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Weihnachtsgeschichte 11/12 Jahre Lesen 20 min.

Der freche Stern und der Nachbarmodus: Eine Wintergeschichte über Wärme und Zuhören

In der Geschichte begegnet der zwölfjährige Mika einem Mädchen namens Nora, das in einer alten Wäscherei lebt, und zusammen mit seinen Nachbarn versucht er, ihr durch Zuhören und praktische Hilfe zu unterstützen, ohne sie zu überfordern. Dabei lernen sie die Bedeutung von Nachbarschaft und Mitgefühl in der kalten Winterzeit.

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Ein 12-jähriger Junge, Mika, mit zerzausten braunen Haaren und funkelnden Augen, steht in einem schimmernden Schneegitter. Er hat einen Ausdruck von sanfter und warmer Entschlossenheit, gekleidet in einen blauen Mantel und einen roten Schal. Neben ihm steht ein 12-jähriges Mädchen, Nora, in einer großen Jacke, die etwas zu weit für sie wirkt, mit einem Ausdruck von Dankbarkeit und Schüchternheit. Sie hat lockige blonde Haare, die aus ihrem dicken Schal hervorschauen. Sie befinden sich in einem verschneiten Hof, umgeben von roten Backsteingebäuden mit von Weihnachtslichtern erleuchteten Fenstern. Die Hauptszene zeigt Mika und Nora, die neben einer Holztür stehen, mit einer großen Tasche voller Geschenke und warmer Kleidung zu ihren Füßen, während sanft Schneeflocken um sie herum fallen und eine friedliche und magische Atmosphäre schaffen. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Schnee knistert, die Stadt glitzert

Der Schnee lag wie Puderzucker auf den Fensterbänken, und die Laternen machten aus jeder Flocke eine kleine, tanzende Glühbirne. Mika, zwölf Jahre alt, saß auf der Heizung und beobachtete, wie sein Atem eine Wolke an die Scheibe malte. Unten in der Straße schob sich ein Weihnachtslied aus einem offenen Fenster, als wäre es neugierig geworden.

In der Küche klapperten Tassen. Mama rief: „Mika! Wenn du noch länger am Fenster klebst, musst du Eintritt verlangen!“

Mika grinste und kam. Auf dem Tisch stand eine Schüssel mit Plätzchen, die aussahen, als hätten sie schon eine Schneeballschlacht hinter sich. „Die sind… kreativ“, sagte er vorsichtig.

„Das nennt man rustikal“, sagte Mama streng. Dann wurde sie weicher. „Kannst du die Keksdose rüber zu Frau Wenzel bringen? Sie ist heute allein.“

Mika nickte. Er war neugierig, aber auch vorsichtig. Und er hatte sich in diesem Advent etwas vorgenommen: erst zuhören, dann antworten. Das klang einfach. Meistens.

Er stopfte Schal, Mütze und Handschuhe in die richtige Reihenfolge an – naja, fast – und stapfte los. Der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln, als würde er leise applaudieren. Vor dem Haus stand schon Herr Duman mit einem viel zu kleinen Weihnachtsbaum.

„Der Baum ist… äh… kompakt“, sagte Mika.

Herr Duman schnaufte. „Kompakt! Der ist beim Händler noch gewachsen. Auf dem Heimweg hat er sich dann offenbar zusammengezogen.“ Er starrte den Baum an, als könnte er ihn mit Blicken wieder größer machen.

Mika hörte kurz hin, wie Herr Duman leise mit dem Baum schimpfte, und sagte dann: „Vielleicht braucht er nur eine warme Wohnung und etwas Mut.“

„Mut? Für einen Baum?“

„Manchmal hilft's“, meinte Mika, und beide mussten lachen.

Bei Frau Wenzel roch es nach Zimt und nach dem Papier von alten Büchern. Sie öffnete die Tür nur einen Spalt, als hätte sie Angst, dass der Winter reinspaziert und sich aufs Sofa setzt.

„Ach, Mika“, sagte sie, und ihre Stimme klang wie ein Wollschal. „Komm rein, mein Junge. Oder… lass mich raten: Du bringst die Keksdose, und ich tue so, als hätte ich es nicht erwartet.“

Mika hielt die Dose hoch. „Mission Keks.“

Frau Wenzel nahm sie, als wäre sie ein Schatz. „Du bist ein guter Nachbar. Weißt du was? Heute Abend gibt's am Marktplatz den Lichterabend. Da steht auch die große Spendenkiste für die Winterhilfe. Viele geben was rein. Aber…“ Sie stockte und sah an Mika vorbei, als könnte sie durch ihn hindurch die Straße sehen. „Manche können nicht.“

Mika wollte sofort etwas sagen – irgendwas Tröstendes, irgendwas Schnelles. Doch er erinnerte sich. Zuhören. Erst zuhören.

Frau Wenzel seufzte. „Im Hinterhof, in der alten Wäscherei… da brennt manchmal Licht. Ich glaube, da wohnt jemand, der es nicht warm hat. Ich habe mich noch nicht getraut zu klopfen.“

Mika spürte, wie seine Neugier ihn am Ärmel zog. „Warum nicht?“

„Weil… man nicht einfach in fremde Geschichten platzt“, sagte Frau Wenzel. „Und weil ich nicht weiß, was ich sagen soll.“

Mika nickte langsam. Er dachte: Vielleicht ist Zuhören genau dafür da.

Kapitel 2: Die alte Wäscherei und das leise Licht

Am Nachmittag schob sich Mika über den Hinterhof. Die Luft war so kalt, dass sie beim Einatmen kurz nach Metall schmeckte. Die alte Wäscherei stand da wie ein vergessener Schuhkarton, mit einem Fenster, das ein bisschen zu hell war, um leer zu sein.

Er blieb stehen. Seine Vorsicht stellte sich neben ihn wie ein unsichtbarer Bodyguard. Was, wenn da wirklich jemand wohnte? Was, wenn derjenige gar nicht gestört werden wollte? Oder was, wenn er Hilfe brauchte und niemand fragte?

Mika klopfte nicht sofort. Er lauschte.

Drinnen hörte er ein Husten, gedämpft und trocken. Dann ein Geräusch, als würde jemand mit einem Löffel gegen eine Tasse klirren. Schließlich eine Stimme – leise, genervt: „Komm schon, Wasser, tu doch so, als wärst du Tee.“

Mika musste kichern, hielt sich aber den Mund zu. Dann klopfte er, nicht zu laut. Dreimal. Wie in Filmen, nur ohne dramatische Musik.

Es dauerte. Schritte. Ein Riegel. Die Tür ging einen Spalt auf. Ein Mädchen mit einer riesigen Strickmütze schaute heraus. Ihre Augen waren wachsam, aber müde.

„Wer bist du?“, fragte sie.

Mika hob die Hände, als würde er zeigen: Ich habe keine Schneebälle dabei. „Mika. Ich wohne da vorne. Ich… hab Licht gesehen.“

„Und?“, sagte sie. „Licht ist kostenlos. Noch.“

Mika merkte, wie seine Ohren heiß wurden. Jetzt wäre ein schneller Satz praktisch gewesen. Aber er blieb bei seinem Plan. „Wie heißt du?“, fragte er und wartete.

Das Mädchen zögerte. Dann: „Nora.“

„Okay, Nora.“ Mika schaute kurz auf seine Stiefel, als könnten sie ihm eine Idee geben. „Ich wollte nur… hören, ob alles okay ist.“

Nora schnaubte. „Alles okay. Ich friere nur so sehr, dass ich gleich anfange, meinen eigenen Atem zu stricken.“

Mika lachte, weil das Bild so verrückt war. Nora grinste kurz, als hätte sie es nicht vorgehabt. Hinter ihr sah Mika einen kleinen Campingkocher, einen Stapel Decken und eine Taschenlampe, die wie ein tapferer Soldat auf dem Tisch stand.

„Du wohnst hier?“, fragte Mika.

Nora zuckte mit den Schultern. „Vorübergehend. Meine Mutter arbeitet nachts. Wir…“ Sie brach ab, als hätte sie den Satz fallen lassen und würde ihn nicht mehr finden.

Mika wartete. Der Schnee schwieg. Nora atmete aus.

„Wir haben die Wohnung verloren“, sagte sie schließlich. „Ist nicht so, dass ich das auf dem Marktplatz rufe, weißt du?“

Mika nickte. Er sagte nichts Kluges. Er sagte erst mal gar nichts. Er hörte zu, so wie er es sich vorgenommen hatte. Und in diesem Moment merkte er: Zuhören ist nicht leer. Es ist voll. Voll von dem, was jemand endlich rauslassen kann.

„Ich kann…“, begann Mika, stoppte, und wählte seine Worte wie Plätzchen aus der Dose. „Ich kann fragen, ob wir helfen können. Aber nur, wenn du das willst.“

Nora sah ihn lange an. Dann sagte sie trocken: „Wenn du einen Drachen hast, der heiße Schokolade spuckt, sag sofort ja.“

„Leider nur Mama“, sagte Mika. „Die spuckt manchmal auch, aber eher: ‚Mika, räum dein Zimmer auf!‘“

Nora lachte richtig. Das klang wie ein kleines Glöckchen im kalten Raum.

„Okay“, sagte sie leiser. „Frag. Aber… nicht wie ein Superheld. Eher wie… ein Nachbar.“

Mika nickte. „Nachbarmodus aktiviert.“

Als er ging, sah er noch einmal das Licht hinter der Tür. Es war nicht viel. Aber es war da.

Kapitel 3: Der Plan mit den Ohren zuerst

Zu Hause roch es nach Bratäpfeln, und der Adventskranz sah aus, als würde er gleich selbst anfangen zu erzählen. Mika zog die Schuhe aus und rief: „Mama? Kann ich kurz mit dir reden? Also… wirklich reden. Mit Ohren zuerst.“

Mama kam aus der Küche, die Hände mehlig. „Das klingt offiziell.“

Mika erzählte von Nora. Von der alten Wäscherei. Vom Husten. Vom Satz mit dem Atem-Stricken. Er merkte, wie er schneller reden wollte, als wäre Eile eine Lösung. Dann stoppte er. „Ich weiß nicht genau, was sie braucht. Ich hab… zugehört. Mehr noch nicht.“

Mama wurde still. Auch das Licht in ihrem Gesicht änderte sich, als hätte jemand den Regler von „Alltag“ auf „Wichtig“ gedreht. „Danke, dass du es sagst“, meinte sie. „Und danke, dass du nicht einfach losstürmst und irgendwas entscheidest.“

Mika grinste schief. „Mir ist kurz ein Cape eingefallen. Aber Nora hat das mit dem Nachbarmodus gesagt.“

Papa, der gerade reinkam und Schnee von der Jacke schüttelte, hörte den Rest. „Wir können einiges tun“, sagte er. „Aber wir müssen wissen, was sie annehmen möchte. Und was nicht.“

Mika nickte eifrig. „Genau! Zuhören. Dann antworten.“

Noch am selben Abend gingen sie zusammen in den Hinterhof. Mama trug eine Thermoskanne, Papa einen Beutel mit Lebensmitteln und eine extra dicke Decke. Mika trug nichts – außer seiner Neugier und einem Herzen, das ein bisschen gegen die Rippen trommelte.

Nora öffnete, als hätte sie schon geahnt, wer kommt. Ihr Blick sprang erst zu den Sachen, dann zu den Gesichtern.

Mama sagte sanft: „Hallo, Nora. Ich bin Mikas Mama. Wir haben gehört, dass es gerade schwierig ist. Wir wollten erst fragen: Möchtest du, dass wir dir etwas bringen? Oder ist dir das unangenehm?“

Nora presste die Lippen zusammen. Mika sah, wie sie schluckte. Dann sagte sie: „Ich… will nicht bemitleidet werden.“

Papa nickte. „Verstehe ich. Wir sind nicht hier für Mitleid. Wir sind hier, weil es kalt ist und weil Nachbarn manchmal teilen.“

Mika fügte hinzu: „Und weil Bratäpfel zu zweit besser schmecken als allein. Ist wissenschaftlich. Vermutlich.“

Nora schnaubte, aber ihre Schultern entspannten sich ein wenig. „Okay. Tee wär gut. Und… eine Decke. Mehr nicht.“

Mama reichte ihr die Thermoskanne und die Decke, ohne große Geste, ohne großes Theater. Nur Hände, die etwas weitergeben.

Nora nahm beides. Ihre Finger zitterten kurz, dann hielt sie die Tasse so fest, als wäre sie ein kleines Lagerfeuer. „Danke“, murmelte sie.

Mika wollte „Kein Problem“ sagen, aber er hörte sich selbst kurz in den Kopf: Es ist doch ein Problem. Sonst wären sie nicht hier. Also sagte er: „Gern. Wenn du willst, können wir morgen noch mal reden. Du sagst, was du brauchst. Wir hören zu.“

Nora nickte. „Morgen. Und… Mika? Danke, dass du nicht einfach geredet hast wie ein Nachrichtenmoderator.“

„Bitte“, sagte Mika. „Meine Moderatorenstimme ist sowieso peinlich.“

Als sie zurückgingen, glitzerte der Schnee, als würde er jede gute Entscheidung mit kleinen Sternchen markieren.

Kapitel 4: Der Marktplatz, die Spendenkiste und der freche Stern

Am nächsten Tag war der Lichterabend. Auf dem Marktplatz standen Buden wie bunte Holzkisten, aus denen der Duft von Mandeln und Tannennadeln strömte. Über allem hingen Lichterketten, so viele, dass der Himmel aussah, als hätte er Sommersprossen.

In der Mitte stand die große Spendenkiste, rot gestrichen, mit einem Schlitz oben und der Aufschrift: WINTERHILFE. Daneben ein Schild: „Teile Wärme.“

Mika und Nora standen ein Stück abseits. Nora hatte die dicke Decke um die Schultern, als wäre sie ein Umhang – nicht der Superheldenart, eher der „Ich halte durch“-Art.

„Du musst nicht hier sein“, sagte Mika. „Wir können auch einfach… nicht hier sein.“

Nora sah auf die Lichter. „Ich will aber. Nur nicht… im Mittelpunkt.“

„Verstanden“, sagte Mika. Er hörte in ihre Stimme hinein, nicht nur auf die Worte. Da war Mut drin. Und Angst. Wie zwei Geschwister, die sich dauernd in die Haare kriegen.

Da kam Frau Wenzel auf sie zu, mit einem Schal, der so lang war, dass er wahrscheinlich ein eigenes Postfach hatte. „Mika! Und du bist Nora“, sagte sie, als würde sie ein Puzzle fertig machen. „Schön, dich zu sehen.“

Nora wurde steif. Mika wollte etwas sagen, aber Frau Wenzel hob die Hand – nicht als Stopp, sondern als Zeichen von Ruhe. „Ich habe gehört, dass es kalt ist in der alten Wäscherei“, sagte sie. „Und ich habe auch gehört, dass man zuerst zuhören sollte.“

Mika blinzelte. Frau Wenzel zwinkerte. Offenbar hatte Mama telefoniert.

„Nora“, sagte Frau Wenzel, „was wäre für dich Hilfe, ohne dass es sich wie ein Scheinwerfer anfühlt?“

Nora zog die Schultern hoch. Dann, ganz leise: „Vielleicht… eine kleine Tasche mit Sachen. Die man einfach abstellen kann. Ohne dass alle gucken.“

Frau Wenzel nickte. „Das ist eine gute Idee. Wir machen das so.“

In dem Moment löste sich oben an der Lichterkette ein kleiner Stern aus Papier und segelte herunter. Er landete genau auf Mikas Mütze, als hätte er ihn ausgewählt.

Ein Kind zeigte und lachte: „Der Stern hat dich getroffen! Jetzt bist du offiziell Weihnachtsmagnet!“

Mika griff nach dem Stern. „Ich glaube, der Stern wollte einfach näher an meine Frisur. Die ist berühmt.“

Nora kicherte, und das Kichern blieb nicht stecken, sondern wurde zu einem richtigen Lachen. Für einen Moment wirkte der Marktplatz weniger laut, als hätte die Welt kurz die Luft angehalten, um Platz zu machen.

Mika sah zur Spendenkiste. Menschen warfen Geld hinein, Handschuhe, Schals. Warmes, Praktisches, Nützliches. Aber Nora brauchte etwas, das man nicht hören konnte: Respekt.

„Ich hab 'ne Idee“, sagte Mika langsam. „Aber ich will erst wissen, ob du das willst.“

Nora schaute ihn an. „Sag.“

„Nicht hier“, sagte Mika. „Da drüben. Wo's ruhiger ist.“

Sie gingen an den Rand des Platzes, wo eine Bank halb unter Schnee begraben war, wie ein verstecktes Tier.

„Okay“, sagte Mika. „Du sagst, was du brauchst. Und wir organisieren es. Aber du entscheidest mit. Nicht wir über dich.“

Nora atmete aus. „Ich brauche… dass meine Mutter nicht das Gefühl hat, versagt zu haben.“

Mika nickte, und seine Antwort kam nicht schnell, sondern passend. „Dann machen wir's so, dass es aussieht wie Nachbarschaft. Nicht wie Rettung.“

Nora sah ihn an, und diesmal war in ihrem Blick ein kleines, warmes Licht, das nicht flackerte.

Kapitel 5: Die Nachbar-Aktion mit der geheimen Tasche

Am nächsten Morgen, als der Himmel noch grau und verschlafen war, begann „Operation Nachbar-Modus“. Mika schrieb Zettel, aber nicht dramatisch. Keine großen Worte. Nur: „Wintertasche für den Hinterhof. Wer mag, legt etwas Warmes in die Kiste bei Familie Krüger (Mikas Familie). Ohne Namen. Danke.“

Er klebte die Zettel ins Treppenhaus, an den Briefkasten von Herrn Duman und sogar an die Tür vom Kiosk, wo der Besitzer immer so tat, als wäre er grummelig, aber in Wahrheit jedem Kind extra viel Wechselgeld gab.

Als Mika die letzte Ecke umknickte, stand Herr Duman plötzlich hinter ihm. „Aha“, sagte er. „Geheime Mission?“

Mika zuckte zusammen. „Psst. Nicht so laut. Sonst hört der Schnee mit.“

Herr Duman nahm den Zettel, las, räusperte sich und sagte: „Ich habe zufällig eine Thermojacke, die mir zu klein ist. Also… sie ist beim Waschen geschrumpft. Genau wie mein Baum.“

„Dein Baum schrumpft nicht“, sagte Mika.

„Doch! Und ich auch, wenn ich zu wenig Kekse bekomme.“

Am Nachmittag klingelten Nachbarn. Eine Frau brachte neue Socken. Ein Junge aus dem dritten Stock brachte ein Buch und sagte: „Ist spannend. Und wenn man liest, vergisst man kurz, dass Füße existieren.“ Mika fand das logisch genug.

Mama sortierte alles in eine große Stofftasche: Tee, Handschuhe, ein kleines Set mit Shampoo und Seife, eine Taschenwärmer-Packung, eine Schachtel Plätzchen, die diesmal weniger „rustikal“ aussahen. Oben drauf legte Mika den Papierstern vom Marktplatz.

„Wieso der Stern?“, fragte Mama.

„Weil…“, Mika suchte nach den richtigen Worten, „weil er frech war und trotzdem Licht gemacht hat.“

Als es dunkel wurde, gingen Mika, Mama und Papa in den Hinterhof. Aber diesmal klopften sie nicht. Sie stellten die Tasche vor die Tür der Wäscherei, daneben einen Zettel: „Von Nachbarn. Du bestimmst, was du nimmst. Fröhliche Weihnachten.“

Sie gingen ein paar Schritte zurück und warteten im Schatten des Treppenhauses, nicht um zu spionieren, sondern um sicherzugehen, dass niemand anders die Tasche wegnahm.

Die Tür öffnete sich. Nora sah die Tasche, dann den Zettel. Sie blieb stehen, als hätte sie Angst, dass sich das Gute gleich wieder auflöst. Dann hob sie die Tasche an. Sie war schwer, und doch sah es aus, als würde sie leichter werden, je länger Nora sie hielt.

Nora schaute kurz in die Dunkelheit, dahin, wo Mika stand. Sie konnte ihn nicht genau sehen, aber sie wusste es wohl. Sie hob eine Hand, ein winziges Zeichen.

Mika hob auch eine Hand. Nicht winken wie im Stadion. Nur… da sein.

Auf dem Rückweg sagte Papa: „Manchmal ist Hilfe am stärksten, wenn sie nicht laut ist.“

Mika nickte. „Wie ein Schneefall.“

Kapitel 6: Der Abend, an dem ein Lied leiser wurde

Am Heiligabend trafen sich die Bewohner des Hauses im Treppenhaus. Jemand hatte einen kleinen Baum hingestellt, geschmückt mit Papiersternen, die aussahen, als wären sie von Kindern und Erwachsenen zusammen erfunden worden. Herr Duman stellte seinen „kompakten“ Baum daneben. Er sah immer noch klein aus, aber er trug Lichterketten mit stolzer Haltung.

„Siehst du?“, flüsterte Herr Duman zu Mika. „Er ist gewachsen. Innerlich.“

Frau Wenzel brachte Kakao, der so duftete, dass man sich schon beim Riechen wärmer fühlte. Der Kioskbesitzer brachte Mandarinen und tat so, als sei das eine reine Geschäftssache. „Wer Mandarinen isst, kauft später mehr“, murmelte er. Aber seine Augen lachten.

Dann stand Nora im Eingang. Neben ihr eine Frau mit müden Augen und einem Gesicht, das trotzdem freundlich blieb – ihre Mutter. Nora trug eine Jacke, die ein bisschen zu groß war, und sah darin aus, als hätte sie endlich wieder Platz zum Atmen.

Mika ging nicht sofort hin und redete. Er wartete, bis Nora zu ihm schaute.

Sie kam näher. „Meine Mutter weiß jetzt“, sagte Nora. „Und sie war erst still. Dann hat sie gesagt, dass sie froh ist, dass wir Nachbarn haben.“

Mika nickte. „Wie geht's euch?“

Noras Mutter lächelte zaghaft. „Es ist… noch nicht alles gelöst. Aber wir sind nicht mehr allein.“

Mika hörte das „noch nicht“. Und er hörte das „nicht mehr allein“. Beides war wichtig.

Im Treppenhaus begann jemand zu singen. Erst leise, dann fanden andere Stimmen dazu, unsicher wie kleine Schritte im Schnee. Es war ein einfaches Weihnachtslied, nichts Perfektes, eher ein Lied mit Ecken und warmen Kanten.

Mika sang auch, aber nicht laut. Er spürte, wie die Stimmen wie Kerzenlicht an den Wänden flackerten. Nora sang nicht sofort. Sie hörte zu. Dann, ganz vorsichtig, stieg sie ein, als würde sie erst prüfen, ob das Lied sie wirklich tragen kann.

Die Melodie schwebte nach oben, bis zum Dach, und fiel als sanfter Klang wieder herunter. Nach und nach wurden die Stimmen leiser, nicht weil jemand aufhörte, sondern weil das Lied sich beruhigte, wie ein Kind, das endlich eingeschlafen ist.

Am Ende blieb eine stille Wärme im Treppenhaus zurück. Mika schaute auf den kleinen Baum, auf die Menschen, auf den Schnee hinter dem Fenster, der weiterfiel und alles weich machte.

Nora flüsterte: „Danke.“

Mika antwortete nicht sofort. Er hörte, wie das Wort in der Luft stand, wie ein kleiner Stern. Dann sagte er: „Danke, dass du uns zugehört hast.“

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Puderzucker
Sehr feiner, weißer Zucker. Sieht aus wie Schnee.
Laternen
Lampen, die draußen stehen und in der Nacht leuchten.
Trommelte
Schnell und oft auf etwas schlagen, wie ein Trommelspieler.
Thermoskanne
Eine Flasche, die Getränke warm oder kalt hält.
Kompakt
Klein und dicht, aber stark oder nützlich.
Lagerfeuer
Ein Feuer im Freien, um das man sich setzt.
Glühbirne
Eine kleine Lampe, die elektrisch leuchtet.
Sommersprossen
Kleine braune Flecken auf der Haut, meist im Gesicht.
Leise Klopfen
Sehr sanft und vorsichtig an eine Tür oder einen Gegenstand schlagen.

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