Kapitel 1: Die Ebene der Ätherantennen
Der Mond hatte hier kein romantisches Gesicht. Keine glänzenden Krater, keine silbernen Berge. Nur eine flache, staubige Ebene, so weit das Auge reichte—und aus ihr ragten Antennen wie ein Wald aus dünnen Speeren. Manche waren so hoch wie ein Haus, andere nur kniehoch. Alle summten leise, als würde der Boden selbst singen.
Jaro zog den Kragen seines Raumumhangs höher. Er war siebzehn, aber in diesem Moment fühlte er sich älter, weil die Verantwortung schwer in seinem Rucksack lag: seine treue Lizenz zur Führung von Incantationen, eine handgroße Plakette aus Sternmetall. Darauf glimmten Buchstaben, die sich bewegten wie kleine Fische: LICENTIA INCANTATORIS – FIDELIS.
„Das ist kein Ausflug“, murmelte er und sah zu seiner Begleiterin hinüber.
Mina, zwölf, sprang von einem flachen Felsen und landete im Mondstaub, als wäre Schwerkraft nur ein höflicher Vorschlag. Ihr Helmvisier war hochgeklappt, damit man ihr breites Grinsen sah. „Doch. Es ist ein Ausflug mit extra Gefahr. Das zählt doppelt!“
Jaro hob eine Augenbraue. „Du sollst lernen, nicht zählen.“
„Ich kann beides.“ Mina tippte gegen eine der Antennen. Sie vibrierte wie eine Gitarrensaite. Ein dünner Strahl aus blassem Licht zog über die Ebene, dann verschwand er wieder. „Warum sind hier eigentlich so viele?“
„Ätherantennen.“ Jaro deutete auf die Reihe, die sich wie ein stummes Publikum zum Horizont aufstellte. „Sie fangen Zauberwellen aus dem All. Magie reist nicht nur in Büchern, sondern auch in… Frequenzen.“
„Magie als Radioprogramm?“ Mina kicherte. „Heute: ‘Drachenbrüllen in D-Moll'!“
Jaro musste trotz sich selbst grinsen. „Und dazwischen Werbung für Raumstaubsauger.“
Er kniete sich neben eine Antenne, deren Fuß in einer alten Metallplatte verankert war. Er legte die Lizenzplakette darauf. Sofort liefen Lichtadern über das Metall, als würde es aufwachen. Ein Kreis aus Zeichen erschien im Staub—runenhaft, aber klar, wie Linien auf einem Spielfeld.
„Erster Schritt“, sagte Jaro. „Du darfst nur incantieren, wenn du die Lizenz anerkennst. Nicht, weil ich dich ärgern will, sondern weil…“
„Weil sonst die Magie durchdreht?“ Mina sagte es, als hätte sie es schon tausendmal gehört.
„Ja. Und weil die Magie auch ein Recht hat, nicht misshandelt zu werden.“ Jaro sah Mina ernst an. „Solidarität gilt nicht nur für Menschen.“
Mina nickte, diesmal ohne Witz. „Okay. Und was lernen wir heute?“
Jaro holte ein kleines Gerät aus der Tasche: einen Sternkompass, der nicht nach Norden zeigte, sondern nach… Geschichten. Seine Nadel zitterte und drehte sich, bis sie auf eine Gruppe Antennen wies, die seltsam dunkel wirkten.
„Wir suchen eine Störung“, sagte Jaro leise. „Die Antennen singen falsch.“
In der Ferne knisterte es. Ein Schatten lief über den Staub, als hätte jemand den Mond kurz angehalten und neu gestartet.
Mina schluckte. „Das war… nicht normal, oder?“
„Nein“, sagte Jaro. „Und genau deshalb bist du dabei. Du bist meine Ablösung. Und heute lernst du, wie man ruhig bleibt, wenn der Himmel sich benimmt wie ein schlecht gelaunter Bildschirm.“
Kapitel 2: Der Riss im Summen
Sie gingen zwischen den Antennen hindurch. Manche waren mit bunten Kabelbändern markiert, andere mit kleinen Amuletten—glitzernde Splitter, die im Vakuum natürlich nicht klimperten, aber trotzdem irgendwie fröhlich wirkten. Die Antennen standen nicht chaotisch; sie bildeten Muster, Kreise und Spiralen, als hätte jemand die Ebene mit einem riesigen Zirkel vermessen.
Jaro blieb immer wieder stehen, legte seine Hand an eine Antenne und lauschte. Nicht mit den Ohren. Mit dem Bauch, wie er es nannte. Magie klang im Inneren.
„Hier ist das Summen sauber“, sagte er. „Wie ein Chor, der weiß, wann er atmen muss.“
Mina legte ebenfalls ihre Hand an die Antenne. „Ich spüre… so ein Kitzeln. Wie Sprudelwasser.“
„Gut. Und jetzt da.“ Jaro führte sie zu einer Antenne, die dunkler war als die anderen. Das Metall war stumpf, als hätte jemand die Farbe aus ihr gezogen. Als Mina sie berührte, zog sie die Hand sofort zurück.
„Igitt! Die fühlt sich an wie… kalte Asche.“
Jaro nickte. „Da ist der Riss. Ätherfluss bricht weg. Wenn zu viele Antennen so werden, fällt die ganze Ebene aus—und dann können wir keine Incantationen mehr sicher senden. Kein Schutzschild, keine Heilformeln, keine Navigationszauber.“
Mina sah über die Ebene, plötzlich weniger übermütig. „Dann wären wir… abgeschnitten.“
„Und andere auch.“ Jaro zeigte nach oben, auf den schwarzen Himmel, in dem Sterne wie Löcher in einem Samtvorhang glitzerten. „Schiffe, Stationen, sogar die Schulen in der Umlaufbahn. Wir sind hier unten nicht allein. Solidarität heißt manchmal, dass man etwas repariert, das man selbst nicht kaputt gemacht hat.“
Mina atmete tief durch. „Okay. Was tun wir?“
Jaro setzte sich in den Staub und legte die Lizenzplakette vor sich. Dann holte er ein Buch heraus, dessen Seiten aus dünnem, transparentem Material bestanden. Auf jeder Seite schwebten Zeichen wie Tintenfische im Wasser.
„Wir machen eine Diagnose-Incantation“, erklärte er. „Du sprichst sie mit mir. Kein Alleingang.“
Mina grinste schief. „Also Team-Zauber.“
„Genau.“ Jaro tippte auf die Seite. „Sprich nach: ‘Per Astra—'“
„Per Astra“, wiederholte Mina.
„—per Circuitus—“
„Per… Zir-kui-tus.“
„—verum Resonare.'“
Mina stolperte über das letzte Wort, aber Jaro wartete geduldig, bis es klappte. Als sie gemeinsam sprachen, glühte die Lizenz auf. Ein sanfter Lichtfaden spannte sich von der Plakette zur dunklen Antenne. Er vibrierte, als würde er nach etwas suchen.
Plötzlich zuckte das Licht. Ein scharfer Ruck ging durch den Faden, und die Antenne spuckte Funken aus—violette, kleine Blitze, die im Vakuum wie stumme Feuerwerke aussahen.
Mina riss die Augen auf. „Ähm… Jaro? Hat das so gehört?“
„Nein“, sagte Jaro, und seine Stimme war plötzlich sehr ruhig, was Mina noch mehr erschreckte. „Das ist ein Gegenimpuls. Jemand oder etwas… beißt zurück.“
Der Lichtfaden verzerrte sich. In ihm erschien ein Muster, wie eine Karte aus Zackenlinien. Und mitten darin: ein leerer Fleck, der alles Licht verschluckte.
„Ein Schattenknoten“, flüsterte Jaro. „In einer Mond-Ebene. Ausgerechnet hier.“
Mina beugte sich näher. „Kann man das… wegputzen? Ich hab ein Tuch.“
Jaro lachte kurz, obwohl es ihm nicht danach war. „Wenn es so einfach wäre, hätten wir Hausmeister, keine Incantatoren.“
Der Schattenknoten pulsierte, als hätte er Jaro gehört. Dann sprang ein Stück Dunkelheit aus dem Lichtfaden und landete im Staub—wie ein kleiner, zappelnder Tintenfleck.
Mina machte einen Schritt zurück. „Das Ding lebt!“
„Es reagiert“, korrigierte Jaro. Er stellte sich zwischen Mina und den Fleck. „Und es wird größer, wenn wir es ignorieren.“
Der Fleck zog sich in die Länge, formte etwas, das an eine winzige Hand erinnerte—fünf dunkle Finger, die nach der nächsten Antenne griffen.
„Nicht meine Antennen“, sagte Mina empört, als wären es ihre. „Die haben doch nichts getan!“
Jaro warf ihr einen schnellen Blick zu. „Dann hilf ihnen. Aber nach Plan.“
Mina nickte hart. „Nach Plan.“
Kapitel 3: Die Prüfung der Lizenz
Jaro öffnete seine Hand, und die Lizenzplakette schwebte einen Fingerbreit über seiner Haut. Die Buchstaben darauf wurden heller, fast streng.
„Fidelis“, sagte er. „Treue Lizenz, ich rufe dich. Du kennst meine Stimme und meine Grenzen. Zeig mir, was ich nicht sehen will.“
Ein dünnes, helles Netz spannte sich um den Schattenfleck. Es war keine Kette, eher wie ein Spinnennetz aus Licht, das im Staub verankert wurde. Der Fleck zappelte, drückte dagegen, suchte nach Lücken.
Mina sah fasziniert zu. „Das sieht aus wie… ein Käfig aus Sternenfäden.“
„Ist es auch.“ Jaro atmete aus. „Jetzt du. Du bist meine Relève. Du darfst den zweiten Kreis schließen.“
„Ich?“ Minas Stimme rutschte kurz nach oben.
„Ja.“ Jaro schob ihr das Buch hin. „Du kennst die Formel. Und du hast die richtige Wut im Bauch—aber du musst sie lenken.“
Mina stellte sich hin, die Stiefel fest im Staub. Sie hob beide Hände, als würde sie ein unsichtbares Rad drehen. „Also… ruhig. Lenken. Nicht schreien.“
„Du darfst schreien“, sagte Jaro trocken. „Nur nicht in die falsche Richtung.“
Mina prustete. Dann wurde sie ernst, und ihre Augen spiegelten das Netz. Sie sprach: „Claudere… in Concordia.“
Das Netz flackerte. Der Schattenfleck krümmte sich, als hätte er Bauchweh. Für einen Moment wurde er kleiner—und Mina strahlte.
„Ha! Hast du's gesehen?“
Doch dann geschah etwas Unerwartetes: Die dunkle Masse teilte sich in zwei Flecken, dann in vier. Als würde sie sich über ihre Freude lustig machen.
„Äh… Jaro? Warum macht der… Babys?“
„Er spaltet sich, weil der Druck zu hoch ist“, sagte Jaro schnell. „Das ist schlecht.“
Mina schluckte. „Ich hab's schlimmer gemacht.“
„Nicht allein.“ Jaro kniete sich hin und zeichnete mit dem Finger ein weiteres Zeichen in den Staub, das sofort glomm. „Das ist eine Prüfungssituation. Und Prüfungen sind dafür da, dass man Fehler macht, bevor es ernst wird.“
„Aber es ist ernst!“
„Wird ernster, wenn wir uns gegenseitig fertig machen.“ Jaro sah Mina direkt an. „Solidarität. Erinnerst du dich? Wir halten zusammen, auch wenn es schiefgeht.“
Mina atmete einmal, zweimal. „Okay. Was ist der neue Plan?“
Jaro zeigte auf die Antennen um sie herum. „Wir nutzen die Ebene selbst. Die Antennen sind nicht nur Empfänger, sie sind auch… Resonanzkörper. Wenn wir sie richtig stimmen, drücken wir den Schattenknoten zurück in den Zwischenraum.“
Mina verzog das Gesicht. „Zwischenraum klingt nach ‘da will niemand hin'.“
„Genau.“ Jaro griff in den Rucksack und holte zwei kleine Stimmstäbe heraus, kurze Metallzylinder mit eingravierten Runen. Er reichte Mina einen. „Das sind Ether-Tuner. Du schlägst damit auf die Antennen—leicht—und hörst, wie sie antworten.“
Mina nahm den Stab, als wäre er ein Zauberstab aus einem Film. „Und wenn ich die falsche Antenne haue?“
„Dann klingt es wie eine beleidigte Ziege.“ Jaro stand auf. „Und wir bekommen Kopfschmerzen. Also konzentrier dich.“
Mina ging zur nächsten Antenne. Sie klopfte vorsichtig. Die Antenne vibrierte, und ein warmer Ton lief durch den Boden, als würde der Mond kurz summen.
„Oh! Das ist… schön.“
„Das ist eine saubere Frequenz“, sagte Jaro. „Jetzt suche die Antennen, die ‘kalte Asche' fühlen. Wir stimmen die Nachbarn so, dass sie den Knoten einkreisen.“
Mina nickte und lief los, zwischen den Speeren aus Metall. Sie rief über die Schulter: „Wenn es nach beleidigter Ziege klingt, sag Bescheid!“
„Ich werde es nicht überhören“, antwortete Jaro, und für einen Moment war da wieder Humor, als wäre er ein kleines Licht gegen das Dunkel.
Während Mina arbeitete, kämpfte Jaro gegen die vier Schattenflecken. Sie krochen im Staub, suchten nach den Antennenfüßen, als wollten sie die gesamte Ebene vergiften. Jaro hielt das Lichtnetz, verstärkte es, ließ es atmen. Schweiß perlte auf seiner Stirn, obwohl die Kälte des Mondes alles festhalten wollte.
„Mina“, rief er. „Wie viele hast du?“
„Drei saubere, zwei kalte, und eine klingt tatsächlich wie—“
Ein schiefes, vibrierendes Dröhnen lief über die Ebene.
Jaro verzog das Gesicht. „—wie eine beleidigte Ziege, ja. Nimm die nicht. Geh eine weiter.“
„Schon dabei!“
Die Schattenflecken hielten kurz inne, als würden sie zuhören. Dann schossen zwei gleichzeitig auf eine Antenne zu.
Jaro fluchte leise. „Nicht mit mir.“
Er hob die Lizenz, und sie funkelte wie ein kleiner, strenger Stern. „Fidelis—Schildkreis!“
Ein Halbkreis aus Licht stellte sich vor die Antenne. Die Schatten prallten dagegen, spritzten auseinander wie Tinte in Wasser.
„Jaro!“, rief Mina. „Ich glaube, ich hab das Muster verstanden. Die kalten Antennen sind wie… Löcher im Lied. Wir müssen den Refrain lauter machen!“
Jaro grinste trotz Anstrengung. „Das ist die beste Erklärung, die ich je gehört habe.“
„Dann sing mit!“, rief Mina und klopfte zwei Antennen nacheinander an, im gleichen Rhythmus.
Die Ebene antwortete. Das Summen wurde kräftiger, klarer, und es fühlte sich an, als würde der Mond selbst die Schultern gerade machen.
Kapitel 4: Das Lied der Antennen
Mina stand mitten in einem Kreis aus Antennen, der sich langsam schloss. Jaro hatte ihn mit Zeichen im Staub markiert—leuchtende Punkte, die wie Glühwürmchen wirkten.
„Jetzt kommt der Teil, wo du nicht stolperst“, rief Jaro. „Weder mit den Füßen noch mit der Stimme.“
„Kein Druck!“, rief Mina zurück.
„Doch. Viel Druck. Aber du kannst das.“
Mina nahm beide Stimmstäbe—sie hatte Jaro den zweiten mit einem frechen „Du brauchst beide Hände fürs Ernstsein“ abgenommen—und klopfte die Antennen im Rhythmus: eins, zwei, Pause, drei. Das Summen wuchs. Es wurde nicht lauter im Ohr, sondern stärker im Körper, wie ein Herzschlag, der sich daran erinnert, wie man mutig ist.
Jaro stand am Rand des Kreises, die Lizenz vor sich. Die Schattenflecken zuckten innerhalb des Netzes, jetzt zu einem großen Knoten zusammengelaufen, als würden sie sich wieder vereinen, um nicht verloren zu gehen.
„Mina“, rief Jaro, „bei der letzten Antenne musst du die Incantation sprechen. Kurz und klar. Kein Extra, kein Schnörkel.“
Mina nickte, obwohl er das vielleicht nicht sah. Sie ging zur letzten Antenne, die am dunkelsten war. Ihre Hand zitterte, als sie sie berührte—kalte Asche, ja. Aber darunter spürte sie auch das Metall, das einfach nur… müde war.
„Hey“, murmelte Mina, als würde sie mit der Antenne sprechen. „Wir helfen dir. Aber du musst auch mitmachen.“
Sie hob den Stimmstab und klopfte einmal. Ein dumpfer Ton. Zweimal. Ein besserer Ton. Beim dritten Mal vibrierte die Antenne plötzlich mit den anderen mit—zögerlich, dann entschlossener, wie jemand, der sich endlich in einen Chor traut.
„Jetzt!“, rief Jaro.
Mina stellte sich breitbeinig hin, wie sie es bei Jaro gesehen hatte. Sie atmete ein, und der Staub vor ihr wirbelte in einem kleinen Kreis, als würde er zuhören.
„Concordia—Reverti!“, sagte sie.
Der Kreis aus Antennen antwortete wie ein einziger riesiger Gong. Ein Lichtbogen sprang von Antenne zu Antenne, schnell wie ein Gedanke. Er traf den Schattenknoten in der Mitte.
Der Knoten bäumte sich auf—er wurde groß, fast so hoch wie Mina. Für eine Sekunde sah sie darin Formen: ein Gesicht ohne Augen, ein Mund wie ein Riss. Nicht wirklich, eher wie das Gehirn, das in Dunkelheit unbedingt etwas erkennen will.
Mina schluckte, aber sie blieb stehen.
„Du gehörst hier nicht hin!“, rief sie, und diesmal klang es nicht wie Angst, sondern wie eine Ansage.
Jaro verstärkte den Lichtbogen mit der Lizenz. „Per Astra, per Circuitus—verum Resonare!“
Die Worte schnitten nicht, sie heilten. Das Summen der Ebene wurde zu einem Lied, das gleichzeitig technisch und märchenhaft war: wie Zahnräder, die mit Sternenstaub geschmiert werden. Die Schattenmasse begann zu schrumpfen, als würde sie das Lied nicht ertragen.
Doch in dem Moment, als der Knoten fast verschwand, riss eine schwarze Faser aus ihm heraus und schoss auf Mina zu, schneller als Jaro reagieren konnte.
„Mina! Runter!“
Mina warf sich nicht hin. Sie tat etwas anderes: Sie drehte den Stimmstab in der Hand und hielt ihn wie einen Blitzableiter hoch.
Die schwarze Faser traf den Stab—und wurde in Vibration verwandelt. Ein hässlicher Ton jaulte kurz auf, wie eine beleidigte Ziege auf Steroiden, dann zerfiel er in graue Funken.
Mina starrte auf den Stab. „Hab ich das gerade… wirklich gemacht?“
Jaro atmete so laut aus, dass sein Helm es sicher aufgenommen hätte, wenn er einen getragen hätte. „Ja“, sagte er heiser. „Und ich werde dir später erklären, warum ich dabei fast alt geworden bin.“
Der Schattenknoten zog sich zusammen, wurde zu einem Punkt, dann zu nichts. Nur ein dünner, dunkler Rauch blieb—und der wurde vom Summen der Antennen weggeblasen, als wäre er nie da gewesen.
Stille breitete sich aus, aber es war eine gute Stille. Nicht die leere, kalte. Eher wie nach einem Gewitter, wenn man merkt, dass das Haus noch steht.
Mina setzte sich in den Staub. „Meine Knie sind… plötzlich sehr interessiert an Pause.“
Jaro ging zu ihr und ließ sich neben sie fallen. „Gute Entscheidung. Pause ist eine unterschätzte Magie.“
Mina blickte über die Ebene. Die Antennen glänzten wieder, manche mit kleinen Lichtpunkten, als hätten sie sich bedankt.
„Jaro“, sagte Mina leise. „Ich hab echt gedacht, ich hätte alles kaputt gemacht.“
Jaro schüttelte den Kopf. „Du hast einen Fehler gemacht und bist geblieben. Das ist selten. Und genau deshalb bist du meine Ablösung.“
Mina grinste müde. „Also bekomme ich auch so eine coole Plakette?“
„Wenn du die Prüfung bestehst.“
„Und wenn ich wieder einen Schatten mit einer Ziege verwechsel?“
„Dann“, sagte Jaro, „lächeln wir kurz—und arbeiten weiter. Zusammen.“
Kapitel 5: Die Rückkehr der Farben
Sie verbrachten den Rest der Mondnacht damit, die betroffenen Antennen zu prüfen. Jaro zeigte Mina, wie man mit der Lizenz nicht nur Befehle gibt, sondern zuhört: Die Plakette reagierte auf feine Unterschiede, auf winzige Störungen, wie ein Kompass, der auch Gefühle lesen konnte.
Mina lernte schnell. Manchmal zu schnell, fand Jaro, denn sie stellte Fragen, bevor er den Satz zu Ende dachte.
„Warum genau heißen sie Ätherantennen, wenn Äther doch eigentlich… naja… alt klingt?“, wollte sie wissen.
„Weil manches Alte wahr bleibt“, antwortete Jaro. „Äther ist nur ein Wort für ‘das Dazwischen'. Zwischen Sternen, zwischen Gedanken, zwischen Menschen. Und wir arbeiten genau dort.“
„Klingt wie Hausaufgaben in unsichtbarer Tinte.“
„Exakt.“
Gegen Ende fanden sie an der Stelle, wo der Schattenknoten gewesen war, eine kleine Vertiefung im Staub. Darin lag etwas, das vorher nicht da gewesen war: ein Stückchen schwarzes Glas, glatt wie gefrorenes Wasser.
Mina hob es vorsichtig auf. „Ist das… gefährlich?“
Jaro nahm es nicht, sondern betrachtete es aus der Entfernung. „Es ist ein Rest. Wie Asche nach einem Feuer. Nicht lebendig, aber… eine Erinnerung. Wir bringen es zur Station, damit die anderen Incantatoren wissen, was hier passiert ist.“
Mina steckte es in eine kleine Kapsel, die Jaro ihr reichte. „Damit es niemand aus Versehen als Schmuck benutzt.“
„Gute Idee.“
Als sie schließlich zum Landepod zurückgingen, fühlte sich die Ebene anders an. Die Antennen summten nicht nur—sie klangen freundlich, als würde der Mond ihnen zusehen und nicken.
Mina hüpfte, diesmal langsamer. „Weißt du, was ich komisch finde?“
„Dass du auf dem Mond staubig wirst und trotzdem Haare im Gesicht hast?“
„Ha! Nein. Dass ich am Anfang dachte, Magie sei so… meins. So, ich mach das, weil ich's kann. Und jetzt…“
Jaro wartete.
Mina sah zurück auf die Antennenebene. „Jetzt fühlt es sich an, als würde man in einem Team arbeiten. Mit dir, mit den Antennen, mit… dem ganzen Platz hier. Als ob jeder Ton zählt.“
Jaro nickte. „Weil jeder Ton zählt.“
Sie stiegen in den Pod. Die Türen schlossen sich mit einem leisen Zischen. Der Bildschirm flackerte kurz, dann erschien das Logo der Umlaufstation: ein Stern, der einen Zauberkreis umarmte.
Mina setzte sich in den zweiten Sitz—nicht mehr wie ein Gast, eher wie jemand, der einen Platz hat. „Wenn ich deine Ablösung werde… heißt das, du gehst dann weg?“
Jaro sah auf seine Hände. Auf die Lizenz. Sie war wieder ruhig, als wäre sie zufrieden. „Irgendwann. Aber nicht heute. Heute bringe ich dich nach Hause. Und morgen üben wir, ohne dass Schatten versuchen, uns zu fressen.“
„Langweilig“, sagte Mina automatisch, dann grinste sie. „Okay, vielleicht auch gut.“
Der Pod hob ab. Durch das Fenster sah Mina, wie die Antennen kleiner wurden, bis sie nur noch wie feine Striche im Staub waren. Die Ebene wirkte jetzt friedlich, als hätte sie ihren richtigen Rhythmus zurückbekommen.
In der Station übergaben sie die Kapsel mit dem schwarzen Glas den Aufsehern. Ein älterer Incantator mit einer Brille, die ständig Daten und Runen gleichzeitig anzeigte, pfiff leise durch die Zähne.
„Schattenknoten in der Antennenebene“, murmelte er. „Gut, dass ihr ihn früh erwischt habt.“
Mina hob das Kinn. „Wir waren zu zweit.“
Der Aufseher nickte anerkennend. „So muss das.“
Später, als sie in den Schlafkabinen waren, lag Mina in ihrem Bett und starrte an die Decke, wo kleine Lichter wie Sterne angebracht waren. Jaro saß auf dem Stuhl daneben und trug Notizen in sein Buch ein.
„Jaro?“, flüsterte Mina.
„Hm?“
„Danke, dass du nicht gesagt hast ‘Hab ich's dir doch gesagt', als ich den Schatten geteilt hab.“
Jaro schloss das Buch. „Ich hab es kurz gedacht.“
„Hey!“
„Aber dann hab ich mich daran erinnert, dass ich auch mal alles falsch gemacht habe.“ Er stand auf. „Und dass jemand damals bei mir geblieben ist.“
Mina drehte sich auf die Seite. „Solidarität“, murmelte sie, als wäre es ein Zauberwort.
„Genau.“ Jaro machte das Licht dunkler. „Schlaf jetzt. Morgen ist normal.“
„Normal ist auch eine Art Magie“, sagte Mina schläfrig.
Jaro lächelte im Halbdunkel. „Manchmal die beste.“
Am nächsten Morgen roch es in der Station nach warmem Kakao und frisch gedruckten Arbeitsblättern—ja, auch im All. Mina stand auf, gähnte und zog ihre Stiefel an. Draußen im Gang stritten zwei Kinder darüber, wer zuerst an den Simulator durfte. Jaro wartete bereits, die Lizenz sicher in der Tasche, als wäre sie einfach nur ein Ausweis.
„Bereit?“, fragte er.
Mina streckte die Arme. „Bereit für langweilig ohne Schatten.“
Jaro öffnete die Tür zum Übungsraum. „Dann fangen wir an. Schritt eins: Atmen. Schritt zwei: nicht alles gleichzeitig anfassen.“
Mina grinste. „Das wird die schwerste Incantation.“
Sie gingen hinein, und der Tag begann, ganz gewöhnlich—und genau richtig.