Teil 1
Ben war vier. Ben hatte eine kleine Tasse. Die Tasse war rot und hatte einen goldenen Stern. Ben sagte: „Heute mache ich Tee. Für… Regen!“
Mama rührte in der Küche. „Für Regen?“ fragte sie.
„Ja“, sagte Ben wichtig. „Regen ist manchmal traurig. Dann kommt er zum Tee und wird wieder fröhlich.“
Draußen war der Himmel grau, aber nicht nass. Alles wartete. Die Blumen warteten. Das Dach wartete. Sogar die Pfützen warteten, obwohl sie noch gar nicht da waren.
Ben holte seinen kleinen Topf. Er tat Wasser hinein. Er tat ein bisschen Apfeltee hinein. Er schnupperte. „Mmm.“
Dann nahm er einen Löffel. Er rührte, rührte, rührte. Er rührte so sehr, dass der Tee fast dachte, er sei eine Suppe.
„Ben“, sagte Mama sanft, „vorsichtig. Nicht kleckern.“
Ben nickte. „Ich kann das. Ich habe Selbst-Kontrolle.“ Er sprach das Wort langsam, als wäre es ein Keks, den man nicht fallen lassen darf.
Auf dem Tisch stellte Ben zwei Tassen hin. Eine für ihn. Eine für den Regen. Und einen winzigen Keks. Regenkeks.
Dann nahm Ben den Zauber-Löffel. Es war eigentlich nur ein Löffel. Aber Ben wusste: Wenn man freundlich ist, werden Dinge manchmal magisch.
Ben ging zur Tür und rief: „Regen! Bitte zum Tee!“
Nichts tropfte. Nichts plitschte.
Ben runzelte die Stirn. „Vielleicht hat Regen die Einladung nicht gehört.“
Er nahm einen tiefen Atemzug. „Ich rufe nicht zu laut“, murmelte er. „Selbst-Kontrolle.“
Er nahm ein Blatt Papier und malte einen Regenschirm. Er malte kleine Tropfen dazu. Er malte eine Tasse. Und er malte ein Gesicht mit einem Lächeln. „So“, sagte er. „Das ist eine nette Einladung.“
Er ging in den Flur. Dort hing Papas alter Hut. Ein ganz normaler Hut. Aber Ben flüsterte: „Du bist ein Zauberhut. Du kannst Post tragen.“
Der Hut sagte nichts. Hüte sind oft still. Aber Ben setzte ihn auf den Kopf, so schief wie ein Pirat, und stapfte hinaus.
Teil 2
Im Garten stand die große Gießkanne. Sie war grün und ein bisschen krumm. Ben klopfte drauf. „Hallo, Frau Kanne“, sagte er. „Du kennst Regen. Kannst du ihn holen?“
Die Gießkanne antwortete nicht, aber Ben tat so, als hätte sie „Vielleicht“ gesagt. Das klang gut.
Ben stellte die Einladung unter den Apfelbaum. „Hier, Regen. Wenn du kommst, setzen wir uns dahin. Und dann trinken wir Tee. Ganz gemütlich.“
Da kam Nachbarin Frau Mopsi am Zaun vorbei. Sie hatte einen Korb.
„Was machst du denn, Ben?“ fragte sie.
„Ich lade Regen zum Tee ein“, sagte Ben. „Er ist nur… ein bisschen schüchtern.“
Frau Mopsi lachte leise. „Dann musst du ihn vielleicht höflich begrüßen.“
„Das mache ich“, sagte Ben. „Und ich werde nicht ungeduldig. Selbst-Kontrolle.“
Ben ging wieder rein. Der Tee war fertig. Er dampfte. Der Dampf machte kleine Wolken in der Luft. Ben starrte ihn an. „Aha“, sagte er. „Wolke! Du bist doch mit Regen verwandt.“
Der Dampf stieg hoch, an die Decke. Und genau da passierte etwas Komisches. Eine winzige Wolke machte sich breit, so groß wie ein Kissen. Sie sah aus, als hätte sie sich im Haus verlaufen.
Mama blinzelte. „Ben… ist das… eine Wolke?“
Ben stellte sich ganz gerade hin. „Ja. Sie ist zum Tee gekommen. Also fast.“
Die kleine Wolke machte „Puff“. Dann machte sie „Pffft“. Und dann—plopp—fiel ein einzelner Tropfen auf den Tisch. Genau in Bens Regen-Tasse.
Ben freute sich. „Hallo, Regen!“
Der Tropfen sagte natürlich nichts. Tropfen sind noch stiller als Hüte. Aber der Tropfen glänzte, als würde er zuhören.
Dann kam noch ein Tropfen. Plopp. Und noch einer. Plopp.
Mama nahm schnell ein Tuch. „Wir halten das trocken“, sagte sie ruhig. „Ganz ruhig.“
Ben nickte. Er sah die Tropfen an. Es kitzelte ihm im Bauch, so sehr wollte er lachen. Aber er presste die Lippen zusammen. „Nicht kichern, Ben“, sagte Ben zu Ben. „Selbst-Kontrolle.“
Die Wolke wackelte, als hätte sie auch Spaß. Plopp-plopp-plopp.
Jetzt tropfte es ein wenig zu schnell.
„Oh-oh“, sagte Ben. „Regen ist sehr durstig!“
Mama lächelte. „Dann geben wir ihm den Tee lieber draußen.“
Ben hob die Tassen mit zwei Händen. Ganz langsam. Ganz vorsichtig. Er ging wie eine Schnecke auf Hausschuhen.
„Ich kann das“, flüsterte er. „Ich kleckere nicht. Selbst-Kontrolle.“
Draußen unter dem Vordach stellten sie den Tisch hin. Ben setzte sich. Mama setzte sich. Und die kleine Wolke schwebte über der Regen-Tasse, als wäre sie ein Gast mit Hut.
Ben nahm einen Schluck. „Mmm. Apfel.“
Er schob die andere Tasse ein Stück vor. „Bitte, Regen.“
Die Wolke machte ein leises „Pitsch“. Ein paar Tropfen fielen in die Tasse, als würde Regen wirklich trinken. Ben staunte. Dann grinste er.
Da kam Papa nach Hause. Er blieb stehen. „Warum sitzt ihr unter einer Wolke?“
Ben sagte sehr ernst: „Wir haben Regen zum Tee eingeladen. Er ist gekommen. Aber nur als Mini-Regen. Weil er höflich ist.“
Papa nickte langsam, als wäre das völlig normal. „Sehr höflich. Dann sage ich: Guten Tag, Regen.“
Die Wolke machte „Puff“, als Antwort.
Teil 3
Jetzt wurde es lustig. Ben wollte dem Regen noch einen Keks geben. Er hielt den winzigen Keks hoch. „Hier, Regenkeks.“
Die Wolke tropfte genau drauf. Plopp. Der Keks wurde weich und machte „Matsch“.
Ben schaute. Dann schaute Mama. Dann schaute Papa.
Ben fing an zu kichern. „Regen hat den Keks… eingeweicht!“
Papa tat, als wäre er ein Zauberer. „Ein verzauberter Keks. Sehr selten.“
Mama schmunzelte. „Sehr… nass.“
Ben lachte, aber dann atmete er tief ein. „Nicht zu wild“, sagte er. „Sonst erschreckt Regen.“
Er streichelte die Luft unter der Wolke, ganz vorsichtig. „Ist okay. Du darfst lachen, Regen. Aber nicht alles tropfen.“
Die Wolke wurde ruhiger. Sie machte nur noch kleine, freundliche Tropfen. Plopp… plopp… plopp.
Ben nickte zufrieden. „Siehst du? Selbst-Kontrolle. Ich auch. Du auch.“
Und dann passierte das Beste: Die kleine Wolke zog langsam zur Gartentür. Als hätte sie verstanden, wo Regen hingehört. Sie schwebte hinaus. Über die Blumen. Über den Apfelbaum. Über die trockene Erde.
Draußen fing es ganz leise an zu regnen. Nicht doll. Nur ein sanftes Prasseln. Die Blumen richteten sich auf, als hätten sie Durst gehabt. Die Erde roch gut. Alles war gemütlich.
Ben winkte. „Tschüss, Regen! Danke fürs Tee-Trinken!“
Der Regen antwortete mit einem feinen „Prissel-prassel“, als würde er „Bitte“ sagen.
Mama legte Ben den Arm um die Schulter. „Du warst geduldig“, sagte sie. „Und vorsichtig.“
Ben lehnte sich an sie. „Ich habe gewartet. Und nicht geschrien. Und nicht gekleckert.“
Papa sagte: „Ein echter Regen-Ritter.“
Ben giggelte. „Ritter trinken Tee!“
„Und Regen auch“, sagte Mama.
Als es später Abend wurde, war der Regen schon wieder leiser. Nur noch ein paar Tropfen an den Blättern. Ben lag im Bett. Er hielt seine rote Tasse fest, sauber und warm.
„Mama“, flüsterte Ben, „kommt Regen morgen wieder?“
Mama strich ihm über die Haare. „Vielleicht. Aber wenn nicht, ist das auch okay. Regen kommt, wenn er kann.“
Ben nickte. „Ich kann warten. Mit Selbst-Kontrolle.“
Draußen machte der letzte Tropfen „plopp“.
Ben lächelte. „Gute Nacht, Regen.“
Und die Nacht war ruhig, weich und freundlich.