Kapitel 1: Die Stege, die niemand sieht
Wenn Niko nachts das Fenster öffnete, klang die Stadt wie ein großes, ungeduldiges Tier: Autos zischten, irgendwo lachte jemand zu laut, und in der Ferne sang eine Straßenbahn ihr metallisches Lied. Zwischen all dem gab es ein zweites Geräusch, feiner, als würde Seide über Glas streichen. Das kam von den Passerellen.
So nannte Niko die schmalen Brücken aus Eisen und Holz, die die grauen Wohnblöcke seines Viertels verbanden. Sie waren Ende des 19. Jahrhunderts gebaut worden, als hier Fabrikschornsteine den Himmel anstarrten und Arbeiter schnell von Haus zu Haus mussten. Tagsüber sah man nur Feuerleitern und düstere Hinterhöfe. Nachts jedoch – wenn die Lichter in den Fenstern wie kleine Aquarien schwebten – wurden die Passerellen sichtbar, als wären sie aus dem Schatten gefaltet.
Niko war nicht allein. Rami, der immer nach Pfefferminz roch, weil er ständig Kaugummi kaute, hockte auf Nikos Bettkante und spähte in den Hof. Jona stand am Regal und wog eine Taschenlampe in der Hand, als wäre sie ein Zauberstab.
„Du bist sicher, dass sie heute wieder da sind?“ fragte Jona.
„Ich bin sicher, dass du gleich wieder Angst bekommst,“ sagte Rami und grinste.
Jona verzog das Gesicht. „Ich krieg nicht Angst. Ich krieg… Respekt.“
Niko hob die Hand. „Psst. Da.“
Auf der gegenüberliegenden Seite, über dem Müllplatz und den Fahrradleichen, leuchtete ein dünner Streifen auf. Eine Brücke, die vor einer Stunde noch nicht existiert hatte, spannte sich zwischen zwei Gebäuden wie der Strich eines Bleistifts.
Und dort, am Anfang der Brücke, stand jemand.
Er trug einen Mantel, der aussah, als hätte er ihn aus Nachtluft genäht, und eine Mütze mit einem schmalen, silbrigen Knopf. Sein Gesicht war nicht alt, nicht jung, eher wie eine Stadtkarte: viele Linien, die man erst versteht, wenn man sie lange betrachtet.
Der Mann hob zwei Finger an die Stirn, als grüße er.
„Der Veilleur,“ flüsterte Niko.
„Der was?“ Rami spuckte fast seinen Kaugummi aus.
„Dachwächter. Veilleur des Toits,“ sagte Niko. „Er passt auf, dass es oben ruhig bleibt.“
Jona schluckte. „Warum winkt er uns an?“
Der Veilleur zeigte mit der Handfläche nach innen. Komm.
Niko war der Erste, der die Fensterbank überstieg. Rami folgte, als wäre es ein Mutspiel, und Jona murmelte etwas von „total verrückt“, während er die Taschenlampe einsteckte.
Die Passerelle knarrte nicht. Sie fühlte sich warm an, als hätten viele Füße sie gerade benutzt. Unter ihnen lag der Hof wie ein tiefer Brunnen, und die Geräusche der Straße wurden gedämpft, als hätte jemand eine Decke darüber gelegt.
Der Veilleur wartete am anderen Ende. Seine Augen waren hell, fast wie Spiegel, aber freundlich.
„Ihr drei seid spät dran,“ sagte er, als hätten sie einen Termin.
„Wir… wussten nicht, dass wir überhaupt eingeladen sind,“ stotterte Jona.
Der Veilleur neigte den Kopf. „Man wird nicht eingeladen. Man wird gebraucht.“
Rami verschränkte die Arme. „Wofür denn?“
Der Veilleur zog etwas aus seiner Manteltasche: ein kleines Schild aus Messing, darauf war eine Regel eingraviert. Die Buchstaben wirkten, als hätten sie gerade erst beschlossen, lesbar zu sein.
Niko las laut: „Regel 17: Auf den Passerellen wird nicht gepfiffen.“
„Und?“ sagte Rami. „Dann pfeift man halt nicht.“
Der Veilleur sah ihn an, als würde er ein Rätsel schätzen. „Die Regel ist da, ja. Aber niemand weiß mehr, warum. Und wenn eine Regel ihren Grund verliert, wird sie… löchrig.“
„Löchrig?“ fragte Jona.
„Dann kriecht Unsinn hindurch,“ sagte der Veilleur ruhig. „Und in einer Stadt genügt ein kleiner Unsinn, um groß zu werden.“
Niko spürte, wie ihm der Nacken kribbelte. „Und wir sollen herausfinden, warum man nicht pfeifen darf?“
„Ihr sollt sie klären,“ sagte der Veilleur. „Beweisen. Verstehen. So, dass die Regel wieder dicht ist.“
Rami blies eine Luftblase, die sofort platzte. „Wie soll man denn so was beweisen?“
Der Veilleur lächelte. „Mit Fantasie. Und offenen Augen.“
Dann drehte er sich um und ging los, als wäre der Himmel ein Flur. Die Passerellen vor ihnen leuchteten auf, eine nach der anderen, und die Stadt hielt den Atem an, damit sie hören konnten, wohin sie traten.
Kapitel 2: Ein Pfeifen, das nicht nach Musik klingt
Sie folgten dem Veilleur über drei Brücken, vorbei an Dachgärten mit wilden Tomaten, an Satellitenschüsseln, die wie metallene Blumen in den Himmel starrten, und an einem Schornstein, aus dem kein Rauch, sondern ein langsames, blaues Leuchten stieg.
„Wer baut die Passerellen?“ fragte Niko, weil Fragen sich besser anfühlten als die Dunkelheit unter ihnen.
„Die Stadt selbst,“ antwortete der Veilleur. „Wenn sie merkt, dass Menschen einander brauchen.“
„Das ist…“ Jona suchte nach einem Wort.
„Ziemlich praktisch,“ sagte Rami. „Könnte sie auch mal einen Steg zur Schule bauen?“
Der Veilleur lachte leise. „Die Schule ist ein Ort, den ihr alleine erreichen müsst.“
Sie kamen auf ein breites Dach, das früher vielleicht eine Fabrik gewesen war. Jetzt standen dort Klimaanlagen wie schlafende Tiere, und ein alter Wassertank spiegelte den Mond in einer verbeulten Oberfläche.
Plötzlich blieb der Veilleur stehen und hob den Zeigefinger.
Aus der Ferne kam ein Pfeifen. Nicht fröhlich wie ein Lied, nicht nervig wie jemand im Treppenhaus. Es klang, als würde jemand Wind durch eine leere Flasche schicken – und dabei versuchen, die Flasche zu beleidigen.
„Da ist es,“ flüsterte der Veilleur.
Rami verzog das Gesicht. „Das klingt, als hätte ein Geist schlechte Laune.“
„Oder als würde jemand die Regel testen,“ sagte Niko.
Jona stellte sich auf die Zehenspitzen. „Woher kommt das?“
Das Pfeifen wanderte, als hätte es Beine. Erst rechts, dann über ihnen, dann plötzlich ganz nah – und doch sahen sie niemanden.
Der Veilleur kniete sich hin und legte die Hand auf den Dachbodenbelag. „Spürt ihr das?“
Niko legte seine Hand daneben. Die Vibration war winzig, wie ein Insekt unter der Haut.
„Es kriecht,“ sagte Jona mit dünner Stimme.
„Unsinn kriecht,“ bestätigte der Veilleur. „Und er sucht Risse.“
Rami tat so, als wäre ihm das egal, aber seine Schultern waren gespannt. „Also ist das Pfeifen… der Unsinn?“
„Ein Symptom,“ sagte der Veilleur. „Eine Türspalte, durch die etwas pfeift.“
„Was denn?“ fragte Niko.
Der Veilleur sah zum Rand des Dachs, wo eine Passerelle ins Nichts führte. „Kommt. Wir brauchen einen Ort, an dem Regeln geboren werden.“
„Regeln werden geboren?“ Rami schnaubte. „Meine Eltern würden sagen, Regeln werden erfunden, wenn Erwachsene schlechte Laune haben.“
„Manche,“ sagte der Veilleur. „Andere entstehen, weil sie nötig sind. Wie Geländer.“
Sie gingen über die Passerelle, die ins Nichts geführt hatte. Während sie gingen, wuchs ihr Ende einfach weiter, bis es ein neues Dach erreichte. Die Stadt reichte ihnen die Brücke wie eine Hand.
Am nächsten Dachrand stand eine alte Werbetafel. Statt Werbung zeigte sie ein Bild: einen Mann mit Zylinder aus dem 19. Jahrhundert, der ernst in die Ferne blickte. Unter ihm standen Worte, die im Licht flimmerten:
„WER PFEIFT, WECKT DEN SCHATTEN.“
Jona starrte. „Okay. Das ist… deutlich.“
Rami lachte unsicher. „Vielleicht wollte der einfach nur Ruhe.“
Der Veilleur strich über die Tafel, und Staub löste sich wie Erinnerungen. „Diese Worte sind alt. Aber sie sind nicht erklärt. Und ohne Erklärung werden sie zur Drohung – oder zur Einladung.“
Niko fühlte, wie seine Fantasie ansprang, als hätte jemand eine Taschenlampe im Kopf angeknipst. „Dann müssen wir herausfinden, welcher Schatten gemeint ist.“
„Und warum er schläft,“ sagte der Veilleur.
Das Pfeifen kam wieder, näher. Es klang nun, als würde es sich über sie freuen.
Kapitel 3: Der Schatten unter den Dachziegeln
Sie gingen tiefer ins Dachland, dahin, wo die Stadt weniger geschniegelt aussah. Hier lagen Ziegelstapel, halb zerfallene Schuppen, und zwischen zwei Schornsteinen hing eine Wäscheleine mit einem einzelnen, altmodischen Hemd – als hätte jemand vergessen, dass die Zeit weitergelaufen war.
„Seht mal,“ sagte Jona und zeigte nach unten.
In einem Lichtschacht, der zu einem Treppenhaus führte, glomm etwas Dunkles. Nicht wie Nacht, eher wie Tinte im Wasser. Es bewegte sich langsam, als würde es nachdenken.
Rami räusperte sich. „Das da ist doch nicht…“
„Ein Schatten,“ sagte der Veilleur. „Aber nicht eurer. Er hat keinen Körper.“
Das Pfeifen kam jetzt aus dem Schacht, und die Tinte wogte.
Niko beugte sich vor. „Hallo?“ Seine Stimme klang klein, aber sie war da.
Die Tinte zog sich zusammen, formte eine Art Gesicht: zwei helle Flecken wie Augen, ein dünner Strich wie ein Mund. Dann pfiff es – direkt auf Niko zu. Die Luft wurde kalt, und Niko spürte, wie ihm plötzlich eine Idee aus dem Kopf rutschte. Als hätte jemand eine Schublade aufgezogen und einen Zettel herausgenommen.
„Hey!“ rief Niko erschrocken. „Meine… ich… ich weiß gerade nicht mehr, was ich sagen wollte!“
Rami sprang zurück. „Das Ding klaut Gedanken!“
Jona packte Niko am Arm. „Niko, ist alles okay?“
Niko blinzelte. „Mir fehlt… irgendwas. Wie ein Wort, das man auf der Zunge hatte.“
Der Veilleur blieb erstaunlich ruhig. „Jetzt versteht ihr, warum man nicht pfeift. Pfeifen ist ein Schlüssel. Es weckt den Schatten, und der Schatten ernährt sich von dem, was euch leicht macht: von Einfällen.“
Rami kniff die Augen zusammen. „Also ist die Regel: Nicht pfeifen, weil sonst ein Gedankenfresser aufwacht.“
„Das ist eine Erklärung,“ sagte der Veilleur. „Aber ist es die ganze?“
Jona schluckte. „Was fehlt noch?“
Der Veilleur deutete auf den Schacht. „Schaut genauer hin. Der Schatten ist nicht böse im üblichen Sinn. Er ist hungrig. Und Hunger ist manchmal nur ein falscher Weg zur richtigen Sache.“
Niko spürte Wut in sich aufsteigen, ganz warm. „Er hat mir eine Idee geklaut. Die war… meine!“
„War sie gut?“ fragte Rami vorsichtig.
„Ich weiß es nicht!“ sagte Niko. „Ich erinnere mich ja nicht.“
Jona atmete aus. „Vielleicht war es nur… so eine Idee, wie man einen Aufsatz anfangen will.“
„Oder wie man jemanden zum Lachen bringt,“ murmelte Niko.
Der Schatten pfiff wieder, aber diesmal nicht so aggressiv. Eher neugierig. Die Luft vibrierte wie eine Saite.
Der Veilleur hob beide Hände, als würde er einem scheuen Tier Futter hinhalten. „Wir klären die Regel, indem wir dem Schatten geben, was er wirklich braucht – ohne dass er euch ausplündert.“
Rami sah ihn an, als hätte er vorgeschlagen, einem Krokodil ein Sandwich zu bringen. „Und was braucht er?“
Der Veilleur lächelte schmal. „Das finden wir heraus. Die Stadt ist ein Buch mit vielen Randnotizen. Man muss sie nur lesen.“
Sie zogen sich vom Schacht zurück. Hinter ihnen blieb die Tinte, wogte und lauschte, als hätte sie das Wort „Buch“ verstanden.
Kapitel 4: Die Bibliothek über der U-Bahn
Der Veilleur führte sie zu einem Ort, den Niko zwar kannte, aber nie so gesehen hatte: die alte Stadtbibliothek, ein Sandsteingebäude mit Säulen und einem Löwen vor der Tür. Tagsüber roch es dort nach Papier und stillen Schuhsohlen. Nachts jedoch, von den Dächern aus, sah das Dachfenster wie ein offenes Auge aus.
„Einbruch?“ flüsterte Rami begeistert, als wäre das endlich ein Abenteuer, das er aus Filmen kannte.
„Eintritt,“ korrigierte der Veilleur und zeigte auf eine kleine Dachluke, die bereits offenstand, als hätte jemand sie für sie aufgeklappt.
Drinnen war es nicht dunkel. Zwischen den Regalen schwebten winzige Lichter, als hätten Glühwürmchen beschlossen, seriös zu werden. Unter ihren Füßen rumpelte tief die U-Bahn; das Geräusch war gedämpft und beruhigend, wie ein riesiger Herzschlag.
Jona strich über einen Buchrücken. „Ich wusste nicht, dass Bibliotheken nachts… so sind.“
„Alles ist nachts mehr es selbst,“ sagte der Veilleur. „Sogar ihr.“
Sie gingen zu einem Tisch, auf dem ein dickes Registerbuch lag. Der Veilleur schlug es auf. Die Seiten waren voller handschriftlicher Einträge: Regeln, Notizen, Skizzen von Stegen und Dächern.
Niko las: „Regel 17… nicht pfeifen…“ Daneben ein Datum: 1898.
Rami pfiff fast – hielt aber im letzten Moment inne und presste die Lippen zusammen. „Okay, ich kapier's. Aber wie klärt man das? Wir wissen doch schon, dass es den Schatten weckt.“
Der Veilleur tippte auf eine Randnotiz. „Hier steht: ‘Pfeifen lockt ihn. Summen beruhigt ihn.'“
Jona runzelte die Stirn. „Summen?“
„Wie wenn man im Dunkeln nicht allein sein will,“ sagte Niko leise. Seine Oma hatte früher in der Küche gesummt, wenn der Wind gegen die Fenster drückte.
Rami sah skeptisch aus. „Ein Schatten, der von Summen beruhigt wird? Das ist… irgendwie süß.“
„Nicht süß,“ sagte der Veilleur. „Menschlich.“
Niko blätterte weiter und fand eine Skizze: ein Schatten unter einer Passerelle, daneben ein kleiner Kreis, vielleicht ein Kind. Darunter stand: „Er kam, als die Brücke gebaut wurde. Arbeiter pfiffen, um sich Mut zu machen. Der Schatten dachte: Das ist ein Ruf.“
Jona hob den Kopf. „Also war Pfeifen früher… ein Mut-Ding?“
„Und ein Signal,“ sagte der Veilleur. „Auf Baustellen. Auf Dächern. Ein Pfiff bedeutet: ‘Hier bin ich. Alles gut.' Der Schatten hat gelernt, dass Pfeifen Aufmerksamkeit heißt. Und er will Aufmerksamkeit – so sehr, dass er sie sich nimmt.“
Rami tippte auf die Seite. „Aber warum nimmt er Ideen?“
Der Veilleur zog eine weitere Seite auf, vorsichtig, als wäre sie dünnes Eis. Dort stand: „Er frisst das, was fliegt. Gedanken fliegen.“
Niko musste trotz allem kurz lachen. „Das klingt wie ein Gedicht.“
„Regeln sind oft Gedichte mit Zähnen,“ sagte der Veilleur.
Jona überlegte. „Wenn Summen ihn beruhigt… könnte man ihn satt machen, ohne dass er klaut?“
„Mit Fantasie, die freiwillig gegeben wird,“ sagte der Veilleur. „Eine Geschichte. Ein Bild im Kopf, das ihr teilt.“
Rami hob eine Augenbraue. „Wir sollen dem Schatten eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen?“
„So ähnlich,“ sagte der Veilleur. „Aber zuerst müsst ihr ihm etwas erklären: dass Pfeifen nicht immer ‘Nimm es dir' bedeutet. Manchmal ist es nur… ein Geräusch.“
Niko schlug das Register zu. Das Geräusch klang wie ein kleiner Donner in der stillen Bibliothek.
„Also,“ sagte Niko und spürte, wie die verlorene Idee wie ein Fisch in der Tiefe wieder auftauchen wollte, „wir müssen eine neue Erklärung finden, die der Schatten versteht. Und dann—“
„—dichten wir die Regel,“ beendete der Veilleur. „Dicht wie ein Dach.“
Unter ihnen fuhr eine U-Bahn vorbei, und das Gebäude vibrierte, als würde es ihnen zustimmen.
Kapitel 5: Die Klarstellung der Regel
Sie kehrten zu dem Lichtschacht zurück. Die Passerellen führten sie schnell, als wüssten sie, dass es jetzt ernst war. Über den Dächern hing Nebel, der nach Regen schmeckte, und die Stadtlichter wirkten wie Münzen, die jemand in die Nacht gestreut hatte.
Der Schatten wartete. Er war gewachsen. Nicht riesig, aber deutlicher, als hätte er aus dem Pfeifen Kraft gezogen.
„Nicht pfeifen,“ murmelte Rami. „Nicht pfeifen. Ich pfeif nie wieder.“
„Du pfeifst sowieso schief,“ flüsterte Jona, und das war so normal, dass Niko kurz aufatmete.
Der Veilleur trat an den Schacht. „Hör zu,“ sagte er in die Dunkelheit, als würde er mit einer Katze sprechen, die unter dem Sofa sitzt. „Wir sind nicht hier, um dich zu vertreiben. Wir sind hier, um etwas zu klären.“
Der Schatten pfiff. Die Luft zuckte.
Niko spürte, wie wieder etwas in seinem Kopf flatterte, eine Erinnerung, eine Idee – er hielt sie fest, indem er an etwas Konkretes dachte: an den Geruch von Pommes am Kiosk, an das Geräusch von Basketball auf Asphalt.
„Summen,“ flüsterte Jona.
Sie begannen zu summen. Erst zaghaft, dann gemeinsam. Kein Lied, eher ein warmer Faden. Niko summte tief, Rami höher, Jona dazwischen. Es war schief und ehrlich und genau deshalb stark.
Der Schatten zögerte. Das Pfeifen wurde leiser.
Niko beugte sich vor. „Du denkst, Pfeifen heißt, du darfst nehmen,“ sagte er. „Aber das stimmt nicht. Pfeifen ist manchmal nur… Menschenlärm. Wie wenn jemand mit dem Schlüsselbund klappert.“
Der Schatten machte ein Geräusch, das fast wie ein beleidigtes „Pff“ klang.
Rami, der sonst immer frech war, sprach plötzlich vorsichtig: „Wenn du Hunger hast, können wir dir was geben. Aber nicht klauen, okay?“
Jona schloss die Augen, als würde er ein Bild malen. „Stell dir vor,“ sagte er, „du sitzt auf einem Dachfirst und siehst die ganze Stadt. Die Fenster sind wie kleine Bühnen. In jedem Fenster passiert eine Geschichte. Du musst nicht in die Köpfe greifen. Du kannst zuschauen.“
Niko spürte, dass seine verlorene Idee wieder näher kam, wie ein Ball, der zurückrollt. Also setzte er nach, so klar wie möglich:
„Regel 17 heißt nicht nur: ‘Nicht pfeifen.' Sie heißt: ‘Pfeifen ist ein Ruf. Ruf nur, wenn du es ernst meinst.'“
Der Veilleur nickte. „Und: Wenn ihr pfeift, dann gebt etwas zurück.“
„Wie denn?“ fragte Rami, obwohl er es schon ahnte.
Niko hob die Hand. „Mit Fantasie. Mit einer Geschichte. Mit einem Bild, das freiwillig fliegt.“
Der Schatten wogte. Dann – ganz langsam – löste sich ein dünner Faden Dunkelheit aus ihm und schwebte auf Nikos Stirn zu. Niko zuckte, aber es tat nicht weh. Es fühlte sich an, als würde jemand ihm ein verlorenes Wort zurückgeben.
Plötzlich wusste er wieder, was er vorher sagen wollte: einen Witz über den Veilleur und die Mütze. Es war kein Weltwunder, aber es war seins.
„Er gibt zurück,“ flüsterte Jona.
Der Veilleur zog das Messingschild hervor. Mit einem kleinen, kaum hörbaren Klick änderten sich die Buchstaben, als würde die Regel selbst ihre Schuhe wechseln:
„Regel 17: Auf den Passerellen wird nicht gedankenlos gepfiffen. Wer pfeift, gibt eine Geschichte.“
Rami grinste, diesmal ohne Übermut. „Das ist… eigentlich fair.“
Der Schatten pfiff ein letztes Mal, sehr leise, wie ein Seufzer. Dann zog er sich zusammen und glitt tiefer in den Schacht, als wäre er eingeschlafen – nicht aus Hunger, sondern aus Zufriedenheit.
Die Luft wurde wieder normal. Der Hof unten war einfach nur ein Hof. Die Stadt nahm ihren Atem zurück.
Kapitel 6: Der Veilleur und die neue Nacht
Sie standen noch eine Weile da, summend, bis das Summen von allein zu Ende ging. Niko merkte, wie müde er war, aber es war eine gute Müdigkeit, wie nach einem langen Tag draußen.
Der Veilleur steckte das Schild ein. „Ihr habt die Regel geklärt,“ sagte er. „Nicht durch Angst, sondern durch Vorstellungskraft.“
Jona schob die Hände in die Taschen. „Heißt das, wir sind jetzt… so was wie Dachwächter?“
„Ihr seid schon Wächter,“ sagte der Veilleur. „Nur auf eure Art. Ihr habt etwas gesehen, das andere übersehen. Und ihr habt eine Lösung erfunden, die nicht nur ‘nein' sagt.“
Rami trat an den Rand der Passerelle und blickte auf die Lichter der Straße. „Wenn ich jetzt pfeife…“
Der Veilleur hob eine Augenbraue.
Rami hob sofort die Hände. „Schon gut. Schon gut. Ich pfeife nicht gedankenlos.“
Niko musste lachen. „Du willst nur testen, ob du mutig bist.“
„Ich bin mutig,“ sagte Rami. „Ich bin nur… regelbewusst.“
Sie gingen zurück, Steg um Steg. Die Passerellen wirkten jetzt ein bisschen heller, als hätten sie zugehört und seien stolz. Über ihnen zogen Wolken wie langsame Schiffe.
Als sie an Nikos Fenster ankamen, blieb der Veilleur stehen.
„Wirst du wiederkommen?“ fragte Niko.
Der Veilleur sah in die Stadt, als würde er ihre geheimen Wege zählen. „Ich bin immer da, wenn oben etwas aus dem Gleichgewicht gerät. Und wenn ihr euch etwas fragt, das mehr ist als eine Hausaufgabe.“
Jona hob die Taschenlampe. „Und was ist mit dem Schatten?“
„Er wird lernen,“ sagte der Veilleur. „Und vielleicht wird er eines Tages selbst Geschichten tragen, statt sie zu stehlen.“
Rami grinste. „Dann nennen wir ihn… den Erzählschatten.“
Der Veilleur nickte ernst, als wäre das ein offizieller Titel. „Warum nicht? Namen sind auch Regeln. Sie geben Form.“
Niko kletterte zurück ins Zimmer. Einen Moment lang sah er den Veilleur auf der Passerelle stehen, wie eine Silhouette aus Ruhe. Dann war da nur noch die Nacht und ein dünner Silberstreifen, der sich langsam auflöste, als hätte die Stadt ihn wieder eingeklappt.
Im Bett, kurz bevor der Schlaf kam, probierte Niko in Gedanken ein leises Pfeifen aus – nicht mit den Lippen, nur im Kopf. Dazu stellte er sich eine Geschichte vor: eine Brücke aus Licht, ein Schatten, der zuhört, und drei Jungen, die über den Dächern laufen, als gehörten sie dorthin.
Die Stadt draußen war immer noch laut. Aber in der Lautstärke lag jetzt ein kleiner Platz, frei und warm, in dem Fantasie wohnen konnte.