Heute Abend ist die Luft ganz weich. Im kleinen Kulturhaus duftet es nach Holz und Tee. Jonas, ein Mann mit warmen Augen, hält seine Gitarre im Arm. Die Gitarre glänzt wie Honig.
Neben ihm sitzt Mia, vier Jahre alt, auf einem runden Kissen. Ihre Füße wackeln vor Freude. „Bist du ein Sänger?“ fragt sie.
Jonas lächelt. „Ja. Und ich bin auch Musiker. Das heißt: Ich mache Musik. Mit meiner Stimme und mit meiner Gitarre.“
„Was machst du zuerst?“ fragt Mia.
„Zuerst höre ich,“ sagt Jonas leise. „Ich höre, wie mein Herz klopft. Dum-dum. Dann atme ich. Ein… und aus.“ Er macht es vor. Mia macht es nach.
Jonas streicht sanft über die Saiten. Pling. Plong. „Hörst du das? Jede Saite ist wie ein kleiner Faden. Wenn ich ihn zupfe, fängt er an zu singen.“
Mia kichert. „Die Saite singt!“
„Ja,“ sagt Jonas. „Und ich begleite mich. Begleiten heißt: Die Gitarre geht mit mir mit. Wie ein guter Freund, der meine Hand hält.“
Er zeigt ihr seine Finger. „Hier ist ein Akkord. Das ist wie ein Farbenklecks aus Tönen.“ Er drückt die Saiten. Klang! Der Ton ist rund und gemütlich, wie eine Decke.
„Und wenn du singst?“ fragt Mia.
Jonas nickt. „Dann erzähle ich eine Geschichte. Mit Worten. Und mit Melodie. Eine Melodie ist ein Ton-Weg, der spazieren geht.“
Mia legt die Hand auf die Gitarre. Sie fühlt das leise Zittern. „Das kitzelt.“
„Musik kann man hören,“ sagt Jonas, „und manchmal auch fühlen.“
Im Saal stehen ein paar Stühle. Mama sitzt vorne und winkt. Ein kleines Licht leuchtet wie ein Mond.
Jonas schaut zur Bühne. Plötzlich wird er still. Seine Schultern werden ein bisschen hoch. Mia sieht es. „Jonas?“
„Ich habe ein bisschen Lampenfieber,“ sagt er ehrlich. „Das ist Aufregung. Wie viele Schmetterlinge im Bauch.“
Mia denkt nach. „Schmetterlinge sind hübsch.“
Jonas lacht leise. „Ja. Aber sie flattern sehr.“
Mia nimmt seine Hand. „Wir machen das Dum-dum und atmen.“
„Gute Idee,“ sagt Jonas. Beide atmen. Ein… und aus. Jonas spürt: Sein Herz wird ruhiger. Die Schmetterlinge setzen sich.
Dann sagt Jonas: „Weißt du, Mia, singen heißt auch: Ich darf ich sein. Ich darf leise sein. Ich darf laut sein. Ich darf traurig und fröhlich sein. In einem Lied darf alles Platz haben.“
Mia flüstert: „Ich kann auch singen.“
„Ja,“ sagt Jonas. „Deine Stimme ist wie dein eigener kleiner Stern.“
Jonas geht auf die Bühne. Mia sitzt ganz nah bei Mama. Jonas setzt sich auf einen Hocker. Er zupft die Saiten. Pling-plong, pling-plong. Der Klang rollt durch den Raum wie kleine Wellen.
Er singt ein Lied über einen Abendwind, der durch die Bäume streicht. Seine Stimme ist weich. Die Gitarre ist sein sanfter Schritt. Zusammen klingen sie wie ein gutes Nachtlicht.
Am Ende klatschen alle leise. Jonas verbeugt sich. Er atmet aus und lächelt groß. Das Lampenfieber ist jetzt nur noch ein kleiner Punkt, wie eine schlafende Glühwürmchen-Lampe.
Mia ruft: „Du hast die Schmetterlinge gestreichelt!“
Jonas nickt. „Ja. Und morgen streichle ich sie wieder. Mit Atem, Mut und Musik.“
Draußen ist der Himmel dunkelblau. Jonas trägt die Gitarre nach Hause. Mia winkt müde. In ihren Ohren klingt das Pling-plong weiter, ganz ruhig, wie ein Lied, das sie in den Schlaf begleitet.