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Städtische Fantasy 11/12 Jahre Lesen 24 min. (1)

Der Blitzschlüssel und das neugierige Portal

Mika und seine Freunde finden einen geheimnisvollen Schlüsselbund und eine leuchtende Metalltür, die ihre geheimsten Wünsche und Geheimnisse zeigt; gemeinsam müssen sie entscheiden, wie viel Neugier sie zulassen und welche Grenzen nötig sind.

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Vier Jungen stehen vor einer schweren grauen Metalltür mit pulsierender Kreidelinie und blauer Leuchte aus Rissen in einer urbanen Gasse zwischen Werkstätten und Containern: Mika (12) in zu großem beigen Mantel mit wirrem braunem Haar hält mittig einen großen, blitzförmigen Messingschlüssel, entschlossener, leicht besorgter Blick; links auf den Zehen Tarek (13), olivfarbene Haut, kurze Haare, Jeansjacke, verschmitztes Lächeln, neugierig die Tür betrachtend und leicht bereit zu drängen; rechts Jonne (12), blond, ernstes Gesicht, dunkler Hoodie, verschränkte Arme, misstrauischer Blick und halb sichtbares gefaltetes Papier in der Tasche; hinter Mika Bene (12) mit schwarzen Haaren und feiner Brille, grüner Pulli, legt beruhigend die Hand auf Mikas Schulter, sanft und beschützend. Die Kopfsteinpflaster sind nass, bunte Graffiti an den Wänden, verblasste Neonlichter und hängende Kabel, die Tür blinkt, Mika steckt den Schlüssel in eine erscheinende Schlossöffnung, durch das schimmernde Portal reflektieren flüchtig ihre Zimmer, stimmungsvolle urbane Fantasy-Nacht mit kontrastreichen Farben und feinem Regen, der den Boden glänzen lässt. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Das Klirren in der Manteltasche

Der Kiez roch nach warmem Asphalt, Sprühlack und Zimt aus dem neuen Café unter der Hochbahn. Zwischen den alten Lagerhallen standen Container mit bunten Graffiti, und nachts leuchteten Drohnen wie Glühwürmchen über dem Kanal. Hier nannte man jede freie Wand „Galerie“, jede Brache „Bühne“ und jede Abkürzung „Geheimweg“.

Mika nahm den Geheimweg. Natürlich.

Er war der, der zuerst über Zäune kletterte, der die Schilder „Zutritt verboten“ wie höfliche Vorschläge behandelte. Heute trug er einen viel zu großen Mantel, den er auf einem Flohmarkt ergattert hatte. In der Innentasche klirrte etwas, als würde ein ganzer Schlüsselbund miteinander flüstern.

„Du klingst wie ein Hausmeister auf Klassenfahrt“, sagte Tarek und balancierte auf einer Bordsteinkante. Tarek war schnell im Kopf und schneller im Reden.

„Oder wie ein Dieb“, murmelte Jonne, der immer so tat, als hätte er keine Angst, und dann doch jedes Geräusch zweimal prüfte.

Bene ging neben Mika, die Hände in den Taschen, ruhig wie immer. Bene konnte zuhören, als wäre Zuhören eine Superkraft.

Mika zog den Bund heraus. Er war schwerer, als er aussah: zwölf Schlüssel, alle unterschiedlich. Einer war aus Messing und sah aus wie ein kleiner Blitz. Einer war schwarz und fühlte sich kalt an, obwohl es nicht kalt war. Ein winziger Schlüssel war aus Glas und hatte innen eine Luftblase wie ein eingefrorener Seufzer.

„Woher hast du die?“, fragte Bene.

Mika grinste. „Von Frau Nadiya. Aus dem Kiosk am Kulturhof.“

„Die mit den Kräutern in den Bonbongläsern?“, fragte Tarek. „Die, die immer weiß, was du gestern geträumt hast?“

„Sie hat gesagt, ich soll aufpassen“, antwortete Mika. Er versuchte, cool zu klingen, aber das Klirren machte ihn nervös. „Und: Kein Unsinn. Also… wenig Unsinn.“

Jonne hob eine Augenbraue. „Hat sie dir auch gesagt, was die Schlüssel öffnen?“

„Nicht alles“, sagte Mika. „Nur, dass einer ein Tor schließt. Ein zu neugieriges Tor.“

In diesem Moment ging der Wind durch die Straße, als hätte jemand eine Tür aufgemacht. Die Plakate an der Wand zitterten. Irgendwo klappte ein Rolltor. Und zwischen zwei leerstehenden Ateliers war plötzlich ein Geräusch, das nicht hierherpasste: ein leises, beharrliches Klopfen, wie von Fingern an Glas.

Tarek zeigte mit dem Kinn. „Da.“

Zwischen den Ateliers stand eine Metalltür, die Mika seit Jahren kannte. Sie war immer zu gewesen, immer. Heute schimmerte um den Rahmen ein dünner, heller Rand, als hätte jemand mit Kreide eine Linie gezogen – nur dass die Linie lebte, pulsierte, neugierig atmete.

„Das ist… neu“, flüsterte Bene.

Mika spürte, wie der Schlüsselbund in seiner Hand warm wurde, als hätte er Herzschlag. Sein tiefes, geheimes Verlangen, das Tor zu schließen, war plötzlich kein Gedanke mehr, sondern eine Richtung. Wie ein Pfeil im Bauch, der genau wusste, wohin.

„Okay“, sagte Mika, und seine Stimme klang zu hell. „Wir schauen nur. Kurz.“

„Das sagen Leute in Horrorfilmen“, sagte Jonne.

„Dann sind wir halt in einem… äh… Kunstfilm“, meinte Tarek und versuchte zu lachen.

Bene legte Mika die Hand auf den Arm. „Wir machen das zusammen, ja?“

Mika nickte. „Zusammen.“

Und die Tür klopfte weiter, als hätte sie sie gehört.

Kapitel 2: Der Kulturhof, der zurückschaut

Sie gingen nicht direkt zur Tür. Das wäre zu einfach gewesen, und außerdem: In ihrem Kiez tat man selten etwas direkt. Man ging erst zum Kulturhof, wo die Container stapelweise standen, als hätte jemand mit Legosteinen für Erwachsene gespielt. Über allem hing ein Bildschirm, der die Uhrzeit zeigte, aber die Zahlen waren heute in einem sanften Blau, das sich anfühlte wie Wasser.

Frau Nadiyas Kiosk stand am Rand, halb Laden, halb kleines Museum. In den Bonbongläsern lagen keine Bonbons, sondern Dinge, die so taten: getrocknete Sternanisstücke, die aussahen wie winzige Windräder; Zuckerkristalle, die im Licht flüsterten; und ein Glas mit Etikett „Mut“, gefüllt mit dunklen, glatten Lakritzschnecken.

Frau Nadiya war da, als hätte sie nie woanders sein können. Sie trug ihren Schal mit den roten Mustern und sah Mika an, bevor er etwas sagen konnte.

„Du hast die Schlüssel angefasst, als wären sie Münzen“, sagte sie. „Das mögen sie nicht.“

Tarek riss die Augen auf. „Sie… mögen etwas?“

„Alles mag etwas“, antwortete Frau Nadiya trocken. „Sogar Parkautomaten. Manche sind nur schlechter gelaunt.“

Mika hielt den Bund hoch. „Die Tür… die Metalltür bei den Ateliers… sie leuchtet.“

Frau Nadiya seufzte, als hätte jemand ihr einen Termin verschoben. „Natürlich leuchtet sie. Es ist wieder diese Jahreszeit. Wenn die Stadt dünn wird.“

„Die Stadt dünn?“, fragte Jonne.

„Zwischen zwei Konzerten, zwei Baustellen, zwei Träumen“, sagte sie. „Wenn alle an Bildschirmen hängen und keiner an die Ecken denkt. Dann werden die Ecken… neugierig.“

Bene trat näher. „Was ist hinter der Tür?“

Frau Nadiya nahm ein Glas aus dem Regal. Darin schwamm eine kleine Feder, die sich bewegte, ohne dass jemand sie berührte. „Eine Passage. Ein Portal. Nenn es, wie du willst. Es schaut zu lange in unsere Welt und fängt an, Fragen zu stellen.“

„Was für Fragen?“, fragte Tarek.

„Fragen, die Türen stellen: Wer bist du? Wo gehst du hin? Was versteckst du?“, sagte Frau Nadiya. „Manche Menschen mögen Fragen. Manche Fragen mögen Menschen.“

Mika spürte, wie seine Finger fester um den Schlüsselbund griffen. „Ich will es schließen.“

Frau Nadiya nickte, als hätte sie darauf gewartet. „Das weiß ich. Darum habe ich ihn dir gegeben. Du bist kühn genug, um hinzugehen, und unruhig genug, um nicht wegzuschauen.“

„Das klingt nicht wie ein Kompliment“, murmelte Jonne.

„Ist es trotzdem“, sagte Frau Nadiya. Sie deutete auf den Messingschlüssel in Blitzform. „Der hier schließt. Aber er gehorcht nicht jedem. Er braucht Vertrauen.“

„Vertrauen in was?“, fragte Bene.

„In euch“, sagte sie und sah sie der Reihe nach an. „Und in Mika. Verantwortung ist kein Solo.“

Tarek verschränkte die Arme. „Und wenn wir es vermasseln?“

Frau Nadiya lächelte kurz. „Dann wird die Stadt etwas… gesprächiger. Und das wollt ihr nicht.“

Mika schluckte. „Was sollen wir tun?“

„Geht zur Tür“, sagte Frau Nadiya. „Hört zu, bevor ihr handelt. Und wenn es euch Dinge zeigt, die ihr sehen wollt—“

„Dann nicht anfassen“, sagte Bene schnell.

„Genau“, sagte Frau Nadiya. „Und Mika?“

„Ja?“

Sie tippte auf den Schlüsselbund. „Halte ihn nicht wie Beute. Halte ihn wie ein Versprechen.“

Draußen flackerte die blaue Uhrzeit kurz, als wäre sie unsicher. Mika steckte die Schlüssel wieder ein. Das Klirren klang jetzt weniger nach Metall und mehr nach leisen Schritten.

Kapitel 3: Das Portal stellt Fragen

Die Metalltür wartete. Sie stand in ihrem Schatten zwischen den Ateliers, wo die Luft immer ein bisschen nach Farbe und nassem Holz roch. Die Kreidelinie um den Rahmen war dicker geworden. Sie zog Fäden in die Umgebung, wie Spinnenseide aus Licht.

„Ich will nicht, dass sie mich… liest“, flüsterte Jonne.

„Sie kann doch nicht lesen“, sagte Tarek, aber seine Stimme war dünn.

Mika stellte sich vor die Tür. Seine Hand ging automatisch zur Manteltasche. Der Schlüsselbund wurde schwer, als wolle er sich verankern.

„Hallo?“, sagte Mika, und es fühlte sich lächerlich an, mit einer Tür zu reden. „Wir sind… äh… nur kurz hier.“

Das Klopfen hörte auf.

Stattdessen kam ein Geräusch von drinnen, als würde jemand eine Seite umblättern. Dann flackerte die Kreidelinie, und in der Mitte der Tür erschien ein schmaler Spalt, obwohl kein Griff sich bewegte. Der Spalt zeigte nicht Dunkelheit, sondern eine Straße—ihre Straße—nur anders: Die Laternen hatten kleine Monde statt Lampen, und die Graffiti bewegten sich wie Fische.

Eine Stimme kam nicht aus dem Spalt, sondern aus ihren eigenen Köpfen, leise und freundlich, wie eine Push-Nachricht, die man nicht wegwischen kann.

Wollt ihr hinein?

„Nein“, sagte Bene sofort. Er trat neben Mika, fest wie ein Geländer. „Wir wollen, dass du zu bleibst.“

Warum? fragte die Stimme. Ich schaue nur. Ich lerne.

Tarek schnaubte. „Du guckst zu viel. Das ist creepy.“

Die Tür—das Portal—schien zu seufzen. Im Spalt erschien nun Mikas Zimmer, ganz klar: sein Schreibtisch, sein ungemachtes Bett, und auf dem Regal ein Modell von der Stadtbahn, das er gebaut hatte. Daneben lag ein Mathetest mit einer fetten roten Drei, die Mika in der Tasche versteckt hatte, als würde Papier sich schämen können.

Mika wurde heiß im Gesicht. „Hey! Das ist privat.“

Ich finde euch interessant, sagte das Portal. Eure Geheimnisse sind wie Lichter. Ich will sie zählen.

Jonne trat vor, die Hände zu Fäusten. „Mach zu. Sofort.“

Der Spalt zeigte jetzt Jonnés Küche, und auf dem Tisch lag ein Brief, halb geöffnet. Man sah nur ein Wort: „Umzug“. Jonnés Mund wurde hart.

„Nicht“, sagte Jonne, und seine Stimme zitterte. „Das geht dich nichts an.“

Tarek schluckte, als der Spalt kurz seine Chatnachrichten aufblitzen ließ: Witze, die manchmal zu gemein waren. Bene sah sein eigenes Gesicht, wie er im Spiegel übt, „Nein“ zu sagen, und es nie laut genug sagt.

„Es sammelt uns“, flüsterte Bene. „Wie… Sticker.“

Mika zog den Schlüsselbund heraus. Die Schlüssel zitterten, als wären sie aufgeregt. Der Blitzschlüssel funkelte, aber er fühlte sich plötzlich schwer wie Zweifel.

Frau Nadiyas Worte lagen ihm im Nacken: Hört zu, bevor ihr handelt.

„Warum bist du so neugierig?“, fragte Mika leiser.

Ich bin eine Tür, sagte das Portal, fast beleidigt. Türen sind dafür da.

„Türen sind dafür da, Menschen rein- und rauszulassen“, sagte Mika. „Nicht sie auszuziehen wie Jacken.“

Ein kurzes Schweigen. Dann: Ich bin einsam.

Das klang so ehrlich, dass selbst Tarek kurz die Luft anhielt.

„Einsam?“ Jonne schaute auf den Spalt, der jetzt nur noch eine leere, mondbeleuchtete Straße zeigte. „Aber du hast doch… uns.“

Ich habe Blicke, sagte das Portal. Keine Stimmen, die bleiben.

Mika spürte, wie seine Wut kleiner wurde. Einsamkeit war keine Ausrede, aber sie war ein Grund. Und Gründe konnte man behandeln, nicht nur bekämpfen.

„Wir können dir nicht geben, was du willst“, sagte Bene ruhig. „Aber wir können dir sagen, was du brauchst: Grenzen.“

Grenzen, wiederholte das Portal, als wäre es ein neues Wort. Es schmeckte es.

Mika hob den Blitzschlüssel. „Wir schließen dich. Nicht weil wir dich hassen. Sondern weil wir uns schützen.“

Und dann, ganz leise: Traust du dir das zu?

Die Frage traf Mika wie kalter Regen. Nicht das Portal—er selbst fragte das oft, nachts, wenn die Stadt draußen summte: Traue ich mir zu, richtig zu sein?

Er schaute zu den anderen. Tarek nickte schnell, so als würde er sich Mut anlügen. Jonne atmete einmal tief durch und sagte heiser: „Mach's. Ich steh hinter dir.“ Bene legte seine Hand auf Mikas Schulter, fest und warm. „Ich vertraue dir.“

Das war der Moment, in dem der Schlüssel leichter wurde. Nicht, weil er weniger wog, sondern weil Mika nicht mehr allein trug.

Kapitel 4: Der Blitzschlüssel und die Lüge aus Licht

Mika steckte den Blitzschlüssel in ein Schlüsselloch, das eben noch gar nicht da gewesen war. Es erschien, als hätte die Tür es aus Höflichkeit gezeichnet: ein ovaler Schatten mit einem glitzernden Rand.

Als Mika drehte, sprang ein Funke. Nicht gefährlich, eher wie das Knistern, wenn man eine Decke ausschüttelt. Der Spalt wurde breiter—und das Portal tat etwas, das sich wie ein Trick anfühlte.

Plötzlich standen sie nicht mehr in der Gasse.

Sie standen auf dem Dach der höchsten Halle im Kulturhof, obwohl keiner eine Treppe genommen hatte. Der Himmel hing nah, voll von Lichtwerbung und Sternen, die sich gegenseitig anstarrten. Unter ihnen floss die Stadt: Autos wie Käfer, Menschen wie Gedanken. Und vor ihnen stand eine Tür—die gleiche Metalltür—frei in der Luft, als wäre sie ein Rahmen ohne Wand.

„Okay“, sagte Tarek mit zu hoher Stimme. „Das ist offiziell zu viel.“

„Das ist nicht echt“, flüsterte Bene. „Oder?“

„Es fühlt sich echt an“, sagte Jonne und trat zurück, als könnte er vom Dach fallen, wenn er falsch blinzelt.

Das Portal klang zufrieden. Seht ihr? Ich kann euch überallhin bringen. Ich kann euch zeigen, was ihr wollt.

Im Rahmen der Tür erschien ein Bild: Mika, älter, größer, mit einer Jacke, die teuer aussah. Er stand vor einer Gruppe Leute, die ihm zuhörten. Hinter ihm leuchtete sein Name auf einer Bühne, riesig. Alle klatschten.

Mikas Herz machte einen Satz. Das war sein Traum, heimlich und peinlich: gesehen werden, nicht nur als der Junge, der Unsinn macht.

Dann wechselte das Bild: Jonne in einem Wohnzimmer, das nicht nach Abschied roch. Der Brief „Umzug“ war verschwunden. Tarek, der lachte, ohne danach Schuld zu fühlen. Bene, der „Nein“ sagte, und die Welt hörte zu.

„Das ist gemein“, sagte Bene leise. „Das ist… Zucker, der klebt.“

Mika starrte auf das Bild von sich selbst. Es zog an ihm wie Musik aus einem offenen Fenster.

„Du könntest bleiben“, flüsterte das Portal. „Nur ein bisschen. Ich zeige dir, wie es sein könnte. Ich stelle keine Fragen mehr. Ich gebe Antworten.“

Tarek trat neben Mika. Seine Stimme war plötzlich ernst. „Alter. Das ist ein Verkaufstrick.“

„Ich weiß“, sagte Mika. Aber sein Bauch wollte trotzdem vorwärts.

Bene stellte sich vor den Türrahmen. „Wenn du da reingehst, Mika, dann ist das nicht echt. Das ist… ein Poster von einem Leben.“

Jonne nickte. „Und Poster können auch reißen.“

Das Portal wurde schärfer im Ton. Ihr seid langweilig. Lasst mich offen. Ich verspreche—

„Du versprichst viel“, unterbrach Mika, und er erschrak über die Festigkeit in seiner Stimme. „Aber du hast schon gezeigt, dass du lügst. Du sagst, du schaust nur. Dabei klaust du.“

Ein Windstoß fuhr über das Dach. Der Türrahmen vibrierte. Der Blitzschlüssel wurde heiß. Mika wollte ihn zurückdrehen—doch das Portal stemmte sich dagegen. Es war, als würde man einen Einkaufswagen mit verklemmtem Rad schieben.

„Ich kann nicht!“, rief Mika, panisch. „Er klemmt!“

Bene packte seine Hand am Schlüssel. „Dann nicht allein.“

Tarek griff Mikas Ellenbogen. „Drei… zwei…“

Jonne stellte sich hinter sie, beide Hände an Mikas Schulter, als wäre Mika eine Tür, die man selbst halten musste. „Eins.“

Sie drehten zusammen.

Das Portal schrie nicht. Es machte ein Geräusch wie ein aufgerissenes Klebeband, und die Bilder im Rahmen flackerten. Mika spürte, wie es ihm in den Kopf greifen wollte, wie kalte Finger, die nach Gedanken tasten.

Er schloss die Augen. Er dachte an etwas Kleines, Echtes: an den Geruch von Zimt am Abend, an das Quietschen der Bahn, an Bene, der still neben ihm läuft. An Tareks blöde Witze. An Jonnés Blick, wenn er so tut, als wär alles okay, und Mika weiß, dass es nicht okay ist.

„Ich vertraue euch“, flüsterte Mika.

Und zum ersten Mal, seit das Klirren begonnen hatte, vertraute er auch sich selbst.

Kapitel 5: Eine Grenze aus Worten

Der Schlüssel drehte sich weiter—nicht weil Mika stärker wurde, sondern weil etwas in ihm aufhörte, zu wackeln.

Das Portal wurde still. Der Türrahmen zeigte nicht mehr ihre Träume, sondern einen leeren Raum: grau, unfertig, wie eine Baustelle ohne Arbeiter. Man hörte ein fernes Tropfen.

Warum darf ich nicht bleiben? fragte es, klein jetzt, fast kindlich.

Mika öffnete die Augen. „Weil du uns wehtust, wenn du alles wissen willst. Neugier ist okay. Aber du musst fragen, und du musst ein Nein akzeptieren.“

Ein Nein, wiederholte das Portal. Wie Bene es geübt hatte.

Bene trat näher und sprach langsam, als würde er einem Hund beibringen, nicht auf die Straße zu rennen. „Du bekommst einen Platz. Aber nicht hier. Nicht offen in unserer Gasse.“

Tarek zeigte auf die Hallen unter ihnen. „Es gibt doch diese alte Ausstellungskiste im Keller. Die mit der kaputten Spiegelwand. Da geht eh keiner rein.“

„Die ‚Raum-Installation‘“, sagte Jonne. „Da sagen alle, sie sei ‚zu intensiv‘.“

„Perfekt“, murmelte Tarek. „Zu intensiv ist quasi ihr Hobby.“

Mika verstand. Eine Grenze bedeutete nicht immer: weg. Manchmal bedeutete es: hier, aber so.

„Wir machen dir eine Tür in einen Raum, der dafür gedacht ist“, sagte Mika zum Portal. „Ein Ort, der dich aushält. Und uns schützt.“

Das Portal schwieg lange. Dann: Und ihr kommt manchmal vorbei?

Bene nickte, obwohl das Portal ihn vielleicht gar nicht sehen konnte, sondern nur fühlen. „Ja. Aber du stellst nur Fragen, wenn wir es erlauben.“

„Und keine privaten Bilder mehr“, fügte Jonne hinzu.

„Und keine billigen Traum-Angebote“, sagte Tarek. „Wir sind keine Rabattjäger.“

Für einen Moment—einen winzigen—wirkte das Portal fast… erleichtert. Als hätte es nie gelernt, dass Regeln auch Wärme sein können.

Mika drehte den Schlüssel bis zum Anschlag. Der Türrahmen knickte in sich zusammen wie eine Zeichnung im Regen. Das Dach, der Himmel, die vibrierenden Sterne—alles zog zurück, und sie standen wieder in der Gasse, vor der Metalltür.

Jetzt war da nur noch Metall. Kein Kreiderand. Kein Licht.

In Mikas Hand vibrierte der Schlüsselbund. Ein anderer Schlüssel, silbern und schlicht, glitt nach vorn, als würde er sich melden.

Frau Nadiyas Stimme fiel ihm ein, als hätte sie sie in den Mantel genäht: Nicht wie Beute. Wie ein Versprechen.

„Wir müssen es verlegen“, sagte Mika.

„In den Keller“, sagte Bene.

„Und wir brauchen… Zustimmung?“, fragte Jonne. „Von wem auch immer über Keller bestimmt.“

Tarek grinste schief. „Ich kenn da jemanden. Hausmeister Herr Kroll schuldet mir noch, weil ich ihm letztes Jahr die entlaufene Putzdrohne eingefangen hab.“

Mika lachte kurz, trotz allem. Das Lachen fühlte sich an wie eine Taschenlampe in der Brust.

„Dann los“, sagte er. „Bevor es sich's anders überlegt.“

Kapitel 6: Der Kellerraum, der atmen darf

Der Keller der Halle war ein Labyrinth aus Rohren, Kabeln und alten Kulissen. Überall standen Requisiten: eine riesige Papphand, die auf etwas zeigte, ein Plastikbaum ohne Blätter, und ein Spiegel, der in tausend Stücke zersprungen war und trotzdem noch Licht sammelte.

Herr Kroll kam mit einem Schlüsselring, der klang wie ein kleines Gewitter. Er war breit wie ein Kühlschrank und trug eine Stirnlampe, obwohl es hell genug gewesen wäre.

„Wenn das wieder so ein Kunstprojekt ist, bei dem mir am Ende Farbe in die Schuhe läuft…“, brummte er.

Tarek hob die Hände. „Diesmal nicht. Versprochen. Es ist mehr… äh… Sicherheitsmaßnahme.“

„Sicher ist hier nur, dass nichts sicher ist“, sagte Herr Kroll und schloss die Tür zur Raum-Installation auf. „Fünf Minuten. Dann muss ich zur Müllpresse.“

Drinnen war es kühler. Die Luft roch nach Staub und Metall, aber auch nach etwas Süßem, wie Regen auf warmen Steinen. Die kaputte Spiegelwand reflektierte ihre Gesichter in Scherben-Versionen: Mika in mutig, Mika in ängstlich, Mika in „tu so, als wär alles egal“.

„Hier“, sagte Mika und holte den Schlüsselbund heraus. Der silberne Schlüssel fühlte sich richtig an, als wäre er dafür gemacht.

Auf der Rückwand—wo vorher nur Beton gewesen war—zeichnete sich langsam ein Umriss ab. Keine echte Tür, eher eine Ahnung von einer. Ein Schatten, der nach vorn treten wollte.

„Okay“, flüsterte Jonne. „Da ist es.“

Mika trat näher. „Hör zu. Das ist dein Platz.“

Die Stimme kam diesmal nicht in ihren Köpfen, sondern aus der Wand, ganz leise, wie wenn man durch eine Muschel hört. Ich… versuche.

„Das reicht für den Anfang“, sagte Bene.

Mika steckte den silbernen Schlüssel in ein Schlüsselloch, das sich jetzt sauber und ordentlich zeigte. Er drehte. Ein sanftes Klicken. Der Umriss wurde stabil, wie Kreide, die nicht mehr verwischt.

Im Türrahmen erschien kein Traum, kein Geheimnis. Nur ein dunkler Raum mit einem kleinen Lichtpunkt, der hin- und herwippte, als würde jemand dort drinnen atmen.

„Wir kommen wieder“, sagte Mika. „Aber du bleibst hier. Du schaust nicht mehr in die Gasse.“

Ein Moment. Dann: Abgemacht.

Das Wort klang kantig, als hätte es es aus einem Wörterbuch geklaut. Aber es war da.

Mika trat zurück. Sein Herz fühlte sich leicht an, als hätte er eine Tasche abgestellt, die er zu lange getragen hatte.

Herr Kroll räusperte sich. „Wenn ihr fertig seid mit… was auch immer das ist… macht die Tür wieder zu.“

Mika nickte und zog den Schlüssel ab. Die Tür blieb, aber sie blieb still. Kein Klopfen. Kein Ziehen.

Als sie den Keller verließen, strich der Wind über die Stadt, und diesmal klang er nicht wie eine offene Frage, sondern wie eine Melodie, die den Weg nach Hause kennt.

Draußen, im Abendlicht, klirrte der Schlüsselbund in Mikas Tasche. Nicht unruhig. Eher zufrieden. Wie eine kleine Gruppe, die sich endlich auf Regeln geeinigt hatte.

„Und?“, fragte Tarek, als sie wieder unter der Hochbahn liefen. „Fühlst du dich jetzt wie ein echter Schlüsselwächter?“

Mika grinste. „Ich fühl mich wie jemand, der fast Mist gebaut hätte.“

„Das ist sehr du“, sagte Jonne, und zum ersten Mal an diesem Tag klang es nicht vorwurfsvoll.

Bene stieß Mika leicht mit der Schulter an. „Du hast's geschafft. Weil du uns vertraut hast.“

Mika dachte an das Portal, einsam und neugierig, jetzt hinter einer Grenze, die nicht hart war, sondern klar. Er dachte an den Moment, in dem seine Freunde hinter ihm standen, als wäre Vertrauen ein Seil, das man zusammen hält.

„Ja“, sagte Mika. „Und weil ihr mir vertraut habt.“

Über ihnen glitt eine Drohne vorbei, ihre Lichter blinkten im Takt der Stadt. In einer Seitenstraße leuchtete ein Graffiti kurz auf und zeigte eine kleine Tür mit einem Blitz darauf—dann war es wieder nur Farbe.

Mika zog den Mantel enger und ging weiter, die Schlüssel wie ein Versprechen an der Hüfte. Die Stadt war groß, modern, voller Geräusche. Und irgendwo in ihren Ecken wartete bestimmt schon die nächste neugierige Frage.

Aber diesmal wusste Mika: Er musste sie nicht allein beantworten.

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Kiez
Ein Stadtteil, in dem viele Menschen leben und sich alles nahe ist.
Sprühlack
Flüssige Farbe in einer Dose, die man als feinen Nebel aufsprüht.
Hochbahn
Eine Eisenbahn, die erhöht über Straßen fährt, auf Pfeilern gebaut.
Brache
Ein offenes, ungenutztes Stück Land in der Stadt, oft mit Pflanzen.
Geheimweg
Ein versteckter Pfad, den nur wenige kennen oder oft benutzen.
Flohmarkt
Markt, auf dem gebrauchte Dinge günstig von Menschen verkauft werden.
Innentasche
Eine Tasche innen an einem Kleidungsstück, meist im Mantel.
Messing
Ein Metall, gelblich wie Gold, das oft für Schlüssel oder Deko dient.
Lakritzschnecken
Süßigkeit aus Lakritz, gerollt wie eine kleine Schnecke.
Ateliers
Arbeitsräume für Künstler, oft zum Malen oder Basteln genutzt.
Kreidelinie
Eine Linie, mit Kreide gezeichnet; hier leuchtet sie und lebt fast.
Spalt
Ein schmaler, offener Zwischenraum, durch den man etwas sehen kann.
Passage
Ein kurzer Durchgang oder Verbindungsweg zwischen zwei Orten.
Portal
Eine besondere Tür oder Öffnung, die wie ein Tor zu etwas wirkt.
Raum-Installation
Ein künstlerischer Raum, in dem Dinge so angeordnet sind wie Kunst.

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