Teil 1: Die schiefe Gasse
In einer kleinen Sackgasse, die auf keiner Karte stand, lebte eine lernende Hexe. Sie war fünf Jahre alt, trug eine zu große Mütze mit bunten Flicken und hatte immer eine Kiste Werkzeug neben sich. Die Häuser in der Gasse lehnten sich wie müde Bücher aneinander. Überall hingen Laternen mit Glas in Regenbogenfarben. Die Gasse roch nach Zimt und frisch gefegtem Kopfstein.
Die kleine Hexe liebte es zu basteln. Sie reparierte klappernde Kastanienkäfer-Uhren, nähte lose Knöpfe an die Mäntel der Laternen und klebte Lichterketten an vergessene Fenster. Weil sie so viel tüftelte, nannte sie jeder nur die Bastelei. Sie sammelte seltsame Dinge: einen Löffel, der schief lächelte, einen Knopf mit eingebautem Sonnenschein und ein kleines Fläschchen, das immer leise gurgelte. Manchmal schraubte sie an ihrem Besen, bis die Borsten bequem saßen.
An einem Morgen fand sie auf der Schwelle ein Paket. Ein Zettel hing dran: "Für die, die gerne probiert." Darin lag ein kleines, gebrauchtes Grimoire. Das Buch war bunt bemalt und roch nach Abenteuer. Es wackelte ein wenig, als wäre etwas im Inneren wach. Die Bastelei setzte sich auf die Stufe, öffnete das Buch und blätterte vorsichtig. Seiten mit Zeichnungen von fliegenden Teppichen, Kicherzauber und Rezepten für freundliche Streiche funkelten ihr entgegen. Sie strich über eine Seite, auf der ein Teppich mit Punkten zu sehen war. Auf dem Rand stand mit kleiner Schrift: "Nur für liebe Hände."
Teil 2: Die Teppichpanne
Die Bastelei konnte nicht widerstehen. Sie holte ihre Zange, ein Stück Stoff und ein kleines Lämpchen. Sie suchte in der Gasse nach einem geeigneten Teppich. Am Ende der Sackgasse wohnte eine Familie von Samtmäusen, die ihren alten Teppich verschenkte. Der Teppich war ein wenig zottelig und hatte fünf bunte Flecken. "Perfekt", flüsterte die Hexe. Sie nähte, klebte und murmelte kleine Reime aus dem Grimoire. Bald begann der Teppich zu schnurren wie eine zufriedene Katze.
Der erste Flug war eine wilde Bastelei: der Teppich hüpfte wie ein Känguru, dann glitt er elegant über die Gassen. Doch er war frech. Er mochte Scherze. Als die Bastelei den Marktplatz überflog, schüttelte er seine Fransen und ließ Konfetti aus einem Taschenteil rieseln. Die Händler lachten, ein Huhn flatterte überrascht und ein Hut segelte wie ein Schiff davon. Die Bastelei klammerte sich an den Teppich und lachte mit.
Zurück in der Sackgasse beschloss der Teppich, noch ein wenig Spaß zu haben. Er rollte sich zusammen, verstellt die Tür einer Teestube und kitzelte die Nase eines Schlafvogels. Die Bastelei rief: "Halt, hör auf!" Der Teppich zog eine Schnur, die wie eine Zunge schnappte, und rief gar nichts, sondern brummte nur froh. Ein kleiner Rebell, dachte die Bastelei und setzte sanft ihre Werkzeuge ein, um dem Teppich eine kleine Schelle zu nähen, die an Klingeln erinnerte. Die Klingel machte jedes Mal "pling", wenn der Teppich jemandem einen Streich spielte. Plötzlich wurde aus jedem Streich ein kleines Lachen, denn die Klingel kündigte ihn an.
Am dritten Tag erschien eine Wolke von flauschigem Dampf. Der Teppich hatte Freunde eingeladen: zwei alte Läufer und einen schiefen Läuferteppich aus einem anderen Sackgassenwinkel. Diese Teppiche waren noch schelmischer. Sie zauberten Blumen aus ihren Fransen und versteckten Socken in den Blumenkästen. Die Bastelei sah, wie ein kleiner Teppich ein Paar lachender Socken balancierte und sie sanft auf einen Laternenpfahl legte wie ein Geschenk.
Die Gasse wurde lebhafter. Die Türschlüssel klapperten im Takt der Teppichmusik. Die Nachbarn kamen hervor, klatschten in die Hände und setzten sich auf Stufen. Sie erlaubten den Teppichen kleine Streiche, solange danach Apfelkuchen und warmer Kakao angeboten wurden. Die Bastelei fühlte sich wie eine Dirigentin eines schelmischen Orchesters. Sie reparierte lose Quasten, flickte ein Loch hier und da und hörte nie auf, mit einem scheuen Lächeln die Welt besser zu machen.
Dann passierte etwas Unerwartetes. Beim Überfliegen der Gasse blieb der Teppich an einer sternenklaren Lampe hängen. Er schwang wie ein Schiff im Hafen. Ein kleines Glas mit Sternenstaub purzelte heraus. Die Sterne wollten zurück in den Himmel. Die Bastelei kletterte vorsichtig auf den Teppich, sammelte die Sternenflöckchen mit einer Pinzette und pustete ihnen sanft zu. Sie sang ein leises Lied, das sie im Grimoire gefunden hatte. Langsam, wie bei einer guten Reparatur, schwebten die Sterne zurück in die Nacht.
Teil 3: Gute Nachrichten und ein leises Dankeschön
Am Abend, als die Laternen in Regenbogenfarben zu flüstern begannen, setzte sich die Bastelei auf die Stufe ihres kleinen Hauses. Neben ihr lag das Grimoire. Sie hatte an diesem Tag viel gelernt: wie man Spaß macht, ohne zu ärgern, wie man Dinge repariert, die kaputt aussehen, und wie wichtig es ist zuzuhören. Die Teppiche rollten sich zu Pölstern zusammen und schnurrten leise. Die Gasse war müde und glücklich.
Die Bastelei blickte nach oben. Der Mond hing über der Sackgasse wie eine große, freundliche Laterne. Sie hob die Hand, wie man es bei guten Freunden tut, und sagte ein leises "Guten Abend" zur runden, weißen Freundin am Himmel. Der Mond lächelte, sagte nichts, und seine Lichtkugel schickte eine kleine Silberstraße in die Gasse. Das Licht glitt über die Grate der Häuser und machte jedes Fenster zu einem Augenzwinkern.
Mit dem letzten Licht schloss die Bastelei das Grimoire behutsam zu. Der Einband schloss wie eine Decke um die Seiten. Ein leises Rascheln sagte: "Bis morgen." In ihrer Werkzeugkiste lag alles an seinem Platz. Die Zange, der Flicken und das Lämpchen funkelten zufrieden. Die Bastelei legte die Mütze zurecht, hob den kleinen Teppich auf und brachte ihn zu seiner Ecke. Die Teppiche rollten sich noch ein letztes Mal zusammen, dann atmeten sie wie schlafende Kissen.
Die Nachbarn winkten aus den Fenstern, die Samtmäuse summten ein Nickerchen-Lied und die Laternen gähnten Licht. Die Bastelei schaute ein letztes Mal in die Gasse, wo kleine Dinge und große Lacher gleich wichtig waren. Sie spürte ein warmes Gefühl, wie ein neues Pflaster, das gut sitzt.
Bevor sie die Stufe hinaufstieg, beugte sie sich zu ihrem kleinen Grimoire, das noch ein bisschen glitzerte, und flüsterte leis: Danke.