im Altbau. Dunkel. Knarrend. Voller Kisten, die nach Staub und alten Geschichten rochen.

Sie steckte den Zettel ein, schnappte sich ihre Taschenlampe und ihr kleines Notizbuch. Dann ging sie zur Wohnungstür und rief: „Mama, ich bin kurz im Haus unterwegs!“

„Nur im Haus, Mila!“ kam es aus der Küche.

„Nur im Haus!“ bestätigte Mila. Es klang beruhigend. Trotzdem fühlte es sich an, als würde das Treppenhaus plötzlich zu einer langen Expedition werden.

Im zweiten Stock traf sie Lotte. Lotte war zehn, wohnte zwei Türen weiter und trug immer bunte Haarspangen wie kleine Fahnen.

„Mila! Du siehst aus, als würdest du gleich einen Drachen fangen.“

Mila zog Lotte in eine Ecke. „Finn ist weg. Irgendwas mit Dachboden.“

Lottes Augen wurden rund. „Der Dachboden ist doch… gruselig.“

„Gruselig ist nur Staub mit Fantasie“, sagte Mila. Sie versuchte zu lächeln. „Kommst du mit?“

Lotte schluckte. Dann nickte sie. „Okay. Aber wenn eine Spinne größer ist als mein Daumen, schreie ich.“

„Abgemacht“, sagte Mila. „Dann schreie ich zuerst leise und du laut.“

Kapitel 2: Die Treppe, die knarrt wie ein Geheimnis

Die Treppe zum Dachboden begann hinter einer schweren Tür. Darüber hing ein Schild: „Nur für Bewohner“. Als hätten Nicht-Bewohner hier sonst gerne Picknick gemacht.

Mila drückte die Klinke. Die Tür gab einen Ton von sich wie ein beleidigter Wal. Dahinter roch es nach Holz, nach alten Zeitungen und ein bisschen nach Abenteuer.

„Wir gehen langsam“, sagte Mila. „Und wir fassen nichts an, was klebrig ist.“

„Das ist eine sehr gute Regel“, murmelte Lotte.

Die Treppe knarrte bei jedem Schritt, als würde sie zählen. Eins. Zwei. Drei. Und irgendwo über ihnen scharrte etwas.

„Hast du das gehört?“ flüsterte Lotte.

„Vielleicht eine Maus. Oder ein besonders unruhiger Staubball“, sagte Mila. Sie leuchtete mit der Taschenlampe nach oben.

Als sie den Dachboden erreichten, war da ein langer Gang mit Türen links und rechts. Jede Tür hatte ein kleines Schloss. Manche waren offen, nur angelehnt, als hätte jemand mitten im Sortieren aufgehört.

Mila nahm ihren Zettel heraus. „Da steht nur ‚Dachboden‘. Kein Raum.“

„Finn würde bestimmt den spannendsten nehmen“, sagte Lotte. „Den mit den meisten Geräuschen.“

„Oder den mit den meisten alten Dingen, die man ‚aus Versehen‘ ausprobieren kann“, ergänzte Mila.

Sie gingen vorwärts. Dann hörten sie es. Ein leises Klopfen. Dreimal, Pause, zweimal.

Mila hielt den Atem an. „Das klingt wie… ein Zeichen.“

Lotte beugte sich zu ihr. „Wie beim Geheimbund in der Pause.“

Mila klopfte zurück. Dreimal. Pause. Zweimal.

Für einen Moment war Stille. Dann: ein schwaches „Psst! Hier!“

Die Stimme war Finns. Gedämpft, aber eindeutig.

Mila lief zum dritten Raum rechts. Die Tür war angelehnt. Davor lag ein Besen quer, als hätte jemand versucht, sie zu blockieren.

„Finn?“ rief Mila.

„Nicht so laut!“ kam es. „Kommt rein, aber vorsichtig!“

Mila schob den Besen beiseite. Lotte folgte mit einem Schritt, der so leise war, als wolle sie den Staub nicht wecken.

Innen war es dunkel, bis Milas Taschenlampe den Raum füllte. Kisten, ein alter Spiegel, ein kaputter Kinderwagen, ein Stapel Bilderrahmen. Und in der Ecke: Finn.

Er saß hinter einem umgekippten Schrank. Neben ihm stand ein großer, runder Ventilator. Und über allem hing ein Netz aus dünnen Schnüren, wie Spinnenweben aus Bastelgarn.

„Was… machst du da?“ fragte Mila.

Finn grinste schief. „Also… ich wollte nur… kurz was testen.“

Lotte verschränkte die Arme. „Das ist meistens der Anfang vom Chaos.“

Finn seufzte. „Ich wollte Frau Yilmaz' Katze finden. Zora. Sie ist seit gestern weg. Und ich habe ihr Miauen gehört. Hier oben.“

Mila wurde ernst. „Und jetzt bist du… eingesperrt?“

Finn zeigte auf das Schnurnetz. „Ich habe versucht, eine Art Katzensicherungs-Netz zu bauen, damit sie nicht durch die Dachluke rausflitzt. Und dann… habe ich an der falschen Schnur gezogen. Der Schrank ist umgekippt, hat die Tür verkeilt. Und der Ventilator ist angegangen. Ich komme nicht dran, ihn auszumachen. Es zieht überall.“

Der Ventilator brummte, und das Schnurnetz vibrierte wie eine gespannte Harfe.

Mila kniete sich hin. „Okay. Erstmal: Du bist nicht allein. Zweitens: Wir machen das jetzt sauber. Drittens: Wo ist die Katze?“

Finn deutete nach oben. „Da.“

Mila folgte dem Lichtkegel. Auf einem Balken saß Zora. Schwarzes Fell, gelbe Augen. Sie wirkte beleidigt, als hätte man sie zu einem langweiligen Meeting eingeladen.

Lotte flüsterte: „Sie sieht aus, als würde sie gleich einen Vortrag halten.“

Zora miaute kurz. Der Ton sagte klar: Beeilt euch.

Kapitel 3: Der Plan aus Taschenlampe und Köpfchen

Mila holte tief Luft. Der Dachboden war plötzlich nicht mehr nur Staub und Kisten. Er war eine Aufgabe. Eine, für die man Verantwortung brauchte.

„Finn“, sagte sie ruhig, „du hast Mist gebaut. Aber du wolltest helfen. Das zählt. Jetzt machen wir es richtig.“

Finn nickte. „Ich schwöre, ich teste nie wieder etwas ‚nur kurz‘.“

„Das sagst du jedes Mal“, sagte Lotte.

„Diesmal mit mehr Gefühl“, murmelte Finn.

Mila schaute sich um. Die Tür war verkeilt. Der umgekippte Schrank blockierte sie. Das Schnurnetz hing vom Balken zur Tür und zurück, festgeknotet an einem Haken. Der Ventilator zog Luft und ließ alles zittern.

„Wir brauchen drei Dinge“, sagte Mila. „Einen Weg, den Ventilator auszuschalten. Einen Weg, die Tür frei zu bekommen. Und einen Weg, Zora sicher runter zu holen. Ohne dass sie uns zerkratzt oder abhaut.“

„Vier Dinge“, sagte Lotte. „Ohne Spinnen.“

Mila grinste kurz. „Okay, ohne Spinnen.“

Sie nahm ihr Notizbuch und schrieb schnell Stichpunkte. Finn sah sie an, als wäre sie eine Kommandantin.

„Du bist echt immer sofort… sortiert“, sagte er.

„Ich werde sortiert geboren“, sagte Mila. „Oder ich tue so, damit ich nicht durchdrehe.“

Sie leuchtete den Ventilator an. Er stand auf einer Kiste, der Schalter war hinten. Dazwischen: das vibrierende Schnurnetz.

„Wenn wir durchs Netz gehen, verheddern wir uns“, sagte Lotte.

„Oder wir machen es wie beim Pausengang“, sagte Finn. „Ganz flach und schnell.“

Mila schüttelte den Kopf. „Nein. Sicherheit zuerst. Wir sind hier nicht in einem Videospiel.“

Sie suchte nach etwas Langes. Neben dem Spiegel lag ein alter Besenstiel ohne Besen. Perfekt.

Mila nahm ihn, tastete damit vorsichtig nach dem Schalter. Der Ventilator wackelte.

„Nicht umwerfen!“ zischte Finn.

„Dann hör auf zu atmen“, flüsterte Lotte.

Mila schob den Stiel weiter, konzentriert wie beim Mikado. Ein kleiner Klick. Der Ventilator wurde leiser. Noch ein Klick. Stille.

Plötzlich war der Raum anders. Nicht mehr brummend. Nur das Knarzen des Hauses und ein entferntes Tropfen irgendwo.

„Erster Punkt erledigt“, sagte Mila leise.

Finn atmete sichtbar aus. „Danke.“

„Zweiter Punkt“, sagte Mila. „Die Tür.“

Der Schrank lag so, dass er die Tür unten blockierte. Mila und Lotte packten an einer Ecke. Er war schwer, roch nach altem Holz und vergessenen Parfüms.

„Auf drei“, sagte Mila. „Eins… zwei… drei!“

Sie zogen. Nichts.

„Nochmal“, keuchte Lotte. „Eins… zwei… drei!“

Der Schrank rutschte einen Zentimeter. Das war nicht viel, aber es fühlte sich an wie ein Sieg.

Finn kroch hervor und half, obwohl er dabei ständig zu Zora hochsah, als hätte er Angst, sie könnte sich über ihn lustig machen.

Gemeinsam schoben sie den Schrank weiter. Zentimeter für Zentimeter. Milas Arme brannten. Ihre Finger waren staubig. Aber sie hielt durch.

„Resilienz“, sagte sie durch die Zähne. „Das Wort hasse ich. Aber ich kann's.“

„Was?“ fragte Finn.

„Nichts. Schieb.“

Endlich war die Tür frei genug, um sie zu öffnen. Mila drückte vorsichtig. Ein Spalt. Mehr. Das Licht aus dem Gang fiel hinein wie eine Rettungsleine.

„Dritter Punkt“, sagte Mila. „Zora.“

Zora saß immer noch oben, geschniegelt wie eine Königin. Sie miaute. Diesmal klang es, als würde sie sagen: Na endlich.

„Katzen kommen nicht, wenn man ruft“, sagte Lotte. „Die kommen, wenn sie wollen.“

Mila blickte auf die Kisten. Auf dem Boden lag eine alte Wolldecke. Daneben ein Karton mit der Aufschrift „Winter“.

„Wir brauchen einen sicheren Korb“, sagte Mila. „Oder eine Box.“

Finn zeigte auf den Karton. „Da.“

Mila öffnete ihn. Drinnen: ein Schal, ein Paar Handschuhe, und… eine Packung Katzenleckerli. Wahrscheinlich hatte jemand sie vergessen. Oder der Dachboden hatte Humor.

Lotte nahm die Packung hoch. „Der Dachboden ist vorbereitet.“

Mila lächelte. „Dann spielen wir mit.“

Sie legte die Decke in den Karton, machte eine kleine Mulde und schüttelte ein paar Leckerli hinein. Dann stellte sie den Karton unter Zoras Balken.

„Jetzt brauchen wir eine Rampe“, sagte Mila.

Finn schnappte sich eine lange Holzplatte. Sie war stabil, nicht zu schwer. Sie lehnten sie schräg an eine Kiste, dann an den Balken. Es sah aus wie eine provisorische Brücke.

Mila flüsterte: „Zora. Schau. Buffet.“

Zora blinzelte. Sie setzte eine Pfote auf die Platte. Hielt inne. Sah sie alle an, als würde sie prüfen, ob sie würdig waren. Dann lief sie langsam, elegant, herunter.

Lotte hielt den Atem an. Finn hatte die Hände vor dem Mund. Mila stand bereit, den Karton sofort zu schließen.

Zora sprang in den Karton. Mila klappte den Deckel halb zu. „Geschafft.“

Zora miaute empört. Finn grinste. „Sie sagt: Ich hätte gern mehr Leckerli.“

„Sie sagt: Ich will mein eigenes Zimmer“, sagte Lotte.

Mila hob den Karton vorsichtig an. „Wir bringen sie runter. Und dann erklären wir Frau Yilmaz alles. Ehrlich.“

Finns Gesicht wurde klein. „Muss das sein?“

Mila sah ihn an. „Verantwortung. Du wolltest helfen. Dann gehörst du jetzt auch zum Ende der Geschichte.“

Finn nickte langsam. „Okay. Ich geh mit.“

Kapitel 4: Die Begegnung mit Frau Yilmaz

Im Treppenhaus fühlte sich die Luft wärmer an. Der Alltag war wieder da: ein Fahrradhelm auf der Treppe, eine Einkaufstüte vor einer Tür, irgendwo ein Radio.

Sie klingelten bei Frau Yilmaz. Mila hielt den Karton. Zora schob ihre Pfote durch einen Spalt, als würde sie die Welt anstupsen.

Die Tür ging auf. Frau Yilmaz stand da, die Stirn in Sorgenfalten. Als sie den Karton sah, öffneten sich ihre Augen.

„Zora!“ rief sie.

Mila öffnete den Deckel. Zora sprang heraus und strich sofort um Frau Yilmaz' Beine, als wäre sie die ganze Zeit pünktlich gewesen.

Frau Yilmaz hob die Katze hoch, drückte ihr einen Kuss auf den Kopf und sagte dann streng: „Und wo warst du, du kleine Schattenpfote?“

Zora antwortete mit einem Miauen, das eindeutig klang wie: Geschäftsreise.

Mila räusperte sich. „Frau Yilmaz… wir müssen Ihnen was sagen.“

Finn trat vor. Seine Ohren wurden rot. „Ich… ich hab Zora gesucht. Auf dem Dachboden. Und ich hab ein Netz gebaut. Und dann… ist ein Schrank umgekippt. Und wir haben's wieder freigemacht. Und… es tut mir wirklich leid.“

Frau Yilmaz sah ihn an. Lange. Mila hielt den Atem an.

Dann wurde ihr Blick weicher. „Du hast gesucht, weil du helfen wolltest.“

Finn nickte.

„Aber du bist alleine hochgegangen“, sagte sie. „Das ist gefährlich. Und du hättest dich verletzen können.“

„Ja“, murmelte Finn.

Mila hob die Hand. „Ich hätte früher merken müssen, dass er so was macht. Ich passe auf ihn auf, aber… ich war nicht da.“

„Du bist nicht seine Mutter“, sagte Frau Yilmaz sanft. „Aber du bist eine gute Freundin. Und ihr seid zusammen gekommen. Das ist wichtig.“

Lotte sagte leise: „Und Mila hat den Ventilator ausgemacht, ohne dass jemand zu Spaghetti wurde.“

Frau Yilmaz blinzelte. „Zu Spaghetti?“

Lotte nickte ernst. „Schnur-Spaghetti.“

Frau Yilmaz lachte kurz, obwohl sie noch besorgt aussah. „Gut. Dann machen wir Folgendes. Ihr helft mir, dem Hausmeister Bescheid zu sagen, dass der Dachboden wieder ordentlich abgeschlossen wird. Und Finn… du versprichst mir, beim nächsten Helfen zuerst zu fragen. Ja?“

Finn schluckte. „Ja. Versprochen.“

Mila spürte Erleichterung. Es war nicht nur eine Rettung gewesen. Es war eine Lektion mit warmem Ende.

Frau Yilmaz ging kurz in die Wohnung und kam mit einer kleinen Dose zurück. „Für eure Mühe. Kekse.“

Lotte nahm sie, als wäre es ein heiliges Geschenk. „Wir opfern sie später dem Sofa“, flüsterte sie.

Finn grinste. Mila auch. Für einen Moment war alles leicht.

Kapitel 5: Der Hausmeister und die Karte der kleinen Mutigen

Der Hausmeister, Herr Krüger, war ein Mann mit Schlüsselbund wie eine klingelnde Rüstung. Sie trafen ihn im Hof, wo er gerade eine verwelkte Pflanze betrachtete, als hätte sie ihn persönlich enttäuscht.

„Herr Krüger“, begann Mila, „der Dachbodenraum rechts… die Tür war verkeilt, weil ein Schrank umgekippt ist. Wir haben es frei bekommen, aber vielleicht sollte man die Türen prüfen. Und das Schloss.“

Herr Krüger zog eine Augenbraue hoch. „Wie kommt ein Schrank dazu, umzukippen?“

Finn hob die Hand halb. „Ich.“

„Aha“, sagte Herr Krüger. Er sah Finn an, dann Mila, dann Lotte. „Ihr seid aber nicht verletzt. Das ist die Hauptsache.“

Mila war überrascht. Sie hatte mit einem Donnerwetter gerechnet.

Herr Krüger seufzte. „Ich war auch mal elf. Und ich habe mal versucht, einen Drachen auf dem Balkon steigen zu lassen. Der Drache hat gewonnen.“

Lotte flüsterte: „Er ist vielleicht doch ein Mensch.“

Herr Krüger nickte Richtung Dach. „Ich schaue mir das heute an. Und ihr? Ihr geht jetzt nach Hause. Und wenn ihr Abenteuer wollt, dann…“ Er kramte in seiner Tasche und zog einen kleinen Plan des Hauses heraus, auf dem Wasserleitungen und Stromkästen eingezeichnet waren.

„Was ist das?“ fragte Mila.

„Eine Karte“, sagte Herr Krüger. „Von den Orten, die wichtig sind. Aber nicht zum Spielen. Zum Verstehen. Wer ein Haus versteht, passt besser darauf auf.“

Mila nahm die Karte vorsichtig. Das Papier war dünn, aber es fühlte sich an wie Vertrauen.

Finn beugte sich drüber. „Hier ist der Sicherungskasten!“

„Aha“, sagte Lotte. „Der Ort, an dem Erwachsene plötzlich flüstern.“

Mila lachte. „Danke, Herr Krüger.“

Er winkte ab. „Macht keinen Unsinn. Oder macht ihn wenigstens gemeinsam und klug.“

„Gemeinsam und klug“, wiederholte Mila. „Das ist unser Motto.“

Finn murmelte: „Und nicht allein.“

„Und nicht allein“, bestätigte Mila.

Später saßen sie auf Milas Teppich. Die Kekse lagen auf einem Teller. Lotte knabberte und sagte: „Das war heute wie ein echter Quest. Nur ohne Drachen. Dafür mit Zora.“

Finn starrte auf die Hauskarte. „Ich dachte, ich muss alles alleine schaffen. Damit es richtig zählt.“

Mila legte ihm eine Hand auf den Arm. „Es zählt auch, wenn man Hilfe holt. Vielleicht sogar mehr. Weil man dann auf alle aufpasst.“

Finn nickte langsam. „Okay. Nächstes Mal… frage ich. Und ich mache keinen Schnur-Spaghetti-Turm.“

„Sehr gut“, sagte Lotte. „Weil ich sonst schreie.“

„Leise oder laut?“ fragte Mila.

„Sehr laut“, sagte Lotte und grinste.

Kapitel 6: Der Aufkleber, der bleibt

Am Abend klopfte es an Milas Tür. Mila öffnete. Frau Yilmaz stand da, Zora auf dem Arm. Die Katze schnurrte, als hätte sie eine geheime Maschine im Bauch.

„Ich wollte mich bedanken“, sagte Frau Yilmaz. „Und ich wollte Finn auch danken. Er hat sich entschuldigt. Das ist nicht selbstverständlich.“

Finn stand hinter Mila, die Hände in den Taschen. „Ich hab's wirklich nicht böse gemeint.“

„Ich weiß“, sagte Frau Yilmaz. „Manchmal sind gute Absichten wie Seifenblasen. Schön, aber leicht kaputt. Dann braucht man einen festen Rahmen.“

Sie reichte Mila einen kleinen Umschlag. „Für euch. Eine Kleinigkeit.“

Mila öffnete ihn. Darin war ein Aufkleber. Rund. Glänzend. Darauf stand: „Mut beginnt mit Fragen.“ Und daneben ein kleines Symbol: eine Taschenlampe.

Lotte, die gerade dazugekommen war, sagte: „Oh, der ist cool!“

Frau Yilmaz lächelte. „Ich benutze solche Aufkleber in meiner Kita. Für Kinder, die Verantwortung übernehmen. Ich dachte… ihr könnt ihn irgendwo hinkleben, wo ihr ihn seht.“

Mila hielt den Aufkleber in der Hand. Er fühlte sich warm an, obwohl er nur Papier war.

Finn schaute sie an. „Wohin?“

Mila blickte zu ihrer Zimmertür. Dort hing ein kleines Schild: „Mila – bitte klopfen.“ Daneben war noch Platz.

„Hier“, sagte Mila.

Sie nahm den Aufkleber, zog die Folie ab und klebte ihn sorgfältig neben das Schild. Sie strich einmal darüber, damit keine Luftblase blieb.

„Mut beginnt mit Fragen“, las Finn leise.

Lotte nickte. „Und mit Freunden.“

Zora miaute, als würde sie sagen: Und mit Snacks.

Mila lachte. Dann wurde sie wieder ruhig. „Heute war es nur ein Dachboden. Und eine Katze. Aber… es hat sich angefühlt wie eine große Sache.“

Frau Yilmaz legte den Kopf schief. „Große Sachen sind oft aus kleinen gemacht. Aus einem Schritt. Einer Entscheidung. Einer Frage.“

Mila sah den Aufkleber an. Er glänzte im Licht der Flurlampe.

Sie dachte an das Knarren der Treppe. An den brummenden Ventilator. An die schwere Tür. Und daran, wie sie zusammen geschoben, gedacht, gelacht und durchgehalten hatten.

„Nächste Woche“, sagte Finn vorsichtig, „können wir… was Abenteuerliches machen, das erlaubt ist?“

Mila grinste. „Wir können Herrn Krüger fragen, ob er uns zeigt, wie man die Hauskarte liest. Offiziell.“

Lotte stöhnte gespielt. „Das klingt nach… Bildung.“

„Bildung mit Keksen“, sagte Mila.

Finn lachte. „Abgemacht.“

Und der Aufkleber blieb an der Tür. Klein, rund und glänzend. Wie ein Versprechen, das man jeden Tag sehen konnte.

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Knarrt
Macht ein lautes, trockenes Geräusch, wenn etwas alt und aus Holz ist.
Verkeilt
Etwas ist so fest eingelegt, dass es sich nicht bewegen lässt.
Ventilator
Eine Maschine mit drehenden Flügeln, die Luft bewegt und kühlt.
Vibrierte
Hat leicht und schnell gezittert oder gewackelt.
Mulde
Eine kleine, runde Vertiefung oder Kuhle in etwas weichem.
Provisorische
Vorläufig, nicht dauerhaft und nur für eine kurze Zeit gedacht.
Sicherungskasten
Ein Kasten fürs Haus, wo die Stromsicherungen liegen.
Hausmeister
Eine Person, die das Gebäude pflegt und repariert.
Resilienz
Die Fähigkeit, nach Problemen wieder stark weiterzumachen.
Klinke
Der Griff an einer Tür, den man drückt, um sie zu öffnen.
Angelehnt
Etwas steht schräg gegen etwas anderes und stützt sich daran.
Schnur-Spaghetti
Eine scherzhafte Beschreibung für viele verhedderte Schnüre.

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