Der große Tag
Emil ist sechs Jahre alt. Heute ist Linas Geburtstag. Lina wird fünf. Emil trägt ein buntes Paket. Es ist in blaues Papier gewickelt. Eine gelbe Schleife tanzt hin und her. Seine Schuhe klappern leise auf den Stufen. Vor Linas Tür hängen Ballons. Rote, grüne, gelbe, wie kleine Monde. Es duftet nach Kuchen und Kakao. Musik summt aus dem Wohnzimmer.
Mama von Lina öffnet. Sie lächelt. „Da bist du ja, Emil! Komm rein!“ Emil nickt. „Alles Gute, Lina!“ sagt er, als Lina um die Ecke schaut. Lina trägt eine Papierkrone. Sie ist schön und golden. Aber Linas Stirn ist in Falten. Ihre Hände nesteln an der Krone.
„Was ist los?“ fragt Emil leise. Lina beißt auf ihre Lippe. „Ich habe ein bisschen Angst“, flüstert sie. „Wovor?“ fragt Emil. „Vor den Kerzen. Vor dem Lied. Alle schauen zu. Was, wenn ich nicht puste? Was, wenn ich es nicht schaffe?“ Ihre Augen sind groß wie Murmeln.
Emil stellt sein Paket ab. Er kniet neben Lina. „Ich bin bei dir, ich bleibe hier“, sagt er. Er sagt es warm. Er sagt es langsam. Lina schaut ihn an. „Wirklich?“ Emil nickt. „Ganz sicher. Wir machen alles langsam. Wir machen alles zusammen. Wir haben Zeit. Wir atmen ein. Wir atmen aus.“
Lina atmet mit. Ein. Aus. Ein. Aus. Ihr Bauch hebt sich, senkt sich. Die Falten auf ihrer Stirn werden kleiner. Emil zwinkert. „Wenn das Lied kommt, singe ich extra leise mit. Wenn die Kerzen brennen, zählen wir. Eins, zwei, drei. Und dann pusten wir zusammen.“ Lina lächelt ein bisschen. „Zusammen?“ Emil grinst. „Zusammen!“
Die Kerze, die nicht ausgeht
Es wird still im Zimmer. Alle Kinder kommen an den Tisch. Der Kuchen steht in der Mitte. Er glitzert. Rosa Streusel, bunte Punkte, ein Schokoladenrand. „Oh“, sagen alle. Ein leises „Oh!“ Mama setzt fünf Kerzen hinein. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Sie holt ein Streichholz. Kratz. Feuer. Die Kerzen brennen. Die Flammen sind wie kleine Sterne.
Lina sitzt auf ihrem Stuhl. Emil ist neben ihr. Er lächelt. „Ich bin bei dir, ich bleibe hier“, flüstert er. Lina nickt. „Ich bin bereit.“ Die Musik wird leiser. Alle singen. „Zum Geburtstag viel Glück…“ Die Stimmen sind warm. Die Kerzen wackeln. Die Flammen tanzen, aber sie fallen nicht um.
„Nun pusten!“ sagt Papa. Emil nimmt Linas Hand. „Eins, zwei, drei“, flüstert er. Beide atmen ein. Sie pusten. Pfffffff! Ein Wind geht über den Kuchen. Vier Flammen gehen aus. Eine bleibt. Die kleinste, ganz vorn. Sie flackert frech. Dann wird sie wieder groß. Plopp! Sie brennt heller als vorher.
„Oh!“ rufen die Kinder. Linchen blinzelt. Ihre Lippen werden wieder schmal. „Ich kann es nicht“, murmelt sie. Emil schüttelt den Kopf. „Doch,“ sagt er. „Das war nur Runde eins. Wir haben Geduld. Geduld ist wie ein leiser Freund. Er hält unsere Hand. Er sagt: Warte kurz. Probier noch mal.“
Lina schnauft. Emil lächelt. „Wir zählen noch einmal. Eins, zwei, drei.“ Sie pusten. Pffff! Die kleine Flamme wird kleiner. Ganz klein. Fast aus. Sie macht ein Geräusch. „Fff-fupp.“ Und dann: Pling! Sie brennt wieder. Als hätte sie gelacht. Einige Kinder kichern. „Die Kerze kitzelt“, sagt jemand. Ein Junge ruft: „Das ist eine Zauberkerze!“
Papa kratzt sich am Kopf. Mama beugt sich näher. „Hm“, sagt sie. „Vielleicht ist das eine Kerze, die nicht ausgeht.“ Emil schaut die Flamme an. „Hallo, kleine Flamme“, flüstert er. „Wir haben Zeit. Wir haben Geduld. Wir können warten.“ Emil sieht zu Lina. „Wollen wir eine Feder holen? Wir pusten ganz sanft? Üben wir?“
Mama bringt eine Bastelfeder. Sie ist türkis und weich. Emil hält sie hoch. „Lina, puste nur die Feder.“ Lina pustet. Ganz leise. Die Feder wippt. „Gut so“, sagt Emil. „Noch einmal.“ Lina pustet wieder. Die Feder tanzt. „Jetzt ein bisschen stärker.“ Die Feder fliegt ein kleines Stück. Lina lächelt. Ihre Augen funkeln. „Ich kann das!“
Die Kinder klatschen. Emil nickt. „Bereit?“ Lina nickt. „Bereit!“ Emil fasst ihre Hand. „Ich bin bei dir, ich bleibe hier.“ Alle werden still. „Eins, zwei, drei“, sagen beide. Sie pusten. Pfffffff! Die freche Kerze flackert wild. Klein. Kleiner. Ganz klein. Alle halten den Atem an. Die Flamme macht: „Hicks!“ Und dann: Zing! Sie leuchtet wieder.
„Die will nicht!“ ruft ein Kind. Papa lacht nun. „Ich glaube, ich kenne diese Kerze. Das ist eine Spaßkerze. Die geht nicht aus. Sie kommt immer wieder.“ Er macht große Augen. „Ups. Die habe ich aus Versehen gekauft.“ Mama lacht auch. „Dann brauchen wir eine normale Kerze.“
Papa hebt die kleine freche Kerze aus dem Kuchen. Sie faucht noch einmal. Tsss! Dann legt er sie auf einen Teller. Mama bringt eine neue Kerze. Sie ist schlicht. Einfach weiß. Papa zündet sie an. Die Flamme ist ruhig. Sie wackelt freundlich, nicht frech. Emil drückt Linas Hand. „Letzter Versuch“, flüstert er. „Wir haben Geduld gehabt. Jetzt schaffen wir das.“
Alle singen noch einmal. Nicht zu laut. Nicht zu schnell. „Zum Geburtstag viel Glück…“ Lina atmet ein. Emil atmet ein. „Eins, zwei, drei.“ Sie pusten. Pfffffff! Die Flamme tanzt kurz. Dann geht sie aus. Einfach so. Dunkel. Ruhig. Ein kleines Wölkchen steigt auf. Alle jubeln. „Hurra!“
Lina strahlt. „Ich hab's geschafft!“ Sie drückt Emils Hand. „Danke.“ Emil grinst. „Du hast es selbst geschafft. Mit Geduld. Langsam. Zusammen.“ Lina schließt die Augen. Sie wünscht sich etwas. Leise. Ganz für sich. Dann schneidet Mama den Kuchen an. Die Stücke sind groß und saftig. Schokolade, Vanille, ein bisschen Himbeer.
Die Kinder essen. Krümel tanzen auf den Tellern. Saft gluckert in die Becher. Es gibt ein Kichern, ein „Mmm!“, ein kleines „Mehr bitte!“. Die freche Spaßkerze liegt auf dem Teller und glitzert, als ob sie zwinkert. „Du bist lustig, aber heute nicht mehr dran“, sagt Emil. Er stupst sie mit dem Blick weg.
Zusammen aufräumen, zusammen lachen
Nach dem Kuchen spielen sie. Sie tanzen wie Bären. Sie springen wie Bälle. Sie machen eine Polonaise. Ein Hut fällt. Ein Schuh rollt. Es gibt ein kleines Durcheinander. Jemand piepst wie ein Küken. Alle lachen. Dann kippt ein Becher Saft. Plitsch! Eine orange Lache breitet sich aus. Linas Augen werden groß.
Emil zeigt auf ein Tuch. „Kein Problem“, sagt er. „Wir haben Zeit. Wir haben Geduld. Wir machen das zusammen.“ Er reicht Lina das Tuch. „Drücken, nicht wischen“, sagt er. „Ganz sanft.“ Lina nickt. Sie drückt. Emil drückt auch. Zwei andere Kinder drücken mit. Die Lache wird kleiner. Kleiner. Weg.
Papa lächelt. „Ihr seid ein tolles Team.“ Mama nickt. „So macht Feiern Spaß.“ Lina atmet auf. „Ich dachte, alles muss perfekt sein“, sagt sie. „Aber es ist schon gut. Es ist schön, wenn wir helfen.“ Emil nickt. „Perfekt ist nicht wichtig. Zusammen ist wichtig. Lachen ist wichtig. Und Geduld.“
Sie sammeln Luftschlangen ein. Sie stapeln Teller. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Emil stellt die Becher in eine Reihe. Rot, grün, gelb, blau. Er freut sich, weil die Farben wie ein Lied aussehen. Lina faltet die Servietten. Dreieck, Dreieck, Dreieck. Ein Kind zählt die Löffel. Ein anderer legt sie in einen Becher.
„Schau mal, wie ordentlich“, sagt Emil. Die Tischdecke liegt glatt. Keine Lache. Keine Krümel mehr auf der Kante. Die Teller sind gestapelt, gar nicht schief. Die Becher stehen wie kleine Soldaten. Die Servietten sind wie bunte Berge. In der Mitte steht der Kuchenrest, rund und stolz.
Lina zieht Emils Ärmel. „Weißt du“, sagt sie. „Am Anfang hatte ich Angst. Aber du warst bei mir.“ Emil nickt. „Ich bin bei dir, ich bleibe hier“, sagt er noch einmal. Lina lächelt. „Das war gut. Und die Kerze war frech.“ Emil lacht. „Ja. Sie war frech. Aber wir waren geduldig. Und wir waren nicht allein.“
Die Kinder setzen sich noch einmal an den Tisch. Sie trinken den letzten Schluck Saft. Ein Kind erzählt einen Witz über eine Schildkröte. Alle kichern. Die Luft ist warm und leicht. Die Sonne malt Punkte auf die Tischplatte. Ein Ballon stupst an die Lampe, ganz sacht. Flupp. Flupp. Flupp.
Mama bringt ein kleines Heft. Alle malen etwas hinein. Ein Ballon. Ein Kuchenstück. Eine kleine freche Kerze mit Augen und einem Hut. Emil malt eine Hand in einer Hand. Darunter schreibt er: „Zusammen.“ Er kann schon ein paar Buchstaben. Er schreibt langsam. Er hat Geduld mit sich. Das gefällt ihm.
Zum Schluss streichen sie über den Tisch. Er ist sauber. Er ist hübsch. Er ist wie ein kleiner See, so ruhig. Emil legt die gelbe Schleife von seinem Paket neben die Servietten. Sie glänzt. Dann stellt er die Feder, die Übungsfeder, in ein Glas. Sie steht stolz, wie eine Fahne. Alle schauen und nicken.
„Fertig“, sagt Papa. „Der Tisch ist bereit. So ordentlich. So schön.“ Mama klatscht leise. „Danke, ihr Lieben.“ Lina steht auf. Sie verbeugt sich ein bisschen. „Danke, Emil“, sagt sie. „Danke, alle.“ Emil freut sich. Sein Bauch wird warm. Heute war ein guter Tag.
Die Sonne ist schon tiefer. Die Musik ist aus. Nur das Kichern hängt noch in der Luft. Emil winkt Lina zu. „Bis morgen“, sagt er. „Bis morgen!“ ruft Lina. Emil zieht die Tür hinter sich zu. Auf dem Flur riecht es nach Vanille. Er denkt an die kleine freche Flamme. Er denkt an Linas Lächeln. Er denkt an den Tisch, der nun ordentlich wartet.
Und in seinem Kopf klingt es noch nach: Eins, zwei, drei. Ein. Aus. Ein. Aus. Geduld ist gut. Zusammen ist besser. Feierabend für heute. Eine gute Nacht für alle.