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Weltraumfantasie 11/12 Jahre Lesen 24 min.

Der Sternenfaden und das Knotenherz von Knoten Sieben

Jorin, ein Golemdresseur, folgt einer geheimnisvollen Lichtspur in ein Depot und entdeckt ein beschädigtes Knotenherz, das einen wichtigen Sprungweg verbindet; er muss entscheiden, ob er die Verantwortung übernimmt und das Risiko eingeht, es zu reparieren.

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Ein etwa 28-jähriger Mann, Jorin, rundes Gesicht, zerzauste braune Haare, konzentrierter, entschlossener und leicht erstaunter Blick, führt vorsichtig einen silbrig leuchtenden Energiestrang zu einer großen leuchtenden Spule; neben ihm der große, schrankgroße humanoide Golem-Begleiter Brummel mit patinierten Metallflächen und sternfunkelnden Linsenaugen, in stützender, schützender Haltung mit ausgefahrenen Armwerkzeugen; einige Schritte hinter ihnen kommt die etwa 32-jährige Technikerin Mares im grauen Mantel mit ernst-neugierigem Blick die Treppe hinab und hält ein leuchtendes Tablet, sie überwacht die Szene; ein kleiner sekundärer Gegenstand, das Knotenherz, eine schwebende Lichtkugel in einer verstärkten Holzkassette mit gold-blauen Pulssignalen, liegt bei der Spule; Schauplatz ist ein unterirdischer Barrierenkern in einem Weltraumdepot mit verschlungenen Leitungen, cyan- und magentaleuchtenden Runen, kupfernen Rohren, metallischem Staub, kaltem Neonlicht und warmen Funken des Energiestrangs; Szene: Jorin verbindet präzise den Energieleiter zur runischen Spule, Brummel stabilisiert, Mares überwacht — angespannte, heroische Atmosphäre mit Schatten- und Reflexspiel auf Metall, dezenten Funken und leichter Dampfwolke. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Spur aus Licht

Nachtschicht roch im Logistikdepot „Knoten Sieben“ nach Metallstaub, warmem Öl und einem Hauch Ozon, als hätte jemand gerade einen Blitz in eine Flasche gesperrt. Über den Lagergängen schwebten Laternen-Drohnen und warfen milchige Kreise auf Kisten, Paletten und schlafende Maschinen.

Jorin Veld war trotzdem gut gelaunt. Er pfiff eine Melodie, die er selbst nie ganz zu Ende kannte, und klopfte seinem liebsten mechanischen Golem auf die Schulterplatte.

„Na, Brummel? Bereit fürs Training?“

Der Golem, so groß wie ein Kleiderschrank auf Beinen, antwortete mit einem zufriedenen Schnaufen aus seinem Dampfventil. Seine Augen waren zwei runde Linsen, in denen kleine Sterne tanzten – nicht echt, aber so programmiert, dass Jorin jedes Mal lächeln musste.

Jorin war ein Golemdresseur. Das klang für Fremde oft wie „Zirkus“, nur dass seine Tiere aus Zahnrädern, Runenplatten und Lichtfasern bestanden. Er konnte sie beruhigen, motivieren, sogar trösten – und das war in einem Depot wichtiger, als die meisten Sicherheitsleute zugaben. Wenn eine Hebeklaue durchdrehte oder ein Sortierarm zu schnell wurde, war es Jorin, der mit einem passenden Befehl und der richtigen Geste die Situation rettete.

Heute jedoch war etwas anders.

Zwischen zwei Stapeln versiegelter Container flackerte eine Lichtspur auf – dünn wie ein Spinnfaden, hell wie Mondglas. Sie zog sich über den Boden, als hätte jemand eine leuchtende Kreide gezogen. Dann stieg sie ein Stück in die Luft, bog um eine Stütze und verschwand hinter einem Regal.

Jorin blieb stehen. Sein Pfeifen verstummte.

„Hast du das gesehen?“ fragte er Brummel.

Brummel neigte den Kopf. Seine Linsen schärften sich, ein leises Klick-Klick wie bei einer Kamera. Dann hob er eine Hand und malte eine kurze Rune in die Luft: ein Zeichen für „Unbekannt“.

„Na toll.“ Jorin grinste trotzdem, aber das Grinsen war vorsichtig. „Unbekannt heißt entweder: Geschenk. Oder Ärger.“

Aus dem Lautsprecher an der Decke knisterte die Stimme der Depot-KI, neutral wie immer: „Hinweis: Unautorisierte Lichtemission in Gang D-19. Bitte melden Sie an die Aufsicht.“

Jorin hob die Hand. „Schon gut, Kira. Ich… äh… ich schau nach.“

Er wusste, dass er eigentlich die Aufsicht holen sollte. Verantwortung, Regeln, bla bla. Aber er wusste auch: Wenn die Aufsicht kam, würden erst Formulare und dann noch mehr Formulare kommen. Und die Spur… die wirkte nicht wie ein Defekt. Sie wirkte wie eine Einladung.

„Brummel, bei Fuß. Und leise.“

Brummel setzte sich in Bewegung. Seine Füße waren mit Dämpfern versehen und machten nur ein sanftes „Tump“. Gemeinsam folgten sie dem Lichtfaden, der über den Boden lief wie ein kleines Stück Sternenstraße, das sich im Depot verirrt hatte.

Kapitel 2: Die Barrieren singen

Die Spur führte tiefer ins Depot, dorthin, wo die wertvollsten Lieferungen lagerten: arkanotechnische Kerne, Zauberbatterien, Ersatzteile für Sprungtore. Um diesen Bereich zog sich eine Barrierewand – durchsichtig wie Wasser, aber voller schimmernder Symbole, die sich ständig neu ordneten.

Jorin kannte die Barrieren. Sie waren nicht nur Technik und nicht nur Magie, sondern beides zusammen, wie zwei Stimmen, die im selben Lied singen. Er hatte gelernt, ihre „Töne“ zu lesen: ein sanftes Summen bedeutete „alles sicher“, ein hartes Sirren bedeutete „Finger weg“.

Jetzt summte es… und doch war ein zweiter Klang darunter. Ein ganz leiser Takt, als würde jemand mit einem Nagel gegen Glas tippen.

Die Lichtspur schlängelte sich direkt auf die Barriere zu.

„Halt.“ Jorin packte Brummels Arm. „Da kommen wir nicht durch.“

Brummel hob die andere Hand und zeichnete wieder eine Rune. Dieses Mal sah sie aus wie ein Fragezeichen mit Ecken: „Warum nicht?“

Jorin schnaubte. „Weil ich nicht wegen Neugier im Barrierenetz stecken will. Und weil ich heute Nacht nicht als gegrillter Golemdresseur enden möchte.“

Genau in dem Moment flackerte die Lichtspur auf. Sie verdichtete sich, wurde breiter, und für einen Herzschlag sah Jorin etwas darin: eine kleine Sternkarte, die sich drehte. Dann sprang ein Funke heraus und landete auf der Barriere wie ein Wassertropfen.

Die Barriere reagierte nicht mit Alarm.

Stattdessen öffnete sich ein Spalt – nur so breit wie Jorins Hand. Die Symbole glitten auseinander, als machten sie höflich Platz.

Jorin starrte. „Das… ist nicht möglich.“

Kira knisterte wieder aus dem Lautsprecher: „Warnung: Barrierenfeldsegment D-19 zeigt unplanmäßige Öffnung.“

„Ja, danke!“ zischte Jorin, dann biss er sich auf die Lippe. Verantwortung. Regeln. Und doch: Da war ein Spalt, der sich wie eine Tür anfühlte, die seinen Namen kannte.

Er atmete tief ein. „Okay. Wir gehen da nicht einfach rein. Wir… prüfen.“

Er kniete sich hin, zog aus seiner Jacke einen Runenprüfer – ein kleines Gerät, das aussah wie ein Stift mit Kristallspitze. Er hielt ihn an den Spalt. Der Kristall leuchtete grün. Keine Giftenergie, kein Paradox, keine Falle.

„Brummel, du zuerst. Wenn du explodierst, war's wenigstens lehrreich.“

Brummel machte ein empörtes Zischen, schob sich aber durch den Spalt. Er glitt hindurch, als wäre die Barriere für ihn aus Samt. Auf der anderen Seite blieb er stehen und winkte Jorin mit einer metallischen Hand heran, als hätte er gerade ein neues Spiel entdeckt.

Jorin schluckte. „Na schön. Aber langsam.“

Er schob sich durch. Für einen Moment prickelte es auf seiner Haut, wie wenn man zu nah an einer statischen Kugel steht. Dann war er drinnen.

Hinter der Barriere lag ein Bereich, der sonst nur mit Genehmigung betreten werden durfte. Hier standen Kisten mit Siegeln, die im Dunkeln glühten. Die Luft war kühler, und irgendwo tickte ein Chronometer so laut, als würde er absichtlich nerven.

Die Lichtspur führte zu einem Container ohne Beschriftung. Nur ein Symbol war darauf: ein Kreis, durchzogen von einer Linie, wie ein Auge, das blinzelt.

„Wer bist du?“ murmelte Jorin und legte die Hand auf den Container.

Das Metall war warm.

Und dann klopfte es von innen.

Kapitel 3: Der Container, der flüstert

Jorin riss die Hand zurück. Brummel stellte sich breitbeinig davor, als könnte er mit seinem Körper einen ganzen Sternenkrieg aufhalten.

„Ganz ruhig“, flüsterte Jorin, obwohl sein Herz gerade so tat, als wolle es aus seinem Brustkorb ausziehen. „Vielleicht ist es nur ein… äh… sehr lebendiges Ersatzteil.“

Er beugte sich vor. „Hallo?“

Eine Stimme kam nicht direkt, sondern vibrierte im Metall, wie ein Lied, das man durch eine Wand hört: „Faden… verloren…“

Jorin blinzelte. „Was?“

„Faden… verbinden… sonst… drift.“

Das Wort „drift“ klang, als würde es über unendlich viel Leere rollen.

Jorin schaute auf die Lichtspur. Sie endete genau hier, am Container, und flackerte, als würde sie müde werden.

„Kira!“ rief Jorin nach oben, obwohl er wusste, dass die Lautsprecher hier gedämpft waren. „Kannst du mir sagen, was in diesem Container ist?“

Ein Moment Stille, dann: „Unbekannt. Registrierung: gelöscht.“

„Gelöscht?“ Jorin kratzte sich am Kopf. „Das ist ja beruhigend.“

Brummel klopfte mit dem Finger gegen den Container. „Tok. Tok.“

„Nicht klopfen!“ Jorin schlug ihm leicht auf die Hand. „Wenn da drin was empfindlich ist—“

Aus dem Container kam ein leises Lachen. Es klang erstaunlich jung, fast frech. „Empfindlich… ja. Aber nicht aus Glas.“

Jorin zog die Augenbrauen hoch. „Hör zu, Stimme. Ich bin Jorin. Das ist Brummel. Wir sind nicht… also, wir sind nicht offiziell hier. Was willst du?“

„Lichtspur… du folgst… gut. Verantwortlich…?“

Jorin verzog das Gesicht. „Ähm. Teils? Ich folge der Spur, ja. Verantwortlich… ich versuche es.“

„Dann… öffne.“

„Öffnen?“ Jorin starrte den Container an. Die Siegel leuchteten schwach. Sie waren nicht gebrochen, eher… als warteten sie.

Das Depot hatte Regeln. Siegel brechen war ein Kündigungsgrund. Und schlimmer: Ein Sicherheitsrisiko.

Jorin stellte sich vor, wie die Aufsicht ihn ansah. Wie Kira einen Bericht ausspuckte. Wie sein Job, sein kleines Zimmer über dem Depot und Brummels Wartungsbudget in einem großen „Nein“ verschwanden.

Er atmete aus. „Ich kann dich nicht einfach öffnen. Ich muss wissen, dass… dass nichts Schlimmes passiert.“

„Schlimm… passiert, wenn… nicht.“

Das war nicht besonders hilfreich.

Brummel zeichnete eine Rune in die Luft, die Jorin kannte: „Mut“. Dann eine zweite: „Vorsicht“. Dann eine dritte, die aussah wie ein kleines Seil: „Verbinden“.

Jorin musste lachen, obwohl es eher ein Quieken war. „Du bist heute poetisch, was?“

Er kniete sich hin und betrachtete die Siegel genauer. Sie waren keine reinen Sicherheitssiegel. Es waren Bindesiegel – dazu da, etwas zu halten, bis jemand den richtigen „Schlüssel“ brachte.

„Okay“, murmelte er. „Wenn du ein Bindesiegel bist… dann brauchst du eine Bindung, um aufzugehen.“

Die Lichtspur flackerte und stieg an Jorins Hand hoch, ohne zu brennen. Sie kringelte sich um seinen Finger wie ein Faden aus Sternenstaub.

„Aha“, sagte Jorin langsam. „Du willst… dass ich dich halte.“

„Nicht halten… führen“, vibrierte die Stimme. „Faden… zurück… an Knoten.“

Jorin sah auf den Boden. Die Lichtspur führte nicht nur zu diesem Container. Sie wollte weiter. Nur wusste sie offenbar nicht mehr wohin.

„Na schön“, sagte Jorin. „Aber wir machen das richtig. Brummel: Sicherheitsmodus. Und Kira…“

„Ja?“ knisterte die KI.

Jorin schluckte. Verantwortung bedeutete auch, Hilfe zu holen. „Protokoll: Ich melde einen möglichen Fehltransport im Barrierenbereich. Ich… untersuche ihn. Bitte logge das.“

Es war ein kleiner Schritt, aber er fühlte sich an wie ein Anker.

„Protokoll erstellt“, sagte Kira. „Hinweis: Untersuchung ohne Aufsicht ist nicht empfohlen.“

„Schon klar.“

Jorin legte die Hand auf das Siegel. Der Sternenfaden um seinen Finger glühte heller. Die Symbole auf dem Container begannen sich zu drehen, als würden sie ein Schloss suchen, das sie öffnen durften.

Mit einem leisen Seufzen – als hätte das Metall sehr lange die Luft angehalten – sprang der Container auf.

Innen drin lag kein Monster und keine Bombe, sondern ein kleines Gerät, kaum größer als eine Brotdose. Es bestand aus dunklem Holz, das mit Metallbändern verstärkt war, und in der Mitte schwebte eine Kugel aus Licht. Die Kugel pulsierte wie ein Herz.

Und daran hing: ein abgerissener, glimmender Faden.

„Da bist du ja“, sagte die Stimme, jetzt klarer. Sie kam aus der Kugel. „Endlich.“

Kapitel 4: Der Sternenfaden und die Entscheidung

Jorin beugte sich über das Gerät. Die Lichtkugel zeigte winzige Bilder, wie Spiegelungen in einer Seifenblase: ein Tor aus Runenstahl, ein Schiff mit Segeln aus Energie, ein dunkler Spalt im All, der aussah wie ein aufgerissener Mund.

„Was bist du?“ fragte Jorin leise.

„Ein Knotenherz“, sagte die Kugel. „Für Sprungwege. Damit Schiffe nicht… falsch landen. Ich war… unterwegs. Dann… Schnitt.“

Jorin betrachtete den abgerissenen Faden. Er glimmte an der Spitze, als würde er sich nach etwas sehnen.

„Und du willst, dass ich dich wieder verbinde.“

„Ja. Sonst driftet ein Weg. Und jemand… kommt nicht an.“

Das Depot „Knoten Sieben“ war ein Umschlagplatz. Hier liefen Dinge zusammen, die durch Raum und Zauber reisten. Ein falsch „driftender“ Sprungweg konnte bedeuten, dass eine Lieferung im Nichts verschwand. Oder ein Schiff.

Jorin spürte, wie sein Lächeln verschwand. Plötzlich war das kein Abenteuer mehr, sondern ein Problem mit Gewicht.

Brummel machte ein ernstes Geräusch, ein tiefes „Grom“, das er sonst nur zeigte, wenn schwere Lasten wackelten.

„Okay“, sagte Jorin. „Wenn das stimmt, dann ist das wichtig. Aber warum liegst du hier? Wer hat dich gelöscht?“

Die Kugel flackerte, als würde sie nach Worten suchen. „Jemand… wollte den Weg… nutzen. Ohne Verantwortung.“

Jorin stieß die Luft aus. „Aha. Jemand wollte eine Abkürzung. Und hat dich aus dem System genommen.“

Er sah auf die Barriere. Der Spalt war noch da, aber die Symbole zitterten. Kira hatte sicher längst die Sicherheitsroutine hochgefahren. Wenn der Spalt sich schloss, saßen sie hier fest – mit einem geheimnisvollen Knotenherz und einem abgerissenen Faden.

„Wie verbindet man dich?“ fragte Jorin.

„Faden… an Barriere-Kern. Dort ist… die Spule.“

Jorin kannte den Barriere-Kern: ein arkanotechnischer Schacht, in dem die Energieflüsse des Depots zusammenliefen. Normalerweise durfte man ihn nur mit Handschuhen, Genehmigung und sehr viel Respekt anfassen.

Er sah Brummel an. „Das ist ein großer Schritt.“

Brummel zeichnete eine Rune: „Richtig“.

Jorin grinste schief. „Du musst nicht immer recht haben.“

Dann nahm er das Knotenherz vorsichtig aus dem Container. Es war überraschend schwer, als würde es mehr enthalten als Licht. Die Kugel in der Mitte summte und die Lichtspur, die bisher am Boden lag, löste sich wie Nebel und wickelte sich um Jorins Handgelenk. Ein leuchtendes Band, weich und warm.

„Führ mich“, murmelte Jorin.

Das Band zog sanft in eine Richtung. Nicht wie ein Seil, das zerrt, eher wie ein Freund, der sagt: „Hier lang.“

Sie gingen. Zwischen Kisten und Regalen, vorbei an schlafenden Staplern und stillen Schwebebahnen. Die Laternen-Drohnen flackerten, als würden sie neugierig hinterherschauen.

Am Ende des Gangs stand eine Tür aus dunklem Glas, darauf ein Zeichen: zwei Kreise, verbunden durch eine Linie. Verbindung. Knoten.

„Natürlich“, sagte Jorin trocken. „Ausgerechnet da rein.“

Kira meldete sich wieder, diesmal schärfer: „Jorin Veld, Sie befinden sich in einem Sicherheitsbereich. Bitte verlassen Sie ihn umgehend.“

Jorin hob die Hand. „Kira, ich weiß. Hör zu: Ich habe ein Knotenherz gefunden. Es ist gelöscht. Es behauptet, ein Sprungweg driftet, wenn wir es nicht verbinden.“

Stille. Dann: „Unbestätigte Aussage. Risikoanalyse: hoch.“

„Ja!“ Jorin nickte, obwohl niemand ihn sah. „Und genau deshalb müssen wir es verantwortungsvoll machen. Logge, dass ich zum Barriere-Kern gehe, um das Ding zu sichern. Und… ruf die Aufsicht. Wirklich.“

Brummel machte ein zustimmendes Klick.

„Aufsicht wird informiert“, sagte Kira. „Bitte handeln Sie mit größtmöglicher Vorsicht.“

„Mach ich.“

Jorin öffnete die Tür. Dahinter führte eine Treppe hinunter in einen Schacht, in dem Leitungen wie Wurzeln an den Wänden lagen. Runen glommen in den Kabeln, und die Luft schmeckte nach kaltem Kupfer.

Das Lichtband an seinem Handgelenk leuchtete heller, als wäre es froh, dem Ziel näher zu kommen.

Kapitel 5: Der Kernschacht und der Test

Unten im Kernschacht stand eine Spule – ein ringförmiges Gerät, das aussah wie ein riesiger Garnrollenhalter. Darin liefen feine Lichtfasern zusammen, die sich zu einem Netz verbanden. Das Netz vibrierte, als wäre es ein Instrument, das ständig gespielt wurde.

„Das ist der Barriere-Kern“, flüsterte Jorin, obwohl hier niemand schlafen konnte. „Hier drin macht man nichts, ohne nachzudenken.“

„Gut“, sagte das Knotenherz. „Denk.“

Jorin schnaubte. „Sehr witzig.“

Brummel stellte sich neben die Spule und klappte einen Werkzeugarm aus. Er hatte extra Aufsätze für empfindliche Runentechnik: weiche Greifer, Erdungsstifte, kleine Spiegel.

Jorin setzte das Knotenherz vor die Spule. Das Lichtband von seinem Handgelenk löste sich und schwebte zur abgerissenen Spitze am Gerät. Sie zitterte, als müsste sie sich entscheiden, ob sie springen darf.

„Wie genau…?“ Jorin zog die Stirn kraus.

„Nicht reißen“, sagte das Knotenherz. „Nicht zwingen. Nur… anbieten.“

Jorin hielt den abgerissenen Faden zwischen zwei Fingern. Er fühlte sich wie warmer Regen an. Dann öffnete er die Hand, ganz langsam, und ließ den Faden Richtung Spule schweben.

Die Spule antwortete mit einem tiefen Ton. Die Runen auf den Leitungen flammten kurz auf, und das ganze Netz zog sich zusammen wie eine Lunge beim Einatmen.

Brummel machte ein Alarmklicken.

„Was?“ Jorin beugte sich vor.

In der Spule tauchte ein Schatten auf – nicht aus Dunkelheit, sondern aus falsch gefärbtem Licht. Ein Muster, das nicht ins Netz gehörte. Es bewegte sich wie ein Wurm in einem Apfel.

„Da ist noch jemand“, flüsterte Jorin.

„Der, der schnitt“, sagte das Knotenherz. „Er hängt… im Faden.“

Jorin spürte einen kalten Stich. Wenn sie den Faden verbanden, könnten sie den Störenfried mit hineinziehen – direkt in den Kern. Das wäre, als würde man eine Klette in ein Uhrwerk werfen.

Kira meldete sich über einen kleinen Notlautsprecher am Schacht: „Aufsicht in Ankunft. Bitte Status.“

Jorin schluckte. Jetzt kam der Moment, in dem Abenteuer und Verantwortung sich prügelten. Er konnte den Faden schnell verbinden und hoffen. Oder er konnte es stoppen und riskieren, dass der Sprungweg driftet.

Er sah Brummel an. „Ideen?“

Brummel zeichnete drei Runen nacheinander: „Trennen“, „Binden“, „Sichern“.

„Du meinst… wir fangen den Störenfried erst?“ Jorin nickte langsam. „Okay. Aber wie?“

Das Knotenherz summte. „Mit einem… filigranen Knoten.“

Jorin lachte kurz. „Natürlich. Ein Knoten. In einem Logistikdepot. Wer hätte das gedacht?“

Er zog aus seiner Tasche eine dünne Leitung – eine flexible Lichtfaser, die man sonst benutzte, um kleine Golems zu kalibrieren. Er hielt sie hoch. „Brummel, wir machen eine Schleife. Wie beim Training.“

Brummel verstand. Er hob seine Greifer, führte die Faser durch zwei Halterungen und formte eine saubere Schlinge. Jorin lenkte den abgerissenen Faden mit zwei Fingern, als würde er einen Drachen steigen lassen.

Der Schatten im Netz zuckte, als merkte er, dass man ihn beobachtete.

„Nicht zu schnell“, murmelte Jorin. „Ruhig. Wie bei einem nervösen Golem.“

Brummel gab ein beruhigendes Schnaufen. Seine Linsen wurden weich, die Sterne darin langsamer.

Jorin führte die Schlinge näher an den Schatten. Einen Moment lang schien der Schatten auszuweichen, aber der Kernschacht war eng. Das Netz vibrierte, der Ton wurde höher.

Dann – schnapp.

Die Schlinge zog sich zu. Der Schatten riss, flackerte, und für einen Augenblick hörte Jorin ein wütendes Zischen, als würde jemand durch die Zähne pfeifen.

„Gefangen“, sagte das Knotenherz.

Jorin hielt die Schlinge fest. Sie fühlte sich plötzlich schwer an, als hätte er einen Sack voller Ärger in der Hand. „Und jetzt?“

„Sichern… außerhalb“, sagte das Knotenherz. „Dann verbinden.“

Jorin nickte. „Brummel, Isolierkapsel!“

Brummel klappte eine kleine Kapsel aus seinem Rücken – ein Behälter mit Runen, die Störenergie schlucken konnten. Gemeinsam manövrierten sie die Schlinge hinein. Brummel schloss die Kapsel mit einem Klick, und die wütende Vibration verstummte.

Jorin atmete aus. „Okay. Jetzt der Faden. Und diesmal ohne Mitbringsel.“

Er hob den abgerissenen Faden an die Spule. Das Netz nahm ihn auf, sanft, fast dankbar. Die Runen auf den Leitungen wurden klar und gleichmäßig. Der Ton sank in ein ruhiges Summen.

Das Lichtband, das eben noch um Jorins Hand war, zog sich in die Spule zurück – und erschien wieder, aber jetzt als durchgehende Linie, ohne Bruch, vom Knotenherz bis ins Barrierenetz.

„Verbunden“, sagte das Knotenherz, und seine Kugel leuchtete so hell, dass Jorin kurz die Augen zukneifen musste.

Kapitel 6: Fil verbunden

Schritte hallten auf der Treppe. Die Aufsicht kam – zwei Sicherheitsleute in grauen Mänteln, begleitet von einer Technikerin mit einem Tablet und strengem Blick. Ihr Name war Mares. Jorin kannte sie: Sie konnte mit einem Blick erkennen, ob jemand eine Schraube falsch angezogen hatte oder eine Ausrede bastelte.

„Jorin Veld“, sagte Mares, ohne zu schreien, was schlimmer war. „Warum sind Sie im Kernschacht?“

Jorin hob beide Hände, das Knotenherz in der einen, die Isolierkapsel in der anderen. „Weil ein Sprungweg zu driften drohte. Und weil jemand ein Knotenherz aus der Registrierung gelöscht hat.“

Mares' Augen verengten sich. „Beweise.“

Jorin hielt ihr die Kapsel hin. „Störmuster, im Faden gehangen. Wir haben es isoliert, bevor wir verbunden haben. Kira hat alles geloggt.“

Kira bestätigte aus dem Lautsprecher: „Protokoll vorhanden. Handlung: risikoreich, Ergebnis: Stabilisierung des Barrierenetzes um 12 Prozent. Unautorisierter Eingriff im Registrierungsarchiv festgestellt.“

Mares sah kurz überrascht aus, fing sich aber schnell. „Sie haben trotzdem gegen Vorschriften verstoßen.“

Jorin nickte. „Ja. Und ich nehme die Konsequenzen. Aber ich wollte nicht raten, ob es wichtig ist. Es war wichtig.“

Für einen Moment war nur das Summen des Barrierenetzes zu hören, gleichmäßig wie Atem.

Mares seufzte. „Verantwortung heißt nicht, alles allein zu machen.“

Jorin nickte erneut, diesmal langsamer. „Stimmt. Darum habe ich dich rufen lassen, sobald ich verstanden habe, was los ist.“

Mares' Blick wanderte zum Knotenherz. Die Lichtkugel pulsierte ruhig. An seiner Seite leuchtete nun ein dünner, stabiler Faden, der in die Spule führte – ein sichtbarer Beweis dafür, dass etwas wieder zusammengehörte.

„Wir bringen das ins Labor“, entschied Mares. „Und die Kapsel zur Analyse. Jorin… Sie bekommen eine offizielle Verwarnung. Und…“

Jorin verzog das Gesicht. „Und?“

„Und“, sagte Mares, „Sie werden ab morgen in die Schulung für Barrierenotfälle aufgenommen. Offenbar haben Sie Talent. Aber Talent ohne Regeln ist nur Glück.“

Jorin musste lachen, diesmal echt. „Das ist… fair.“

Brummel machte ein zufriedenes „Tump“ und zeichnete eine kleine Rune, die Jorin als „Guter Job“ kannte.

Als sie den Kernschacht verließen, sah Jorin noch einmal zurück. Das Netz glühte ruhig. Kein Zittern. Kein fremder Schatten. Der Weg da draußen, irgendwo zwischen Sternen und Zaubersprüngen, würde nicht driftend ins Nichts rutschen.

Und an seinem Handgelenk blieb etwas zurück: nicht die ganze Lichtspur, aber ein winziges Leuchten, wie ein Erinnerungsfaden.

„Du hast mich geführt“, flüsterte er.

Das Knotenherz summte leise, als würde es lächeln. „Und du… hast verbunden.“

Oben im Depot surrten die Laternen-Drohnen wieder gleichmäßig. Paletten schwebten in ordentlichen Bahnen. Brummel schlenderte neben ihm her, als wäre alles nur ein etwas aufregender Spaziergang gewesen.

Jorin jedoch spürte, dass die Nacht ihn verändert hatte. Abenteuer war schön. Magie und Technik waren wundervoll. Aber das Wichtigste war der Moment gewesen, als er nicht nur der Spur gefolgt war – sondern entschieden hatte, wie.

Ein verbundener Faden hielt mehr als Licht zusammen. Manchmal hielt er auch ein Versprechen.

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Logistikdepot
Ein großer Ort, wo viele Waren sortiert und gelagert werden.
Laternen-Drohnen
Fliegende Geräte mit Licht, die wie kleine Lampen über Dinge wachen.
Golem
Eine Maschine oder Figur aus Metall, die wie ein Tier oder Helfer wirkt.
Dampfventil
Ein Teil an Maschinen, das heißen Dampf raus- oder reinlässt.
Runenplatten
Flache Stücke mit alten Zeichen, die magische Kräfte halten können.
Lichtfasern
Dünne, leuchtende Fäden, die Licht oder Energie leiten.
Barrierewand
Unsichtbare oder sichtbare Schutzwand, die Bereiche abschirmt.
Barrierenfeldsegment
Ein Teil einer großen Schutzwand oder eines Schutzfeldes.
Runenprüfer
Ein Werkzeug, das prüft, ob magische Zeichen in Ordnung sind.
Bindesiegel
Ein Zeichen, das etwas verschließt oder zusammenhält.
Barriere-Kern
Der zentrale Teil einer Schutzwand, wo die Energie zusammenläuft.
Kernschacht
Ein tiefer Schacht oder Raum, wo der Kern einer Anlage liegt.
Isolierkapsel
Ein Behälter, der gefährliche oder störende Dinge sicher abschirmt.
Registrierung
Die Liste oder Datei, in der Dinge offiziell eingetragen sind.
Protokoll
Ein schriftlicher Bericht, der festhält, was passiert ist.

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