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Geschichte der Raumfahrt 9/10 Jahre Lesen 11 min. Verfügbar als Hörgeschichte (1)

Das Sonnensegel und die drei Sterne

Raumarchäologin Mira entdeckt auf einer Sonnensegel-Baustelle eine alte Zeitkapsel mit einem Brief und kleinen Gegenständen, die die Crew dazu bringen, gemeinsam nach Gründen, Regeln und Erinnerungen zu suchen.

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Mira, ca. 25, rundes Gesicht und neugierige Augen, staunend, trägt einen glänzenden silbernen Raumanzug mit reflektierendem Visier und hält behutsam eine kleine staubige quadratische Schachtel, die sie am Rand des großen Solarpanels herausgezogen hat; Jo, ca. 30, kurzes strubbeliges Haar und schelmisches Lächeln, im Hintergrund am Rahmen des Panels hängend, winkt mit einer Hand und hält in der anderen einen Schraubenschlüssel; Lian, ca. 28, geflochtenes Haar und sanfter Blick, beugt sich neben Mira und untersucht eine kleine grüne Murmel in ihrer Hand; Edda, ca. 40, ruhige, autoritäre Haltung, etwas zurückgetreten mit verschränkten Armen, hört der Melodie eines kleinen mechanischen Vogels auf dem Arbeitstisch zu; Ort: riesiges silbernes Sonnensegel, plissiert wie metallischer Stoff, gestreifte reflektierende Oberfläche mit sichtbaren Nähten, Nieten und dunkelblauen Solarpanelen, im Hintergrund tiefer Weltraum mit funkelnden Sternen und einer kleinen roten Proxima-Centauri-Stern; Situation: beim Bau entdeckte Zeitkapsel, eingeklemmt zwischen zwei Schichten des Panels, Baustellenatmosphäre im All mit verstreuten Werkzeugen, Lichtflecken, Metallsplittern und Kleinteilen, kollektives Staunen und Verbundenheit. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

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Dauer der Hörgeschichte: 13:44

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Kapitel 1: Die Zukunft riecht nach Metall und Minztee

Im Jahr 2249 sahen die Städte nicht mehr aus wie Kästen aus Stein, sondern wie Gärten aus Glas. Zwischen den Häusern schwebten leise Lieferkapseln, als würden sie unsichtbare Schienen in der Luft entlanggleiten. Auf den Dächern wuchsen essbare Pflanzen in langen Reihen, und an den Wänden liefen Lichtstreifen wie kleine, freundliche Flüsse.

Wer reisen wollte, nahm nicht mehr einfach ein Flugzeug. Man stieg in einen Raumhafen ein, der wie ein riesiger, heller Bahnhof gebaut war: breite Gänge, ruhige Stimmen, Bildschirme, die alle Sprachen sofort übersetzten. In der Mitte standen Schiffe, die aussahen wie glatte Wale aus Silber. Viele flogen mit sauberem Antrieb, der nur leise summte. Und weit draußen, wo die Erde nur noch ein blaues Auge im Dunkel war, spannte die Menschheit Segel – keine Stoffsegel, sondern Sonnensegel: hauchdünne, riesige Flächen, die das Licht einfingen wie ein Drachen den Wind.

Dr. Mira Falk war Raumarchäologin. Sie trug ihre Haare zu einem festen Knoten, notierte alles in sauberer Schrift und hatte für jedes Werkzeug eine eigene Tasche. In ihrer Kabine lag ein kleines Etikettiergerät, das sie „den Aufkleber der Wahrheit“ nannte. Denn wenn etwas beschriftet war, fand man es wieder. Meistens.

Heute war Mira unterwegs zu einem Baustellenring für Sonnensegel am Rand des Mondes. Dort wurde ein neues Segel zusammengefügt – so groß, dass man es vom Fenster eines Shuttles aus wie einen zweiten, künstlichen Morgen sehen konnte.

„Checkliste?“ fragte der Bordcomputer freundlich.

„Schon dreimal geprüft“, sagte Mira und tippte trotzdem noch einmal. „Helm. Handschuhe. Probenbox. Notfallkekse.“

„Notfallkekse bestätigt“, antwortete der Computer. „Gute Planung, Dr. Falk.“

Mira lächelte. Ordnung war beruhigend. Nur der Weltraum hielt sich selten an Ordnung.

Kapitel 2: Ankunft am Segelring

Das Shuttle dockte an einer Station an, die wie ein Kranz aus weißen Modulen um eine dunkle Halle schwebte. Dahinter lag die Baustelle: Streben, Roboterarme, Schubkarren… na gut, keine Schubkarren, aber fliegende Transportkisten, die brav in einer Reihe warteten.

Mira schwebte durch die Schleuse, die Stiefel magnetisch, damit sie nicht wie ein Ballon davontrieb. Ihr Empfangskomitee bestand aus zwei Menschen und einem kleinen Wartungsbot, der aussah wie eine runde Teekanne mit Augen.

„Willkommen am Segelring Rhea“, sagte Technikerin Jo, groß, mit ölverschmierten Handschuhen und einem Grinsen. „Wir bauen hier ein Sonnensegel, das schneller ist als jedes Gerücht.“

„Gerüchte sind sehr schnell“, meinte Mira trocken.

Der Wartungsbot machte ein piepsendes Geräusch, das ziemlich nach Lachen klang. Auf seinem Bauch blinkte: LUMI-3.

„Ich bin wegen der Funde“, sagte Mira. „Bei der Verankerung wurde etwas Altes gemeldet.“

Jo nickte und wurde ernster. „Ja. Eine Kiste, festgeklemmt zwischen zwei alten Trägern. Nicht von uns.“

Mira folgte ihnen durch einen Korridor mit Fenstern. DrauĂźen war das Sonnensegel halb entfaltet. Es schimmerte wie eine Seifenblase, nur ohne zu platzen. Das Sonnenlicht drĂĽckte dagegen, ganz sanft, aber unendlich geduldig.

Am Ende des Gangs lag die Fundstelle. Ein Roboterarm hielt eine staubige, rechteckige Kapsel fest, als hätte er Angst, sie könnte beleidigt wegschwimmen.

Mira kniete sich hin, zog ein Tuch aus der Tasche und wischte vorsichtig. Auf der Kapsel stand in verblassten Buchstaben: LUNA-POST 2081.

„Post?“ flüsterte Jo.

„Eine Zeitkapsel“, sagte Mira. „Oder ein verlorenes Paket. Beides kann spannend sein.“

LUMI-3 piepste: „Bitte vorsichtig. Alt bedeutet oft zerbrechlich.“

„Danke“, sagte Mira. „Und danke fürs Erinnern. Zuhören ist auch ein Werkzeug.“

Kapitel 3: Das Paket, das nicht aufging

In der Arbeitskabine legte Mira die Kapsel auf eine weiche Halterung. Sie nahm keinen Laser, kein großes Gerät, nur kleine Hebel und eine Lupe. Geduld war ihre Lieblingsmaschine.

„Sicherheitsprotokoll“, sagte Jo und hielt ein Tablet hoch.

„Schon bereit“, antwortete Mira. „Wir öffnen nur, wenn alle einverstanden sind. Und wir stoppen, wenn jemand ein schlechtes Gefühl hat.“

Jo blinzelte. „Das ist… überraschend nett für eine Wissenschaftlerin.“

„Wissenschaft ist am besten, wenn sie nett ist“, sagte Mira. „Sonst macht keiner mit.“

LUMI-3 leuchtete grün. „Einverstanden.“

Mira setzte an. Ein Klick, dann noch einer. Die Kapsel bewegte sich keinen Millimeter.

„Sie ist verriegelt“, murmelte Mira. „Aber nicht elektronisch. Eher… mechanisch. Wie ein sehr sturer Brotdeckel.“

Jo lachte kurz. „Willst du sie überreden?“

Mira tat so, als würde sie streng zur Kapsel sprechen. „Bitte.“

Nichts.

Dann bemerkte sie eine kleine Gravur: ein Kreis, darin ein Segel und darunter drei Punkte – wie Sterne. Mira runzelte die Stirn. „Das ist kein Postzeichen. Das ist… ein altes Baustellensiegel.“

Jo beugte sich vor. „Von hier?“

„Von einem Vorgängerprojekt“, sagte Mira langsam. „Vielleicht hat jemand etwas versteckt, bevor der Ring gebaut wurde.“

LUMI-3 piepste leiser. „Warum versteckt man etwas im All?“

„Weil man es sicher glaubt“, sagte Mira. „Oder weil man hofft, dass es später jemand findet.“

Mira hörte auf zu drücken und begann zu lauschen – nicht nur auf Geräusche, sondern auf Hinweise. Sie betrachtete die Kanten. Eine winzige Kerbe, kaum sichtbar. Kein Schloss, eher eine Passung.

„Jo“, sagte sie, „hast du noch ein Stück vom Segelmaterial? Ein kleines Muster?“

Jo hob die Augenbrauen. „Du willst das Segel zum Öffnen benutzen?“

„Nur ein Fitzelchen. Manchmal braucht man den richtigen Schlüssel, und der Schlüssel ist nicht Metall, sondern… Idee.“

Jo brachte ein dünnes Stück glänzende Folie. Mira schob es in die Kerbe. Die Folie war so glatt, dass sie fast wie Wasser wirkte.

Ein sanftes Schnappen. Die Kapsel sprang auf, als hätte sie sich endlich erinnert, wie man das macht.

Drinnen lag kein Gold, kein Monster, kein explodierender Schleim – zum Glück. Es waren: ein gefalteter Brief auf Papier, ein kleiner Stoffaufnäher und ein winziger Projektor, so alt, dass er wie ein Spielzeug aussah.

„Papier?“ hauchte Jo. „Das ist selten.“

Mira nahm den Brief mit Handschuhen. „Dann ist er wichtig.“

Kapitel 4: Die Beobachtungsnacht zwischen Sternen

Später am „Abend“ – wobei Abend im Weltraum eher eine Frage der Schichtplanung ist – organisierte Mira eine Beobachtungsrunde. Sie stellte im Aussichtskuppelraum bequeme Haltegurte bereit, verteilte warmen Minztee aus der Bordküche und legte die Notfallkekse in die Mitte. Notfallkekse waren auch für Feierlichkeiten geeignet.

„Warum jetzt?“ fragte Jo, als die Crew sich sammelte. Auch zwei Bauleute kamen, müde, aber neugierig. LUMI-3 rollte heran und parkte wie ein braver Hund.

Mira hielt den alten Projektor hoch. „Weil ich glaube, dass der Brief nicht nur gelesen werden will. Er will geteilt werden.“

Sie schaltete das Gerät ein. Ein flackerndes Bild erschien an der Kuppelwand: eine Frau in einem alten Raumanzug, der klobig aussah wie ein Wintermantel. Hinter ihr: eine Baustelle, kleiner als der heutige Segelring.

„Wenn ihr das seht“, sagte die Aufnahme, „dann habt ihr unser Segel gefunden. Vielleicht baut ihr gerade ein besseres. Hoffentlich behandelt ihr es gut. Wir haben damals gelernt: Ein Segel ist kein Ding. Es ist ein Versprechen.“

Die Crew wurde still. Selbst die Station schien leiser zu summen.

Die Frau in der Aufnahme lächelte schief. „Wir haben einen Aufnäher gemacht. Drei Sterne für drei Regeln: Erstens: Hör zu, bevor du handelst. Zweitens: Frag nach, wenn du unsicher bist. Drittens: Schau gemeinsam nach oben, damit du nicht vergisst, warum du hier bist.“

Jo schluckte. „Das ist… schön.“

Mira nickte, ihre Stimme ruhig. „Ich wollte, dass wir das tun. Gemeinsam nach oben schauen.“

Sie dimmte die Innenlichter. Durch die Kuppel glitt das Sonnensegel wie ein leuchtender FlĂĽgel. Dahinter funkelten Sterne, klar und kalt, und doch wirkten sie in dieser Runde warm, weil alle sie zusammen betrachteten.

„Da“, sagte einer der Bauleute und zeigte. „Diese Sternengruppe sieht aus wie ein Schirm.“

„Und dort“, sagte Jo, „wie ein Fisch mit Hut.“

„Ein sehr eleganter Hut“, ergänzte Mira.

LUMI-3 piepste: „Ich sehe eine Teekanne.“

„Natürlich“, sagte Jo. „Du bist ja auch eine.“

Sie lachten. Nicht laut, eher leise, wie man lacht, wenn man etwas Kostbares nicht erschrecken will.

Nach einer Weile fragte Jo: „Mira, du hast vorhin gestoppt, als du unsicher warst. Warum? Du hättest die Kapsel auch einfach aufbrechen können.“

Mira sah nicht weg vom Sternenfeld. „Weil ich gelernt habe, dass Eile im All teuer ist. Und weil Zuhören bedeutet, den anderen Platz zu geben. Selbst einer stummen Kapsel.“

Jo nickte langsam. „Dann… danke. Ich will das auch lernen.“

„Du hast gerade zugehört“, sagte Mira. „Das zählt schon.“

Kapitel 5: Das Abzeichen der Mission

Am nächsten Tag – laut Stationsuhr – brachte Mira den Stoffaufnäher zur Werkbank. Er war klein, aber sorgfältig genäht: ein Segel im Kreis, darunter drei Sterne. An der Rückseite war Klett, damit er an einen Anzug passte.

„Wir machen daraus unser Missionsabzeichen“, sagte Jo. „Für alle, die am Segelring arbeiten.“

„Mit den drei Regeln“, ergänzte Mira.

LUMI-3 piepste: „Ich kann keinen Anzug tragen.“

Jo beugte sich zu dem Bot. „Dann bekommst du ein Abzeichen an deine Teekannenbrust.“

Mira nahm ihr Etikettiergerät und druckte ein kleines Schildchen: MISSION RHEA – HÖREN • FRAGEN • GEMEINSAM SCHAUEN. Sie klebte es sorgfältig auf eine transparente Platte.

Dann ging sie zum zentralen Knotenpunkt der Station, wo alle vorbeikamen: zur Schleuse, zum Speiseraum, zu den Werkzeugschränken. Dort gab es ein kleines Brett für Erinnerungen: Fotos, Schichtpläne, ein Witz des Tages.

Mira befestigte die Platte und darunter den ersten Aufnäher – ordentlich, gerade, ohne schiefen Rand. Jo stellte sich daneben und drückte sanft ein zweites Abzeichen an. Die Bauleute folgten. Sogar LUMI-3 bekam ein kleines, aufgeklebtes Symbol.

„So“, sagte Mira, trat einen Schritt zurück und prüfte, ob alles gerade hing. „Mission abgeschlossen.“

Jo grinste. „Und wenn morgen etwas schiefgeht?“

Mira klopfte auf das Brett. „Dann hören wir zu. Dann fragen wir nach. Dann schauen wir gemeinsam nach oben.“

Draußen spannte sich das Sonnensegel weiter auf, als würde es die Worte verstehen. Das Licht der Sonne fiel darauf, und der ganze Ring wirkte für einen Moment wie ein ruhiger, glänzender Atemzug im großen Dunkel.

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Raumarchäologin
Eine Forscherin, die alte Dinge im Weltraum sucht und untersucht.
Etikettiergerät
Ein kleines Gerät, mit dem man Aufkleber oder Namen druckt und anbringt.
Baustellenring
Ein Kreis aus Modulen oder Teilen, wo im All etwas gebaut wird.
Sonnensegel
Große, dünne Flächen, die das Licht der Sonne fangen und Schub geben.
Verankerung
Der Ort oder das Teil, das etwas sicher festhält, damit es nicht weggeht.
Zeitkapsel
Eine verschlossene Kiste, in der Menschen Sachen und Briefe für später legen.
Projektor
Ein Gerät, das Bilder oder Filme an eine Wand oder Kuppel wirft.
Gravur
Ein kleines Bild oder Schrift, das in Material eingeritzt oder eingeprägt ist.
Kuppelraum
Ein runder Raum mit einer halbrunden Decke, oft mit Blick in den Weltraum.
Haltegurte
Bänder, die man anschnallen kann, damit man im Raum nicht wegschwebt.

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