Der Abend
Es war einmal ein stiller Winterabend. Schnee fiel leise. Schnee, Schnee, leise fällt der Schnee. Zwei kleine Mädchen saßen am Fenster. Sie hießen Lina und Anni. Sie waren fast drei Jahre alt. Sie trugen warme Socken. Ihre Augen leuchteten wie Kerzen.
Im Zimmer stand ein kleiner Tannenbaum. Der Baum funkelte mit bunten Kugeln. Kerzen flackerten sanft. Die Glocken draußen klangen fern. Die Glocken klingen. Leise, leise. Die Luft roch nach Plätzchen und Zimt. Auf dem Sofa lag eine rote Schal. Die Schal war weich wie ein Kissen. Aber ein Loch war drin. Oh!
„Die Schal ist kaputt“, sagte Lina. Sie strich über das Loch. „Wir müssen sie reparieren“, flüsterte Anni. Beide Mädchen sahen die Schal wie ein kleines zerrissenes Herz. Sie wollten helfen. Sie wollten Wärme schenken.
Ihre Mutter lächelte. „Kommt her“, sagte sie. „Wir nähen zusammen. Ganz langsam. Ganz ruhig.“ Die Kinder sprangen fast. Sie setzten sich zu dritt. Die Lampe war warm wie ein Lächeln. Die Nadel lag auf dem Tisch. Die Nadel sah aus wie ein kleiner Mond. Der Faden glitzerte wie ein Stern.
Die kleine Naht
„Eins, zwei, tief atmen“, sagte die Mutter. Sie zeigte den Kindern, wie man eine Nadel hält. Die Hände waren klein. Die Finger zitterten leicht. „Mach langsam“, sagte die Mutter. „Geduld ist wie eine Kerze. Sie brennt lange und wärmt viel.“ Lina nickte. Anni summte leise. Musik spielte im Herzen. Schnee, Schnee, leise fällt der Schnee.
Die Nadel ging durch die Schal. „Piek“, sagte Lina leise. Es tat nicht weh. Es war nur ein kleines Kitzeln. Der Faden zog sich durch. „Komm, folge dem Faden wie ein kleiner Zug“, sagte die Mutter. Und sie zählten zusammen. „Eins, zwei, drei“, flüsterte Anni. „Eins, zwei, drei“, wiederholte Lina. Die Stiche wurden klein. Die Stiche wurden fleißig.
Ein bisschen Faden fiel auf den Boden. Ein winziges Mützchen aus Faden. Ein kleines Mäuschen, dachte Lina. Die Kinder lachten. Die Schal schloss sich langsam. Das Loch wurde kleiner. Die Schal atmete wieder warm. „Geduld“, sagte die Mutter. „Geduld ist wie Schnee. Flocke um Flocke wird der Weg weiß.“ Die Mädchen sahen die Schal an. Ihre Augen glitzerten.
Draußen klingelten die Glocken noch. Die Glocken klingen. Leise, leise. In der Küche blinkte ein Licht. Ein Stern an der Tür winkte. Die Schal war fast fertig. Anni zog den letzten Faden. „Geschafft!“, rief sie leise. Ihre Stimme war weich wie Watte.
„Die Schal ist stark“, sagte die Mutter. „Sie ist geheilt. Und eure Hände sind ruhig geworden.“ Lina legte die Schal an. Sie legte sie um den Hals wie eine warme Umarmung. Anni schlang den Schal noch einmal um Lina. „Für dich“, sagte Anni. „Für immer“, flüsterte Lina.
Die warme Nacht
Der Abend wurde dunkel. Aber das Zimmer war hell. Helle Kerzen, helle Herzen. „Zeit für eine Geschichte“, sagte die Mutter. Sie setzte sich mit den Mädchen aufs Sofa. Draußen fiel der Schnee weiter. Schnee, Schnee, leise fällt der Schnee.
Die Mutter erzählte von einem kleinen Stern. Der Stern leuchtete für alle, die geduldig sind. Sie erzählte von einer Schal, die einmal zerrissen war, und von zwei Mädchen, die mit Liebe und Ruhe flickten. „Und die Schal wurde wärmer als zuvor“, sagte die Mutter. Die Kinder hörten. Ihre Atemzüge wurden weich. Die Glocken klangen noch einmal. Die Glocken klingen. Leise, leise.
„Gute Nacht“, flüsterte Lina. „Gute Nacht“, sagte Anni. Sie kuschelten sich in die Decke wie in ein warmes Nest. Die Schal lag da, heil und rot. Sie war ein kleines Brot der Liebe. Die Mutter küsste die Stirnen. „Schlaf schön“, sagte sie. „Morgen scheint die Sonne. Aber heute bleiben wir warm.“
Die Fenster zeigten weiße Flocken. Die Sterne blinkten. Die Kerzen glühten wie kleine Sonnen. Die Nacht war sanft. Die Welt war ruhig. Und in ihren Träumen nähten Lina und Anni weiter. Sie nähten Freundlichkeit. Sie nähte Geduld.
Schnee, Schnee, leise fällt der Schnee. Die Glocken klingen. Leise, leise. Die Schal hält warm. Die Herzen sind ruhig. Ende.