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Geschichte über das Neujahrsfest 11/12 Jahre Lesen 21 min.

Der Sternenpfad ins neue Jahr

Mira organisiert heimlich einen Sternenpfad mit kleinen Aufgaben, um den Silvesterabend ihrer Familie mit Geduld und Zusammenhalt zu füllen, während sie gemeinsam kleine Pannen meistern.

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Ein familiäres Wohnzimmer bei Nacht: eine 12-jährige Mädchen mit hellbraunen Haaren zu lockerem Zopf, rundem Gesicht und stolzem, gerührtem Ausdruck steht in der Mitte und reicht die Hand zu einer letzten goldenen Papierstern auf dem Boden; ein etwa 7-jähriger Junge mit blonden zerzausten Haaren springt daneben und schwenkt bunte Konfetti; eine circa 36-jährige Frau mit zusammengebundenen braunen Haaren und müdem, sanftem Blick hält eine rauchende Tasse Tee links hinten am Sofa; ein etwa 38-jähriger Mann mit kurzem Bart steht rechts hinter dem Sofa, hält eine kleine Uhr und blickt stolz zur Tochter; eine rund 70-jährige Großmutter mit grauem Dutt und runden Brillen sitzt am Fenster und schüttelt eine kleine Konfettibox. Der Raum ist warm gestaltet: helles Parkett, dunkelblauer Teppich, Mond-Lichterkette an der Decke, Bilder an den Wänden und ein Fenster mit fernem Feuerwerk. Ein Pfad aus goldenen Papiersternen mit kleinen Botschaften führt zum Fenster; auf dem Couchtisch liegen ein paar Kekse und eine Wunschbox. Hauptszene: die Familie fasst sich zum Countdown, sanftes Mondlicht, schwebende Konfetti, erwartungsvolle, ruhige Stimmung in warmen Ockertönen, Mitternachtsblau und tiefem Rot, weiße Gelstift-Reflexe auf Haaren, Glas und Konfetti. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Plan mit den goldenen Sternen

Mira war elf und hatte diese Art von Kopf, in dem Ideen herumhüpfen wie Tischtennisbälle. Draußen knirschte der Schnee unter den Schuhen der Nachbarn, drinnen roch es nach Orangen, Zimt und dem Teppich, der jedes Jahr an Silvester so tat, als wäre er ein Festsaal.

„Dieses Jahr machen wir's ruhig“, hatte Papa beim Frühstück gesagt und dabei so geguckt, als wäre „ruhig“ ein besonders schwieriges Brettspiel.

Mira spürte, wie ihr inneres Feuerwerk trotzdem schon zischte. Ruhig konnte ja schön sein. Aber auch… besonders.

Sie stand am Küchenfenster und sah, wie die grauen Wolken über den Häusern hingen. Im Glas spiegelte sich ihr Gesicht, und in ihren Augen war ein kleiner Funke: eine Überraschung. Keine Riesenparty, keine kreischenden Gäste, sondern etwas, das ihre Familie zusammenzieht wie ein warmer Schal.

Sie schnappte sich ihr Notizbuch, das sie „Ideen-Aquarium“ nannte, weil darin die Gedanken schwammen, bis man sie fütterte.

„Was machst du da?“, fragte ihr kleiner Bruder Finn (7), der immer so plötzlich auftauchte, als hätte er einen Teleport-Knopf.

„Geheimprojekt“, sagte Mira und hielt das Notizbuch an die Brust.

Finn verzog das Gesicht. „Geheim heißt, du darfst es mir bestimmt nicht sagen.“

„Genau.“

„Dann sag's mir ganz leise.“

Mira lachte. „Nein. Aber du kannst später helfen.“

Finns Augen wurden rund. „Helfen klingt wie ‚mitmachen‘. Ich bin dabei!“

Mira kritzelte: Familien-Silvester-Überraschung. Warm. Lustig. Ein bisschen magisch. Geduld üben.

Geduld. Das war das Ding. Mira wollte am liebsten alles sofort: die Deko an die Decke schnipsen, das Essen in die Pfanne zaubern, den Countdown schon mittags starten. Aber Silvester war eine lange Treppe, und man musste Stufe für Stufe gehen.

Sie hatte eine Idee: ein „Sternenpfad“ durchs Wohnzimmer, mit kleinen Aufgaben und Erinnerungen, die jede Stunde bis Mitternacht eine Mini-Überraschung auspacken. So würde die Zeit nicht zäh wie kalter Honig, sondern spannend wie ein Rätsel.

Sie rannte in ihr Zimmer, holte eine Dose Bastelzeug, goldene Papiersterne und einen Stift, der glitzerte, als hätte er gute Laune.

Dann hörte sie Mama im Flur telefonieren: „… ja, ich hoffe, wir schaffen alles. Der Ofen spinnt schon wieder. Und Oma kommt um sechs…“

Mira stoppte. Der Ofen spinnt. Oma kommt. Das klang nach Herausforderungen, die nicht in ihr Notizbuch passten, aber trotzdem dazugehören.

„Okay“, murmelte sie zu sich selbst. „Dann erst recht. Aber Schritt für Schritt.“

Sie schrieb als ersten Stern: 19:00 — Eine kleine Reise beginnt.

Und als sie den Stern ausschnitt, war das Papier so dünn und leise, dass es sich anfühlte wie ein Versprechen.

Kapitel 2: Die verschwundene Lichterkette

Am Nachmittag wurde die Wohnung zu einer Mischung aus Werkstatt und Nudelsuppe. Papa schraubte am Herd herum und brummte, als würde er dem Ofen gut zureden. Mama rollte Teig aus und klopfte ihn mit dem Nudelholz, als wäre das ein Gespräch.

Mira schlich ins Wohnzimmer, weil sie die Lichterkette holen wollte. Eine ganz bestimmte: die mit den kleinen Lampen, die wie winzige Monde aussahen. Ohne die fühlte sich Silvester an wie ein Film ohne Musik.

Sie öffnete die Kiste im Schrank. Da lagen: Weihnachtskugeln, eine zerknitterte Girlande, eine einzelne Kerze ohne Partner. Aber keine Mond-Lichterkette.

„Nein“, flüsterte Mira, als hätte das Wort die Kiste durchsuchen können.

Finn steckte seinen Kopf zwischen Tür und Rahmen. „Suchst du die Kette?“

„Ja. Die mit den Monden.“

Finn grinste, und das war ein gefährliches Grinsen. „Vielleicht ist sie… weggewandert.“

„Lichterketten wandern nicht.“

„Doch! Wenn sie Beine hätten. Vielleicht hat sie heimlich welche.“

Mira seufzte. „Bitte, Finn. Ich brauche die wirklich.“

Finn zog die Schultern hoch. „Ich hab sie gestern gesehen. Aber… ich darf nicht sagen, wo.“

Mira starrte ihn an. „Du… was?“

„Papa hat gesagt: ‚Nicht anfassen, sonst gibt's Knoten wie Spaghetti.‘ Und dann hab ich sie… nicht angefasst. Nur… kurz gekuschelt.“

„Finn!“

„Sie war so kalt!“

Mira kniete sich hin, atmete langsam. Geduld. Geduld war wie Zähneputzen: nervig, aber man brauchte sie.

„Okay“, sagte sie möglichst ruhig. „Wo war sie gestern?“

Finn hob einen Finger wie ein Detektiv. „Im Keller. Neben dem alten Schlitten.“

„Dann los.“

Sie schlüpften in Jacken und liefen die Treppen hinunter. Der Keller roch nach Staub und Winter. Die Glühbirne flackerte, als wäre sie unsicher, ob sie heute mitmachen will.

Mira fand den Schlitten, ein bisschen schief, als hätte er sich müde gefahren. Und daneben: eine Kiste, auf der „LICHT“ stand. Sie öffnete sie – und da war sie. Die Mondkette, eingewickelt in Papier. Nur… etwas sah anders aus.

Ein riesiger Knoten. Ein Knoten, der aussah, als hätten drei Kraken eine Party gefeiert.

Mira stöhnte. „Oh nein.“

Finn kratzte sich am Kopf. „Vielleicht ist sie doch gewandert. Und hat sich dabei verknotet.“

Mira musste kurz lachen, obwohl sie am liebsten geheult hätte. „Okay. Wir schaffen das. Aber langsam.“

Sie setzten sich auf den kalten Boden. Mira nahm den Knoten in die Hände, als wäre er ein schlafendes Tier, das man nicht erschrecken darf.

„Regel Nummer eins“, sagte sie. „Nicht ziehen.“

Finn nickte ernst. „Ich ziehe nur an meiner Geduld.“

„Sehr gut.“

Sie arbeiteten. Mira löste Schlaufen, Finn hielt die kleinen Monde fest, damit nichts zurückrutschte. Es dauerte lange. Die Kälte kroch in Miras Knie. Finn begann, aus den Geräuschen eine Melodie zu machen: „Knot-knot, zisch, plopp…“

„Wenn du das später als Lied aufführst, bin ich beleidigt“, sagte Mira.

„Okay“, flüsterte Finn. „Dann nenn ich es einfach ‚Kunst‘.“

Als der Knoten endlich aufgab, fühlte es sich an, als würde jemand in Miras Brust einen kleinen Ballon aufblasen. Sie wickelte die Kette ordentlich auf.

„Siehst du“, sagte sie, „Geduld gewinnt.“

Finn zog die Nase hoch. „Geduld ist wie ein Superheld ohne Cape.“

„Und ohne coole Sprüche“, ergänzte Mira.

„Doch“, sagte Finn. „Ihr Spruch ist: ‚Waaaarte maaal.‘“

Sie trugen die Kiste nach oben, und die Lichterkette klirrte leise, als hätte sie sich entschuldigt.

Kapitel 3: Sternenpfad und Küchenchaos

Als es draußen dunkel wurde, verwandelte Mira das Wohnzimmer heimlich in eine kleine Sternenwelt. Sie klebte goldene Papiersterne auf den Boden, einen nach dem anderen, wie Brotkrumen für eine Schatzsuche.

Jeder Stern bekam auf der Rückseite eine kurze Nachricht: eine Aufgabe, eine Erinnerung, ein Witz, eine Mini-Überraschung. Manche waren ganz einfach: Sag jemandem heute etwas Nettes. Andere hatten kleine Gegenstände: ein Teebeutel mit Vanilleduft, ein Zettel mit einem Familienfoto, eine winzige Glocke.

Zwischendurch musste sie in die Küche, um „unauffällig“ zu sein, was schwierig war, wenn man glitzernde Sterne in der Hosentasche hat.

Mama stand am Herd und schaute in den Ofen, als könnte sie ihn hypnotisieren. „Er macht wieder dieses Ding“, sagte sie.

„Welches Ding?“, fragte Mira.

„Er wird heiß… und dann tut er so, als wäre er beleidigt.“

Papa wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab. „Ich hab ihn überredet. Für heute hält er durch.“

„Wie überredet man einen Ofen?“, fragte Finn.

Papa hob die Augenbrauen. „Mit Respekt. Und einem Schraubenzieher.“

Mira stellte sich neben Mama. „Soll ich helfen?“

Mama lächelte müde. „Kannst du die Servietten falten? Und bitte nicht die mit den Rentieren, die waren für Weihnachten.“

Mira nahm die blauen Servietten mit den kleinen Sternen. Sie faltete sie zu Dreiecken, dann zu Fächern, dann zu etwas, das aussah wie ein missglückter Hut.

Finn schnappte sich eine Serviette und machte daraus eine Figur. „Das ist ein Servietten-Dino.“

„Er sieht aus wie ein Taschentuch, das Angst hat“, sagte Mira.

Finn stellte ihn auf den Tisch. „Er hat auch Angst. Vor Mitternacht.“

Mira musste wieder lachen. Es war ein gutes Lachen, eins, das den Druck aus dem Kopf lässt.

Dann klingelte es. Oma war da, pünktlich wie ein Uhrwerk. Sie trug einen langen Mantel und einen Korb, aus dem es nach Mandeln roch.

„Meine Lieben!“, rief Oma und drückte alle so fest, dass Mira kurz keine Luft bekam.

„Oma, du riechst nach Weihnachten“, sagte Finn.

„Das ist mein geheimer Duft“, sagte Oma. „Zimt und Abenteuer.“

Mira spürte plötzlich dieses prickelnde Gefühl: Die Überraschung durfte nicht auffliegen. Und Oma hatte Adleraugen.

„Mira“, sagte Oma, „du bist heute so… flink. Hast du Hummeln in der Tasche?“

Mira hielt automatisch ihre Hosentaschen zu. „Nur… normale Hummeln.“

Oma zwinkerte. „Dann pass auf, dass sie nicht stechen.“

Später, als Oma mit Mama in der Küche sprach, schlich Mira ins Wohnzimmer und hängte die Mond-Lichterkette auf. Als sie sie einschaltete, leuchteten die kleinen Monde warm und weich, als hätten sie sich gefreut, wieder gebraucht zu werden.

Der Sternenpfad funkelte am Boden. Mira stellte eine Schale mit Glückskeksen daneben, die sie heimlich am Vortag gekauft hatte. Sie hatte sogar kleine Zettel geschrieben: Wünsche, die nicht kitschig waren, sondern echt. Mehr Mut. Mehr Zeit. Mehr Schokoladenpudding an schlechten Tagen.

Alles war bereit.

Fast.

Denn plötzlich hörte sie ein Klirren aus der Küche.

„Oh nein“, rief Mama.

Mira rannte hin. Ein Glas war umgekippt, und Saft lief über die Arbeitsplatte wie eine rote Schlange. Finn stand daneben, die Hände hoch, als wäre er verhaftet.

„Ich hab's nicht angefasst“, sagte er schnell. „Ich hab nur… stark geguckt.“

Papa atmete tief ein. „Okay. Niemand ist verletzt. Das ist nur Saft. Wir haben Zeit.“

Zeit. Geduld. Mira griff nach einem Lappen. „Ich helfe.“

Sie wischten zusammen auf, langsam und gründlich. Oma reichte Papierhandtücher wie eine Dirigentin.

„So“, sagte Oma, als alles sauber war. „Das war die Generalprobe für das neue Jahr: Chaos kommt, wir bleiben freundlich.“

Mira nickte. Ihr Plan war ein Sternenpfad. Aber vielleicht war die eigentliche Überraschung, wie man zusammen durch kleine Katastrophen geht, ohne zu knallen wie ein Böller.

Kapitel 4: Die Stunde der kleinen Wunder

Um sieben stellte Mira alle ins Wohnzimmer, als würde sie eine Fernsehshow moderieren.

„Familie!“, sagte sie feierlich.

Papa setzte sich aufs Sofa. „Oh oh. Das klingt nach Präsentation.“

„Keine Angst“, sagte Mira. „Es ist Silvester. Und ich hab… etwas vorbereitet.“

Finn sprang aufgeregt. „Ich war Helfer! Ohne zu ziehen!“

Oma schob ihre Brille hoch. „Jetzt bin ich neugierig.“

Mira deutete auf den Boden. Die goldenen Sterne glitzerten im Mondlicht der Lichterkette.

„Das ist unser Sternenpfad“, erklärte Mira. „Jede Stunde gehen wir zusammen einen Stern weiter. Auf der Rückseite steht eine kleine Aufgabe oder Überraschung. So warten wir nicht einfach auf Mitternacht – wir machen den Weg dorthin.“

Mama schaute erst auf die Sterne, dann auf Mira. Ihr Blick wurde weich. „Das ist wunderschön.“

Papa hob die Hand. „Gibt es Regeln?“

„Ja“, sagte Mira. „Erstens: Niemand macht sich über die Aufgabe lustig. Zweitens: Wir machen alles gemeinsam. Drittens: Geduld. Der nächste Stern erst, wenn die Uhr es sagt.“

Finn stöhnte leise. „Geduld schon wieder.“

„Ja“, sagte Mira. „Geduld ist heute der Chef.“

Sie gingen zum ersten Stern. Mira drehte ihn um und las: „19:00 — Jeder sagt eine Sache, die er im alten Jahr gelernt hat.“

Papa räusperte sich. „Ich habe gelernt, dass ein Ofen Gefühle haben kann.“

Mama lachte. „Ich habe gelernt, dass man nicht alles perfekt machen muss, damit es schön wird.“

Oma nickte. „Ich habe gelernt, dass ich mit siebzig noch neue Lieder im Radio mögen kann. Auch wenn sie sich anhören wie laufende Waschmaschinen.“

Finn dachte lange nach. Man konnte sehen, wie es in ihm arbeitete. Dann sagte er: „Ich habe gelernt, dass Knoten… irgendwann aufgeben.“

Mira spürte Wärme im Bauch. „Und ich habe gelernt, dass Warten leichter wird, wenn man es füllt.“

Die nächste Stunde verging mit Spielen: „Stadt-Land-Neujahr“, bei dem man Wörter finden musste, die mit „N“ anfangen, und Oma gewann mit „Nebelkrähe“, als hätte sie das Wort seit Jahren im Ärmel.

Um acht kam Stern zwei: „20:00 — Jeder schreibt einen Wunsch auf und legt ihn in die Wunschdose.“

Mira hatte eine alte Keksdose mit Sternen beklebt. Jeder schrieb. Finn malte statt zu schreiben, aber das zählte. Papa faltete seinen Zettel so klein, als wollte er ihn unsichtbar machen.

„Willst du verraten, was du geschrieben hast?“, fragte Mira.

Papa schüttelte den Kopf. „Wünsche sind scheu. Die muss man in Ruhe lassen.“

Um neun: Stern drei. „21:00 — Glückskeks-Zeit.“

Sie knackten die Kekse. Mama las: „Dein Lächeln ist ansteckend.“

„Das stimmt“, sagte Oma. „Ich hab mich schon angesteckt.“

Finns Zettel: „Heute findest du etwas, das du längst gesucht hast.“

Finn riss die Augen auf. „Vielleicht meine zweite Socke!“

Mira bekam: „Geduld öffnet Türen.“ Sie rollte die Augen, aber sie musste grinsen. „Okay, Universum. Ich hab's verstanden.“

Um zehn: Stern vier. „22:00 — Eine Minute still sein und zuhören.“

„Still?“ Finn klang, als hätte man ihm das Springen verboten.

„Nur eine Minute“, sagte Mira.

Sie setzten sich. Eine Minute kann lang sein, wenn man sie nicht mit Worten füllt. Mira hörte das Ticken der Uhr, das leise Summen der Lichterkette, den Wind am Fenster. Irgendwo draußen knallte schon ein früher Böller.

Und in der Stille merkte Mira: Das hier war auch ein Wunder. Dass alle zusammen saßen. Dass niemand gerade irgendwen anmeckerte. Dass die Zeit nicht wegrannte, sondern neben ihnen saß wie eine Katze.

Als die Minute vorbei war, sagte Oma leise: „Das war wie Schnee. Ganz sanft.“

Mira nickte. „Und ein bisschen magisch.“

Kapitel 5: Fast-Mitternacht und der wackelige Ofen

Kurz vor elf begann die Küche wieder zu rebellieren. Der Ofen piepte, als wäre er beleidigt worden.

Papa stöhnte. „Nicht jetzt.“

Mama sah auf die Uhr. „Die Käse-Stangen sind noch drin…“

Mira stand zwischen Wohnzimmer und Küche wie an einer Kreuzung. Ihr Sternenpfad war wunderschön, aber wenn das Essen verbrannte, würde niemand mehr an Sterne denken.

„Ich kann helfen“, sagte Mira sofort.

Papa kniete am Ofen. „Kannst du die Taschenlampe holen?“

Mira rannte, holte sie, hielt sie so, dass Papa sehen konnte, was er tat. Finn stand daneben und flüsterte: „Ich kann den Ofen anbrüllen.“

„Nein“, sagte Mira und musste dabei lachen. „Wir bleiben freundlich. Ofen sind empfindlich.“

Oma kam mit ihrer ruhigen Art dazu. „Ich kann die Käse-Stangen zur Not im Topf retten“, sagte sie, als wäre das ein ganz normaler Plan.

Papa drehte an einem Knopf, klopfte zweimal ans Blech, als würde er an eine Tür klopfen. „Bitte“, murmelte er. „Nur noch eine Stunde.“

Der Ofen antwortete mit… Wärme. Kein Piepen mehr. Als hätte er sich geschämt.

„Er hat nachgegeben“, sagte Finn ehrfürchtig.

„Geduld“, sagte Mira und zwinkerte.

Sie holten die Käse-Stangen heraus. Sie waren genau richtig: knusprig, duftend, goldbraun wie kleine Bretter für ein Piratenschiff.

Um elf gingen sie zum nächsten Stern.

„23:00 — Jeder bekommt eine Aufgabe für den Countdown“, las Mira.

Mama: „Du bist die Getränkemeisterin.“

Papa: „Du bist der Zeitwächter.“

Oma: „Du bist die Konfetti-Königin.“

Finn: „Du bist der Witzemacher.“

Finn salutierte. „Ich habe schon einen: Warum können Kalender nicht lügen? Weil man ihnen die Tage abzählt!“

Papa stöhnte. Mama lachte. Oma klatschte. Mira fühlte, wie die Nervosität in ihr zappelte. Bald würde Mitternacht sein. Bald würde ihr Plan sich beweisen.

Sie legten den letzten Stern bereit, direkt vor dem Fenster, damit man danach die Lichter draußen sehen konnte.

Draußen wurde es lauter. Man hörte Stimmen, Schritte im Schnee, das entfernte Knistern von Feuerwerkskörpern. Drinnen roch es nach Käse, Tee und einem Hauch von Kerzenwachs.

Mira schaute auf ihre Familie. Papa, der die Uhr wie ein Kapitän im Blick hatte. Mama, die Gläser füllte. Oma, die eine kleine Dose Konfetti in der Hand drehte, als wäre es ein Zaubertrank. Finn, der auf seinen Witz wartete wie auf seinen Auftritt.

Und Mira selbst – sie war plötzlich ganz ruhig. Als würde der Sternenpfad nicht nur auf dem Boden liegen, sondern auch in ihr.

Kapitel 6: Der leise Absatz ins neue Jahr

„Noch fünf Minuten“, sagte Papa.

Finn hüpfte auf der Stelle. „Ich kann nicht warten!“

Mira legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Du musst nicht stillstehen. Du musst nur… durchhalten.“

„Durchhalten ist wie warten mit Muskeln“, murmelte Finn.

„Genau“, sagte Mira.

„Eine Minute!“, rief Papa.

Alle stellten sich ans Fenster. Draußen glitzerten schon erste Raketen, als würden bunte Blumen im Himmel aufgehen und gleich wieder verschwinden.

„Zehn!“, rief Papa.

„Neun!“, rief Mama.

„Acht!“, rief Finn.

„Sieben!“, sagte Oma, und ihre Stimme klang wie eine warme Decke.

„Sechs!“, sagte Mira und spürte ihr Herz klopfen, aber nicht hektisch – eher wie ein Trommelwirbel, der weiß, dass gleich etwas Schönes kommt.

„Fünf! Vier! Drei! Zwei! Eins!“

„Frohes neues Jahr!“, riefen sie durcheinander.

Oma schüttelte Konfetti, das wie bunte Schneeflocken durch das Wohnzimmer tanzte. Mama drückte Mira an sich. Papa lachte, ein echtes, lautes Lachen. Finn machte seinen besten Jubelschrei und klang dabei wie eine Sirene, die gute Nachrichten hat.

Draußen explodierten Farben. Rot, Grün, Gold. Der Himmel war kurz ein riesiges Bild, das niemand behalten konnte.

Mira trat auf den letzten Stern und drehte ihn um. Ihre Finger zitterten ein bisschen, nicht vor Kälte, sondern vor diesem Gefühl: Jetzt.

Sie las: „00:01 — Bevor wir reden: Wir hören dem neuen Jahr zu.“

Finn wollte etwas sagen, aber Mira zeigte nur auf den Zettel. Finn presste die Lippen zusammen, als würde er eine Zitrone küssen.

Sie machten das Licht im Wohnzimmer aus. Nur die Mond-Lichterkette blieb an und legte weiche Kreise an die Wände. Draußen knallte es noch, aber weiter weg. Als würde die Welt sich langsam beruhigen.

Sie standen zusammen, Schulter an Schulter, und schauten in die Nacht.

Mira hörte das leise Atmen ihrer Familie. Papas ruhiges Ausatmen. Mamas kleines Seufzen, als würde sie loslassen. Finns ungeduldiges Schnaufen, das aber trotzdem still blieb. Und Omas Atem, gleichmäßig wie eine Uhr, die freundlich ist.

In diesem Moment fühlte sich das neue Jahr nicht wie ein Sprung an, sondern wie ein Absatz. Ein leiser Schritt über eine unsichtbare Schwelle. Kein Knall in Miras Kopf, nur ein sanftes „Jetzt“.

Nach einer Weile flüsterte Oma: „So klingt ein Anfang.“

Mira flüsterte zurück: „Und so fühlt sich Geduld an.“

Finn hob langsam die Hand. „Darf ich jetzt reden?“

Mira nickte.

Finn sagte ganz ernst: „Ich wünsche mir, dass wir das nächstes Jahr wieder machen. Mit Sternen. Und ohne Krakenknoten.“

Papa legte den Arm um Mira. „Das war dein Werk, Mira. Danke.“

Mira spürte, wie ihr Gesicht warm wurde. Sie schaute auf die goldenen Sterne am Boden, auf die kleinen Monde über ihnen, auf das Konfetti, das langsam zur Ruhe kam.

Und während draußen die letzten Feuerwerksblumen verblassten, blieb drinnen etwas Helles zurück: das Gefühl, dass man nicht alles sofort haben muss, um glücklich zu sein. Manchmal reicht es, gemeinsam zu warten – und dabei zu merken, wie schön der Weg ist.

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Knirschte
Ein Geräusch, das entsteht, wenn etwas Hartes auf hartem Boden reibt, zum Beispiel Schnee unter Schuhen.
Geheimprojekt
Ein Plan oder Vorhaben, das man nicht sofort anderen erzählen will.
Ideen-Aquarium
Name für Miras Notizbuch, in dem ihre Gedanken wie Fische gesammelt werden.
Geduld
Ruhig warten können, ohne sich zu ärgern oder alles sofort zu wollen.
Knoten
Wenn etwas, zum Beispiel Schnur oder Kabel, verheddert und fest zusammenliegt.
Generalprobe
Eine letzte Übung vor dem wichtigen Moment, damit alles klappt wie geplant.
Konfetti
Viele kleine bunte Papierstückchen, die man bei Feiern in die Luft wirft.
Hypnotisieren
Jemanden so anschauen oder beschäftigen, dass er sehr aufmerksam oder still wird.
Dirigentin
Eine Frau, die ein Orchester oder eine Gruppe mit Händen führt und den Takt zeigt.
Absatz
Hier: ein leiser Schritt oder Übergang, wie ein ruhiger Beginn eines neuen Jahres.

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