Teil 1
Emil schraubt. Emil schraubt immer. Seine Finger sind klein, seine Ideen groß. Auf dem Spielplatz liegt eine Kiste mit alten Brettern, ein paar Seilen und einer kaputten Gießkanne. Emil lächelt. „Das wird ein Boot“, sagt er. Jonas lacht. Jonas ist ein Freund. Jonas ist flink. Jonas klettert gleich auf den großen Sandhügel.
„Was brauchst du?“ fragt Jonas. Emil zeigt auf ein Stück Schnur. „Und die Gießkanne als Bootsmotor“, flüstert Emil stolz. Jonas guckt skeptisch. Dann klatscht er in die Hände. „Los!“
Sie sammeln Nägel, Steine, Federn und ein bunter Knopf. Ein Knopf wird Steuer. Eine Feder wird Flagge. Die Gießkanne sitzt vorn und quietscht, wenn man pustet. Andere Kinder schauen zu. Ein paar sind neugierig. Ein paar spielen weiter. Die Sonne lacht.
Emil gibt Anweisungen. „Du hältst das Brett, Jonas. Ich schraube.“ Jonas hält. Emil schraubt und schraubt. Er hat einen kleinen Schraubendreher dabei. Manchmal steckt die Schraube schief. Emil kichert. „Ups“, sagt er. „Ups, Schraube schief.“ Jonas lacht mit. „Noch mal“, sagt er.
Ein kleines Missgeschick passiert. Die Gießkanne rutscht weg und trifft die Sandburg von Mia. Mia schaut streng. Emil beißt die Unterlippe. „Tut mir leid“, sagt er. Er holt Wasser aus dem Wasserspiel und glättet den Turm. Jonas bringt Muscheln als Entschuldigung. Mia lächelt. Freundschaft ist leicht wie Seifenblasen, denken die drei.
„Wir sind alle Gewinner!“, ruft Emil plötzlich, und dann, weil er das französische Wort besonders lustig findet, ruft er: „tous gagnants!“ Jonas kichert. „Was heißt das?“ fragt er. Emil verneigt sich wie ein großer Erfinder. „Alle gewinnen. Alle lachen. Alle spielen.“ Mehr Kinder hören das und rufen bald mit: „Tous gagnants!“
Teil 2
Das Boot ist fast fertig. Jetzt fehlt ein Segel. Jonas rennt zur Rutsche. Er findet ein altes Tuch. Es hat bunte Punkte. Emil hat eine Idee. „Wir machen eine Flagge mit Punkten und Sternen. Jede Farbe steht für Lachen.“ Jonas singt eine Melodie, während Emil knotet.
Auf dem Spielplatz gibt es eine Wippe. Zwei Mädchen wiegen sich. Ein Hund bellt. Ein Vogel piept. Alles ist voller Geräusche. Emil stellt das Brett wie ein Schiff auf die Wippe. „Ahoi!“, ruft er. Jonas setzt sich ans Steuer (der Knopf) und tut so, als würde er die Wellen lesen.
Sie spielen Piraten. Sie spielen Kapitäne. Sie spielen Kuchenbäcker. Immer wieder fällt etwas um. Der Knopf rollt weg. Die Feder fliegt in den Sand. Emil krabbelt hinterher und landet mit dem Gesicht in einer Pfütze. Jonas hält den Bauch vor Lachen. Emil blinzelt, pustet Sand von der Nase und macht eine theatralische Verbeugung. „Ich bin ein schlammiger Held“, sagt er. Alle lachen. Emil lacht mit sich selbst. Das ist seine Superkraft: Er lacht über seine eigenen Pannen.
Dann kommt der große Wettbewerb. Nicht ein echter Wettbewerb. Ein Wettlachen. Wer kann am lautesten kichern? Die Kinder bilden einen Kreis. Emil erklärt die Regeln: „Kein Schummeln. Nur Kichern. Und am Ende sage ich: tous gagnants!“ Jonas macht eine Grimasse, die aussieht wie ein dicker Frosch. Die Kinder kichern. Ein Konfetti aus Blättern fliegt durch die Luft. Plötzlich hört niemand mehr wirklich, wer gewonnen hat. Denn alle lachen zu sehr.
Zwischen den Spielen bauen Emil und Jonas eine kleine Brücke aus Brettern. Sie legen ein Brett über die Rutsche, damit ein Ball rollen kann. Jonas wirft den Ball, er rollt, bleibt hängen. Die Brücke wackelt. Emil ruft: „Festhalten!“ Jonas hält. Das Brett rutscht trotzdem. Beide rollen am Ende wie zwei kleine Käfer aus dem Sand. Sie schauen sich an. Sie fangen an zu kichern. Das Kichern wird zu einem Lied.
Einmal gibt es ein Missverständnis. Ein Vogel hat auf Emils Schraubenkiste gekackt. Jonas ruft: „Oh nein, die Schrauben sind fliegenklebrig!“ Emil nimmt es mit Humor: „Dann sind sie jetzt Vögel der Schraubenkönigreiche.“ Jonas und Emil verbeugen sich für die königlichen Schrauben. Die anderen Kinder applaudieren. Alle applaudieren. Die Stimmung ist wie Zuckerwatte.
Teil 3
Am späten Nachmittag wird der Himmel langsam goldig. Die Mutter von Jonas ruft zum Abholen. „Noch fünf Minuten“, ruft Jonas. Emil schaut auf seine Uhr. Eine Spielplatzuhr aus Pappe. „Noch fünf Kicher-Minuten“, sagt Emil.
Die Freunde wollen ein großes Abschlussfoto machen. Kein Foto mit einer Kamera – ein Foto mit einer Verbeugung. „Auf meine sechs!“, ruft Emil. Sie stehen nebeneinander. Emil hält eine kaputte Mütze in der Hand. Die Mütze ist bunt und ein bisschen zu groß. Sie war Jonas' Mütze, dann Emils, jetzt ist sie wieder irgendwo. Jonas setzt die Mütze auf Emils Kopf. Sie passt schief. Jonas stellt sich neben Emil und macht Königsgesten.
„Ein, zwei, drei – tous gagnants!“ ruft Emil. Alle rufen mit. Die Kinder springen in die Luft. Sand fliegt, Haare wehen, Federn flattern. Mia lacht, der Hund bellt, der Vogel fliegt davon. Ein großer Applaus entsteht, weil jeder sich selber und die anderen toll findet.
Die Sonne senkt sich. Die Stimmen werden leiser. Die Kinder setzen sich im Kreis. Emil stellt die Gießkanne wie ein kleines Podest in die Mitte. Er zieht die Mütze ab, nimmt eine tiefe, theatralische Haltung und sagt: „Meine Damen und Herren, ich verneige mich.“ Jonas macht eine tiefe Verbeugung. Sie lachen leise. Emil hebt die Mütze, als würde er jemandem die Ehre erweisen, und ruft mit feierlicher Stimme: „Alle sind Gewinner. Tous gagnants.“ Dann hebt er die Mütze noch höher. Langsam. Bedächtig. Feierlich.
Die Mütze ist oben. Die Kinder klatschen leise. Niemand lacht zu laut. Es ist ein sanftes Lachen. Ein Lachen, das müde und glücklich ist. Emil nimmt die Mütze und setzt sie Jonas auf den Kopf. Jonas streicht mit den Fingern über das Stoffinnere. „Danke“, sagt er. „Danke, mein Schraubenkönig.“
Sie stehen auf. Die Eltern winken. Die Sonne verabschiedet sich. Die Spielgeräte glänzen. Emil und Jonas laufen nach Hause, die Hände voll mit kleinen Schätzen: ein blauer Stein, eine Feder, ein Knopf mit einem Stern. Sie teilen alles unterwegs. „Gib mir den Stern“, sagt Emil. „Nein, ich gebe dir den Stern“, sagt Jonas. Sie teilen und teilen. Niemand zählt Punkte.
Am Haus vor dem Zaun drehen sie sich noch einmal um. Emil hebt die Mütze zum Abschied. Jonas hebt die Hand. Emil winkt, dann verbeugt er sich noch einmal, leicht übertrieben, wie ein kleiner Schauspieler. Die Mütze bleibt oben, für einen Augenblick, ein Hut über dem Himmel.
„Bis morgen“, ruft Jonas. Emil ruft zurück: „Bis morgen — tous gagnants!“ Dann, als sie getrennt weggehen, flüstert Emil zu sich selbst und kichert: „Ich bin der König der schiefen Schrauben.“ Er lacht leise. Jonas hört es nicht mehr. Der Tag endet mit einem Lächeln.
Die Freundschaft hat heute viele Pannen erlebt, viele Kicher-Minuten, viele geteilte Steine. Vor allem aber haben Emil und Jonas gelernt, dass es nicht wichtig ist, wer gewinnt. Wichtig ist, dass sie zusammen lachen. Sie gehen nach Hause. Die Mütze wird später auf dem Regal liegen, leicht schief. Aber heute Abend, wenn die Sterne blinken, wird die Mütze in ihren Gedanken noch einmal hochgehoben. Ein Hut, der sagt: Gut gemacht, Freunde. Alle Gewinner.