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Zirkusgeschichte 11/12 Jahre Lesen 24 min.

Der Bandkoffer und die unsichtbaren Lampions des Zirkus Sternen-Salto

Mila und Jon finden im Zirkus einen geheimnisvollen Bandkoffer und müssen mit tanzenden Bändern und schüchternen Lampions die unsichtbaren Lichter für die Abendvorstellung einstellen; dabei lernen sie, dass Fehler zum Abenteuer dazugehören.

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Drei Personen: Mila, 11, linke Seite auf einer Holzkiste stehend, braune Zöpfe, große funkelnde Augen, rote Jacke mit weißen Punkten, zieht ein seidenes gelbes Band zu einem unsichtbaren Haken; Jon, 11, rechts hockend, kurz kastanienbraune Haare, Glitzertupfen auf den Wangen, hellblauer Sweatshirt, hält ein blaues Band, das sich um ein Tau windet, konzentriert lächelnd; Lumo, erwachsener Lampionverkäufer, helle Haut, grauer runder Hut, braune Weste mit Glöckchen, großer Korb bunter Lampions auf dem Rücken, etwas zurückhaltend in der Mitte, beobachtend und mit erhobener Hand leitend. Schauplatz: Backstage eines Zirkuszelts, Nahaufnahme mit sichtbaren Taue und Haken, gestapelten Holzkisten und Reihen realer Lampions (rot, gelb, grün, blau) sowie leeren Stellen, an denen imaginäre Lampions schweben, warmes Filamentlicht und verstreutes Glitzer auf dem Boden. Hauptsituation: Die Kinder nehmen bunte Bänder aus einer alten Holzkiste mit der Aufschrift RIBBONS und befestigen unsichtbare Lampions zwischen den echten; die Luft um die Bänder vibriert, kleine farbige Funken und Glitzerstaub schweben, Atmosphäre: freudige, konzentrierte, dezente Magie. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Zirkus kommt, und ein Koffer schnuppert

Als der Zirkus „Sternen-Salto“ in die Stadt rollte, klang es, als würde ein ganzer Schrank voller Töpfe eine Polka tanzen. Die Wagen knarrten, die Plakate flatterten, und irgendwo meckerte ein Ziegenbock beleidigt, weil ihm niemand zuhörte.

Mila und Jon, beide elf, standen am Zaun und taten so, als wären sie zufällig dort. In Wahrheit klebten ihre Augen an allem, was glitzerte: an den goldenen Sternen auf der Manege, an den bunten Fahnen und an einem Clown, der eine Leiter trug, als wäre sie sein Haustier.

„Wenn ich groß bin, werde ich Zirkusdirektorin“, sagte Mila.

Jon schnaubte. „Und ich werde dann… professioneller Popcorn-Tester. Sehr gefährlicher Beruf.“

„Du würdest alles testen, wenn's nach Butter riecht“, grinste Mila.

Gerade als sie sich an den Duft von Sägemehl und Zuckerwatte gewöhnten, schlich ein kleiner Windstoß über den Platz und schob etwas unter dem Zaun hindurch: einen alten, flachen Koffer. Er war aus Holz, hatte Messingecken und sah aus, als hätte er schon hundert Geheimnisse gehört.

Jon bückte sich. „Der ist nicht von uns.“

„Vielleicht ist er von… einem Zauberer, der seine Socken verloren hat“, flüsterte Mila und stupste den Koffer mit dem Schuh an.

Der Koffer machte ein winziges „plopp“, als würde er husten.

„Okay“, sagte Jon. „Das war definitiv kein normaler Koffer.“

Mila zog die Augenbrauen hoch. „Normal ist im Zirkus sowieso verdächtig.“

Sie hoben ihn gemeinsam an. Er war leichter, als er aussah, und klapperte, als wären darin hundert kleine Regenbögen eingesperrt. Auf dem Deckel stand in krakeligen Buchstaben: „RIBBONS“.

„Aufmachen?“ fragte Jon.

„Aufmachen“, entschied Mila, als wäre sie dafür gewählt worden.

Der Verschluss klickte. Der Deckel sprang auf. Und aus dem Inneren quollen Bänder. Nicht einfach Bänder – nein. Es waren seidig-glänzende, verrückte, tanzende Bänder in allen Farben, die sich wie lebendige Schlangen in die Luft wanden, ohne zu beißen. Ein blaues Band wickelte sich um Jons Handgelenk, als wollte es Hallo sagen.

„Es kitzelt!“ quietschte Jon und versuchte, ernst zu bleiben. „Ich werde angegriffen. Von… Textilien.“

Mila lachte so, dass ihr fast die Knie nachgaben. „Keine Panik! Vielleicht mögen sie dich.“

Die Bänder schwebten über dem offenen Koffer und formten kurz eine Art Pfeil, der Richtung Zirkuszelt zeigte.

„Das ist kein Pfeil“, murmelte Jon. „Das ist eine Einladung.“

„Oder eine Warnung“, sagte Mila. „Aber Einladungen sind spannender.“

Sie schoben den Koffer wieder zu. Sofort wurde alles ruhig, als hätte jemand die Lautstärke heruntergedreht.

„Wir bringen ihn zurück“, sagte Mila. „Und wenn uns jemand fragt: Wir waren nie hier.“

„Ich kann nicht mal lügen, wenn ich jemandem ein Kompliment machen soll“, gestand Jon.

Mit dem geheimnisvollen Koffer unter dem Arm schlüpften sie durch eine Lücke im Zaun und huschten hinein – mitten ins bunte Durcheinander des Zirkus.

Kapitel 2: Hinter den Kulissen, wo alles fast schiefgeht

Hinter dem Zelt war es wie in einer eigenen kleinen Stadt. Seile hingen wie Spaghetti von Stangen, Kisten stapelten sich, und überall rannten Leute herum, die so taten, als hätten sie schon drei Dinge gleichzeitig verloren.

Ein Jongleur jonglierte im Vorbeigehen und rief: „Hat jemand meine letzte Keule gesehen?“

Eine Frau mit Glitzerjacke rief zurück: „Die liegt wahrscheinlich da, wo deine Geduld ist: unter dem Wagen!“

Mila und Jon versuchten, nicht im Weg zu stehen. Das klappte ungefähr so gut wie ein Einrad mit viereckigen Rädern.

„Achtung!“ rief jemand.

Ein winziger Hund in einem Rüschenkragen rannte ihnen direkt vor die Füße. Jon machte einen Schritt zur Seite, stolperte über ein Seil, fing sich an einer Stange – und hielt plötzlich eine Wäscheklammer in der Hand.

„Ich habe… gewonnen?“ sagte er verblüfft.

Mila prustete. „Du bist jetzt offizieller Wäscheklammer-Akrobat.“

Da tauchte ein Mann auf, der aussah, als wäre er aus Laternenlicht gebaut: ein grauer Hut, eine Weste mit kleinen Glöckchen und ein großer Korb auf dem Rücken. In dem Korb steckten Lampions in allen Formen – rund, sternförmig, wie kleine Monde.

„Lampions! Lampions! Für festliche Fehler und fröhliche Flecken!“ rief er mit einer Stimme, die selbst müde Glühwürmchen wachgekitzelt hätte. „Ich bin Lumo, Lampionverkäufer, Lichtlieferant, Leucht-Liebhaber!“

Mila hob den Koffer. „Entschuldigung, haben Sie… Bänder bestellt?“

Lumo schielte. „Bänder? Oh! Der Koffer mit den Rubans! Ich dachte schon, er hat Urlaub gemacht.“ Er stellte den Korb ab und kam näher. „Wo habt ihr ihn gefunden?“

„Unter dem Zaun“, sagte Jon. „Er hat… äh… geschnuppert.“

„Natürlich schnuppert er!“ Lumo nickte ernst. „Ein Bandkoffer hat eine Nase fürs Rampenlicht.

Mila und Jon sahen sich an. In diesem Zirkus war das offenbar eine ganz normale Aussage.

Lumo strich über den Kofferdeckel. „Der gehört zur Abendnummer. Aber heute… heute gibt's ein Problem.“ Er senkte die Stimme. „Die Lampions für das große Finale sind nur halbfertig aufgehängt. Und die neuen Lampions… nun ja… sie sind ein bisschen… schüchtern.“

„Schüchterne Lampions?“ wiederholte Jon.

„Sie leuchten nur, wenn man sie richtig… einstellt“, erklärte Lumo. „Und das Einstellen ist heikel. Man muss die imaginären Lampions justieren.

„Imaginäre?“ Mila blinzelte. „Also… die man nicht sieht?“

„Genau!“ Lumo strahlte. „Man sieht sie nicht, aber man spürt sie. Wie peinliche Erinnerungen – nur schöner.“

Jon flüsterte: „Ich spüre gerade ziemlich viel.“

Mila stieß ihn an. „Still. Das klingt nach einem Auftrag.“

Lumo zupfte an einem Schnurrbart, den er gar nicht hatte. „Eigentlich macht das der Lichtmeister. Aber der ist ausgerechnet heute auf einer Leiter steckengeblieben, weil er behauptet hat, er könne gleichzeitig pfeifen und Schrauben zählen. Spoiler: Er kann's nicht.“

Mila grinste. „Und jetzt suchen Sie… Hilfe?“

„Mutige Kinder mit Bandkoffer-Erfahrung“, sagte Lumo feierlich. „Also euch.“

Jon schluckte. „Wir haben null Erfahrung.“

„Perfekt!“ Lumo klatschte in die Hände. „Dann habt ihr auch keine schlechten Gewohnheiten.“

Mila legte eine Hand auf den Koffer. „Wir versuchen's. Aber wenn etwas schiefgeht—“

„—dann habt ihr das Recht darauf“, sagte Lumo sofort. „Im Zirkus ist Schiefgehen nur eine andere Art von Kunst.“

Jon seufzte. „Das klingt… beruhigend und beunruhigend gleichzeitig.“

Lumo führte sie zu einer Stelle hinter der Manege, wo Seile und Haken ein Wirrwarr bildeten. Über ihnen hing bereits eine Reihe echter Lampions. Dazwischen war… Luft. Platz für etwas Unsichtbares.

„Hier“, sagte Lumo. „Die imaginären Lampions. Ihr müsst sie so einstellen, dass sie genau zwischen den echten hängen. Wenn's stimmt, fühlt es sich an, als würde die Luft lächeln.“

„Die Luft soll lächeln“, wiederholte Jon. „Klar. Warum nicht.“

Mila öffnete den Koffer einen Spalt. Ein rotes Band lugte heraus, als würde es neugierig gucken.

„Los“, flüsterte Mila. „Zeig uns, was du kannst.“

Kapitel 3: Das Einstellen der unsichtbaren Lampions

Mila zog ein Band heraus. Es war gelb wie Zitroneneis und so leicht, dass es fast von selbst flog. Jon bekam ein blaues Band, das sich sofort um seinen Finger wickelte, als wollte es ihn festhalten, damit er nicht weglief.

„Okay“, sagte Mila, „wir hängen… etwas auf, das man nicht sieht.“

„Ich bin offiziell verwirrt“, sagte Jon. „Aber auf eine interessante Art.“

Lumo gab ihnen zwei Klammern. „Diese Klammern halten das Unsichtbare fest. Zumindest, wenn man freundlich zu ihnen ist.“

Jon beugte sich zur Klammer. „Hallo, ich bin Jon. Bitte halt das Unsichtbare.“

Die Klammer knipste. Es klang fast wie ein Lachen.

Mila stellte sich auf eine Kiste. „Ich glaube, ich spüre… da ist eine Stelle, die kälter ist.“

„Das ist wahrscheinlich nur meine Angst“, murmelte Jon.

Mila führte ihr gelbes Band durch die Luft, als würde sie eine Spur zeichnen. Plötzlich spannte sich das Band von selbst, als hätte es einen unsichtbaren Haken gefunden.

„Ha!“, rief Mila. „Da ist einer!“

Jon wollte es ihr nachmachen. Er schwang sein blaues Band – zu enthusiastisch. Es sauste wie ein Komet los, wickelte sich um ein echtes Lampion-Seil und zog. Ein echter Lampion schaukelte. Dann noch einer. Dann schaukelte die ganze Reihe wie eine Lampion-Schaukelparty.

„Uh…“, sagte Jon. „Ich habe Stimmung gemacht.“

Lumo rief: „Ruhig! Lampions werden seekrank!“

Mila kicherte, aber dann riss sie die Augen auf. Ein Lampion löste sich fast aus dem Haken.

„Jon! Halt ihn!“

Jon sprang, packte den Lampion – und bekam dabei eine Ladung Glitzerstaub ins Gesicht, weil der Lampion offensichtlich beleidigt war.

„Ich sehe aus wie ein streitlustiger Stern“, beschwerte sich Jon.

Mila grinste. „Steht dir.“

Sie brachten die echten Lampions wieder zur Ruhe. Jon hielt jetzt sein Band wie eine empfindliche Schlange.

„Langsam“, sagte Mila. „Wir tun so, als würden wir eine Blase nicht platzen lassen.“

„Ich kann nicht mal Kaugummi kauen, ohne dass es dramatisch wird“, sagte Jon, „aber ich versuch's.“

Sie suchten die unsichtbaren Stellen. Manchmal fühlten sie sich an wie eine warme Handfläche in der Luft, manchmal wie ein sanftes Kribbeln. Mila traf zwei imaginäre Haken direkt hintereinander.

„Yes!“, flüsterte sie.

Jon versuchte es wieder. Diesmal zu vorsichtig. Sein Band hing schlapp herunter wie ein müder Wurm.

„Du musst ihm vertrauen“, sagte Mila. „Nicht drängen, nicht hängen lassen.“

Jon nickte ernst. „Wie beim Mathe-Test.“

Er schloss kurz die Augen, atmete ein und ließ das Band gleiten. Es straffte sich. Ein winziger, kaum hörbarer Ton erklang – wie das „Ping“ eines Mikrowellen-Endsignals, nur magischer.

„Ich hab's!“ rief Jon, so laut, dass ein Pferd im Hintergrund kurz empört schnaubte.

Lumo klatschte. „Sehr gut! Noch drei.“

Mila und Jon arbeiteten sich vor. Dabei passierten Kleinigkeiten: Mila klemmte sich einmal fast ihren Ärmel in eine Klammer, Jon klebte mit Glitzer an einer Kiste fest (er schwor, die Kiste habe zuerst angefangen), und ein Band versuchte frech, Lumo einen Lampion aus dem Korb zu klauen.

„He!“, rief Lumo und schnappte nach dem Band. „Das ist Verkaufsware!“

Das Band schlängelte sich zurück in den Koffer, als wäre nichts gewesen.

Als sie den letzten imaginären Lampion „eingestellt“ hatten, änderte sich die Luft. Es war, als würde der Raum ein bisschen heller werden, ohne dass ein Licht anging. Wie ein unsichtbares Grinsen über den Seilen.

Mila ließ die Schultern sinken. „Ich glaube… die Luft lächelt.“

Jon legte den Kopf schief. „Oder sie hat Schluckauf. Aber es fühlt sich gut an.“

Lumo hob die Hände, als würde er ein Publikum begrüßen. „Ihr habt es geschafft! Und ihr habt dabei ungefähr… acht Fehler gemacht.“

Jon zuckte zusammen. „Acht?“

„Mindestens“, sagte Mila stolz. „Das ist ein neuer Rekord.“

Lumo nickte feierlich. „Fehler sind die Proben für den Applaus.“

In diesem Moment rief jemand aus dem Zelt: „Fünf Minuten bis zur Generalprobe! Wo ist das Licht?“

Lumo zeigte auf Mila und Jon. „Hier sind die Lichthelden!“

Jon flüsterte: „Ich will nicht als Held glitzern.“

Mila grinste. „Zu spät.“

Kapitel 4: Die Probe, in der alles fast perfekt schiefgeht

In der Manege war alles größer. Die Musik probte schon, ein Trommler testete dramatische Wirbel, obwohl niemand dramatisch genug war, um sie zu verdienen. Der Geruch nach Popcorn, Pferd und Lampionpapier hing in der Luft – eine Mischung, die nur im Zirkus irgendwie Sinn ergab.

Mila und Jon standen am Rand, der Koffer neben ihnen. Lumo stapfte an ihnen vorbei und verteilte Lampions an Helfer, als wären es Glückskekse.

„Nicht dran ziehen“, warnte er. „Sie sind empfindlich wie meine Tante, wenn man ihren Kartoffelsalat kritisiert.“

Der Direktor, ein dünner Mann mit einem Schnurrbart wie ein Fragezeichen, trat in die Mitte. „Generalprobe! Bitte keine Katastrophen, wir sparen die für die Premiere!“

Ein Clown stolperte sofort über seine eigenen Schuhe und rief: „Zu spät!“

Gelächter. Sogar der Direktor musste kurz schmunzeln. „Na gut. Eine Katastrophe als Vorspeise.“

Dann ging's los: Akrobaten flogen, Seile surrten, ein Hund fuhr auf einem Mini-Fahrrad und sah dabei ernster aus als ein Bankberater.

Mila und Jon sollten nur zuschauen. Das war der Plan. Aber Pläne im Zirkus sind wie Seifenblasen: hübsch, kurz und schnell weg.

„Lumo!“ rief eine Artistin von oben. „Die Lampions über dem Trapez… sind da Lücken?“

Lumo runzelte die Stirn. „Unmöglich. Die imaginären sind eingestellt.“

Mila spürte es sofort: Etwas kitzelte in der Luft, als hätte ein unsichtbarer Lampion beschlossen, Verstecken zu spielen.

Jon beugte sich zu ihr. „Ich glaube, einer ist… verrutscht.“

„Vielleicht, weil du ihn vorhin mit dem Kometen-Band erschreckt hast“, flüsterte Mila.

„Das war ein Missverständnis zwischen mir und der Schwerkraft.

Lumo sah sie an. „Könnt ihr's schnell nachjustieren? Imaginär ist leider schwer zu reklamieren.“

Mila griff nach dem Koffer. „Klar.“

Sie schlichen hinter die Kulissen, während in der Manege gerade eine Pyramide aus Menschen entstand, die aussah wie eine wackelige Eistüte. Hinter dem Vorhang war es eng. Überall Seile. Überall Kisten. Und irgendwo schnarchte eine Ziege, als wäre das ihr Job.

Mila hielt das gelbe Band bereit. „Da! Ich fühle die Lücke.“

Jon hob sein blaues Band. „Diesmal ohne Kometen. Versprochen.“

Sie fanden den unsichtbaren Haken – aber er war tatsächlich verrutscht. Als hätte jemand ihn mit einem unsichtbaren Ellenbogen angestupst.

„Wie stellt man einen Haken ein, den man nicht sieht?“ fragte Jon.

„Mit Geduld“, sagte Mila. „Und mit dem Recht, es zweimal zu versuchen.“

Sie arbeiteten vorsichtig. Mila zog, Jon hielt, das Band spannte sich… und dann machte es „Schnapp“. Nicht schlimm, eher wie ein Fingerknipsen. Das Band flog zurück in den Koffer und klappte den Deckel halb zu.

„Äh“, sagte Jon. „Der Koffer hat beleidigt zugeklappt.“

Mila versuchte, ihn zu öffnen. Er wackelte, als würde er „Nein“ sagen.

In der Manege ertönte ein Trommelwirbel. Jemand rief: „Und jetzt… das Lichtfinale!“

Jon wurde blass. „Oh nein. Das ist jetzt.“

Mila atmete tief ein. „Okay. Fehler sind erlaubt. Panik ist optional.“

„Ich nehme… beides?“ schlug Jon vor.

Lumo tauchte auf. „Was ist los?“

„Der Koffer… streikt“, sagte Mila.

Lumo kniff die Augen zusammen, als würde er einen Witz prüfen. „Hat ihr ihn vielleicht… nicht gelobt?“

Jon starrte ihn an. „Man muss einen Koffer loben?“

„Natürlich“, sagte Lumo. „Alles im Zirkus braucht Applaus. Auch Dinge.“

Mila klopfte auf den Deckel. „Ähm… lieber Koffer. Du bist… sehr… koffrig.“

Jon räusperte sich. „Und deine Messingecken sind… beeindruckend kantig.“

Der Koffer blieb zu.

Aus der Manege kam ein lautes „Ooooh!“ – das Publikum der Probe, ein paar Artisten, tat so, als wäre schon eine Vorstellung. Das machte es nur schlimmer.

Mila beugte sich zum Koffer und flüsterte: „Bitte. Wir haben's fast geschafft. Und wenn wir's nicht schaffen, dann lernen wir was. Aber ich würde lieber… jetzt schon lernen.“

Der Koffer machte ein leises „plopp“. Der Verschluss sprang auf. Ein grünes Band schoss heraus, als wäre es beleidigt und hilfsbereit zugleich.

Jon atmete aus. „Er hat uns verstanden.“

Lumo nickte zufrieden. „Manchmal muss man Fehler zugeben, dann öffnen sich sogar Kofferherzen.“

Sie justierten den unsichtbaren Haken neu. Dieses Mal ganz ruhig. Als sie fertig waren, vibrierte die Luft kurz – wie ein zufriedenes Summen.

„Geschafft“, flüsterte Mila.

Jon grinste. „Und nur… wie viele Fehler diesmal?“

Lumo überlegte. „Zwei Komplimente zu wenig. Zählt das?“

„Ja“, sagte Mila. „Fehler sind heute unser Hobby.“

Kapitel 5: Das Finale leuchtet, auch wenn keiner alles richtig macht

Am Abend füllte sich das Zelt. Kinder lachten, Erwachsene taten so, als wären sie nicht genauso aufgeregt. Der Direktor stolzierte herum, als hätte er persönlich die Sterne an den Himmel genagelt.

Mila und Jon saßen auf einer Holzkiste hinter dem Vorhang. Jon hatte immer noch Glitzer im Gesicht. Mila fand, das sei „Zirkus-Seriösität“.

„Bist du nervös?“ fragte Jon.

„Nur so ein bisschen“, sagte Mila. „Wie vor einem Sprung ins Schwimmbad, wenn man nicht weiß, ob's kalt ist.“

Jon nickte. „Und ob jemand zuguckt, wie man reinspringt und komisch landet.“

Lumo kam vorbei und drückte ihnen je einen kleinen Lampion in die Hand. „Für euch. Nicht imaginär. Echte. Für echte Mutfehler.“

„Danke“, sagte Mila. Der Lampion war rund und warm, mit einem Muster wie kleine Sternchen.

Jon hielt seinen hoch. „Meiner sieht aus wie eine Kartoffel mit Ambitionen.“

„Das ist die seltene Sorte“, sagte Lumo ernst. „Sehr wertvoll.“

Die Show begann. Trommeln. Musik. Jubel. Ein Clown verlor absichtlich seine Hose – oder vielleicht auch nicht ganz absichtlich, denn er sah kurz erschrocken aus, bevor er stolz winkte.

Mila und Jon spähten durch einen Schlitz im Vorhang. Als das große Finale näherkam, wurden die echten Lampions gedimmt. Es wurde stiller, als würde das Publikum die Luft anhalten.

„Jetzt“, flüsterte Lumo. „Die Lampions.“

Über der Manege schwebten die echten Lampions wie freundliche Monde. Und dazwischen – genau richtig platziert – spürte man die imaginären. Niemand konnte sie sehen, aber die Menschen schauten nach oben, als hätten sie plötzlich alle dieselbe Idee: Wow.

Die Luft wirkte tatsächlich, als würde sie lächeln.

Dann passierte etwas Kleines, aber Wichtiges: Ein echter Lampion drehte sich und zeigte statt der Sternseite eine Seite mit… einem Druckfehler. Da stand „FESTLISCH“ statt „FESTLICH“.

Jon stieß Mila an. „Da! Ein Fehler!“

Mila grinste. „Und niemand stirbt dran.“

Der Direktor bemerkte es auch, blinzelte – und machte dann etwas Großartiges. Er hob die Hände und rief ins Publikum: „Meine Damen und Herren! Heute feiern wir nicht nur die Kunst… sondern auch das FESTLISCH!“

Ein kurzes Schweigen. Dann lachte das ganze Zelt. Sogar die Akrobaten oben auf dem Trapez kicherten, was wirklich nicht empfohlen wird, aber es sah beeindruckend aus.

Der Direktor verbeugte sich tief. „Im Zirkus darf sogar ein Buchstabe tanzen.“

Mila spürte, wie ihr Herz leichter wurde. Jon flüsterte: „Das ist… irgendwie genial.“

„Ja“, sagte Mila. „Fehler sind nicht das Ende. Manchmal sind sie der Witz.“

Das Finale ging weiter: Konfetti regnete, der Hund fuhr seine letzte Runde und bremste so plötzlich, dass er selbst überrascht war. Die Menschen klatschten, bis ihre Hände warm wurden.

Hinter dem Vorhang atmete Lumo zufrieden aus. „Ihr habt geholfen, dass es leuchtet.“

„Und dass es… festlisch ist“, sagte Jon.

Lumo zwinkerte. „Genau. Festlisch ist das neue Festlich.“

Mila sah den Koffer an. „Was passiert jetzt mit dem Bandkoffer?“

„Der bleibt im Zirkus“, sagte Lumo. „Aber er wird sich an euch erinnern. Bänderkoffer vergessen nichts. Leider auch keine schlechten Komplimente.“

Jon räusperte sich und beugte sich zum Koffer. „Du bist der… äh… eleganteste Koffer, den ich kenne.“

Der Koffer machte ein zufriedenes „plopp“.

Kapitel 6: Ein Hängematten-Ruhigsein zum Schluss

Nach der Show war der Zirkus wie ein großer, fröhlicher Bauch nach einem guten Essen: voll, warm, ein bisschen müde. Die Artisten packten zusammen, der Direktor diskutierte mit dem Clown, ob „FESTLISCH“ nächstes Mal auf T-Shirts gedruckt werden sollte, und irgendwo versuchte jemand, ein Pony davon zu überzeugen, dass es nicht in den Popcornstand gehört.

Mila und Jon gingen hinaus hinter das Zelt. Die Nacht war klar. Man hörte noch leises Lachen und das Klirren von Haken und Seilen. Über ihnen hingen ein paar Lampions, die Lumo zum Auslüften aufgehängt hatte. Dazwischen, unsichtbar, fühlte Mila noch immer das sanfte Kribbeln der imaginären.

„Weißt du“, sagte Jon, „ich dachte, wenn man einen Fehler macht, ist alles vorbei.“

Mila ließ sich ins Gras fallen. „Ich auch. Aber heute… war's eher wie: Ups. Und dann weiter.“

Jon setzte sich daneben. „Und manchmal wird's sogar lustiger.“

„Oder festlischer“, ergänzte Mila.

Lumo kam mit einem Seilstück und zwei Decken. „Ihr seht aus, als bräuchtet ihr eine Pause. Ich habe da was.“

Er spannte das Seil zwischen zwei Pfosten, knotete es geschickt und legte die Decken darüber, sodass eine improvisierte Hängematte entstand. Sie hing nicht hoch, eher wie ein freundlicher Bogen über dem Boden.

„Eine Hängematte?“ fragte Jon.

„Ein Hängematten-Calm“, sagte Lumo. „Ein Hängematten-Ruhigsein. Zum Ausatmen nach dem Glitzern.“

Mila legte sich hinein. Sie schaukelte leicht, als würde die Nacht sie wiegen. Jon setzte sich vorsichtig dazu, und die Hängematte knarzte, hielt aber stand.

„Wenn wir runterfallen, war's ein Fehler“, sagte Jon.

„Dann lachen wir“, sagte Mila. „Und klettern wieder rein.“

Sie schwiegen einen Moment. Der Zirkus atmete. Die Lampions flackerten freundlich. Der Boden unter ihnen fühlte sich fest an, die Hängematte weich. Es war, als hätten sie zwischen all dem Trubel einen kleinen Ort gefunden, der sagte: Du darfst.

Lumo setzte sich daneben ins Gras. „Ihr wart heute mutig. Nicht weil alles perfekt war. Sondern weil ihr weitergemacht habt, obwohl es wackelte.“

Jon nickte langsam. „Ich mag das. Das Recht, Fehler zu machen.“

Mila schloss die Augen. „Ich auch.“

Die Hängematte schaukelte wie ein ruhiger Punkt am Ende eines lauten Satzes. Und irgendwo im Koffer raschelten die Bänder leise, als würden sie applaudieren – ganz ohne, dass jemand es sehen musste.

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Knarrten
Ein lautes, altes Geräusch, das Holz oder Wagen beim Bewegen macht.
Manege
Der runde Ort in einem Zirkuszelt, wo die Künstler auftreten.
Rüschenkragen
Ein dekorativer Kragen mit kleinen Falten oder Stoffstreifen, oft bei Tieren oder Kleidung.
Lampions
Dekorative Papier- oder Stofflaternen, die Licht schön aussehen lassen.
Imaginäre Lampions
Nicht sichtbare Lampions, die man sich vorstellt oder nur fühlt.
Justieren
Etwas genau einstellen, damit es an der richtigen Stelle und richtig ist.
Rampenlicht
Das helle Licht, das auf die Bühne oder auf Künstler scheint.
Generalprobe
Die letzte Übung vor der echten Aufführung, oft mit Publikum.
Glitzerstaub
Feine, funkelnde kleine Teilchen, die glänzen und überall kleben bleiben.
Schwerkraft
Die Kraft, die Dinge zur Erde zieht und fallen lässt.
Konfetti
Bunte Papierstückchen, die bei Feiern in die Luft geworfen werden.
Hängematte
Ein Tuch, das zwischen zwei Punkten hängt und zum Liegen und Schaukeln dient.

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