Der Abend im kleinen Wald
Bruno der Bär lebt in einer Höhle im kleinen Wald. Der Wald ist grün und ruhig. Tagsüber spielt Bruno mit den Schmetterlingen. Er klettert leise auf Hügel und rollt auf dem Gras. Wenn die Sonne tief steht, wird der Wald dunkler. Dann fühlt Bruno etwas in seiner Brust. Es ist ein Kloß. Bruno nennt ihn die Nachtangst.
Die Nachtangst ist nicht groß im Tageslicht. Sie sitzt still hinter einem Baum und wartet. Wenn die Blätter rascheln und die Schatten länger werden, kommt sie näher. Bruno fühlt seine Pfoten schwer und sein Herz schnell. Er möchte nicht allein in der Höhle sein. Er mag keine knarrenden Türen und keine dunklen Ecken. Manchmal hört er ein Rascheln im Fluss. Seine Fantasie malt große Schatten. Seine Augen werden groß. Bruno macht eine Kerze an, doch das Flackern macht die Schatten länger. Er fühlt sich klein.
Ein kleiner Plan
Am nächsten Morgen sitzt Bruno mit einem Blatt Papier. Er hat große Buntstifte. Rot, blau, gelb und grün. Er hat von der alten Eule gehört, dass man Dinge kleiner machen kann, wenn man sie genau ansieht. Bruno atmet tief ein. Er will seine Nachtangst zeichnen.
Zuerst zeichnet er einen großen Kreis. Dann kommt ein schiefer Strich. Die Nachtangst auf dem Papier hat zwei Augen, die zu groß sind. Sie sieht wilder aus als Bruno sich fühlt. Bruno schaut das Bild an. Er sitzt still. Er atmet langsam. Ein Einatem. Zwei Ausatem. Seine Pfoten zittern ein wenig. Dann nimmt er den blauen Stift und malt ein kleines Lächeln auf das Gesicht der Nachtangst. Das macht etwas anders.
Am Nachmittag kommt Lila, die kleine Waschbärin, vorbei. Sie sieht die Zeichnung. Sie setzt sich neben Bruno. Lila legt ihre Pfote auf seine Schulter. Keine Worte. Nur Nähe. Bruno fühlt sich ein Stück wärmer. Lila bringt eine kleine Laterne. Sie zeigt das Licht ohne Flackern. Die Laterne macht weiche Schatten. Lila zeigt, wie sie tief ein- und ausatmet. Eins, zwei, drei. Bruno macht mit. Die Atemzüge sind langsam wie der Wind.
Abends kommt noch Iggy, der Dachs. Iggy mag es, Dinge zu zählen. Er zählt die Tapser auf dem Boden. Eins, zwei, drei. Das Zählen macht die Gedanken kleiner. Jeder Schritt ist ein kleiner Mut. Bruno zählt mit. Seine Angst wird nicht weg, aber sie fühlt sich leiser an. Bruno zeichnete die Nachtangst noch einmal. Jetzt hat sie kleine Augen. Bruno malt eine kleine Blume neben ihr. Die Blume ist hellgelb. Die Zeichnung sieht nicht mehr so wild aus.
Plötzlich rollt ein Donner über den Wald. Die Höhle vibriert leise. Bruno zuckt. Der Donner ist laut. Seine Herzklopfen kommen zurück. Aber Lila hält die Laterne fest. Iggy zählt langsam. Bruno denkt an seine Zeichnung. Er nimmt den Stift und zeichnet einen Regenschirm über die Nachtangst. Die Zeichnung hat jetzt einen bunten Regenschirm. Die Nachtangst sitzt trocken darunter und guckt neugierig.
Die Nacht wird kleiner
Die Dunkelheit kommt wieder. Bruno spürt, wie die Nacht sich nähert. Er setzt sich auf seinen kleinen Teppich. Er legt die Zeichnung vor sich. Lila sitzt links. Iggy rechts. Zusammen atmen sie tief ein und aus. Eins, zwei, drei. Die Laterne macht ein warmes Licht.
Bruno stellt seine Hände vors Gesicht. Er schaut dann langsam durch die Finger. Die Schatten sind nicht mehr so groß. Er schaut die Zeichnung an. Die Nachtangst sieht freundlich aus mit dem Regenschirm. Bruno lächelt. Sein Herz ist noch da, aber es klopft langsamer. Schritte auf dem Flur klingen nicht mehr gefährlich. Sie klingen wie kleine Trommeln.
In der Mitte der Nacht wacht Bruno kurz auf. Es ist still. Er hört das Atmen seiner Freunde. Er greift nach der Zeichnung. Er streicht mit der Pfote über die Blume. Er erinnert sich an den Atem. Eins, zwei, drei. Dann schlummert er weiter. Die Nacht läuft vorbei wie ein leiser Bach.
Am Morgen steckt Bruno die Zeichnung an die Höhlenwand. Sie hängt neben seinem Bett. Wenn die Nacht wieder naht, kann er sie anschauen. Er weiß nun, wie man die Angst beobachtet. Man kann sie zeichnen, einen Regenschirm malen oder ein Lächeln. Man kann atmen und zählen. Man kann Freunde um sich haben.
Manchmal ist die Angst noch da. Manchmal kommt ein lauter Donner oder ein Schatten. Aber Bruno hat gelernt kleine Schritte zu machen. Er macht die Laterne an. Er zählt. Er zeichnet. Er teilt seine Angst mit Lila und Iggy. Die Freunde halten seine Pfote. Sie helfen ihm, wenn das Herz schneller schlägt.
Abends, wenn die Sterne blinken, legt Bruno sich hin. Er sieht die Zeichnung und denkt an das bunte Regenschirm. Seine Angst ist nicht weg. Sie ist gemalt und kleiner. Bruno fühlt sich mutig. Sein Mut ist wie ein leiser Stern, der ihm sagt: Du bist nicht allein. Die Nacht ist nicht so groß, wenn man sie teilt.
Bruno schläft ein. Die Höhle ist warm. Die Laterne leuchtet sanft. Die Freunde wachen nicht, aber ihre Nähe bleibt. Bruno träumt von bunten Blättern und einer kleinen, fröhlichen Nachtangst, die unter einem Regenschirm tanzt. Am Morgen ist der Kloß in seiner Brust leichter. Heute wagt er wieder einen kleinen Schritt. Heute ist ein guter Tag.