Kapitel 1: Ein frecher Plan mit Glitzer
Im fantastischen Städtchen Funkelfenn, wo die Laternen aus Mondlicht baumelten und die Briefkästen gelegentlich „Piep!“ machten, wohnte Miro. Miro war neun (fast zehn, das war wichtig) und hatte ein Talent dafür, genau in dem Moment Unsinn zu machen, wenn es eigentlich ordentlich sein sollte.
An diesem Morgen sprang er aus dem Bett, riss das Fenster auf und rief in die Luft: „Heute gibt's eine Parade! Eine richtige! Mit Musik, Hüten und—“ Er schaute auf seine Socken. Sie waren verschieden: eine mit Wolken, eine mit Gurken. „—und sehr ernsthaften Socken!“
Sein Kater Keks, der aussah, als hätte ihn jemand aus einer weichen Schattenwolke gestrickt, gähnte so breit, dass seine Schnurrhaare wackelten.
Miro stürmte auf die Straße. Funkelfenn war schon wach: Eine Meerjungfrau verkaufte Seifenblasen, die nach Pfannkuchen dufteten. Ein Zwerg polierte einen Regenbogen. Und vor der Bäckerei stand Vlad der Vampir mit einem Sonnenschirm in Herzchenform.
Vlad war ein Vampir, aber einer von der höflichen Sorte. Er trug einen Umhang, der immer ein bisschen zu stolz flatterte, und sagte meistens „Bitte“ sogar, wenn er nur niesen musste.
„Guten Morgen, Vlad!“ rief Miro.
„Guten Morgen, Miro“, sagte Vlad und neigte den Kopf. „Würdest du bitte… nicht so laut rufen? Mein Ohr… äh… schläft noch.“
Miro grinste. „Ich mache eine Parade! Heute! Du musst mitmachen!“
Vlad hob eine Augenbraue. „Mitmachen… wie?“
„Du spielst… Trompete! Oder du winkst! Oder du bist der sehr wichtige Vampir-Ansager!“
Vlad lächelte vorsichtig. „Ich kann leider keine Trompete. Ich habe einmal versucht, und dann sind alle Fledermäuse aus der Stadtverwaltung gefallen.“
„Perfekt!“ sagte Miro. „Dann wird's lustig.“
In diesem Moment kam Frau Glimmer, die Bürgermeisterin, vorbei. Sie war eine Fee mit strengem Dutt und einem Notizbuch, das immer ungeduldig klapperte.
„Miro“, sagte sie, „du bist heute wieder… besonders munter.“
„Bitte, Frau Bürgermeisterin“, sagte Miro schnell und ganz geschniegelt mit seinem besten Lächeln, „dürfen wir eine Parade machen? Ich verspreche: sehr höflich!“
Frau Glimmer blinzelte. Wenn eine Fee blinzelt, glitzert sogar die Luft. „Eine Parade? Hm. Wenn du dabei wirklich auf gute Manieren achtest. Keine Rempeleien, kein Chaos in der Bäckerei und niemand ruft ‘Aus dem Weg!'“
Miro legte die Hand aufs Herz. „Ich sage nur ‘Entschuldigung' und ‘Bitte' und ‘Danke'. Ganz viel.“
Vlad nickte ernst. „Das klingt… beruhigend.“
„Na gut“, sagte Frau Glimmer. „Aber ihr braucht eine Route und einen Plan.“
Miro nickte so heftig, dass seine Gurkensocke fast vom Fuß rutschte. „Ich hab schon einen Plan! Also… gleich. In fünf Minuten.“
Kapitel 2: Die Route, die weglief
Miro zeichnete den Plan mit Kreide auf den Marktplatzboden. Leider war die Kreide magisch. Jedes Mal, wenn er einen Pfeil malte, wuchs der Pfeil ein bisschen und begann zu wackeln, als hätte er eigene Ideen.
„Hier starten wir“, erklärte Miro. „Dann um den Brunnen, vorbei am Drachenfriseur, durch die Zuckerwatte-Allee und—“
„Entschuldigung“, sagte eine Stimme. Es war eine kleine Waldelfe mit einem Korb voller Pilze, die wie winzige Regenschirme aussahen. „Darf ich da noch durch? Ich muss zum Markt.“
Miro trat sofort zur Seite. „Oh, bitte! Natürlich!“
Die Elfe lächelte. „Danke!“ Sie huschte vorbei.
Vlad beobachtete das und murmelte: „Das war… überraschend zivilisiert.“
„Warte nur“, sagte Miro und malte einen großen Kreis. Der Kreis rollte plötzlich los, wie ein Reifen, und sauste über den Platz.
„Äh… Entschuldigung?“ rief Miro dem Kreis hinterher, als würde der Kreis zuhören.
Der Kreis rollte direkt in Richtung Brunnen. Dort saß ein Gnom und angelte nach Münzen, als wären es Fische. Der Kreis machte „Plopp!“ und sprang über den Brunnenrand, als hätte er ein Trampolin entdeckt.
Der Gnom schaute hoch. „He!“
Miro rannte hin, die Arme wedelnd. „Entschuldigung! Wirklich! Das war nur… ein lebendiger Kreis.“
Vlad klappte seinen Sonnenschirm auf und stellte sich neben Miro. „Wir bitten um Verzeihung“, sagte er höflich und verbeugte sich so elegant, dass sein Umhang eine kleine Schleife in die Luft malte.
Der Gnom blinzelte. „Na gut. Aber nur, wenn ihr mir später bei der Parade winkt.“
„Bitte sehr!“ sagte Miro. „Also— äh— gern!“
Sie jagten den Kreis durch drei Gassen. Der Kreis rollte an einer Schaufensterscheibe vorbei, in der Zauberhüte standen. Ein Hut sprang vor Schreck vom Regal und landete auf Vlads Kopf.
„Oh“, sagte Vlad. „Jetzt habe ich… Hut.“
Der Hut war knallpink und trug eine Feder, die jedes Mal „Poff!“ machte, wenn Vlad blinzelte.
Miro prustete. „Du siehst aus wie ein höflicher Himbeer-König!“
„Danke“, sagte Vlad automatisch, dann räusperte er sich. „Ich meine… bitte.“
Am Ende blieb der Kreis vor einer großen Tür stehen: der Tür zum Orchester der Windgeister. Der Kreis verwandelte sich in eine Schleife und klebte sich an die Tür, als wäre er dort immer schon gewesen.
Ein Windgeist steckte den Kopf heraus. Er sah aus wie ein durchsichtiges Kissen mit Augen. „Kann ich helfen?“
Miro atmete tief durch. „Bitte… könnt ihr Musik machen? Für unsere Parade?“
Der Windgeist lächelte. „Aber natürlich. Wenn ihr ‘Bitte' sagt, spielen wir sogar besonders fröhlich.“
Vlad nickte. „Dann werden wir sehr oft ‘Bitte' sagen.“
Kapitel 3: Das große Proben-Gekicher
Am Nachmittag versammelte sich die Parade-Truppe auf dem Platz: die Waldelfe mit Pilzschirmchen, der Gnom vom Brunnen, drei Windgeister, die schon warm pfiffen, und Vlad mit seinem pinken Hut, der sich weigerte, wieder herunterzugehen.
„Der Hut mag dich“, erklärte Miro. „Er klebt an höflichen Köpfen.“
„Das ist… schmeichelhaft“, sagte Vlad. „Danke.“
Miro stellte sich auf eine Holzkiste, die leise „Hicks“ machte, weil sie früher mal ein Fass gewesen war. „Achtung! Wir üben! Erstens: Wir gehen schön hintereinander. Zweitens: Wir grüßen freundlich. Drittens: Wenn jemand aus Versehen auf einen Schwanz tritt—“
Keks der Kater hob empört den Schwanz.
„—dann sagt man ‘Entschuldigung'“, beendete Miro schnell. „Ganz wichtig!“
Die Windgeister machten eine Trommel mit ihren Wangen: „Pff-pff-pffff!“ Es klang, als würde eine Wolke Beatboxing lernen.
„Und jetzt marschieren!“ rief Miro.
Sie setzten sich in Bewegung. Leider hatte Miro vergessen, dass die Zuckerwatte-Allee wirklich aus Zuckerwatte bestand. Bei jedem Schritt klebten die Schuhe fest und machten „Schlurp“.
Der Gnom blieb hängen wie eine Fliege am Honig. „Ich… komme… nicht… los!“
„Bitte, warte!“ rief Miro und zog. Nichts. Er zog stärker. Der Gnom machte „Pff!“ und schoss plötzlich frei—direkt in Vlads Umhang.
Vlad wankte, fing den Gnom aber auf, als wäre das ganz normal. „Entschuldigung“, sagte er sofort, obwohl er gar nichts getan hatte.
Der Gnom rieb sich die Nase. „Danke. Und… entschuldigung, dass ich in dich hineingeflogen bin.“
Miro staunte kurz. Das war ja wie ein Wettbewerb in Höflichkeit! „Äh… bitte… gern geschehen!“
Da kam die Bürgermeisterin vorbei, um zu kontrollieren. Sie sah die klebrige Allee, den umherfliegenden Gnom und den Vampir mit Poff-Feder.
„Miro“, sagte sie streng.
Miro hob beide Hände. „Bitte, Frau Glimmer, es sieht schlimmer aus, als es ist! Wir sind sehr höflich dabei!“
Vlad verbeugte sich. „Guten Tag. Dürfte ich Ihnen bitte versichern, dass wir niemanden absichtlich in Zuckerwatte kleben?“
Die Bürgermeisterin musste sich räuspern, weil sie fast gelacht hätte. „Na schön. Aber… seid vorsichtig. Und räumt nachher auf.“
„Danke!“ rief die ganze Truppe wie aus einem Mund. Sogar Keks miaute höflich. Es klang ungefähr wie „Mrrr-danke“.
Als sie weiterprobten, kam noch ein Problem: Der Windgeist-Takt war so schwungvoll, dass die Pilzschirmchen der Elfe aufsprangen und wie kleine Hubschrauber davonflogen.
„Meine Pilze!“ rief die Elfe.
Miro sprintete hinterher, fischte einen Pilz aus der Luft und reichte ihn ihr. „Bitte schön! Entschuldigung, dass die Musik so… pilzig ist.“
Die Elfe lachte. „Schon gut. Danke, dass du gerannt bist wie ein aufgeregtes Kaninchen.“
Vlad nickte anerkennend. „Er ist ein sehr höfliches Kaninchen.“
„Ich bin kein Kaninchen!“ rief Miro, aber er musste dabei selbst kichern.
Kapitel 4: Die Parade, die beinahe rückwärts lief
Am nächsten Morgen war Funkelfenn geschniegelt. Die Laternen glänzten, der Brunnen sprudelte extra melodisch, und sogar die Wolken hatten sich in eine Zuschauerreihe sortiert.
Miro stand wieder auf seiner hicksenden Kiste. Er trug eine Schärpe aus glitzerndem Band, auf der stand: „PARADEN-CHEF (BITTE)“.
„Bereit?“ fragte er.
„Bereit“, sagte Vlad und hielt seinen Sonnenschirm so, als wäre er ein Zepter. Die Feder machte „Poff!“ und tat so, als wäre das Absicht.
Die Windgeister holten tief Luft. „Pffff—TA-DAAA!“ Es klang wie ein fröhlicher Windstoß, der Geburtstag hat.
Und los ging's.
Sie zogen durch Funkelfenn. Miro winkte links, winkte rechts, sagte „Guten Tag!“ und „Bitte sehr!“ in alle Richtungen, bis ihm fast die Zunge einen Knoten machte.
Doch dann passierte das Unerwartete: Vor dem Drachenfriseur stand ein Drache, der gerade geschniegelt werden sollte. Er hatte Schaumberge auf dem Kopf und ein Handtuch um den Hals. Als er die Parade sah, nieste er vor Überraschung.
„HATSCHIIII!“ machte der Drache.
Der Nieser war so kräftig, dass er die Parade wie ein Blatt im Wind umdrehte. Plötzlich marschierten alle rückwärts.
„Äh…“, sagte Miro, der jetzt aus Versehen in Richtung Start lief. „Wir… äh… machen das extra?“
Der Gnom marschierte tapfer rückwärts und winkte dabei so konzentriert, dass ihm fast der Bart verknotete. „Das ist die… Rückwärts-Parade! Sehr modern!“
Vlad blieb ruhig. „Bitte, niemand stolpern“, sagte er und ging rückwärts so elegant, als hätte er das im Vampir-Internat gelernt. „Entschuldigung“, fügte er hinzu, als er aus Versehen mit seinem Schirm an ein Schild tippte.
Das Schild war das „Leise bitte!“-Schild der Bibliothek. Es wackelte und machte—ausgerechnet—„DONG!“
Aus der Bibliothek spähte eine Eule mit Brille. Sie sah streng aus, aber auch neugierig. Miro rief flüsternd: „Entschuldigung! Wir sind gleich vorbei!“
Die Eule hob den Flügel. „Pssst.“ Dann lächelte sie doch und flüsterte zurück: „Danke.“
Der Drache, immer noch schaumfrisiert, rief: „Entschuldigung! Ich hab euch umgedreht!“
Miro blieb kurz stehen, obwohl rückwärts stehen sehr kompliziert ist. „Schon gut! Danke, dass du dich entschuldigst!“
„Bitte!“ rief der Drache verwirrt, weil er wohl auch höflich sein wollte.
Die Zuschauer lachten, aber nicht gemein. Es war dieses warme Lachen, das sagt: „Wie schön, dass ihr euch traut, albern zu sein.“
Miro bekam eine Idee. Er hob die Hand. „Achtung! Wir machen jetzt offiziell: die Höflichkeits-Rückwärts-Runde! Wir grüßen doppelt! Erst rückwärts, dann vorwärts!“
„Bitte!“ rief jemand aus der Menge.
„Danke!“ rief Miro zurück.
Sie marschierten rückwärts bis zum Marktplatz, drehten sich mit einem großen „Hoppala—entschuldigung!“ wieder um und liefen dann vorwärts weiter, als wäre alles genau so geplant gewesen.
Kapitel 5: Aufräumen, Applaus und ein leiser Gruß
Als die Parade endete, standen alle wieder auf dem Platz. Die Windgeister pusteten ein letztes „Ta-daa“, das wie ein unsichtbarer Luftkonfetti-Regen über die Köpfe fiel. Der Gnom verbeugte sich so tief, dass seine Mütze runterpurzelte. Die Elfe fing Pilzschirmchen ein, die endlich wieder landeten.
Frau Glimmer trat vor. „Miro“, sagte sie, und Miro schluckte, „das war… überraschend ordentlich. Und sehr freundlich.“
Miro strahlte. „Danke! Bitte! Also… danke.“
Vlad räusperte sich. „Und wir räumen jetzt bitte die Zuckerwatte-Allee auf.“
„Ja!“ rief Miro. „Polite Parade heißt auch: Polites Aufräumen!“
Sie kratzten Zuckerwatte von Schuhen, sammelten herumgewirbelte Federn ein (die „Poff!“ machten, wenn man sie kitzelte), und Miro brachte dem Gnom seine Münz-Angel zurück, die kurzzeitig als Trommelstock gedient hatte.
„Bitte schön“, sagte Miro.
„Danke“, sagte der Gnom. „Und… entschuldigung, dass ich sie genommen hab.“
„Schon gut“, sagte Miro. „Ich hätte auch fragen sollen. Bitte.“
Sogar Keks half mit, indem er wichtig neben einem Haufen Glitzer saß und so tat, als würde er ihn bewachen. Wenn jemand zu nah kam, miaute er streng, aber irgendwie freundlich.
Als alles wieder sauber war, klatschten die Leute. Nicht zu laut, denn die Bibliotheks-Eule schaute immer noch. Also klatschten sie mit Fingerspitzen, ganz sanft. Es klang wie Regen auf Blättern.
Miro spürte ein warmes Kribbeln im Bauch. Nicht das Unsinn-Kribbeln, sondern das: „Ich hab's geschafft“-Kribbeln.
Vlad beugte sich zu ihm. „Du warst heute frech“, flüsterte er, „aber auf eine… höfliche Art.“
Miro grinste. „Das ist mein neues Talent.“
Die Bürgermeisterin nickte. „So darfst du gern öfter frech sein.“
Die Sonne sank, und Vlad zog seinen Herzchen-Sonnenschirm ein. „Dann verabschiede ich mich“, sagte er leise. „Danke für die Parade.“
Miro hob die Hand, aber ganz klein, damit es nicht wie ein wildes Winken aussah. „Danke, dass du mitgemacht hast.“
Vlad setzte zwei Schritte zurück, sein Umhang raschelte wie eine höfliche Fledermaus. Dann hob er die Fingerspitzen an die Stirn—ein winziger, diskreter Gruß—und verschwand in einer besonders schattigen Ecke, die zufällig nach Vanille roch.
Miro machte es genauso: ein kleiner Gruß, ganz unauffällig. Und dabei musste er lachen, weil sein Gurkensocken noch immer ein bisschen Zuckerwatte klebte. „Bitte“, murmelte er zu sich selbst, „morgen mach ich was Ruhiges.“
Keks miaute, als würde er sagen: „Das glaube ich dir nicht.“