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Geschichte vom versteckten Schatz 7/8 Jahre Lesen 21 min.

Der Schatten der Linde und die stille Schatzkiste

Ben findet eine Flaschenpost mit einer geheimnisvollen Karte und erlebt mit seinem Opa ein leises Abenteuer im Park, bei dem Beobachten, Geduld und kleine Taten wichtiger sind als Gold.

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Ein 8-jähriger Junge, rundes Gesicht mit Sommersprossen, zerzaustes kastanienbraunes Haar, staunender, konzentrierter Ausdruck, kniend vor einer kleinen offenen Metallbox und hält behutsam eine bestickte Stofftasche mit Sternen; ein älterer Mann (Großvater, ca. 70 Jahre) mit grauem Haar und runden Brillen, sanftem Lächeln und stolzem Blick, leicht zurückgesetzt rechts, eine Hand am Stock, mit der anderen sanft auf die Box deutend; eine Frau von etwa 50 Jahren (Verkäuferin, Hintergrund links) mit hochgesteckter Frisur und farbigem Schürzenkleid, hält einen Becher Saft und beobachtet wohlwollend; Ort: sonniger Park mit einer alten großen Linde, einem patinierten Steinenlöwen daneben, einem kleinen Plätscherbrunnen, einem hellen Kiesweg und einem runden Felsen wie ein Brot; Hauptszene: die Entdeckung eines dezenten Schatzes — die geöffnete Box zeigt eine irisierende Muschel, einen Messingkompass und einen glänzenden Stein; Sonnenlicht fällt durch die Blätter und wirft weiche Schatten; intime, neugierige, warme Atmosphäre; visueller Stil: warme, gesättigte Farben, glatte Texturen, klare Konturen im Cel-Shading, weiche Beleuchtung mit subtilen Kontrasten, leicht übertriebene kindliche Proportionen für einen liebenswerten Effekt. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Flasche im Sand

Ben war sieben, und er konnte leise sein wie eine Katze auf Wollsocken. Das war praktisch, wenn er mit Opa am Fluss entlangging, wo das Gras kitzelte und die Libellen wie kleine Hubschrauber über dem Wasser schwirrten.

„Heute ist ein guter Tag für ein kleines Abenteuer“, sagte Opa und zwinkerte.

Ben nickte ernst. „Abenteuer sind gut. Aber nur, wenn wir auch wieder pünktlich zum Abendbrot da sind.“

„Sehr zuverlässig“, lobte Opa. „Das gefällt mir.“

Ben stapfte über einen Sandstreifen am Ufer. Da glitzerte etwas im Sonnenschein. Er kniete sich hin, schob mit zwei Fingern vorsichtig den Sand weg und zog eine dicke Glasflasche heraus. Sie war mit einem Korken verschlossen und hatte innen ein zusammengerolltes Papier.

„Opa! Schau mal! Eine Flaschenpost!“

Opa setzte seine Brille auf. „Na sowas. Die hat wohl lange geschlafen.“

Ben schüttelte die Flasche ganz leicht. „Die Karte will raus.“

„Dann lass sie uns höflich begrüßen“, sagte Opa. „Aber vorsichtig.“

Ben zog am Korken. Es machte „Plopp“, und Ben musste kichern. „Das hat sich angehört wie ein Froschbauch!“

Opa lachte. „Ein sehr höflicher Frosch.“

Ben rollte das Papier auf. Es war eine Karte, aber keine gewöhnliche. Da waren kleine Zeichnungen: ein Baum mit zwei krummen Ästen, ein Stein, der wie ein Brot aussah, und ein Kreis, der wohl ein Brunnen sein sollte. In der Ecke stand: „Nur zur richtigen Zeit öffnen.“

Ben runzelte die Stirn. „Welche richtige Zeit?“

Opa zeigte auf eine zweite Zeile, die Ben fast übersehen hätte: „Wenn der Schatten der alten Linde die Nasenspitze des Löwen berührt.“

Ben sah auf. „Welcher Löwe?“

„Bei der alten Linde im Park steht doch diese steinerne Löwenfigur“, erinnerte Opa ihn. „Du hast ihr mal eine Eichel in den Mund gelegt.“

Ben wurde rot. „Damit sie was zu knabbern hat.“

„Sehr freundlich“, sagte Opa. „Also, ein Schatz. Aber der will, dass du gut beobachtest.“

Ben strich mit dem Finger über die Karte. „Ich kann gut beobachten. Ich sehe sogar, wenn ein Käfer rückwärts läuft.“

„Dann bist du genau richtig“, sagte Opa. „Und du bist auch diskret. Nicht jeder muss sofort wissen, dass wir eine Schatzkarte haben.“

Ben klappte die Karte vorsichtig zusammen. „Ich sag's niemandem. Nicht mal Pia.“

„Pia wäre wahrscheinlich sofort mit einer Schaufel angerannt“, meinte Opa.

„Und mit Gummibärchen als Proviant“, ergänzte Ben. Er überlegte kurz. „Aber vielleicht brauchen wir Hilfe. Nur ein bisschen.“

Opa zog die Augenbrauen hoch. „Du entscheidest das. Hauptsache, du bleibst aufmerksam.“

Ben stopfte die Karte in seine Jackentasche, ganz tief, als wäre sie ein Vogel, der nicht wegfliegen durfte. „Wir gehen zur Linde. Heute.“

„Heute ist gut“, sagte Opa. „Aber die richtige Zeit… die müssen wir finden.“

Ben sah auf den Himmel. Die Sonne stand noch hoch. „Dann müssen wir warten und gucken.“

„Genau“, sagte Opa. „Warten und gucken. Das ist manchmal die mutigste Arbeit.“

Ben nickte, als hätte er gerade einen geheimen Auftrag bekommen. Und irgendwie hatte er den auch.

Kapitel 2: Der Schatten, der nicht schummelt

Im Park roch es nach warmem Holz und nach frisch gemähtem Gras. Die alte Linde stand da wie eine große freundliche Oma, die alles gesehen hatte. Daneben war der steinerne Löwe, ein bisschen verwittert, aber mit einer Nase, die man gut erkennen konnte.

Ben stellte sich davor. „Hallo, Löwe. Hast du heute Zeit für Schatten?“

Opa räusperte sich. „Der Löwe ist aus Stein. Aber du darfst ihn gern fragen.“

Ben beugte sich vor. „Wenn du gleich schnarchst, sag Bescheid.“

„Ben“, lachte Opa leise, „du bist wirklich vorsichtig und gleichzeitig Quatschmacher.“

Ben setzte sich mit Opa auf eine Bank gegenüber. Die Karte hatte Ben heimlich herausgezogen und nur so weit geöffnet, dass Opa mitlesen konnte.

„Wir müssen schauen, wann der Schatten der Linde…“, begann Ben.

„…die Nasenspitze berührt“, beendete Opa. „Das ist eine Zeitangabe, aber keine Uhrzeit. Das heißt: Wir müssen beobachten.“

Ben schaute auf den Boden. Der Schatten der Linde lag wie ein großer Fleck dort, und er wanderte ganz langsam, als würde er auf Zehenspitzen gehen.

„Der Schatten bewegt sich“, flüsterte Ben.

„Ja“, sagte Opa. „Und er schummelt nicht.“

Ben grinste. „Schatten können gar nicht schummeln. Die haben ja keine Taschen für Tricks.“

„Guter Punkt“, sagte Opa.

Ein paar Kinder spielten in der Nähe Ball. Ben hielt die Karte schnell wieder in der Tasche. Er wollte wirklich diskret sein. Er fand, Geheimnisse waren wie Seifenblasen: schön, aber wenn man zu doll pustet, platzen sie.

„Opa“, flüsterte er, „was, wenn wir die richtige Zeit verpassen?“

Opa legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Dann lernen wir daraus und versuchen es nochmal. Aber ich denke, du wirst es merken.“

Ben atmete aus. „Okay. Ich bin bereit.“

Sie warteten. Ben beobachtete alles: einen Spatz, der Brotkrumen stahl; eine Ameisenstraße, die aussah wie eine winzige Autobahn; die Wolken, die wie Schafe zogen. Und immer wieder schaute er auf den Schatten.

„Er kommt näher“, sagte Ben nach einer Weile.

„Sehr gut gesehen“, lobte Opa.

Ben sprang auf und stellte sich neben den Löwen. „Ich gucke von hier aus. Dann sehe ich besser.“

„Aber nicht auf den Löwen klettern“, warnte Opa.

„Ich klettere nicht. Ich bin zuverlässig“, sagte Ben. Dann fügte er leise hinzu: „Meistens.“

Der Schatten zog weiter. Ben kniff die Augen zusammen. Es war fast so, als würde der Schatten einen Finger ausstrecken. Ganz langsam, ganz geduldig.

„Jetzt!“, rief Ben plötzlich. „Opa, jetzt berührt er die Nase!“

Opa stand sofort auf. „Tatsächlich.“

Ben zog die Karte heraus, das Herz klopfte ihm wie ein Trommelwirbel. Unten auf der Karte war ein kleiner Umschlag aufgeklebt, den er vorher nicht bemerkt hatte. Darauf stand: „Erst öffnen, wenn es stimmt.“

„Das ist es!“, sagte Ben.

„Dann öffne“, sagte Opa. „Aber ruhig. Du hast Zeit.“

Ben schluckte. Er fühlte sich mutig, obwohl er nur ein Umschlagöffner aus Papier war. Doch Mut, wusste er, war manchmal einfach: nicht weglaufen, sondern hingucken.

Er riss den kleinen Umschlag vorsichtig auf. Darin war ein Streifen Papier mit einer kurzen Nachricht:

„Gehe vom Löwen aus dreißig kleine Schritte nach Westen, bis du den Stein findest, der aussieht wie ein Brot. Dann warte, bis du das leise Klingeln hörst. Öffne erst dann.“

Ben blinzelte. „Leises Klingeln? Hier gibt's doch kein Glöckchen.“

Opa zeigte auf den Parkbrunnen, der ein paar Meter weiter plätscherte. „Manchmal klingt Wasser wie Klingeln. Besonders, wenn man gut hinhört.“

Ben lauschte. Das Wasser machte „plitsch-plitsch“, und dazwischen, wirklich, ganz zart, war ein „kling“, als hätte jemand einen winzigen Löffel gegen ein Glas getippt.

Ben grinste. „Das ist ja wie ein Geheimcode für Ohren!“

„Genau“, sagte Opa. „Jetzt kommen die Schritte. Du zählst. Ich passe auf, dass niemand uns stört.“

Ben hob die Hand. „Ich bin bereit. Eins… zwei…“

Er ging langsam, sorgfältig. „…achtundzwanzig, neunundzwanzig, dreißig.“

Vor ihm lag ein Stein. Und er sah tatsächlich aus wie ein Brot. Ein bisschen schief, ein bisschen rundlich, als hätte jemand es zu lange gebacken.

Ben kniete sich hin. „Hallo, Brotstein.“

„Ben“, sagte Opa, „du begrüßt heute wirklich alles.“

„Besser, als wenn es mich erschreckt“, flüsterte Ben. „Wenn man freundlich ist, sind die Dinge auch freundlicher.“

Opa nickte. „Eine gute Regel.“

Ben lauschte. Das Brunnenklingeln war mal da, mal weg, wie ein schüchternes Glöckchen. Als es wieder zu hören war, spürte Ben: Jetzt ist wieder die richtige Zeit.

Er fand am Brotstein eine kleine, dünne Holzklappe im Boden, fast unsichtbar unter Moos. „Opa! Da!“

„Sehr gut beobachtet“, sagte Opa.

Ben hob die Klappe. Darunter war eine kleine Metallkiste. Nicht groß, eher wie eine Brotdose für Zwerge. Auf dem Deckel war ein Drehrad mit Zahlen.

Ben schluckte. „Ein Zahlenschloss.

Opa beugte sich vor. „Und jetzt brauchst du Köpfchen.“

Ben schaute schnell auf die Karte. „Hier steht nichts von Zahlen… nur… der Löwe, die Linde, der Brotstein.“

Er dachte. Sein Gehirn fühlte sich an, als würde es schnell joggen. „Opa! Vielleicht sind es Dinge, die man zählen kann!“

„Welche?“, fragte Opa.

Ben zeigte zur Linde. „Wie viele große Äste?“

Opa schaute hoch. „Ich sehe… vier, die richtig dick sind.“

Ben zeigte auf den Löwen. „Wie viele Krallen sieht man?“

„Vorne sind zwei Pfoten“, sagte Opa. „Jeweils… ich kann drei Krallen erkennen. Also sechs.“

Ben tippte auf den Brotstein. „Und der hat…“ Er strich mit dem Finger drüber. „…zwei Risse, die wie Augen aussehen.“

Opa lachte leise. „Ein Brot mit Augen. Gut. Also 4-6-2?“

Ben drehte das Schloss: 4… 6… 2. Es machte „Klick“.

Ben hielt die Luft an. „Es geht!“

Opa hob den Daumen. „Sehr gut.“

Ben öffnete langsam den Deckel.

Kapitel 3: Die Kiste mit dem weichen Glanz

In der Kiste lag kein Gold, das funkelte wie in Piratenfilmen. Es lag etwas, das viel leiser glänzte: eine kleine Stofftasche, bestickt mit Sternen, und daneben ein zusammengefalteter Zettel.

Ben nahm die Tasche heraus. Sie fühlte sich warm an, obwohl sie im Boden gelegen hatte. „Was ist das?“

„Mach auf“, sagte Opa.

Ben zog an der Schnur. In der Tasche lagen drei Dinge: eine glatte Muschel, die innen wie Regenbogen schimmerte; ein winziger Kompass; und ein runder Stein, der in der Sonne so aussah, als hätte er Licht geschluckt.

„Wow“, flüsterte Ben. „Das ist… ein stiller Schatz.“

Opa nickte. „Schätze müssen nicht laut sein.“

Ben nahm den Kompass in die Hand. Die Nadel zitterte kurz und beruhigte sich dann. „Er zeigt nach Norden. Das ist praktisch, wenn man sich verlaufen würde.“

„Aber wir verlaufen uns nicht“, sagte Opa.

„Weil ich zuverlässig bin“, sagte Ben.

„Genau.“

Ben öffnete den Zettel. Darauf stand:

„Du hast gut beobachtet. Dieser Schatz gehört denen, die die richtige Zeit wählen und leise schauen können. Die Muschel erinnert dich ans Zuhören. Der Kompass erinnert dich ans Nachdenken. Der Lichtstein erinnert dich ans Durchhalten, auch wenn es langsam geht. Teile den Schatz nicht in Sachen, sondern in Taten.“

Ben las es zweimal. Dann fragte er: „Was heißt: in Taten?“

Opa überlegte. „Vielleicht: Du sollst mit den Dingen etwas Gutes tun. Oder du sollst das, was du gelernt hast, weitergeben.“

Ben schaute auf den Lichtstein. Er war nicht hell wie eine Lampe. Aber er wirkte freundlich, wie ein kleiner Mutknopf.

„Dann…“, sagte Ben langsam, „kann ich Pia vielleicht doch etwas sagen? Aber nicht die Karte. Nur… dass man genau hinsehen muss?“

„Das wäre eine gute Tat“, sagte Opa. „Du kannst ihr zeigen, wie man Schatten beobachtet oder wie man Schritte zählt. Das Geheimnis bleibt deins, aber das Wissen darf wachsen.“

Ben nickte. „Und ich kann den Kompass mitnehmen, wenn wir wandern. Damit wir nicht aus Versehen bei der Eisdiele landen und behaupten, wir wären verloren.“

Opa tat so, als würde er streng schauen. „Das wäre ja furchtbar.“

Ben kicherte. „Sehr furchtbar. Mit drei Kugeln Vanille.“

Sie schauten nochmal in die Kiste. Unten lag noch etwas: ein kleines Stück Kreide, schon fast bis zur Hälfte abgenutzt.

„Kreide?“, fragte Ben.

Opa tippte auf den Deckel innen. Dort war ein Satz eingeritzt: „Zeichne eine Spur, aber lösche sie, wenn du fertig bist.“

Ben spürte ein Kribbeln. „Wir sollen eine Spur machen… und dann wegmachen?“

„Vielleicht, damit niemand den Park umgräbt wie ein Maulwurf-Festival“, sagte Opa.

Ben stellte sich einen Park voller Maulwürfe mit Schaufeln vor und lachte. „Okay. Das ist fair.“

Ben nahm die Kreide. „Was für eine Spur?“

Opa zeigte auf den Kompass. „Vielleicht führt sie dich zum letzten Hinweis. Der Zettel sagt: in Taten teilen. Vielleicht gibt es noch etwas, das du tun sollst.“

Ben schaute sich um. Da war der Weg, da war der Brunnen, da war die Linde. Und da war am Rand des Parks ein kleines Häuschen: der Kiosk von Frau Neri, wo man Wasser, Apfelsaft und manchmal auch ein Pflaster bekam, wenn man hingefallen war.

Ben erinnerte sich: Letzte Woche hatte er gesehen, wie Frau Neri einem kleinen Kind ein Pflaster geschenkt hatte, ohne zu fragen, ob es Geld hatte.

„Opa“, sagte Ben, „ich glaube, ich weiß eine Tat.“

„Welche?“, fragte Opa.

Ben hielt die Muschel an sein Ohr. „Zuhören. Frau Neri hört immer zu. Und der Kompass… der zeigt, wohin man geht. Vielleicht sollen wir…“ Er stockte und wurde ein bisschen schüchtern. „Vielleicht sollen wir ihr helfen.“

Opa lächelte. „Was brauchst du?“

Ben deutete auf die Kreide. „Ich zeichne eine kleine Spur… bis zum Kiosk. Nicht auffällig. Nur so, dass ich sie nachher wieder finde. Dann bringe ich Frau Neri die Tasche und frage, ob sie eine Idee hat, wie man den Schatz in Taten teilt.“

Opa nickte. „Das ist mutig. Du gehst auf jemanden zu und fragst.“

Ben fühlte sich plötzlich groß, obwohl er klein war. Er machte mit der Kreide drei kleine Zeichen auf den Weg: ein Stern, ein Stern, ein Stern. Ganz klein, fast wie Krümel.

„Nicht zu viele“, flüsterte er. „Diskret.“

Sie gingen zum Kiosk. Frau Neri stand gerade da und stapelte Becher.

„Hallo, Ben! Hallo, Opa!“, sagte sie. „Ihr seht aus, als hättet ihr was vor.“

Ben schluckte. „Ähm… ja. Wir haben… etwas gefunden. Und es ist irgendwie… freundlich.“

Frau Neri beugte sich runter, damit sie auf Augenhöhe waren. „Dann erzähl.“

Ben zeigte ihr die Tasche und den Zettel. Er verriet nicht die Karte und nicht den Ort. Er war diskret, wie er es versprochen hatte. Aber er las die Nachricht vor.

Frau Neri hörte ganz still zu. Dann sagte sie: „Das ist ein schöner Schatz. Weißt du, was ich daran mag? Er sagt: Du kannst etwas Gutes tun, ohne dass es jemand merkt.“

Ben grinste. „Wie ein geheimer Helfer.“

„Genau“, sagte Frau Neri. „Vielleicht kannst du den Kompass nutzen, um jemanden zu führen, der sich verirrt hat. Oder die Muschel, um jemandem zuzuhören, der traurig ist. Und den Lichtstein… den kannst du in die Hand nehmen, wenn du Geduld brauchst.“

Ben drückte den Stein. „Und was ist jetzt die Tat?“

Frau Neri zeigte auf eine Kiste neben dem Kiosk. „Siehst du die leeren Flaschen? Die bringe ich später weg, aber heute ist es viel. Wenn ihr mögt, könnt ihr mir helfen, sie zum Sammelplatz zu tragen. Das ist keine große Heldentat, aber eine echte.“

Ben stellte sich vor, wie ein Schatz sagt: „Trag Flaschen!“ Das war komisch und irgendwie toll.

„Das machen wir“, sagte Ben sofort. „Ich bin stark genug für… mindestens zwei!“

Opa lachte. „Und ich für mehr.“

Sie trugen die Flaschen in kleinen Etappen. Ben zählte Schritte, damit nichts runterfiel. Er blieb ruhig, auch als eine Flasche klirrte. Nichts ging kaputt, und Frau Neri sagte jedes Mal: „Danke, Ben. Du passt richtig gut auf.“

Als sie fertig waren, gab Frau Neri Ben einen Apfelsaft. „Für den Helfer.“

Ben trank und fühlte sich, als wäre sein Bauch voller Sonnenschein.

„Und jetzt“, flüsterte Ben zu Opa, „müssen wir die Spur löschen.“

Kapitel 4: Die Spur, die verschwindet

Ben und Opa gingen zurück zu den kleinen Kreidesternen. Ben kniete sich hin. „Stern eins.“

Er rieb mit der Hand darüber. Ein bisschen Kreide blieb an seiner Haut. Der Stern wurde blasser.

Opa holte eine kleine Wasserflasche aus dem Rucksack. „Ein Tropfen hilft.“

„Oh!“, sagte Ben. „Dann ist es wie Zauberei.“

Ben tupfte Wasser auf den Stern und wischte. Der Stern verschwand fast ganz.

„Das fühlt sich komisch an“, sagte Ben leise. „Ich habe ihn gemacht… und jetzt mache ich ihn weg.“

Opa nickte. „Manche Spuren sind nur für den Moment. So bleibt der Park ruhig und schön.“

Ben dachte an die Kiste im Boden. „Und niemand buddelt alles um.“

„Genau“, sagte Opa.

Ben löschte Stern zwei und Stern drei. Danach stand er auf und schaute auf den Weg. Nichts deutete mehr darauf hin, dass hier gerade ein Geheimnis entlanggewandert war.

„Die Spur ist weg“, sagte Ben.

Opa schaute ihn an. „Aber was bleibt?“

Ben fasste in seine Tasche und fühlte die Stofftasche. „Das Wissen bleibt. Und die Dinge. Und…“ Er überlegte. „Und dass ich die richtige Zeit gefunden habe.“

Opa nickte zufrieden. „Du hast beobachtet, gezählt, gehört und nachgedacht. Und du warst mutig, weil du dran geblieben bist.“

Ben sah zum Löwen rüber. Der Schatten war inzwischen weitergezogen. „Der Schatten hat uns geholfen.“

„Und du hast ihn nicht verpasst“, sagte Opa.

Ben ging zum Löwen und legte ihm kurz die Hand auf die steinerne Pfote. „Danke, Löwe. Du hast nicht geschnarcht.“

Opa lachte. „Sehr tapfer von ihm.“

Ben steckte den Kompass ein, nahm die Muschel und hielt sie nochmal ans Ohr. Er hörte nicht das Meer, aber er hörte das Lachen der Kinder, das Plätschern vom Brunnen und ein bisschen Wind in den Blättern. Das war auch ein Geräusch-Schatz.

„Opa“, sagte Ben, „sollen wir den Lichtstein später wieder verstecken? Damit ihn noch jemand findet?“

Opa dachte nach. „Vielleicht. Aber nur, wenn du sicher bist, dass es freundlich ist. Manchmal ist der beste Schatz der, den man bei sich trägt und in Taten verwandelt.“

Ben nickte langsam. „Dann behalte ich ihn erst mal. Für Geduld-Situationen.“

„Welche sind das?“, fragte Opa.

Ben zählte an den Fingern. „Warten, bis der Kakao abkühlt. Warten, bis Pia fertig erzählt hat. Und… warten, bis ich groß genug bin, um allein Fahrrad zu fahren.“

Opa schmunzelte. „Das sind große Abenteuer.“

Ben nahm Opas Hand. Sie gingen aus dem Park, nicht schnell, nicht langsam, genau richtig. Ben fühlte sich leicht, als hätte er einen unsichtbaren Rucksack voller Mut dabei.

Als sie am Ausgang waren, drehte Ben sich nochmal um. Die Linde stand ruhig, der Löwe auch. Der Weg war sauber. Keine Kreidesternchen, keine Hinweise. Nur ganz normale Parkluft.

„Alles ist wieder wie vorher“, sagte Ben.

Opa drückte seine Hand. „Fast. Du bist ein bisschen anders. Du siehst genauer hin.“

Ben grinste. „Und ich weiß jetzt: Die richtige Zeit ist manchmal nicht auf der Uhr. Die ist im Schatten. Und im Ohr. Und im Kopf.“

„Und im Herzen“, ergänzte Opa.

Ben nickte. „Und im Herzen.“

Dann gingen sie nach Hause, pünktlich zum Abendbrot. Und niemand sah eine Spur. Aber Ben trug den Schatz bei sich – ganz leise, ganz warm, und bereit für das nächste kleine Abenteuer.

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Libellen
Insekten mit zwei Paar dünnen Flügeln, die oft über Wasser fliegen.
Flaschenpost
Eine Nachricht in einer Flasche, die ins Wasser geworfen wird.
Korken
Ein Stück, das eine Flasche oben verschließt und dicht macht.
Zusammengerolltes
Etwas, das eng zu einer Rolle gerollt wurde, wie Papier.
Nasenspitze
Das vorderste Ende der Nase, die Spitze deiner Nase.
Steinerne
Aus Stein gemacht; etwas, das hart und fest wie Stein ist.
Diskret
Leise und vorsichtig, damit nicht alle etwas erfahren.
Brunnen
Ein Ort im Park mit Wasser, aus dem es leise plätschert.
Zahlenschloss
Ein Schloss mit Zahlen, das man drehen muss, um es zu öffnen.
Bestickt
Stoff mit kleinen Fäden verziert, die ein Bild oder Muster zeigen.

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