Kapitel 1: Die seltsame Einladung
An einem gewöhnlichen Dienstag, als der Regen laut auf das Fenster prasselte und die Hausaufgaben wie eine lange, langweilige WĂŒste vor ihnen lagen, saĂen Juna und ihre beste Freundin Merle auf dem FuĂboden von Junas Zimmer. Auf Junas Teppich tĂŒrmten sich GummibĂ€rchen, Stifte und BĂŒcher. Juna blĂ€tterte lustlos durch ihr Mathematikheft, wĂ€hrend Merle, die an ihren neuen pinken Rollstuhl gewöhnt war, mit einem Radspielzeug kreiselte. Nichts deutete darauf hin, dass heute ein Tag fĂŒr ein Abenteuer sein sollte.
Plötzlich riss ein dumpfer Krach die beiden aus ihrer Lethargie. Etwas war durch den Briefschlitz geknallt und schlitterte ĂŒber den Flur. âWer schreibt denn noch Briefe?â murmelte Juna, schob eine GummibĂ€rchenschlange in den Mund und sprang auf. âWahrscheinlich deine Omaâ, kicherte Merle und rollte schwungvoll hinterher.
Sie fanden den Umschlag genau zwischen den ausgelatschten Schuhen von Junas groĂer Schwester. Der Umschlag war tĂŒrkis und glitzerte, als hĂ€tte ihn eine Fee beklebt. Darauf stand, in krakeliger Schrift: âAn die Neugierigsten des ganzen Hauses â Einladung zur GroĂen Knallbunten Nacht!â Juna riss die Augen auf. âAn UNS?â, flĂŒsterte sie mit dramatischer Stimme. âVielleicht sind wir gar nicht gemeintâ, meinte Merle, âaber neugierig sind wir schon.â Sie lachten.
Drinnen war eine weitere Ăberraschung: Ein Zettel, der nach KĂ€se roch, und darauf stand: âMitternacht. Hinter dem alten GerĂ€teschuppen. Kommt nur, wenn ihr Mut habt und einen Sinn fĂŒr Unsinn besitzt! Sonst werden die PuddingwĂŒrmer traurig.â
Beide MĂ€dchen starrten sich an und mussten laut losprusten. âPuddingwĂŒrmer? Was soll das denn sein?â, japste Merle. âIch hab keinen Plan, aber ich will dringend rausfinden, wie ein trauriger Puddingwurm aussieht!â Juna warf sich theatralisch aufs Bett.
Es war klar: Sie mussten hingehen. Es war nicht nur das Wort âMitternachtâ, das sie elektrisierte, sondern auch das Versprechen auf Unsinn und ein Abenteuer, das mitten in ihrer eigenen, ziemlich unspannenden StraĂe lauerte.
Bis Mitternacht war es noch eine Ewigkeit. Also schmiedeten sie PlĂ€ne. âFalls es eine Falle ist, brauche ich mindestens sieben GummibĂ€rchen zur Verteidigungâ, sagte Juna. âUnd ich meine Supersonnenbrille, falls sie uns mit Taschenlampen blendenâ, ergĂ€nzte Merle. Sie lachten, bis ihnen der Bauch wehtat, und zĂ€hlten die Minuten, bis es endlich dunkel genug war, um sich wie echte Spioninnen auf den Weg zu machen.
Kapitel 2: Die GroĂe Knallbunte Nacht
Um Punkt Mitternacht, als Junas Eltern schnarchten wie zwei Nilpferde und der Nachbarshund wieder einmal davon trÀumte, ein Wolf zu sein, schlichen Juna und Merle durch den Garten. Merle hatte blinkende Leuchtrollen am Rollstuhl montiert, die sie zu einer fahrenden Discokugel machten.
Der GerĂ€teschuppen sah im Dunkeln eigentlich noch viel langweiliger aus als am Tag. Doch hinter dem Schuppen flackerte ein schwaches Licht. âDas muss es sein!â, sagte Juna leise. Die beiden pirschten sich heran â naja, so gut das mit blinkenden Leuchtrollen eben ging.
Hinter dem Schuppen stand ein Zelt. Aber kein normales Zelt, sondern eines, das in allen Farben leuchtete. Es war so, als hĂ€tte ein Regenbogen eine Ăberdosis Konfetti genommen. Daneben stand ein kleiner Tisch, auf dem eine SchĂŒssel mit etwas stand, das wirklich wie PuddingwĂŒrmer aussah â glitschige, wackelige WĂŒrmer, die in Vanillepudding schwammen und traurig mit den Enden wackelten.
Ein Mann mit einem Hut, der wie ein umgedrehter Blumentopf aussah, grinste ihnen entgegen. âAh! Da sind unsere berĂŒhmten Neugier-Nasen!â, rief er und verbeugte sich, wobei sein Hut fast herunterfiel. âIch bin Herr Kurios â der Gastgeber der knallbunten Nacht.â Mit groĂen Gesten wies er auf das Zelt. âKommt nĂ€her! Ihr seid genau richtig hier. Aber ihr dĂŒrft nur eintreten, wenn ihr die Drei RĂ€tsel der Unsinnigkeit löst!â
Merle funkelte Juna an. âDrei RĂ€tsel? Das ist ja wie bei Alice im Wunderland, nur mit mehr Schleim.â âWir schaffen das!â, flĂŒsterte Juna mutig und schob Merle ein StĂŒck weiter.
Herr Kurios zwirbelte an seinem Bart, der aus bunten WollfĂ€den bestand. âErstes RĂ€tsel! Was ist gelb und lĂ€uft durch den Wald?â Merle grinste. âEine Banane auf der Flucht vor hungrigen Affen?â Herr Kurios kicherte. âFalsch! Aber besser als die meisten Antworten. Es ist: Eine Wanderzitrone!â
Juna verdrehte die Augen. âNĂ€chstes RĂ€tsel?â âWas ist rot, hat ZĂ€hne und kann Fahrrad fahren?â Juna ĂŒberlegte. âEin Vampirtomate auf Urlaub?â Merle lachte so laut, dass die PuddingwĂŒrmer vor Schreck hĂŒpften. Herr Kurios prustete. âEigentlich: Ein Fahrrad mit Tomatensauce! Aber ihr seid wirklich gut drauf.â
âLetztes RĂ€tsel! Was passiert, wenn man sieben GummibĂ€rchen in eine Socke steckt und dreimal laut âQuak' ruft?â Die beiden MĂ€dels ĂŒberlegten. âDie GummibĂ€rchen tanzen, und die Socke wird Chef der Waschmaschine?â, rief Juna. Herr Kurios klatschte begeistert in die HĂ€nde. âKorrekt! Ganz genau! Ihr habt bestanden!â
Er rollte einen roten Teppich aus â naja, eigentlich war es ein langes, rotes Handtuch â und bat sie ins Zelt. Im Inneren des Zeltes wimmelte es von Farbe und Unsinn: Bunte Kissen, Seifenblasen, die nach Erdbeerkuchen rochen, und Luftballons, die hin und wieder âHallo!â piepsten, wenn man sie antippte.
âWillkommen auf der knallbunten Nacht!â, rief Herr Kurios. âIhr seid die ersten GĂ€ste seit 187 Jahren. Den anderen war es wohl zu verrĂŒckt.â
Kapitel 3: Die PrĂŒfung der PuddingwĂŒrmer
Im Zelt ging der SpaĂ erst richtig los. âHier ist die Liste der Aufgaben!â, verkĂŒndete Herr Kurios feierlich und ĂŒberreichte Juna ein Papier, das aussah wie ein zusammengeknĂŒlltes Taschentuch. Darauf standen die PrĂŒfungen der knallbunten Nacht:
1. PuddingwĂŒrmer retten
2. Die singende Socke finden
3. Das Sandwich der 1000 Zutaten basteln
âAuf die PlĂ€tze, fertig, Unsinn!â, rief Herr Kurios.
Erste Aufgabe: âPuddingwĂŒrmer rettenâ. Die WĂŒrmer mussten aus der SchĂŒssel in ein kleines Schlauchboot gebracht werden, ohne dass ein einziger Wackelpuddingwurm auf die Erde fiel. Juna balancierte mit einem Löffel einen Wurm, wĂ€hrend Merle mit einer Zange einen anderen bugsierte. Aber der Boden unter ihnen war mit glitschigem Seifenwasser bespritzt! Schon nach dem dritten Schritt rutschte Juna aus, fing sich aber an Merles Rollstuhl, wodurch sie beide schwankend lachten und die PuddingwĂŒrmer wie durch Zauberhand ins Boot purzelten.
âSehr gut!â, rief Herr Kurios. âIhr seid geborene Puddingwurm-Retterinnen!â
Zweite Aufgabe: Die singende Socke finden. Ein Haufen Socken lag in einer Ecke, aber nur eine konnte singen â angeblich. Doch sobald Merle eine grĂŒn-rosa Gepunktete anhob, quakte sie laut: âIch will nach Paris!â Merle schĂŒttelte sie, und die Socke begann, ein schrecklich quietschiges Chanson zu trĂ€llern, das sich nach âBaguette-Bouquetâ anhörte. Merle winkte sie wie ein Superstar in die Luft. âGefunden!â
Dritte Aufgabe: Das Sandwich der 1000 Zutaten. Ihre Aufgabe war es, mit allem, was im Zelt zu finden war, das verrĂŒckteste Sandwich zu basteln. Sie stapelten Lakritz, GummibĂ€rchen, Chips, eine halbe Zitrone, zwei PuddingwĂŒrmer (die sich freiwillig meldeten), ein Blatt Kresse, einen Gummistiefel (natĂŒrlich nur zum Daraufstellen) und ein StĂŒck von Herrn Kuriosâ Bartwolle.
âZeit, das Sandwich zu prĂ€sentieren!â, rief Herr Kurios.
Juna und Merle prĂ€sentierten ihr Meisterwerk. Herr Kurios biss hinein, machte ein paar lustige Grimassen, und dann begann er, rĂŒckwĂ€rts zu sprechen: âLeahcim red ni rofneug essnegierf hediw!â und prustete dann los. Die MĂ€dchen lachten so laut, dass sie fast von den Kissen rutschten.
Als alle PrĂŒfungen abgeschlossen waren, rief Herr Kurios: âIhr habt bestanden! Ihr seid jetzt offiziell Mitglieder des Exklusiven Unsinn-Kommandos. Als Belohnung dĂŒrft ihr einen Wunsch Ă€uĂern â egal wie verrĂŒckt!â
Juna ĂŒberlegte. âIch wĂŒnsche mir⊠dass wir diese Nacht nie vergessen!â Merle nickte. âUnd dass wir nie aufhören, neugierig zu sein.â
Herr Kurios zwirbelte seinen Bart. âDas kann ich euch versprechen!â
Kapitel 4: RĂŒckkehr ins Reich der TrĂ€ume
Die knallbunte Nacht zog sich wie Kaugummi. Sie spielten âFang die fliegende Sockeâ, balancierten PuddingwĂŒrmer auf der Nase, hörten den Ballons zu, wie sie vom Leben als Luftballon erzĂ€hlten (âIch wollte immer mal ein Luftkissen sein!â jammerte einer) und aĂen das Sandwich so, als ob es ganz normal wĂ€re, ein Lakritz-Zitronen-Chips-Sandwich zu essen.
Irgendwann wurde die Nacht stiller. Herr Kurios zauberte zwei Schlafmasken hervor, die glitzerten wie Sterne. âZeit fĂŒr die Traumreise!â, sagte er und nickte weise. Die MĂ€dchen kuschelten sich auf die bunten Kissen, legten die Masken an und hörten, wie der Regen drauĂen weiterhin leise trommelte. Im Halbschlaf hörten sie noch, wie Herr Kurios ihnen ins Ohr flĂŒsterte: âVergesst nie: Unsinn ist die beste Zutat fĂŒr groĂe Abenteuer. Und manchmal ist ein trauriger Puddingwurm nur eine Einladung, gemeinsam zu lachen.â
Mit einem letzten, mĂŒden Kichern schliefen Juna und Merle ein. Sie trĂ€umten von tanzenden PuddingwĂŒrmern, singenden Socken und einem Blumentopf-Hut, der ihnen zuzwinkerte. Sie wussten, morgen wĂŒrde alles wieder normal sein â aber ein Teil von ihnen gehörte jetzt fĂŒr immer zum Exklusiven Unsinn-Kommando.
Und falls sie irgendwann mal wieder eine glitzernde Einladung bekommen wĂŒrden â sie wussten genau, dass sie dabei sein wĂŒrden. SchlieĂlich gibt es nur eine wirkliche Regel: Wer neugierig bleibt, entdeckt ĂŒberall Abenteuer. Manchmal sogar im eigenen Garten.
So schliefen die beiden Freundinnen mit einem LĂ€cheln ein, tief ĂŒberzeugt davon, dass das Leben mit ein bisschen Unsinn einfach bunter ist und man Schwierigkeiten am besten mit einer ordentlichen Portion Quatsch und einer zweiten Portion Freundschaft meistert.