Kapitel 1: Die Wurzelpforte
Im tiefen Wald lag ein Wurzeltunnel. Er war nicht dunkel. Er war warm und duftete nach Erde und Honig. In diesem Tunnel wohnte Lila, eine kleine, fröhliche Hexe. Lila hatte einen spitzen Hut, der immer schief saß. Sie trug Stiefel mit bunten Knöpfen. Ihre Besen waren kurz und dick. Sie mochte sie sehr.
An einem Morgen hüpfte Lila durch den Tunnel. Kleine Lichtflecken tanzten an den Wänden. Vögel sangen weit draußen. Lila sammelte Glühwürmchen in einem Einmachglas. Sie machte das Glas auf und die Glühwürmchen sprangen hinaus, als wären sie Konfetti. Lila lachte. Heute wollte sie etwas Neues lernen. Ein kleiner Zauber für das Herz, sagte sie sich. Ein Zauber, der Mut macht.
Sie trat an eine besonders knorrige Wurzel. Die Wurzel sah aus wie eine Treppe. Lila kletterte hinauf. Oben auf der Wurzelbank lag ein altes Büchlein. Es war staubig, aber freundlich. Lila blätterte. Darin stand ein Zauberspruch, der zu einer Sternengruß-Magie führte. Lila las leise: „Wenn du den Sternen grüßt, leuchten sie zurück.“ Sie klatschte in die Hände vor Freude. Das musste ausprobiert werden.
Kapitel 2: Missgeschicke und Glitzer
Lila holte ihren Umhang. Er war lila mit orange Punkten. Sie übte den Sternengruß. Erst machte sie einen Schritt nach rechts und stolperte fast über ihre eigenen Stiefel. Dann verlegte sie das Zauberwort. Statt „Sternenlicht“ sagte sie „Pferdelicht“. Plötzlich wieherte es. Eine kleine, unsichtbare Pferdeherde trabte durch den Tunnel. Lila musste kichern. Die Pferde traten Blätter hoch und verschwanden wieder. Alles begann ein wenig chaotisch zu werden.
Sie versuchte es noch einmal. Diesmal verwechselte sie die Zauberbewegung. Sie winkte mit beiden Händen wie ein Windrad. Statt Sterne erschienen bunte Seifenblasen. Die Seifenblasen knallten leise und regneten goldenen Glitzer auf Lilas Hut. Der Hut glänzte wie ein Kuchen mit Zuckerguss. Lila sah aus wie ein funkelnder Pilz. Sie lachte laut. Es war merkwürdig und wunderbar.
Ein kleiner Frosch, der im Tunnel wohnte, hüpfte vorbei. Er setzte sich auf den Rand des Einmachglases und schaute. Lila verbeugte sich höflich zum Frosch. Der Frosch blinzelte. Dann sprang er ins Glas. Plötzlich sprangen alle Glühwürmchen zurück. Das Glas leuchtete wie eine Mini-Sonne. Lila fühlte sich warm im Bauch. Sie atmete tief ein. Noch ein Versuch.
Kapitel 3: Der Sternengruß
Als der Abend kam, füllte sich der Tunnel mit sanftem Dämmerlicht. Lila kletterte tiefer hinein. Der Tunnel führte zu einer kleinen Öffnung. Durch diese Öffnung sah man den Himmel. Er war voller Sterne. Lila stellte das Glas mit den Glühwürmchen vor sich ab. Sie setzte sich auf eine weiche Moosbank. Ihre Finger klopften den Takt eines Lieds, das nur die Bäume kannten.
Sie erinnerte sich an das Büchlein. Ruhig und langsam sagte sie das richtige Wort. Diesmal atmete sie erst. Sie hob die Hand. Sie beugte sich leicht. Sie machte den Sternengruß. Es war eine kleine Bewegung, fast wie ein Schmetterlingsgruß. Mit einem Mal öffnete sich ihr Herz. Die Sterne funkelten heller.
Lila streckte die Hand nach oben. Sie murmelte: „Hallo, Sterne. Ein Gruß von mir.“ Ihre Stimme war leise, aber klar. Die Sterne antworteten nicht mit Worten. Sie blinkten. Ein Stern blinkte zweimal. Ein anderer nickte mit einem kleinen Licht. Lila fühlte, wie der Mut in ihr wuchs. Etwas Warmes und Glitzerndes berührte ihre Schultern. Es war, als würde das Weltall sie umarmen.
Dann passierte ein kleines Missgeschick. Ein besonders neugieriger Stern schickte eine Sternenschnuppe, aber sie traf nicht den Himmel. Sie plumpste mitten in das Glas. Die Glühwürmchen summten aufgeregt. Das Glas leuchtete wie ein winziges Feuerwerk. Lila lachte so laut, dass die Eulen in der Ferne mitriefen. Es war nicht geplant, aber es war schön.
Kapitel 4: Kleine Sieg und großer Mut
Die Nacht legte sich weich über den Tunnel. Lila spürte das Kribbeln im Bauch. Sie hatte keinen großen Zauber gewirkt. Kein Schloss wurde gehoben. Kein Drache wurde gezähmt. Aber etwas Wichtiges war passiert. Lila hatte den Sternen gegrüßt. Sie hatte nicht aufgegeben, als die Pferde wieherten und die Seifenblasen tanzten. Sie hatte ruhig weitergemacht. Das war ihr Sieg.
Am Morgen wachte Lila mit Glitzer im Haar auf. Der Frosch sprang auf ihre Schulter und quakte wie zur Gratulation. Die Glühwürmchen schwebten um sie herum. Lila streckte die Arme in die Luft. Sie fühlte sich stark und leicht zugleich. Sie nahm das Büchlein und schrieb eine kleine Notiz: „Du kannst es schaffen. Glaub an dich.“ Dann steckte sie die Notiz in das Glas.
Bevor sie den Tunnel verließ, blickte Lila noch einmal hinauf zum Himmel. Sie grüßte die Sterne ein letztes Mal mit einem fröhlichen Winken. Die Sterne blinkten zurück. Lila ging hinaus in den Wald. Ihr Schritt war selbstbewusst. Sie wusste jetzt, dass kleine Grüße große Dinge bewirken können. Und sie wusste, dass sie auf sich selbst vertrauen konnte.