Anfang: Die Krone macht „Hopp!“
Es war einmal eine Prinzessin, die hieß Lilli-Lu. Sie liebte Ordnung so sehr, dass sogar ihre Schleifen gerade standen. Ihre Schuhe standen wie zwei brave Soldaten nebeneinander. Und ihre Haarspangen lagen in einer Reihe, als würden sie ein Lied singen: eins, zwei, drei, glitz, glanz!
Nur eins passte nicht in Lilli-Lus schöne Ordnung: ihre Krone.
Die Krone war goldig, klein und frech. Sie rutschte. Sie rutschte immer. Auf Lilli-Lus Kopf saß sie erst still, dann machte sie „Schlupf!“, dann „Rutsch!“, dann „Hopp!“ – und plumps, kullerte sie davon, als wäre sie ein rundes Brötchen auf einer schiefen Tischplatte.
An diesem Morgen glänzte der Palast wie eine Zitronenbonbon-Sonne. Lilli-Lu stellte sich vor den Spiegel, atmete tief ein und setzte die Krone auf. Sie nickte zufrieden. Alles perfekt.
Da kitzelte ein Windhauch durch das Fenster. Die Krone wackelte. Lilli-Lu blinzelte. Die Krone rutschte. Erst ein bisschen, dann mehr. Dann sprang sie einfach los.
„Hopp!“ machte die Krone und kullerte aus dem Zimmer, die Treppe hinunter, über den Flur, an einem verdutzten Porträt vorbei. Der gemalte König zog im Bild die Augenbrauen hoch, als hätte er gerade eine fliegende Gurke gesehen.
Lilli-Lu rannte hinterher. Sie rannte ordentlich, so ordentlich wie man nur rennen kann. Aber die Krone war schneller, weil sie nicht ordentlich rannte. Sie rollte.
Draußen im Schlossgarten sprang sie über eine Pfütze, die nach Himbeersaft roch, und sauste auf das Tor zu. Das Tor knarrte freundlich, als wollte es sagen: „Na gut, na gut, Abenteuer heute!“
Mitte: Das Band der Abenteuer
Hinter dem Tor lag das verzauberte Königreich. Die Wege waren aus bunten Pflastersteinen, die kichernd klackerten, wenn man darauf trat. In den Bäumen hingen Laternen, die tagsüber schliefen und trotzdem leise „Piep“ machten, als übten sie fürs Abendscheinen.
Die Krone kullerte zum Markt, wo die Stände wie große, bunte Pilze aussahen. Ein Bäcker verkaufte Wolkenbrötchen, die beim Hineinbeißen „Puff!“ sagten. Eine alte Fee mit einer Schürze voller Glitzer erntete Seifenblasen aus einem Korb. Sie hielt die Hand hin, und zack – eine Seifenblase setzte sich darauf wie ein schimmernder Käfer.
Lilli-Lu stolperte fast über ein paar Gummibärchen, die aus einem Säckchen gekrabbelt waren. Sie sortierten sich selbst: rot zu rot, gelb zu gelb. Das gefiel ihr.
Doch die Krone machte „Rutsch-rutsch“ und verschwand zwischen zwei Ständen. Lilli-Lu folgte, und ihre Schleife flatterte wie ein kleines Fähnchen.
Da tauchte ein winziger Hofnarr auf. Er war so klein wie eine Teetasse und trug eine Mütze mit drei Glöckchen, die immer ein bisschen zu früh klingelten: „Kling! Kling! … kling.“ Er balancierte auf einem Löffel, als wäre es eine Brücke.
„Deine Krone ist heute besonders hoppelig“, sagte er und zeigte auf eine Spur aus glitzernden Krümeln. „Die führt zum Lachbach.“
Lilli-Lu mochte keine Spuren. Spuren waren unordentlich. Aber sie wollte ihre Krone zurück. Also ging sie dem Glitzer nach.
Der Lachbach war ein schmaler Fluss, der nicht plätscherte, sondern lachte: „Hihi-haha-huhu!“ Das Wasser gluckste, als hätte es ein Kitzelkissen im Bauch. Auf einem Stein saß ein Frosch mit einer Fliege, die viel zu groß war. Immer wenn er quakte, sah es aus, als würde die Fliege klatschen.
Die Krone stand am Ufer, wackelte und schaute ins Wasser, als wäre es ein Spiegel. Dann machte sie „Hopp!“ und sprang auf ein Blatt, das wie ein grünes Boot vorbeischwamm.
Lilli-Lu schnappte nach Luft. Sie wollte nicht ins kichernde Wasser fallen. Das wäre nass. Und nass ist unordentlich.
Da glitzerte es neben ihr. Die alte Fee vom Markt war ihr gefolgt. Sie hielt ein Band hoch, so lang wie ein Regenbogenstreifen und so weich wie Zuckerwatte. Auf dem Band tanzten kleine Sterne hin und her, als würden sie Seilspringen üben.
„Das ist das Band der Abenteuer“, sagte die Fee. „Es bindet nichts fest, aber es hilft beim Folgen. Wenn du es an deinem Handgelenk trägst, zeigt es dir den nächsten guten Schritt. Und es macht dabei Quatsch.“
Kaum hatte Lilli-Lu das Band angelegt, kitzelte es sie. Es kringelte sich zu einem Pfeil, dann zu einer Banane, dann zu einem Pfeil, dann wieder zu einer Banane. Lilli-Lu musste lachen, obwohl sie eigentlich sehr ernst sein wollte.
Das Band zog sie sanft zum Ufer entlang. Es zeigte auf Steine, die wie Trittstufen aussahen. Jeder Stein machte ein anderes Geräusch: „Plopp“, „Pong“, „Piep“. Lilli-Lu hüpfte von Stein zu Stein. Einmal rutschte ihr Fuß weg, aber das Band machte sich ganz stramm, wie ein freundlicher Arm, und hielt sie. Das war überraschend. Und gar nicht schlimm.
Am anderen Ufer rollte die Krone weiter, direkt in eine Wiese voller Kitzelblumen. Die Blumen waren rosa und gelb, und wenn man an ihnen vorbeiging, niesten sie winzige Glitzerstaub-Wölkchen: „Hatschiii!“ Lilli-Lu musste wieder lachen. Ihre Haare standen ein bisschen ab. Das war… unordentlich. Und trotzdem lustig.
Die Krone steuerte auf einen Hügel zu, auf dem ein schlafender Drache lag. Er war nicht gefährlich, eher wie ein riesiges grünes Sofakissen. Aus seiner Nase kamen Seifenblasen statt Rauch. Jede Blase spiegelte den Himmel, und jede machte beim Platzen ein kleines „Pling“.
Die Krone rollte dem Drachen direkt auf den Bauch. „Puff!“ machte eine große Blase, und der Drache kicherte im Schlaf. Sein Bauch wackelte wie Wackelpudding. Die Krone hopste hoch, drehte sich in der Luft und landete… plopp… in einem weichen Klecks Wolkenwatte, den der Drache aus Versehen geschnarcht hatte.
Lilli-Lu sprang heran. Sie griff zu – und bekam statt Krone erst einmal Wolkenwatte an die Finger. Die Krone glitt wieder weg. „Rutsch!“
Das Band der Abenteuer kringelte sich zu einem Kreis, dann zu einem Herz, dann zu einem Knoten, der aussah wie ein kleines Schweinchen. Lilli-Lu verstand: Nicht festhalten. Umarmen.
Sie legte die Hände wie eine Schale, ganz ruhig. Die Krone rutschte in ihre Hände, als wäre sie endlich müde vom Davonrollen.
Ende: Ein bisschen Unordnung, ganz viel Mut
Lilli-Lu setzte die Krone wieder auf. Das Band machte einen fröhlichen Zickzack um ihre Haare, ohne zu zwicken. Die Krone wackelte noch einmal, als wollte sie „Hopp?“ fragen. Lilli-Lu kicherte und hielt kurz den Kopf still.
„Du darfst wackeln“, flüsterte sie. „Aber bitte nicht in die Suppe.“
Auf dem Heimweg sah sie die Dinge, die sie vorher übersehen hatte: die singenden Pflastersteine, die Lachbach-Wellen, die Kitzelblumen, die Seifenblasen aus der Drachennase. Alles war ein kleines Durcheinander – und alles passte irgendwie zusammen, wie bunte Socken, die trotzdem warm sind.
Im Palast angekommen, standen ihre Schuhe nicht mehr wie Soldaten. Einer war ein bisschen schief. Ihre Schleife saß nicht ganz gerade. Und an ihrer Hand klebte noch ein Hauch Wolkenwatte.
Lilli-Lu betrachtete sich im Spiegel. Die Krone saß… na ja. Sie rutschte ein winziges bisschen. Aber das Band der Abenteuer schimmerte am Handgelenk und zwinkerte, als hätte es einen Witz erzählt.
Lilli-Lu stellte ihre Haarspangen wieder in eine Reihe. Dann stellte sie eine absichtlich schief, nur ein kleines bisschen. Sie wartete. Nichts Schlimmes passierte. Nur ihr Bauch machte ein fröhliches Gefühl, als hätte er auch einen kleinen Lachbach.
An diesem Abend leuchteten die Laternen draußen besonders hell. Lilli-Lu ging ins Bett, die Krone sicher auf dem Kissen neben sich. Das Band lag auf der Decke wie ein ruhiger Regenbogenfaden.
Und als sie einschlief, dachte sie: Ordnung ist schön. Aber ein bisschen Unordnung kann ein Abenteuer sein. Und Abenteuer können richtig gut enden.