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Weltraumfantasie 11/12 Jahre Lesen 23 min.

Der Mondriss-Kompass und das Schublied an der Nachtkante

Der hyperspationale Kartograf Lior folgt einer geheimnisvollen Route, die der Phasenkranz im Museum aufzeigt, und begibt sich mit seiner Kollegin Nera in eine seltsame Zwischenwelt, um ein verstimmtes Triebwerkslied zu finden und die wachsende Staublücke zu erforschen.

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Lior, entschlossen und zitternd, schmales Gesicht, zerzauste braune Haare, staubverschmierte leichte Jacke, hält einen kleinen leuchtenden Mondkompass in der linken Hand und singt leise zu einer riesigen Maschine; hinter ihm links steht Nera, etwa 30, besorgt aber stolz, kurz an den Schläfen ergraut, Techniker-Mantel, Arme verschränkt, mit eingeschalteter Raumtaschenlampe; rechts ein nichtmenschlicher Wächter, bewegliche Statue aus poliertem Metall und Stein mit einer Glassmaske, in der Nebel wirbelt, reglos und aufmerksam; Ort: schwebende dunkle Felsinseln über einem tiefblauen Nebelmeer, durchsichtige Dampfstege, silberne Rohre und Trümmer, im Zentrum ein riesiges Triebwerk aus Metall und Kristall mit violetter, musikalischer Flamme; Szene: Lior am Rand einer Plattform singt den Wahrheitston, um das heftig singende Triebwerk zu stimmen, während schwarze Raumsplitter fallen und die Flamme allmählich zur Ruhe kommt; Stil: sanfte Aquarellpalette in Blau, Violett und Grau, Silber- und Goldakzente, feine Konturen, deutliche Mimik. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Halle der Triebwerksherzen

Wenn man lange genug zwischen alten Maschinen lebt, fangen sie an, zurückzustarren.

So fühlte es sich jedenfalls für Lior Vask an, während er durch die Museumsstation Kalliope ging. Über ihm schwebten Triebwerksglocken wie riesige bronzene Blumen. Unter Glas ruhten Antriebskerne, die aussahen wie eingefrorene Blitze. Und überall zog sich das leise Summen durch die Gänge, als würde die Station im Schlaf sprechen.

Lior war kein gewöhnlicher Museumsführer. Er war hyperspatialer Kartograf — ein Spezialist für Wege, die man nicht sehen konnte. Seine Karten bestanden aus Zahlen, Sternnamen und … einem merkwürdigen Gefühl in der Brust, das ihm manchmal zuflüsterte: Hier entlang. Oder: Da nicht.

„Du gehst schon wieder ohne Frühstück los“, rief die Archivarin Nera ihm nach. Ihre Stimme klang, als hätte sie einmal zu oft staubige Hologramme eingeatmet.

Lior drehte sich um und tippte an seinen Gürtel, an dem ein zusammengefalteter Sternenatlas hing. „Ich frühstücke mit Koordinaten.“

„Koordinaten machen nicht satt.“

„Doch“, sagte er trocken. „Sie füllen die Lücken.“

Nera schnaubte. „Du und deine Lücken.“

Heute war eine Lücke besonders groß: Im Saal der Relikte stand das Herzstück einer Ausstellung — der Phasenkranz der Königin Auralis, ein Ring aus dunklem Metall, in dessen Oberfläche winzige Sternbilder pulsierten. Angeblich konnte er Schiffe „über die Kante“ schieben: dorthin, wo Raum und Traum sich berühren.

Und genau dort, hinter einer Absperrung aus Lichtfäden, spürte Lior dieses Ziehen. Es war nicht wie Hunger. Eher wie ein Magnet, der sein Inneres aufrichtete.

Neben dem Phasenkranz hing ein Schild: „Bitte nicht berühren. Der Kranz reagiert auf Emotionen.

„Das erklärt einiges“, murmelte Lior.

Als er nähertrat, verdichtete sich das Summen. Die Sternbilder auf dem Ring flackerten, als hätten sie plötzlich Wind bekommen.

Nera war ihm gefolgt. „Sag mir, dass du nicht wieder…“

Lior hob eine Hand. „Ich tue gar nichts.“

In diesem Moment rollte eine kleine Wartungsdrohne vorbei, stieß mit einem „Piep“ gegen den Sockel — und der Phasenkranz antwortete.

Ein leiser Klang, wie ein Gong aus kaltem Licht, zog durch die Halle. Die Lichtfäden der Absperrung zitterten. Auf dem Ring glitt ein Sternbild an eine Stelle, wo es nicht hingehörte.

Lior erstarrte. In seinem Kopf öffnete sich eine Karte, die er nie gezeichnet hatte: ein Korridor aus schimmernden Punkten, der direkt von Kalliope fortführte, hinein in eine Region, die in allen Datenbanken nur als „Staublücke“ markiert war.

„Hast du das gesehen?“ flüsterte Nera.

„Ich… habe es gefühlt“, sagte Lior, und das war schlimmer.

Auf dem Sockel erschien eine neue Zeile, die vorher nicht da gewesen war, als hätte die Station selbst sie geschrieben:

„WEG ZUR NACHTKANTE AKTIV.“

Nera schluckte. „Das ist ein Museumsstück, Lior. Ein… ein sehr teures Museumsstück.“

„Es ist auch eine Einladung“, sagte Lior, und seine Stimme klang plötzlich, als stünde er schon halb woanders.

Kapitel 2: Die Karte, die niemand zeichnete

Im Kartografenbüro roch es nach Metall und Tee. Lior breitete seine Datenfolien aus, aber sie fühlten sich heute wie alte Tapeten an. Die neue Route ließ sich nicht in Zahlen pressen. Sie lag ihm hinter den Augen, klar und unverschämt.

Nera stellte ihm eine Schale mit Obst hin. „Iss. Du wirst gleich… heroisch ohnmächtig.“

„Heroisch?“ Lior nahm einen Bissen. „Das klingt nach einem teuren Tod.“

„Im Museum sterben ist sowieso peinlich“, sagte Nera. „Man fällt zwischen die Exponate und wird selbst beschriftet.“

Lior musste kurz lachen, doch dann glitt sein Blick wieder zur Wand, wo ein Modell der Station hing. Kalliope war ein Ring mit mehreren Armen, jeder Arm ein Gang voller Relikte: Impulssegel, Gravitationstaster, Antimaterie-Schalen, und ganz hinten die alte, nie benutzte Andockbucht E-7.

Dorthin zog ihn sein Bauchgefühl wie an einer unsichtbaren Leine.

„Du willst da raus“, stellte Nera fest. „In die Staublücke.

„Ich will wissen, warum der Kranz reagiert hat.“ Lior nahm sein Handgerät, das gewöhnlich Sternfelder abtastete. Heute zeigte es nur ein einziges Symbol: einen kleinen Mond mit einem Riss.

Nera schob ihre Brille hoch. „Wir können die Kuratoren informieren. Wir können… alles absperren.“

„Und warten, bis etwas anderes entscheidet?“ Lior schüttelte den Kopf. „Wenn der Kranz einen Weg öffnet, bleibt er nicht ewig offen. Und die Station…“ Er legte die Hand an die Wand. Das Summen vibrierte stärker als sonst. „…ist unruhig.“

Nera trat ans Fenster. Draußen schwebte das Sternenmeer, tiefschwarz, mit Nadeln aus Licht. Zwischen zwei Sternhaufen hing ein grauer Schleier: die Staublücke. Früher hatten Schiffe sie gemieden, weil die Sensoren dort verrücktspielten.

„Du bist Kartograf“, sagte Nera leise. „Aber du bist auch nur ein Mensch.“

„Gerade deshalb“, antwortete Lior. „Karten sind am wichtigsten, wenn man Angst hat.“

Nera seufzte, dann zog sie eine Schublade auf und holte ein kleines Gerät hervor, das aussah wie eine Taschenuhr. „Nimm das. Ein Resonanzanker. Wenn der Phasenkranz wirklich Emotionen… mag, dann kann das hier dich stabilisieren. Oder dich wenigstens zurückziehen, falls du dich in… Gefühle verirrst.“

„Ich verirre mich selten“, sagte Lior.

Nera hob eine Augenbraue. „Du hast letzte Woche die Kaffeeküche nicht gefunden.“

„Das war eine bewusste Entscheidung.“

Sie grinste kurz. Dann wurde sie ernst. „Versprich mir, dass du nicht den Mut mit Dummheit verwechselst.“

Lior steckte den Anker ein. „Mut ist, die Dummheit zu bemerken und trotzdem weiterzugehen — aber nicht allein.“

„Oh nein“, sagte Nera, „ich komme nicht mit. Ich habe wichtige Aufgaben. Zum Beispiel… lebendig bleiben.“

„Dann bleib hier und hör zu.“ Lior schaltete den Kommunikationskanal ein. „Du wirst meine zweite Stimme.“

Nera nickte, und in ihren Augen glomm etwas, das dem Mut ziemlich nahekam.

Eine halbe Stunde später stand Lior in Andockbucht E-7. Dort wartete ein altes Shuttle, das früher für kurze Relikttransporte genutzt worden war: klein, kantig, mit Lack, der wie Mondstaub abblätterte. Auf der Nase war in verblassten Buchstaben ein Name zu lesen: „MÄRCHENSTURM“.

„Das ist ja passend“, murmelte Lior und strich über die kalte Hülle.

Als er das Shuttle aktivierte, flackerte das Cockpit auf. Neben den normalen Anzeigen erschien eine zusätzliche Linie, die nicht zur Software gehörte:

„FOLGE DEM RISS IM MOND.“

Lior atmete tief ein. Dann startete er.

Kapitel 3: Über die Kante des Raums

Das Shuttle glitt aus der Andockbucht, und Kalliope blieb hinter ihm wie ein leuchtender Kranz. Vor ihm lag die Staublücke, ein grauer, wirbelnder Schatten im Sternenmeer.

„Du siehst aus, als würdest du gleich in Suppe fliegen“, knisterte Neras Stimme im Funk.

„Ich hoffe, es ist keine Suppe mit Klumpen“, sagte Lior, obwohl seine Hände schwitzten. Er stellte die Triebwerke auf sanften Schub. Die Instrumente begannen sofort zu spinnen: Zahlen hüpften, Warnsymbole tanzten, als hätten sie sich abgesprochen.

Dann spürte er es wieder — dieses Ziehen, diese innere Karte. Er ließ die Anzeigen los und folgte dem Gefühl, als würde er einen Faden im Dunkeln ertasten.

„Lior“, sagte Nera, „dein Kurs ist… äh… sehr kreativ.“

„Danke.“

„Das war kein Lob.“

Der Staub schluckte das Sternenlicht. Das Shuttle tauchte hinein, und die Welt wurde leiser, als hätte jemand eine dicke Decke über das All gelegt. Nur das Summen des Phasenkranzes, das Lior nicht einmal bei sich hatte, schien in seinen Knochen nachzuschwingen.

Plötzlich blitzte vor der Scheibe eine Linie auf — nicht aus Licht, sondern aus Abwesenheit. Ein Riss, so fein wie eine Nadel, zog sich durch die Dunkelheit.

„Da“, flüsterte Lior.

„Was ist ‚da‘?“ Nera klang angespannt.

„Ein… Spalt.“

„Spalte gehören in Holz, nicht in den Raum.“

Doch der Riss wurde breiter, als Lior näherkam. Er erinnerte an eine Tür, die jemand vergessen hatte zu schließen. Dahinter schimmerte ein Blau, das nicht von Sternen stammte. Es war wie die Farbe von tiefem Wasser, das zugleich leuchtet.

Lior hob den Resonanzanker. Das kleine Gerät vibrierte, als hätte es Herzklopfen.

„Wenn du da durchgehst“, sagte Nera, „kannst du vielleicht nicht zurück.“

Lior schluckte. In seinem Kopf tauchten Bilder auf: Die Hallen des Museums, der Phasenkranz, Neras Schale Obst. Und dann, stärker, ein anderes Bild: eine Karte, die endlich vollständig war, ohne graue Flecken, ohne Fragezeichen.

Er legte die Hand auf den Steuerknüppel. „Mut“, sagte er leise, „ist manchmal nur ein Schritt.“

„Und manchmal ein Sprung“, antwortete Nera.

„Dann springe ich eben.“

Das Shuttle glitt in den Riss.

Für einen Augenblick gab es kein Oben und Unten. Die Kabine fühlte sich an, als würde sie gleichzeitig winzig und riesig. Lior sah Sterne, die wie Federn fielen, und hörte ein Lachen, das vielleicht nur sein eigener Puls war.

Dann — Stille.

Das Blau draußen wurde zu einem Himmel, obwohl er wusste, dass es kein Himmel sein konnte. Eine weite, schimmernde Ebene aus Nebel lag vor ihm. Darin schwebten Inseln aus Stein, auf denen metallene Ruinen standen: Triebwerksgerippe, die aussahen wie Knochen von Riesen.

Und in der Ferne brannte ein Feuer aus violettem Licht, das sich wie eine Krone drehte.

„Ich… ich habe noch Empfang“, sagte Nera, überrascht. „Wo bist du?“

Lior starrte hinaus. „Ich glaube… am Rand einer Geschichte.“

Kapitel 4: Die Bibliothek der verlorenen Antriebe

Lior landete auf einer der schwebenden Inseln. Das Shuttle setzte auf einem Plateau aus glattem Stein auf, der sich warm anfühlte, als würde er von innen glimmen.

Die Luft war dünn, aber atmungsaktiv. Sie roch nach Ozon und nach etwas, das ihn an trockene Gewitter erinnerte.

Vor ihm erhob sich ein Gebäude, halb Tempel, halb Werft: Säulen aus schwarzem Metall, in die Runen eingraviert waren, und dazwischen transparente Leitungen, in denen Licht wie Flüssigkeit floss. Über dem Eingang schwebte ein Schild aus Hologrammstaub. Die Buchstaben formten sich erst, als Lior näherkam:

„ARCHIV DER SCHUBLIEDER.“

„Schublieder?“ Nera klang, als hätte sie das Wort probiert und wieder ausgespuckt. „Das klingt nach singenden Raketen.“

„Vielleicht tun sie das hier“, sagte Lior.

Innen war es still, aber nicht leer. Reihen aus schwebenden Kapseln standen in der Luft, jede Kapsel enthielt ein Miniaturtriebwerk, einen Kern oder eine seltsame Maschine, die in keinem Museumskatalog vorkam. Über jeder Kapsel flimmerte ein Symbol: Spiralen, Sterne, Mondsicheln.

In der Mitte des Saals stand ein Wesen, das Lior zuerst für eine Statue hielt. Es war aus poliertem Stein und Messing, mit einem langen Mantel aus dünnen Metallplatten. Wo ein Gesicht sein sollte, war eine Maske aus Glas, hinter der Nebel wirbelte.

Als Lior einen Schritt machte, drehte sich das Wesen.

„Kartograf“, sagte es, und die Stimme klang wie zwei Instrumente gleichzeitig: eine Flöte und ein tiefes Brummen.

Lior hielt instinktiv den Resonanzanker hoch. „Wer bist du?“

„Ich bin der Hüter der Routen, die niemand mehr fährt.“ Der Hüter neigte den Kopf. „Und du trägst eine Route in dir, die nicht dir gehört.“

Lior spürte, wie sein Herz schneller schlug. „Der Phasenkranz hat sie mir gezeigt.“

„Der Kranz erinnert sich“, sagte der Hüter. „Er wurde aus dem Randlicht geschmiedet, dort, wo der Raum Risse bekommt und Träume hindurchsickern. Eure Museumsstation bewahrt Relikte. Aber Relikte sind nicht tot. Sie warten.“

Nera flüsterte im Funk: „Sag ihm, dass wir nur gucken und nichts anfassen.“

Lior räusperte sich. „Wir sind nur… Besucher.“

Der Hüter schien zu lächeln, obwohl seine Maske keine Lippen hatte. „Besucher mit einer Aufgabe. Die Staublücke wächst. Sie frisst Karten. Bald werdet ihr nur noch Kreise fliegen, ohne zu wissen, warum.“

Lior erinnerte sich an die flackernden Sternbilder auf dem Kranz. „Was hat das mit mir zu tun?“

Der Hüter hob eine Hand, und eine der Kapseln glitt heran. Darin schwebte ein kleines Gerät: ein Kompass, aber statt einer Nadel drehte sich darin ein winziger Mond, in dem ein Riss klaffte.

„Der Mondriss-Kompass“, sagte der Hüter. „Er zeigt nicht nach Norden, sondern nach dem, was fehlt. Du kannst ihn führen, weil du mit Intuition liest. Nicht jeder traut seinem Inneren. Viele halten es für einen Fehler.“

Lior schluckte. „Und was fehlt?“

Der Hüter wies zum violetten Feuer in der Ferne. „Dort brennt die Nachtkante. Eine Grenze, an der Raumfahrt und Magie sich streiten wie zwei Geschwister. Jemand hat ein altes Schublied verstimmt. Ein Triebwerksspruch, der einst sichere Sprünge sang. Nun singt er falsch — und reißt Löcher.“

Nera atmete hörbar ein. „Das klingt… gefährlich.“

„Es klingt nach Arbeit“, sagte Lior.

Der Hüter legte den Kompass in Liors Hände. Das Metall fühlte sich kühl an, aber der Rissmond darin pulsierte wie ein lebendiges Auge.

„Du musst das Lied neu stimmen“, sagte der Hüter. „Nicht mit Kraft, sondern mit Mut. Und mit Wahrheit. Sonst wird die Staublücke eure Station verschlucken. Erst das Museum. Dann die Menschen darin. Dann die Geschichten, die ihr bewahrt.“

Lior sah vor seinem inneren Auge die Triebwerksherzen unter Glas. Plötzlich waren es nicht mehr nur Ausstellungsstücke. Es waren Erinnerungen an Wege, die Leben gerettet hatten.

„Wie stimme ich ein Lied?“ fragte er.

„Indem du den Ton findest, der dir Angst macht“, antwortete der Hüter. „Und ihn trotzdem hältst.“

Kapitel 5: Die Nachtkante und das verstimmte Feuer

Der Weg zur Nachtkante führte über Brücken aus gefrorenem Nebel. Unter ihnen floss kein Wasser, sondern Licht, das wie langsam bewegte Milchstraßen wirkte. Der Mondriss-Kompass zog Lior vorwärts. Der Rissmond drehte sich immer schneller, je näher sie dem violetten Feuer kamen.

„Du läufst da wirklich hin“, sagte Nera, als müsse sie sich selbst überzeugen. „Ein erwachsener Mann. Mit einem Mond in der Hand. Das ist…“

„Dienstnachweis?“ schlug Lior vor.

„Geisteszustand“, meinte Nera. Dann, leiser: „Pass auf dich auf.“

Je näher Lior kam, desto stärker wurde der Wind — obwohl es eigentlich keinen Wind im All geben sollte. Er riss an seinem Mantel, der plötzlich viel zu dünn wirkte. Der violette Brand war kein normales Feuer. Es war eine Flamme aus Tönen: Man sah, wie sie knisterte, und hörte, wie sie leuchtete.

In der Mitte stand ein Triebwerk, größer als ein Haus, aber nicht aus Metall allein. Es war mit Kristallen besetzt, und in seine Düsen waren Runen eingeritzt, die sich wie Würmer bewegten. Um das Triebwerk herum kreisten Splitter von Raum, kleine schwarze Scherben, die alles Licht verschluckten.

Lior blieb stehen. Sein Magen zog sich zusammen. Der Kompass vibrierte so stark, dass es in seinen Fingern kitzelte.

„Das ist das verstimmte Schublied“, sagte der Hüter, der plötzlich neben ihm stand, als wäre er einfach aus dem Nebel gefaltet worden. „Hörst du es?“

Lior hörte es. Es war ein Chor, der ständig danebengriff. Ein Lied, das versuchte, eine Brücke zu bauen, aber immer wieder in sich zusammenfiel. Jeder falsche Ton spuckte eine Raum-Scherbe aus, die zur Staublücke trieb.

„Wie soll ich das stoppen?“ fragte Lior, und seine Stimme klang klein gegen dieses riesige, singende Unheil.

Der Hüter deutete auf den Mondriss-Kompass. „Er zeigt dir den fehlenden Ton. Aber du musst ihn aus dir heraus holen.“

„Aus mir?“ Lior lachte kurz, nervös. „Ich bin Kartograf, kein Sänger.“

„Ein Kartograf singt mit Linien“, sagte der Hüter. „Und Mut ist eine Melodie, die man nicht auswendig lernt. Man findet sie, wenn man zittert.“

Nera mischte sich ein: „Lior, wenn du gleich anfängst zu singen, verspreche ich, dass ich niemandem davon erzähle. Außer vielleicht dem gesamten Personal.“

„Sehr tröstlich“, murmelte Lior.

Er trat näher an das Triebwerk. Die violetten Flammen leckten nach ihm, ohne zu brennen, aber sie machten seine Gedanken laut. Plötzlich hörte er seine eigenen Zweifel wie Stimmen:

Du bist nur ein Museumsangestellter.

Du hast Angst.

Du wirst scheitern.

Du wirst die Station verlieren.

Lior hielt den Resonanzanker fest. Er erinnerte sich an Neras Warnung: Mut nicht mit Dummheit verwechseln. Und an den Hüter: den Ton halten, der Angst macht.

Er schloss die Augen und stellte sich die Karte vor, die in ihm auftauchte, als der Phasenkranz reagiert hatte. Nicht als Zahlenreihe, sondern als Weg aus Lichtpunkten. Jeder Punkt ein Schritt. Jeder Schritt ein Ja.

Der Kompass riss an seinem Handgelenk, als wolle er ihm etwas zeigen. Lior öffnete die Augen. Der Rissmond zeigte nicht nach außen, sondern direkt auf seine Brust.

„Na toll“, flüsterte er. „Ich bin der fehlende Ton.“

Er atmete ein. Dann summte er — erst nur einen einzigen, langen Ton, so leise, dass er selbst ihn kaum hörte. Aber der Ton war ehrlich. Er war die Form seiner Angst.

Das Triebwerk antwortete mit einem falschen Kreischen.

Lior hielt den Ton. Seine Kehle wurde trocken. Seine Beine wollten rückwärts. Doch er blieb.

„Du schaffst das“, sagte Nera, fast wütend. „Du bist der sturste Mensch, den ich kenne. Nutze es!“

Lior musste trotz allem grinsen. Das Grinsen gab ihm Kraft. Er ließ den Ton steigen, ein kleines Stück, bis er genau zwischen zwei kreischenden Flammen lag. Es fühlte sich an, als würde er einen Faden einfädeln, während ein Sturm am Stoff zog.

Der violette Brand flackerte. Für einen Moment klang der Chor sauberer.

„Jetzt“, sagte der Hüter. „Sag die Wahrheit dazu.“

Lior schluckte. Dann sprach er laut, in die singende Flamme hinein: „Ich habe Angst. Aber ich gehe nicht weg.“

Der Satz war schlicht. Und doch traf er das Triebwerk wie ein Schlüssel ins Schloss.

Das Kreischen sank ab. Die Runen auf den Düsen beruhigten sich, als würden sie endlich wieder richtig atmen. Die Raum-Scherben in der Luft zitterten, dann lösten sie sich in glitzernden Staub auf, der wie Sternenpollen nach unten rieselte.

Das Schublied setzte neu an — diesmal klar, tief und weit. Es klang wie ein Schiff, das heimfindet.

Lior spürte, wie seine Knie weich wurden. Er lachte kurz, erschöpft. „Ich… ich glaube, es funktioniert.“

„Es funktioniert“, bestätigte der Hüter. „Du hast den Mut gehalten. Damit hast du die Grenze beruhigt.“

Nera schniefte in den Funk. „Ich habe nicht geweint. Das war… Staub.“

„Natürlich“, sagte Lior.

Kapitel 6: Rückkehr zur Museumsstation

Der Riss im Raum öffnete sich wieder, aber diesmal wirkte er nicht wie eine Wunde, sondern wie ein Torbogen. Das Blau dahinter war sanft, und die Staublücke schien sich zurückzuziehen, als würde sie sich schämen.

„Du bringst den Kompass zurück“, sagte der Hüter. Es war keine Frage.

Lior nickte. „Er gehört ins Museum.“

Der Hüter stand still, und doch wirkte es, als würde er weitergehen — in eine Zeit, die Lior nicht erreichen konnte. „Bewahrt Relikte nicht nur, um sie anzusehen“, sagte er. „Bewahrt sie, um zu erinnern, wofür Mut gebaut wurde.“

„Ich werde es Nera sagen“, versprach Lior.

„Ich höre zu“, knisterte Neras Stimme. „Und ich möchte offiziell festhalten, dass ich nicht einverstanden war.“

„Offiziell festgehalten“, sagte Lior. „In meiner inneren Akte.“

Er stieg in den MÄRCHENSTURM, und der Flug zurück war seltsam ruhig. Die Instrumente verhielten sich wieder normal, als hätten sie beschlossen, sich zu benehmen. Als er durch den Riss glitt, war da kein Taumeln mehr, nur ein sanftes Gleiten, wie über eine unsichtbare Brücke.

Kalliope tauchte vor ihm auf: die Museumsstation, ein leuchtender Ring, der im Sternenmeer hing. Ihre Lichter flackerten nicht mehr. Das Summen, das Lior immer gehört hatte, klang jetzt wie ein zufriedenes Schnurren.

In der Andockbucht wartete Nera, die Arme verschränkt. Sie versuchte streng auszusehen, aber ihre Augen glänzten.

„Du lebst“, sagte sie. „Unverschämt.“

„Ich habe mich bemüht“, antwortete Lior und reichte ihr den Mondriss-Kompass. „Ein neues Exponat.“

Nera nahm das Gerät, als wäre es ein kleines Tier, das beißen könnte. „Und du hast wirklich… mit einem Triebwerk geredet?“

„Eher gesungen.“

„Das bleibt unter uns“, sagte Nera schnell. „Sonst verlangt jeder Besucher eine Zugabe.“

Sie gingen gemeinsam durch die Hallen. Der Phasenkranz der Königin Auralis pulste wieder ruhig, als würde er ihnen zunicken. Auf dem Sockel war die Zeile verschwunden. Stattdessen stand dort:

„WEG GESICHERT.“

Lior blieb stehen und legte kurz die Hand auf die Glasabdeckung. Er spürte kein Ziehen mehr, nur Wärme.

Später, als das Museum geschlossen war und die Station in den Nachtmodus glitt, standen Lior und Nera in einem Beobachtungsraum. Das große Panoramafenster zeigte das All in einer Klarheit, die fast weh tat. Sterne funkelten wie frisch gewaschene Nägel aus Licht. Keine Staublücke trübte den Blick.

„Also“, sagte Nera und lehnte sich an die Scheibe, „was ist dein Fazit als hyperspatialer Kartograf?“

Lior dachte an die Nachtkante, an das Lied, an den Moment, in dem seine Angst laut geworden war — und er trotzdem geblieben war.

„Dass Mut keine Karte braucht“, sagte er. „Aber er zeichnet eine.“

Nera nickte langsam. „Und dass Frühstück trotzdem wichtig ist.“

Lior lachte leise. „Morgen.“

Draußen spannte sich die klare Nacht über die Station, still und weit, und irgendwo zwischen den Sternen schien es, als würde ein fernes Triebwerk ein sauberes, beruhigtes Lied summen.

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Hyperspatialer Kartograf
Eine Person, die Karten von schwer sichtbaren oder besonderen Raumwegen zeichnet und findet.
Triebwerksglocken
Große runde Teile von Antrieben, die wie Glocken geformt sind.
Antriebskerne
Wichtige Teile eines Motors, die Energie für Bewegung liefern.
Absperrung
Etwas, das einen Bereich verschließt, damit man nicht hineingeht.
Emotionen
Gefühle wie Freude, Angst oder Traurigkeit, die Menschen spüren.
Resonanzanker
Ein kleines Gerät, das hilft, Stimmung oder Schwingung zu stabilisieren.
Andockbucht
Ein Platz, an dem ein Shuttle oder Schiff an einer Station festmacht.
Staublücke
Ein dunkler Bereich im Weltraum, in dem Sensoren Probleme haben.
Phasenkranz
Ein besonderer Ring, der mit Raum oder Energie verbunden ist.
Relikte
Alte Gegenstände, die man aufbewahrt, weil sie wichtig sind.
Runen
Alte Zeichen, die oft in Stein oder Metall eingeschnitten sind.

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