1. Ein Geburtstag unterwegs
Mara wachte auf und brauchte einen Moment, um sich zu erinnern, wo sie war.
Nicht in ihrem Zimmer mit den Sternenstickern an der Decke.
Nicht zu Hause.
Sie war im Gästezimmer bei Tante Klara. Die Wände waren hellgelb wie Zitroneneis, und auf dem Nachttisch stand ein kleiner blauer Wecker, der leise tickte.
Mara seufzte.
Heute war ihr Geburtstag. Sechs Jahre.
Normalerweise weckte Papa sie mit einer schief gesungenen Melodie.
Normalerweise roch es nach Mamas Pfannkuchen.
Aber Mama und Papa waren weit weg. Sie mussten arbeiten, in einer anderen Stadt. Mara war in den Ferien zu Tante Klara gefahren, schon vorher. Sonst wäre sie an ihrem Geburtstag ganz allein gewesen, hatten die Eltern gesagt. Und bei Tante Klara wäre es bestimmt schön.
Jetzt fühlte sich „bestimmt schön“ noch ein bisschen wackelig an.
Mara setzte sich auf und sah ihren Rucksack in der Ecke. Gestern Abend hatte sie noch mal nachgesehen, ob ihr Kuschelhase Pünktchen auch wirklich drin war. Und der kleine Kalender. Und der Brief von Mama.
„Heute passt du gut auf dich auf, mein Schatz“, hatte Mama gesagt und ihr die Stirn geküsst. „Du bist groß und sehr verantwortungsvoll. Zeig allen, wie gut du das kannst.“
Mara dachte an das Wort. Verantwortungs-voll.
Sie stellte sich vor, wie sie eine Tasche trug, voll mit kleinen, unsichtbaren Aufgaben. Aufpassen. Nachfragen. Freundlich sein. Keine Tränen, wenn es geht.
Sie kletterte aus dem Bett und ging leise zur Tür.
In der Küche klapperte Geschirr.
„Guten Morgen, Geburtstagskind!“ rief Tante Klara, kaum dass Mara den Raum betrat.
Auf dem Tisch standen zwei bunte Becher, eine Schale mit Erdbeeren und ein Teller mit Brötchen. Und mitten drauf: eine Kerze in Form einer großen, roten Sechs.
Mara blieb stehen. Ein warmes Kitzeln huschte durch ihren Bauch.
„Du hast dir gemerkt, dass ich heute Geburtstag habe“, flüsterte sie.
Tante Klara lachte. „Natürlich! Ich vergesse doch keinen so wichtigen Tag. Und jetzt kommt die wichtigste Aufgabe: Du pustest die Kerze aus. Aber erst, wenn du dir etwas gewünscht hast. Ganz geheim.“
Mara nickte ernst.
Verantwortungsvoll pusten, dachte sie. Nicht zu wild, sonst kippt die Kerze um.
Sie schloss die Augen, dachte an Mama und Papa, an eine fröhliche Feier und vielleicht… einen Luftballonhund. Dann blies sie so vorsichtig sie konnte.
Die Flamme flackerte, tanzte kurz und ging aus.
„Geschafft“, sagte Mara und fühlte sich plötzlich ein bisschen größer als gestern.
2. Überraschungen in der Stadt
Nach dem Frühstück gab ihr Tante Klara einen kleinen Rucksack.
„Heute bist du meine Co-Chefin“, erklärte sie. „Wir müssen noch ein paar Dinge für deine Geburtstagsüberraschung besorgen. Du hast die wichtigste Aufgabe: Du passt auf die Liste auf.“
Sie reichte Mara einen Zettel mit großen, klaren Buchstaben.
Darauf stand:
Luftballons
Saft
Kuchenboden
Kerzen
und dann noch ein geheimnisvolles Fragezeichen.
„Was ist das Fragezeichen?“ fragte Mara.
„Das ist die Überraschung“, sagte Tante Klara und zwinkerte. „Und du sorgst bitte dafür, dass wir nichts vergessen.“
Mara steckte den Zettel sorgfältig in die kleine Rucksacktasche.
Sie fühlte sich wirklich wie eine Co-Chefin.
Verantwortung war gar nicht so schwer. Nur ein bisschen kribbelig.
In der Stadt roch es nach Bäckerei und Regen auf warmem Stein. Die Sonne lugte zwischen den Wolken hervor und machte die Pfützen glitzrig.
Im Laden mit den Luftballons hing der Himmel voller Farben: rote Herzen, blaue Sterne, grüne Frösche. Ein riesiger silberner Wal schwebte direkt über der Kasse.
„Du darfst aussuchen“, sagte Tante Klara. „Aber nur drei Stück.“
Mara stellte sich sehr gerade hin. Das war eine schwierige Aufgabe.
Sie durfte nicht nur nach der Lieblingsfarbe wählen. Es musste gut aussehen. Alles zusammen.
Sie entschied sich für einen gelben Sonnenballon, einen blauen mit Wolken und einen roten, auf dem „Hurra!“ stand.
„Sehr gute Wahl, Chefin“, sagte der Verkäufer und band die Schnüre ordentlich zusammen. „Aber pass gut auf sie auf, hier draußen ist Wind.“
Mara nickte und hielt die Luftballons fest, als wären es drei kleine Hunde an Leinen.
Im Supermarkt holten sie Saft und einen Kuchenboden. Mara hakte konzentriert alles auf der Liste ab.
„Was ist mit den Kerzen?“ fragte sie beim Bezahlen. „Die fehlen noch.“
„Stimmt“, sagte Tante Klara. „Gut aufgepasst. Das wäre sonst eine sehr dunkle Geburtstagstorte geworden.“
In dem Moment stolperte eine ältere Frau über den Rand des Teppichs an der Tür. Ihre Tasche glitt ihr aus der Hand, und Äpfel rollten über den Boden wie kleine grüne Bälle.
Mara ließ sofort ihren Rucksack fallen und rannte hin.
„Ich helfe Ihnen“, sagte sie und sammelte die Äpfel ein, einen nach dem anderen.
Ein Apfel rollte fast bis zur Gemüsetheke. Mara flitzte hinterher und angelte ihn noch rechtzeitig, bevor jemand drauftrat.
„Oh, wie lieb von dir“, sagte die Frau und strich Mara über den Arm. „Du bist aber verantwortungsvoll für dein Alter.“
Das Wort prickelte wieder in Maras Bauch.
Sie straffte die Schultern und lächelte.
Draußen wartete schon die nächste Überraschung.
Auf dem Platz vor dem Brunnen stand ein Mann mit einer Gitarre. Daneben ein offener Koffer voller bunter Tücher.
„Komm“, sagte Tante Klara. „Wir hören kurz zu.“
Der Mann spielte ein fröhliches Lied. Seine Finger tanzten über die Saiten. Einige Kinder blieben stehen, wippten mit den Füßen, eine kleine Gruppe älterer Leute klatschte den Takt.
Plötzlich zwinkerte der Mann zu Mara hinüber.
„Das Lied ist für das Mädchen mit den Geburtstagsballons“, rief er.
Mara starrte ihn überrascht an. „Woher wissen Sie, dass ich Geburtstag habe?“
„Weil Luftballons immer etwas zu feiern haben“, antwortete er lachend und fing an, ein Geburtstagslied zu spielen. Die Melodie war anders als die von Papa, aber genauso warm.
Fremde Leute sangen mit und klatschten.
Mara spürte, wie ihr Herz ganz groß wurde.
Sie war weit weg von zu Hause, aber hier sangen Menschen extra für sie.
Am Ende des Liedes reichte der Gitarrist ihr eines der bunten Tücher aus seinem Koffer. Es war orange und weich.
„Für dich“, sagte er. „Damit du dich überall ein bisschen zu Hause fühlen kannst.“
Mara drückte das Tuch an die Wange.
Vielleicht war „unterwegs“ gar nicht so fremd, wie sie gedacht hatte.
3. Eine helle Feier und ein geschlossener Vorhang
Am Nachmittag verwandelte sich Tante Klaras Wohnzimmer.
Mara stand mitten im Raum und staunte. Überall hingen Girlanden aus Papier, in allen Farben. Ihre drei Ballons schwebten an der Lampe wie kleine Sonnen.
Auf dem Tisch stand der Kuchenboden, jetzt dick bestrichen mit Schokocreme und voll mit Erdbeeren, die wie kleine rote Hüte aussahen. Sechs bunte Kerzen steckten dicht nebeneinander.
„Du hast das alles gemacht, während ich im Bad war?“ fragte Mara.
„Ein bisschen hatte ich schon vorbereitet“, gab Tante Klara zu. „Aber ich hatte eine sehr fleißige Helferin.“ Sie zeigte auf den Flur.
Da tauchte Frau Schulze auf, die Nachbarin von oben. Sie trug eine Schürze mit Kühen darauf und hielt eine Schüssel mit bunten Obstspießen.
Hinter ihr kamen noch zwei Kinder aus dem Haus, Leon vom dritten Stock und die kleine Enisa, die immer mit ihrem Roller vorbeisauste. Sie hatten selbst gemalte Karten in der Hand.
„Überraschung!“ riefen alle.
Mara lachte. Plötzlich war das Wohnzimmer voll mit Stimmen, Lachen und dem Klappern von Tellern. Es fühlte sich an wie eine kleine, neue Familie, die nur für diesen Tag entstanden war.
„Du hast alle eingeladen?“ fragte Mara ihre Tante leise.
„Na klar“, sagte Tante Klara. „So ein Geburtstagskind darf nicht alleine feiern. Und du bist doch die Co-Chefin heute. Du darfst entscheiden, wie wir beginnen.“
Mara dachte nach. Dann hob sie die Hände.
„Erst Kuchen, dann Spiele“, verkündete sie. „Aber… wir singen vorher noch mal ein Lied.“
Die Erwachsenen lachten, die Kinder jubelten.
Jemand knipste das Licht aus. Die Kerzen flackerten hell.
Mara dachte wieder an ihren geheimen Wunsch und an Mama und Papa. Sie stellte sich vor, wie sie vielleicht gerade an sie dachten. Vielleicht sahen sie sogar denselben Himmel.
Sie blies die Kerzen aus. Diesmal schon ein bisschen kräftiger.
Der Rauch stieg auf wie sechs winzige Wolken.
Beim Topfschlagen gab Mara die Hinweise. „Stopp! Weiter nach links! Genau, da!“ rief sie. Sie achtete darauf, dass alle mal dran kamen, auch die Jüngeren. Wenn jemand traurig wurde, reichte sie schnell einen Obstspieß oder eine Serviette mit einem lachenden Gesicht darauf.
„Du passt ja auf alle besser auf als ich“, murmelte Tante Klara einmal mit einem Lächeln.
Später saßen sie auf dem Teppich. Leon und Enisa spielten mit den Luftballons, versuchten sie in der Luft zu halten, ohne dass sie den Boden berührten. Die Erwachsenen redeten leise am Tisch und tranken Kaffee.
Mara holte ihren kleinen Kalender aus dem Rucksack.
Sie zeigte der Runde das heutige Datum, das sie zu Hause mit einem Stern markiert hatte.
„Das ist mein Geburtstagstern“, erklärte sie. „Und ich schreibe immer einen Satz dazu. Damit ich mich später erinnere.“
„Was wirst du heute schreiben?“ fragte Frau Schulze neugierig.
Mara dachte kurz nach.
Dann sagte sie langsam: „Heute habe ich gemerkt, dass Verantwortung auch bedeutet, dass man auf sich selbst aufpasst. Und auf andere. Und dass man feiern darf, auch wenn man seine Eltern vermisst.“
Es wurde ganz still im Raum, für einen winzigen Moment.
Dann nickten alle sehr ernst, als hätte Mara etwas Großes gesagt.
„Das ist ein schöner Satz“, meinte Tante Klara und strich ihr durchs Haar.
Am Abend, als die Gäste gegangen waren und das Wohnzimmer wieder fast normal aussah, stand Mara am Fenster. Draußen wurde der Himmel grau-blau. Die Lichter in den anderen Wohnungen gingen an, eins nach dem anderen, wie kleine Sterne.
„Bist du traurig, weil du nicht zu Hause bist?“ fragte Tante Klara vorsichtig.
Mara überlegte. In ihrem Bauch war es nicht leer. Es war voll. Voll mit Liedern, Kerzen, Stimmen, Lachen und dem Gefühl, wichtig zu sein.
„Ein kleines bisschen“, gab sie zu. „Aber ich bin auch froh. Es war ein guter Geburtstag. Ich hab gut aufgepasst, oder?“
„Sehr gut“, sagte Tante Klara. „Auf dich, auf andere, und sogar auf die Einkaufsliste.“ Sie lächelte. „Deine Eltern werden stolz sein, wenn du ihnen erzählst, wie du Co-Chefin warst.“
Später legte sich Mara ins Bett. Pünktchen, der Kuschelhase, kuschelte sich an ihre Wange. Das orange Tuch vom Gitarristen lag wie ein kleiner Sonnenstreifen über der Decke.
Tante Klara kam herein und zog die Vorhänge langsam zu. Der Raum wurde dunkler, aber nicht zu dunkel. Ein Rest Abendlicht blieb.
„Der Vorhang zu für heute“, sagte sie leise.
Mara schloss die Augen und stellte sich einen großen, roten Theater-Vorhang vor, der sich sanft schloss, weil das Stück zu Ende war. Das Geburtstagsstück. Morgen würde ein neues beginnen.
Mit einem zufriedenen Seufzer hörte sie, wie der Stoff leise raschelte.
Dann war der Vorhang zugezogen, und der schöne, helle Geburtstagstag war zu Ende.