Kapitel 1: Die Werkstattgasse und die kleine Lüge
Der Regen roch nach Metall, wie immer, wenn die Straßenbahnen in der Abenddämmerung bremsten. Mira zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und lief durch die Werkstattgasse, wo die Schaufenster voller Geigenhälse, Lackfläschchen und winziger Schraubzwingen waren. Man sagte, die Geigenbauer hier könnten Holz zum Flüstern bringen. Mira glaubte das. Manchmal, wenn sie an der Tür von Meister Aurel vorbeiging, hörte sie ein leises Summen, als würde eine Saite in der Luft schwingen, ohne berührt zu werden.
Sie war zwölf, klein für ihr Alter, aber mit einem Blick, der alles mitnahm: die Spiegelungen in Pfützen, die Schatten unter Brücken, die winzigen Zeichen, die jemand mit Kreide an Laternenpfähle malte, wenn er dachte, niemand sähe zu.
In ihrer Jackentasche war etwas Warmes. Nicht heiß, eher wie ein Teelicht, das genau wusste, dass es nicht ausgehen darf.
Mira blieb stehen, als ihr Handy vibrierte. Eine Nachricht von Jona, der im selben Haus wohnte, nur zwei Stockwerke tiefer.
„Du bist doch NICHT unterwegs, oder? Der Nebel ist komisch heute.“
Mira tippte: „Bin nur kurz beim Kiosk. Alles gut.“
Das war gelogen. Und die kleine Wärme in ihrer Tasche schien kurz zu flackern, als hätte sie das gehört.
„Alles gut“, murmelte Mira und bog zur Hintertür von Meister Aurels Werkstatt. Dort hing ein Schild: „Bitte klopfen. Und zwar freundlich.“ Mira klopfte dreimal. Ein Ton antwortete, nicht aus einem Instrument, sondern aus dem Holz der Tür selbst: ein tiefes, geduldiges „Dumm“.
Die Tür öffnete sich einen Spalt. Meister Aurel schaute heraus, die Haare wie zerzauste Silberfäden, die Brille schief auf der Nase. „Mira“, sagte er, als hätte er sie schon erwartet. „Du trägst es wirklich.“
„Ich… ich hab's gefunden“, sagte Mira. „Oder… es hat mich gefunden.“
Er seufzte, als wäre das die normalste Sache der Welt. „Komm rein. Bevor die Straße neugierig wird.“
Drinnen roch es nach Harz und altem Papier. Überall hingen Geigen, Bratschen, seltsame Instrumente mit zu vielen Saiten, die man im Musikunterricht nie sehen würde. Und mitten auf dem Werkbank lag eine Karte der Stadt, nicht gedruckt, sondern auf Leder gezeichnet. Die Flüsse glänzten, als seien sie frisch.
Meister Aurel deutete auf Miras Tasche. „Zeig.“
Mira zog die Hand heraus. Auf ihrer Handfläche lag eine kleine Lueur—eine winzige, lebendige Helligkeit, kaum größer als eine Kastanie. Sie war nicht rund, eher wie ein Tropfen Licht, der vergessen hatte, zu fallen. In ihrem Innern bewegten sich Fäden, als würden dort ganz kleine Sternbilder umherlaufen.
„Oh“, machte Meister Aurel sehr leise. „Eine Lichtergabe. Das ist selten.“
„Sie… sie macht mich ruhig“, flüsterte Mira. „Und gleichzeitig… als müsste ich losrennen.“
„Beides ist richtig“, sagte er. „Hör zu, Mira. Diese Lueur darf nicht in die falschen Hände. Und sie muss an einen Ort, der einen echten Namen hat. Nicht den Namen auf Schildern. Den wahren.“
Mira runzelte die Stirn. „Einen wahren Namen? So wie… wenn meine Oma mich ‚Spatz‘ nennt?“
Meister Aurel lächelte kurz. „Näher dran als du denkst. Die Stadt hat viele Namen. Aber nur wenige sind wahr. Und heute Nacht… ist jemand unterwegs, der Namen stiehlt.“
Draußen klirrte eine Straßenbahn. Und für einen Moment klang es, als würde sie nicht nur über Schienen fahren, sondern über etwas Unsichtbares, das unter der Stadt gespannt war.
Kapitel 2: Der Mann mit dem Mantel aus Werbung
Meister Aurel wickelte die Lueur in ein Tuch, das aussah wie gewöhnlicher Stoff, aber beim Anfassen fühlte es sich an wie warme Luft. „Leg sie hier hinein. Und hör auf sie. Sie zeigt dir, wo es richtig ist.“
„Wie soll Licht zeigen?“, fragte Mira und steckte das Tuch vorsichtig in ihre Innentasche.
„Indem es anders leuchtet, wenn du falsch läufst“, sagte Aurel. „Und jetzt das Wichtigste: Du suchst den wahren Namen des Ortes, den alle nur ‚Knotenpunkt‘ nennen. Den Platz unter den Linien, wo die Stadt atmet.“
Mira kannte den Knotenpunkt. Ein riesiger Verkehrsbahnhof, wo U-Bahn, S-Bahn, Busse und Menschenströme sich kreuzten. Man konnte dort alles kaufen: Kaffee, Schuhe, einen Regenschirm, der beim ersten Wind umdrehte. Aber einen „wahren Namen“? Das klang wie eine Hausaufgabe, die man nicht googeln konnte.
„Und wenn ich den Namen nicht finde?“, fragte Mira.
Meister Aurel setzte sich auf einen Hocker, als wäre er plötzlich älter. „Dann findet der Namenstehler ihn. Und dann—“ Er ließ den Satz hängen. Das war schlimmer als jede Erklärung.
Mira nickte, obwohl ihr Herz schneller schlug. „Okay. Ich geh.“
Sie trat hinaus in die Werkstattgasse. Die Lichter der Stadt zogen lange Streifen über den nassen Asphalt. Und da war er: ein Mann, der nicht ganz in die Straße passte.
Sein Mantel bestand aus zusammengeklebten Werbeplakaten. Wenn er sich bewegte, raschelte es: „ZWEI FÜR EINS“, „JETZT NEU“, „LIMITIERT“. Sein Gesicht war glatt wie eine leere Seite, nur die Augen waren da—zwei dunkle Flecken, die zu lange schauten.
Mira blieb stehen. Die Lueur in ihrer Tasche wurde kühler, als würde sie den Atem anhalten.
Der Mann hob eine Hand. „Du hast etwas, das nicht dir gehört“, sagte er. Seine Stimme klang wie eine Durchsage, die zu nah am Lautsprecher aufgenommen wurde.
Mira schluckte. „Falsche Person.“
„Nein“, sagte der Mann freundlich. Viel zu freundlich. „Ich kenne dich. Mira aus der Werkstattgasse. Du hörst Dinge, die andere überhören. Du siehst Risse in den Namen.“
Mira zwang sich, die Schultern nicht hochzuziehen. „Und du bist…?“
„Jemand, der Ordnung mag“, sagte er. „Namen sind unordentlich. Sie kleben an Orten wie Kaugummi unter Bänken. Ich putze.“
„Dann putz woanders“, sagte Mira, und zu ihrer eigenen Überraschung klang es frech.
Der Mann machte einen Schritt. Die Werbewörter auf seinem Mantel verschoben sich, als würden sie sich neu entscheiden. „Gib mir die Lueur. Dann vergisst du diese Begegnung. Du gehst nach Hause, machst Hausaufgaben, trinkst Kakao. Stell dir vor. Ganz normal.“
Mira dachte an Kakao. An ihr Zimmer. An Jona, der wahrscheinlich aus dem Fenster spähte. Normal klang verlockend. Aber in ihrer Tasche pulsierte die Lueur jetzt warm, als würde sie „Nein“ sagen.
„Ich kann mir auch andere Sachen vorstellen“, sagte Mira langsam. „Zum Beispiel, dass ich wegrenne.“
„Imagination“, murmelte der Mann, als wäre das ein Schimpfwort.
Mira rannte.
Sie bog um die Ecke, sprang über eine Pfütze, rutschte fast aus. Hinter ihr raschelte es, als würde ein ganzer Stapel Prospekte durch die Nacht jagen. Mira kannte die Gasse wie ihre Hosentasche. Sie kannte die Hinterhöfe, die Abkürzungen, die Treppen, die ins Nichts führten, wenn man nicht wusste, wie man sie ansah.
Sie stürzte in einen Innenhof, wo Wäscheleinen wie Spinnennetze hingen. Dort stand eine alte, schiefe Telefonzelle, längst außer Betrieb. In ihrer Scheibe spiegelte sich Miras Gesicht—und daneben, ganz kurz, das glatte Gesicht des Mannes.
„Nicht stehen bleiben“, flüsterte sie sich selbst zu und presste die Tasche an die Brust.
Die Lueur leuchtete durch den Stoff, als hätte sie plötzlich eine Meinung zur Richtung. Sie zog nach rechts. Mira folgte.
Kapitel 3: Unter der Stadt, wo die Töne wohnen
Der Weg führte sie zum Eingang der U-Bahn. Ein paar Leute standen herum, alle mit gesenkten Köpfen, als würden sie in ihre Handys starren. Mira merkte erst nach einem Moment, dass manche gar kein Handy in der Hand hatten. Sie starrten nur. Auf nichts. Der Nebel schien ihnen in die Augen zu kriechen.
Mira drängte sich durch. Das Drehkreuz klickte, als würde es sie erkennen. Die Stufen hinab fühlten sich an wie eine Treppe in einen anderen Tag.
Unten war die Luft warm und roch nach Bremsstaub. Ein Musiker spielte Saxofon, aber die Melodie hatte ein paar Töne zu viel, als hätte jemand zusätzliche Noten hineingeschmuggelt. Die Leute warfen Münzen, ohne wirklich hinzusehen.
Mira setzte sich nicht, sie blieb in Bewegung. Die Lueur in ihrer Tasche pulste im Takt ihres Schrittes. Bei jedem falschen Abzweig wurde sie kühl. Bei der richtigen Richtung wurde sie warm, so als würde sie kleine, unsichtbare Pfeile aus Licht in Miras Rippen malen.
Ein Zug fuhr ein. Die Türen öffneten sich mit einem Seufzen. Mira sprang hinein. Der Wagon war halb voll. Gegenüber saß eine Frau mit einer Geigenkiste, die so alt war, dass sie aussah wie ein Koffer für Geheimnisse.
Die Frau blickte auf, direkt in Miras Gesicht. „Du trägst etwas Helles“, sagte sie, ohne den Mund wirklich zu bewegen.
Mira erstarrte. „Ich… ich hab nur—“
„Schon gut“, sagte die Frau und klopfte auf die Geigenkiste. „Ich komme aus deiner Gasse. Wir hören die gleichen Dinge.“
Mira entspannte sich einen Zentimeter. „Kennst du Meister Aurel?“
Die Frau verzog den Mund zu einem halben Lächeln. „Er hat mir mal beigebracht, wie man eine Saite stimmt, die sich nicht entscheiden kann, ob sie traurig oder wütend sein will. Ich heiße Nela.“
„Mira.“
„Ich weiß“, sagte Nela. „Und ich weiß auch, dass der Mann aus Werbung hinter dir her ist.“
Mira blickte zur Tür. Auf dem Bahnsteig stand niemand, aber im Fenster spiegelte sich kurz ein Rascheln.
„Wie…“, begann Mira.
Nela hob eine Hand. „Nicht fragen. In der Stadt gibt es Fragen, die machen Geräusche. Der Mann hört Geräusche.“
Mira nickte und beugte sich vor. „Ich muss den wahren Namen vom Knotenpunkt finden.“
Nela zog die Augenbrauen hoch. „Oha. Du hast dir einen sportlichen Abend ausgesucht.“
„Ich hab's mir nicht ausgesucht“, sagte Mira.
„Niemand sucht sich Magie aus“, sagte Nela trocken. „Sie sucht dich aus. Hör zu: Orte haben Spitznamen, offizielle Namen und wahre Namen. Der wahre Name ist wie ein Lied, das ein Ort über sich selbst singt, wenn keiner zuhört.“
„Und wie hört man das Lied?“
Nela tippte gegen die Geigenkiste. „Manchmal mit Ohren. Manchmal mit Vorstellungskraft.“
Der Zug ratterte durch einen Tunnel. Die Lichter flackerten. Für einen Moment sah Mira an der Tunnelwand Kreidezeichen, die nicht dort sein konnten: kleine Spiralen, Pfeile, ein Auge.
„Steig bei der nächsten Station aus“, sagte Nela. „Nicht am Knotenpunkt selbst. Du musst darunter.“
„Darunter?“
„Unter den Gleisen gibt es einen Wartungsgang. Eine Tür ohne Schild. Sie heißt nur für die, die sie brauchen.“ Nela schob Mira einen dünnen Metallstift zu. „Damit kannst du das Schloss überreden. Sei freundlich.“
Mira nahm den Stift. Er fühlte sich schwer an, als wäre er aus einem alten Versprechen gemacht. „Kommst du mit?“
Nela schüttelte den Kopf. „Ich halte die Melodie oben in Bewegung. Wenn der Mann merkt, dass du unten bist, wird er schneller. Aber Werbung kann nicht gut flüstern. Unten wird es leiser.“
Der Zug hielt. Die Türen öffneten sich. Mira stand auf, das Herz in der Kehle.
„Mira“, sagte Nela, und ihre Stimme war jetzt wirklich zu hören, warm und klar. „Wenn du den wahren Namen findest, sag ihn nicht laut. Nicht hier. Nicht heute. Trage ihn im Kopf wie eine Kerze im Wind.“
Mira nickte und stieg aus.
Kapitel 4: Die Tür ohne Schild
Die Station war kleiner, als Mira erwartet hatte, und die Fliesen hatten Risse, in denen sich dunkler Schmutz wie Tinte gesammelt hatte. Am Ende des Bahnsteigs stand ein Schild: „Zutritt nur für Personal“. Daneben eine graue Tür. Kein Griff, nur ein Schlüsselloch, das aussah wie ein geschlossenes Auge.
Mira sah sich um. Zwei Menschen warteten auf den nächsten Zug. Sie wirkten müde, als hätte jemand ihre Gedanken auf „Sparen“ gestellt. Niemand achtete auf sie.
„Bitte“, flüsterte Mira dem Schloss zu, weil Meister Aurel das sicher so gemacht hätte.
Sie steckte den Metallstift hinein. Es klickte nicht wie ein normales Schloss. Es seufzte, als wäre es erleichtert, dass jemand endlich gefragt hatte. Die Tür ging auf.
Dahinter führte eine Treppe hinab. Nicht so sauber wie die öffentlichen Stufen, eher wie eine Treppe, die die Stadt versteckt hielt, weil sie sich dafür ein bisschen schämte. Mira ging hinunter. Mit jedem Schritt wurde es kühler, und der Lärm der Station blieb oben wie eine zugeschlagene Decke.
Unten war ein Gang. Rohre liefen an der Decke entlang, aus manchen tropfte Wasser in kleinen, regelmäßigen Schlägen. Plink. Plink. Es klang wie ein Metronom.
Mira holte die Lueur kurz heraus. Sie schwebte einen Fingerbreit über ihrer Hand und leuchtete weicher als jede Taschenlampe. Ihr Licht machte die Betonwände weniger hart. Schatten wurden zu Formen, nicht zu Drohungen.
„Okay“, sagte Mira leise. „Zeig mir den Weg.“
Die Lueur zog nach links. Mira folgte.
Der Gang verzweigte sich wie die Linien auf der Karte von Meister Aurel. Manche Wege waren mit Kreide markiert, aber die Zeichen wirkten alt, halb verwischt, als hätten viele Hände sie berührt. Mira strich über eine Spirale. Sie fühlte sich warm an.
Dann hörte sie es: ein Rascheln, weit weg, wie das Umblättern von tausend Seiten.
Der Mann.
Mira steckte die Lueur wieder in die Tasche und lief weiter, diesmal schneller. Die Lueur blieb warm—richtige Richtung. Vor ihr tauchte eine schwere Metalltür auf, halb offen. Dahinter ein Raum, in dem es nach Öl und… nach etwas Süßem roch, wie verbrannter Zucker.
Sie schlüpfte hinein.
Der Raum war rund, wie ein vergessener Turm, nur aus Beton. In der Mitte stand ein altes Stellpult, und darüber hingen Kabel wie schwarze Lianen. An den Wänden waren Namen eingeritzt. Nicht „Hauptbahnhof“ oder „Linie 3“. Eher Wörter, die Mira nicht kannte, aber die sich beim Lesen anfühlten wie Bilder: „Schluckerherz“, „Kieselatem“, „Glaswange“.
„Das sind…“, flüsterte Mira.
„Spitznamen“, sagte eine Stimme hinter ihr.
Mira wirbelte herum. Ein Junge stand in der Ecke, ungefähr in ihrem Alter, vielleicht dreizehn. Er trug einen Overall, als wäre er wirklich Personal, aber seine Schuhe waren viel zu sauber. Sein Haar war so dunkel, dass es das Licht schluckte. In seiner Hand hielt er eine Kreide.
„Wer bist du?“, fragte Mira.
„Nenn mich Rafi“, sagte er. „Ich bin… so etwas wie ein Wächter. Für Türen, die keiner sieht.“
Mira atmete aus. „Hilfst du mir?“
Rafi musterte ihre Tasche. „Du hast eine Lueur. Das erklärt, warum die Luft heute so nervös ist.“
„Ich muss den wahren Namen vom Knotenpunkt finden.“
Rafi grinste kurz. „Alle wollen immer den wahren Namen. Als wäre das ein Passwort für gratis WLAN.“
Mira musste trotz allem kichern. „Und? Ist es eins?“
„Manchmal“, sagte Rafi. „Aber heute geht's um mehr. Der Mann mit dem Werbemantel sucht nicht nur die Lueur. Er will den wahren Namen, weil er dann den Ort umbenennen kann. Und wenn ein Ort seinen Namen verliert, verliert er auch seine Geschichten.“
Mira spürte, wie in ihr etwas fest wurde. Wie ein Knoten, aber ein guter. „Dann darf er ihn nicht kriegen.“
„Richtig“, sagte Rafi und trat näher an die Wand mit den eingeritzten Wörtern. „Der wahre Name steht nicht hier. Der wahre Name ist nicht eingeritzt. Er wird gespielt.“
„Gespielt?“
Rafi deutete auf das Stellpult. „Das Pult steuert Weichen. Aber früher, bevor alles digital wurde, haben die Weichenwärter sich Zeichen gegeben. Klopfzeichen. Pfeifen. Kleine Melodien. Der Knotenpunkt war… ein Instrument.“
Mira dachte an die Werkstattgasse. An Holz, das flüstert. An Nelas Geigenkiste. „Und wo ist die Melodie?“
Rafi hob die Kreide. „In der Luft. In deiner Vorstellung. Du musst sie zusammensetzen, wie man eine Melodie aus einzelnen Tönen erkennt.“
Das Rascheln kam näher. Mira hörte jetzt auch ein leises Murmeln, als würden Worte über Beton schleifen.
Rafi sah zur Tür. „Er hat deine Spur. Du hast nicht viel Zeit.“
Mira zog die Lueur heraus. Sie leuchtete jetzt stärker, als hätte sie Angst. Das Licht fiel auf das Stellpult, auf die Hebel, auf die Zahlen. Und plötzlich sah Mira etwas, das vorher nicht da gewesen war: winzige Kerben an den Hebeln, wie Noten auf einer Linie.
„Das sind Noten“, flüsterte sie.
„Ja“, sagte Rafi. „Lies sie. Nicht mit den Augen. Mit dem Kopfkino.“
Mira schloss kurz die Augen. Sie stellte sich vor, die Hebel wären Saiten. Sie stellte sich vor, wie Meister Aurel mit der Fingerspitze über Lack strich. Sie stellte sich vor, wie die Stadt unter ihr atmete, ein riesiges Tier aus Stein und Licht.
Und dann hörte sie es. Erst ganz leise, wie ein Kinderlied aus einem Nachbarzimmer. Dann klarer. Eine Melodie, die aus Schritten, Bremsen, Türenöffnen und entfernten Stimmen gebaut war. Nicht schön im klassischen Sinn, aber ehrlich. Lebendig.
In der Melodie lag ein Wort. Ein Name. Er war nicht „Knotenpunkt“. Er war etwas anderes: ein Name, der klang wie Zusammenkommen und Weitergehen gleichzeitig.
Mira öffnete die Augen. „Ich glaube… ich hab ihn.“
„Nicht sagen“, warnte Rafi sofort.
Die Tür zum Raum knarrte. Der Mann im Werbemantel stand im Spalt, und seine Augen waren dunkler als der Gang.
„Da seid ihr ja“, sagte er. „Wie praktisch. Zwei Kinder, ein Licht, ein Name.“
Kapitel 5: Verstecken im Scheinwerferlicht
Rafi schob Mira hinter das Stellpult. „Denk an etwas Unmögliches“, flüsterte er. „Schnell.“
„Was?“
„Irgendetwas, das Werbung nicht versteht.“
Der Mann trat ein. Sein Mantel raschelte vor sich hin, als würden die Plakate tuscheln. „Gib mir die Lueur“, sagte er, „und ich mache euch beide unsichtbar für Ärger. Für Sorgen. Für… all das Unnötige.“
„Unnötig wie Geschichten?“, rief Rafi.
Der Mann lächelte, und auf seinem glatten Gesicht erschien für einen Moment ein Schatten, wie ein schlecht gedrucktes Logo. „Geschichten sind teuer. Sie kosten Zeit. Aufmerksamkeit. Fantasie. Ich biete etwas Besseres: einfache Namen. Klare Schilder.“
Mira presste die Lueur an sich. „Klar ist nicht immer gut.“
„Doch“, sagte der Mann. „Klar ist kontrollierbar.“
Rafi hob die Kreide und malte schnell ein Zeichen auf den Boden: eine Spirale mit einem Punkt in der Mitte. „Mira. Jetzt.“
Mira verstand nicht, aber sie tat, was er gesagt hatte. Sie schloss die Augen und stellte sich etwas Unmögliches vor: dass der ganze Raum ein Instrument war, und dass sie, Mira, eine Dirigentin aus Licht sein konnte. Sie stellte sich vor, dass die Kabel an der Decke zu Saiten wurden. Dass die Rohre Töne bliesen wie Flöten. Dass die Tropfen auf den Boden wie kleine Glocken klangen.
Und die Lueur in ihrer Hand reagierte. Sie wurde größer, nicht gefährlich, eher wie ein aufgehender Mond. Das Licht floss über das Stellpult, über die Hebel, über Rafi und sogar ein Stück weit über den Mann.
Der Mann blinzelte, als wäre er das nicht gewohnt. „Was…“
„Imagination“, sagte Mira, und diesmal klang es nicht wie ein Witz, sondern wie ein Zauberspruch, den man selbst gerade erst gelernt hat.
Das Licht verwandelte die Schatten in Bilder: Auf der Wand erschien für einen Moment die Werkstattgasse, voller Instrumente, die sich selbst stimmten. Dann der Knotenpunkt oben, Menschen wie bunte Punkte, die sich kreuzten. Dann ein Riss, in dem Dunkelheit lauerte—der Versuch, den Namen zu glätten, zu kleben, zu entfernen.
Der Mann taumelte einen Schritt zurück. Sein Mantel begann wild zu rascheln, als würden die Plakate panisch werden. „Hör auf! Du machst es… zu viel.“
„Zu viel ist besser als zu wenig“, sagte Rafi und packte Miras Hand. „Lauf!“
Sie rannten zur anderen Tür, die Mira vorher nicht bemerkt hatte. Sie war klein, fast wie eine Tür für Katzen, nur aus Metall. Rafi drückte dagegen, und sie gab nach, als hätte sie darauf gewartet.
Dahinter ein schmaler Gang, der steil nach oben führte. Mira hörte hinter sich den Mann, wie er sich fing, wie er wieder Ordnung in sein Rascheln brachte.
„Ihr könnt nicht mit einem Namen weglaufen!“, rief er.
„Doch“, keuchte Mira. „Im Kopf.“
Sie stiegen, stolperten, kletterten. Mira spürte die Melodie des wahren Namens in ihrem Innern wie einen warmen Stein. Sie hielt ihn fest, ohne Worte, ohne Laut. Nur als Gefühl: so wie man sich an den Geruch von frisch gebackenem Brot erinnert, auch wenn man ihn nicht beschreiben kann.
Oben endete der Gang in einer Luke. Rafi drückte sie auf, und sie krochen hinaus—mitten in den Knotenpunkt, aber nicht auf den Bahnsteigen. Sie kamen in einem Raum heraus, der wie ein Wartungsbalkon über der großen Halle hing. Unter ihnen flossen Menschenströme. Bildschirme flackerten. Durchsagen prallten an den Wänden ab.
„Und jetzt?“, fragte Mira atemlos.
Rafi zeigte auf eine unscheinbare Ecke der Halle, wo ein alter, stillgelegter Fahrkartenautomat stand. Daneben eine Säule, an der jemand mit Kreide ein winziges Auge gezeichnet hatte. „Da unten ist der Ort. Nicht der offizielle. Der echte.“
Mira spürte, wie die Lueur warm wurde, als würde sie nicken.
„Aber wie finde ich den Namen vom Ort, ohne ihn zu sagen?“, flüsterte Mira.
Rafi grinste schief. „Du musst ihn nicht sagen. Du musst ihn geben.“
Kapitel 6: Der wahre Name und das Licht, das bleibt
Sie schlichen die Treppe hinunter, mischten sich unter die Menschen. Mira merkte, wie leicht man in einer Großstadt verschwinden kann, wenn alle gerade irgendwohin müssen. Die Lueur in ihrer Tasche war jetzt ruhig, als hätte sie Vertrauen.
Am alten Fahrkartenautomaten blieb Mira stehen. Er war mit Aufklebern bedeckt, manche halb abgerissen. Die Säule daneben war kühl. Mira legte die Hand darauf. Unter der Farbe spürte sie winzige Rillen, als hätte jemand dort vor langer Zeit etwas eingraviert und dann wieder zugeschmiert.
„Hier“, flüsterte sie.
Rafi nickte. „Der Ort hat seinen wahren Namen vergessen, weil ihn niemand mehr benutzt. Du musst ihn ihm zurückgeben. So wie man einem Freund sagt: Ich sehe dich.“
Mira nahm die Lueur heraus. In der großen Halle wirkte sie erst klein, fast lächerlich, gegen all die Neonreklamen und Displays. Aber dann passierte etwas Seltsames: Die Lueur leuchtete anders. Nicht grell. Nicht gegen die Stadt. Sondern mit ihr. Ihr Licht mischte sich mit dem Alltag, als wäre es schon immer da gewesen.
Mira schloss die Augen. Sie dachte an die Melodie. An Zusammenkommen. An Weitergehen. An die Weichen, die sich entschieden. An Menschen, die sich verpassten und wiederfanden. Der wahre Name war wie ein Atemzug zwischen Abschied und Ankunft.
Sie drückte die Lueur sanft gegen die Säule.
Das Licht sickerte hinein, als wäre die Säule durstig gewesen. Ein kaum hörbares Klingen ging durch den Boden, als hätte jemand eine unsichtbare Saite angeschlagen. Die Halle flackerte—nicht die elektrischen Lichter, sondern etwas dahinter, etwas, das nur kurz sichtbar wurde: Linien aus Gold, die von jeder Person zu ihrem Ziel führten, wie Wege in einem Labyrinth.
Mira öffnete die Augen. Auf der Säule, dort wo die Rillen waren, erschien ein Wort. Nicht als Schrift, eher als Eindruck in der Luft. Mira verstand es, ohne es zu lesen. Der Ort hatte seinen wahren Namen wieder.
Hinter ihnen raschelte es.
Der Mann im Werbemantel stand am Rand der Menge, zu weit weg, um sie sofort zu greifen, aber nah genug, um sie anzustarren. Seine Augen waren wütend—oder vielleicht nur hungrig. „Du hast es befestigt“, sagte er. „Du hast den Namen verankert.“
Rafi stellte sich vor Mira. „Zu spät.“
Der Mann hob die Hände, als wolle er etwas abreißen, das man nicht sehen konnte. Doch der Knotenpunkt—der Ort mit dem wahren Namen—antwortete. Eine Durchsage ertönte, aber sie sagte nicht „Achtung“ oder „Verspätung“. Sie klang wie ein tiefes Summen, das sich durch die Halle legte. Menschen hielten kurz inne, sahen auf, als würden sie sich plötzlich an einen Traum erinnern.
Der Werbemantel begann zu verblassen. Die Wörter darauf wurden unscharf, als würde der Druck verlaufen. „Das ist nicht fair“, zischte der Mann. „Ein Kind…“
Mira trat neben Rafi. Sie fühlte sich nicht groß, aber echt. „Es ist nicht fair, Namen zu stehlen.“
Der Mann sah die Menge an, all die Geschichten, die er nicht kontrollieren konnte. Dann machte er einen Schritt zurück. Noch einen. Und wie ein Plakat, das sich im Regen löst, verschwand er in der Bewegung der Stadt.
Rafi atmete aus. „Puh.“
Mira lachte leise. „Das war… verrückt.“
„Das ist Urban Fantasy“, sagte Rafi und tat so, als wäre das ein Fach in der Schule. „Montag Mathe, Dienstag Magie.“
Mira steckte die Hand in die Tasche. Die Lueur war weg. Für einen Moment wurde ihr kalt. „Sie ist…“
„Sie ist da“, sagte Rafi und deutete auf die Halle.
Mira sah hin. Das Licht war nicht als Kugel zu sehen. Es war verteilt. In den Augen einer alten Frau, die ihren Zug endlich fand. In einem Kind, das sich an der Hand seines Vaters festhielt und dabei grinste. In der Spiegelung auf dem Boden, die ein bisschen goldener war als vorher.
Mira spürte es in sich selbst, wie eine neue Fähigkeit: sich Dinge vorstellen, bis sie ein kleines bisschen wahrer werden.
„Und der wahre Name?“, fragte sie leise.
Rafi schüttelte den Kopf. „Den trägst du. Ohne ihn auszusprechen. Das ist sicherer.“
Mira nickte. Sie dachte an Meister Aurel, an Nela, an die Werkstattgasse. „Ich sollte nach Hause.“
„Ja“, sagte Rafi. „Und wenn du wieder etwas Warmes in deiner Tasche findest…“
„Dann lüge ich weniger“, sagte Mira.
Rafi grinste. „Oder du lügst besser.“
Mira schnaubte. „Ich versuch's mit Wahrheit. Die ist anstrengend, aber irgendwie… heller.“
Sie ging durch die Halle, zwischen Menschen und Geräuschen und Lichtern. Draußen hatte der Regen aufgehört. Die Stadt glänzte, als wäre sie frisch gestimmt worden.
Als Mira in die Werkstattgasse einbog, summte irgendwo eine Saite in der Luft—ein Ton, der klang wie: Du hast aufgepasst.
Mira lächelte in die Nacht hinein. In ihrem Kopf brannte eine kleine Kerze aus Vorstellungskraft, und der Wind der Großstadt konnte sie nicht ausblasen.