Teil 1: Der träumende Praktiker und der quietschende Ball
Am Basketballplatz klack-klackten die Bälle wie kleine Trommeln. Der Boden war rot, die Linien waren weiß, und der Korb hing hoch oben wie ein großer Ring zum Einwerfen von Wünschen.
Hier stand Ben. Ben war fünf. Er war ein träumender Praktiker. Das heißt: In seinem Kopf flogen Ideen wie Seifenblasen, aber seine Hände wollten sofort loslegen.
Ben dribbelte. Pomm. Pomm. Pomm. „Wenn der Ball reden könnte“, murmelte er, „würde er bestimmt ‘Poff!' sagen.“
„Er sagt eher ‘Quietsch!'“, lachte Leni. Sie war Bens Freundin, schnell wie ein Kaninchen und immer bereit für Quatsch. Sie hüpfte neben ihm her und machte mit dem Mund Geräusche: „Quietsch-quietsch-quietsch!“
„Der Ball ist doch kein Mäuschen“, sagte Oskar streng. Oskar war ein bisschen ordnungsliebend. Er zählte gern Dinge. Er zählte auch Dribbel. „Eins, zwei, drei… Ben, du dribbelst schief.“
Ben blieb stehen und schaute auf den Ball, als wäre er ein Rätsel. „Schief ist doch auch eine Richtung.“
Da kam Mina dazu. Mina hatte bunte Haarspangen und die besten Ideen, wenn man sie am wenigsten erwartete. Sie trug einen kleinen Rucksack, aus dem eine Trinkflasche guckte. „Hallo! Ich habe etwas Wichtiges!“
„Einen zweiten Ball?“ fragte Leni.
„Eine dritte Meinung?“ fragte Oskar.
Mina zog feierlich eine Packung Kreide heraus. „Kreide! Damit können wir… eine Linie malen! Eine Superlinie!“
Ben blinzelte. „Eine Linie, die bis zum Himmel geht?“
„Nicht so hoch“, sagte Mina. „Aber fast.“
Oskar nickte. „Linien sind gut. Linien sind… sehr gut.“
Leni griente. „Und Linien können auch tanzen!“
Ben stellte sich vor, wie Linien Samba machten. Er musste kichern. „Okay. Was machen wir heute?“
„Heute“, sagte Mina, „machen wir ein Spiel. Ein richtiges Spiel. Mit Regeln.“
„Regeln!“ Oskar strahlte, als hätte ihm jemand einen goldenen Taschenrechner geschenkt.
„Und mit Quatsch!“ rief Leni und machte eine Pirouette.
Ben kratzte sich am Kopf. „Wir brauchen eine Aufgabe. Sonst laufen meine Ideen einfach herum.“
Da zeigte Mina auf den Korb. „Wer schafft den freundlichsten Wurf?“
„Freundlich?“ Ben zog die Augenbrauen hoch.
„Ja“, sagte Mina. „Nicht den stärksten. Nicht den schnellsten. Den freundlichsten.“
Oskar runzelte die Stirn. „Ein Wurf ist ein Wurf. Der ist nicht freundlich oder unfreundlich.“
Leni flüsterte dramatisch: „Vielleicht sagt man vorher ‘Bitte' zum Ball.“
Ben lachte so sehr, dass ihm der Ball fast aus den Händen sprang. „Bitte, Ball. Flieg nett!“
Der Ball sprang weg. Pomm-pomm—und rollte direkt zu einem kleinen Jungen am Rand, der gerade seine Schuhe band. Der Junge sah auf, lächelte und gab den Ball zurück.
„Siehst du?“ sagte Leni. „Der Ball hat zugehört!“
Oskar seufzte. „Das war Zufall. Aber… ein netter Zufall.“
Ben nahm den Ball und spürte, wie sich etwas Wichtiges anfühlte, ohne dass er es schon genau wusste. „Also gut. Wir machen freundliche Würfe.“
„Und eine Superlinie“, erinnerte Mina.
„Und wir zählen“, sagte Oskar sofort. „Wir müssen zählen.“
„Und wir machen Geräusche“, ergänzte Leni. „Ganz wichtige Geräusche.“
Ben nickte. „Teamplan!“
Teil 2: Zwei Meinungen, ein Missverständnis und ein sehr beleidigter Ball
Mina kniete sich hin und malte mit der Kreide eine große, runde Linie auf den Boden. „Das ist der Freundlichkeitskreis“, erklärte sie. „Wer darin steht, muss etwas Nettes sagen. Sonst…“ Sie machte eine Pause, als würde gleich ein Drache kommen.
„Sonst was?“ fragte Ben.
Mina grinste. „Sonst kitzelt Leni dich, bis du lachst.“
„Das ist gemein!“ rief Leni. „Also… gemein lustig.“
Oskar stellte sich an den Rand des Kreises. „Ich schlage vor: Jeder hat drei Würfe. Wir zählen. Wer zwei trifft, bekommt…“ Er schaute sich um. „…ein Lob.“
„Ein Lob? Das ist doch sowieso da“, sagte Leni. „Ich lobe mich immer.“
Ben stellte sich mitten in den Kreis. „Ich sage etwas Nettes. Ähm… lieber Ball, du bist rund und… sehr bemüht.“
„Sehr bemüht?“ lachte Mina. „Das klingt wie ein Zeugnis.“
Oskar nickte ernst. „Das ist ein gutes Wort. Bemüht ist gut.“
Leni beugte sich zum Ball und flüsterte: „Du bist ein Superstar, aber tu so, als wärst du ein Geheimnis.“
Der Ball sagte natürlich nichts. Aber Ben schwor, er hätte ein kleines „Poff“ gehört.
Dann kam das Missverständnis. Es schlich sich an wie eine Socke, die man aus Versehen verkehrt herum anzieht.
Oskar sagte: „Wir brauchen klare Regeln. Freundlich heißt: leise und ordentlich. Ohne Quatsch.“
Leni rief sofort: „Freundlich heißt: laut und lustig! Mit Quatsch!“
„Laut ist nicht freundlich“, meinte Oskar und verschränkte die Arme.
„Ordentlich ist nicht lustig“, konterte Leni und verschränkte auch die Arme, nur viel wackeliger.
Mina hielt die Kreide wie ein Mikrofon. „Stopp! Wir müssen entscheiden: Freundlich-leise oder freundlich-lustig?“
Ben schaute von Oskar zu Leni. Sein Kopf war wie ein kleiner Himmel voller Gedanken. Leise Wolken. Lustige Wolken. Und irgendwo dazwischen ein Korb.
„Ich bin für leise“, sagte Oskar. „Dann kann man zählen und konzentrieren.“
„Ich bin für lustig“, sagte Leni. „Dann kann man lachen und… auch zählen, wenn man will.“
„Ich will aber richtig zählen“, murmelte Oskar.
„Du kannst doch zählen, während du lachst“, meinte Leni. „Eins-haha-zwei-hihi!“
Oskar sah aus, als hätte ihm jemand eine Banane in die Matheaufgabe gemalt. „Das geht nicht.“
Ben dachte praktisch. „Wenn wir uns streiten, treffen wir gar nicht.“
Mina nickte. „Und dann wird der Ball beleidigt.“
„Beleidigt?“ fragte Oskar.
Leni zeigte auf den Ball. „Schau. Er guckt schon so… rund.“
Ben hob den Ball hoch. „Ball, bist du beleidigt?“
Der Ball blieb rund. Aber genau in dem Moment rutschte Ben aus, weil eine kleine Kastanie auf dem Boden lag. Der Ball sprang ihm aus den Händen, hüpfte auf den Boden: POMM! und rollte in den Freundlichkeitskreis, als würde er sich verstecken.
„Oh!“ rief Mina. „Der Ball ist beleidigt und geht in den Kreis!“
„Das war die Kastanie“, sagte Oskar.
„Die Kastanie ist auch beleidigt“, flüsterte Leni.
Ben stand wieder auf und rieb sich das Knie. Es tat nicht weh, aber es fühlte sich nach „Achtung“ an. „Okay. Wir brauchen einen Plan, der beide glücklich macht.“
Oskar schnaufte. „Leise Regeln.“
Leni schnaufte auch, nur mehr wie eine Trompete. „Lustige Regeln.“
Ben hob einen Finger. „Ich habe eine Idee. Eine praktische Traumidee.“
Mina beugte sich vor. „Los!“
Ben zeigte auf den Kreis. „Wir machen zwei Sorten freundlich. Erst freundlich-leise, dann freundlich-lustig. Der Ball bekommt beides. So wie… ein Sandwich!“
„Ein Freundlichkeits-Sandwich!“ Leni klatschte. „Mit Lachsoße!“
Oskar überlegte. „Wenn es zuerst leise ist, kann ich zählen.“
„Und danach darf ich Geräusche machen“, sagte Leni schnell.
Mina malte mit Kreide zwei kleine Abschnitte an den Kreis: einen mit einem kleinen Ohr, einen mit einem kleinen Mund, der lacht. „Hier Ohr, hier Lachen.“
Ben nickte zufrieden. „Und ich bin der Sandwich-Bauer.“
Oskar seufzte, aber diesmal war es ein bisschen weicher. „Einverstanden.“
Leni streckte Oskar die Hand hin. „Frieden?“
Oskar nahm sie. „Frieden. Aber ordentlich.“
„Ordentlich friedlich!“ rief Leni.
„Und lustig ordentlich!“ rief Ben.
Mina kicherte. „Ihr seid wirklich… ein Team.“
Teil 3: Das Freundlichkeits-Sandwich und der Himmel wird klar
Sie stellten sich auf. Oskar hatte einen unsichtbaren Stift in der Hand, als würde er Striche in die Luft malen. Mina hielt die Kreide, bereit für Notfälle. Leni wackelte schon mit den Schultern, als hätte sie Lachen im Rucksack. Ben stand vorne und hielt den Ball wie einen kleinen Mond.
„Runde eins“, sagte Oskar. „Freundlich-leise. Bitte keine Quatschgeräusche.“
Leni presste die Lippen zusammen. Es sah aus, als würde sie ein Lachen festhalten wie einen Ballon.
Ben trat in den Ohr-Teil des Kreises. Er flüsterte zum Ball: „Bitte, flieg sanft. Und danke, dass du nicht nach Kastanien schmeckst.“
Mina flüsterte auch: „Du schaffst das, Ball.“
Oskar flüsterte: „Gute Flugbahn, bitte.“
Ben warf. Der Ball flog in einem schönen Bogen. Plopp! Er tippte den Ring an, drehte sich einmal wie eine kleine Karussellfahrt—und fiel durch das Netz.
Alle hielten einen winzigen Moment die Luft an.
Dann machte Leni einen lautlosen Jubel: Sie hüpfte, aber ohne Ton, wie ein stummer Frosch.
Oskar strahlte und flüsterte: „Eins Treffer.“
Mina hob beide Daumen. „Leise super!“
Ben grinste. „Der Ball ist nicht mehr beleidigt.“
Runde zwei war wieder leise. Diesmal warf Mina. Sie sagte ganz sanft: „Lieber Korb, bitte fang den Ball auf wie ein kuscheliges Bett.“
Der Ball prallte an den Rand und sprang wieder heraus.
„Oh!“ sagte Mina, immer noch leise.
Oskar flüsterte: „Kein Treffer. Aber guter Versuch.“
Leni flüsterte so vorsichtig, dass es fast kitzelte: „Der Korb hat gekichert.“
Jetzt kam die lustige Hälfte. Oskar räusperte sich. „Runde drei: freundlich-lustig. Aber… wir zählen trotzdem.“
Leni explodierte fast vor Freude, aber Ben hielt schnell den Ball hoch. „Regel: erst nett, dann lustig.“
„Jawohl, Sandwich-Bauer!“ rief Leni.
Ben trat in den Lachen-Teil des Kreises. Laut und fröhlich sagte er: „Hallo, Ball! Du bist die rundeste Runde der Welt! Bitte mach einen Bauchplatscher in den Korb!“
Leni machte dazu: „Ploing! Ploing! Zisch!“
Oskar versuchte streng zu bleiben, aber seine Mundwinkel zuckten. „Ich… zähle… gleich.“
Ben warf. Der Ball flog, traf den Ring, hüpfte hoch—und landete genau auf dem Brett hinter dem Korb, blieb einen Herzschlag lang dort liegen, als würde er nachdenken, und plumpste dann doch ins Netz.
„Er hat überlegt!“ quietschte Leni.
Oskar lachte plötzlich los. „Das… zählt! Zwei Treffer!“
Mina klatschte. „Der Ball macht Witze!“
Dann war Oskar dran. Er stand im Lachen-Teil und sah aus, als würde er einen sehr wichtigen Vertrag mit einem sehr albernen Ball unterschreiben. „Also gut“, sagte er. „Ball, bitte flieg ordentlich… aber du darfst einmal… äh… kichern.“
Leni rief: „Kicher-Korb!“
Oskar warf. Der Ball flog, machte einen perfekten Bogen—und landete. Plopp. Sauber. Still. Direkt rein.
Leni hielt sich den Bauch. „Ordentlich und kicherig!“
Ben nickte zufrieden. „Siehst du, Oskar? Freundlich kann beides.“
Oskar nickte auch, noch ein bisschen rot im Gesicht vom Lachen. „Ja. Vielleicht kann man sogar zählen, während man lacht.“
„Eins-haha-zwei-hihi!“ rief Leni triumphierend.
Sie spielten weiter. Manchmal leise, manchmal laut. Sie halfen sich: Ben sammelte Kastanien vom Boden, damit niemand rutschte. Mina malte kleine Pfeile, wo man stehen sollte. Oskar zählte die Würfe und erinnerte an die Reihenfolge. Leni erfand neue Geräusche: „Wusch! Fluff! Poff!“ Und wenn jemand nicht traf, sagte sie: „Der Korb übt noch.“
Irgendwann zogen Wolken vorbei, dunkel wie graue Knete. Ein paar Tropfen fielen.
„Oh oh“, sagte Mina und hielt die Kreide hoch, als könnte sie damit die Wolken wegmalen.
Ben schaute nach oben. „Vielleicht sind die Wolken nur kurz hier, um zu gucken, ob wir teilen.“
Oskar sah auf den Ball. „Wir teilen doch. Regeln und Quatsch.“
Leni hielt ihre Hände wie ein Dach über den Ball. „Ball, nicht nass werden! Du bist sonst rutschig und beleidigt!“
Alle lachten, sogar als noch zwei Tropfen auf Oskars Nase landeten. Er wischte sie weg. „Das sind genau zwei Tropfen.“
„Zwei-hihi-Tropfen!“ rief Leni.
Und dann, als hätten die Wolken genug gelacht, schoben sie sich weiter. Der Himmel wurde wieder hell. Blau kam durch wie frische Farbe. Ein leichter Wind machte das Netz am Korb sachte: schschsch.
Ben setzte sich mit den anderen an den Rand des Platzes. Sie tranken Wasser. Ihre Wangen waren warm, ihre Knie ein bisschen staubig, und ihre Herzen waren voll mit diesem guten Gefühl, das entsteht, wenn man zusammen etwas schafft.
Mina sagte leise: „Ich mag unser Freundlichkeits-Sandwich.“
Oskar nickte langsam. „Ich auch. Es ist… logisch und lustig.“
Leni lehnte sich an Ben. „Und ich mag, dass du zwei Meinungen zusammenklebst, Ben.“
Ben schaute in den klaren Himmel. Seine Gedanken waren diesmal keine wilden Seifenblasen. Sie waren ruhige Wolken, die freundlich vorbeiziehen. „Ihr habt beide recht gehabt“, sagte er. „Freundlich ist, wenn man aufeinander achtet. Und wenn man zusammen lacht.“
Oskar legte den Ball in die Mitte. „Team?“
Mina legte ihre Kreide daneben. „Team.“
Leni legte ihre Hand drauf. „Team mit Extra-Kichern.“
Ben legte seine Hand oben drauf. „Team mit klarer Luft.“
Sie saßen noch einen Moment still. Der Basketballplatz war wieder ruhig, nur das Netz flüsterte im Wind. Und über ihnen war der Himmel ganz offen und klar, als hätte er sich auch mit ihnen vertragen.