Kapitel 1: Eine Idee im Oktoberwind
Der Wind roch nach Laub und Apfelkuchen. Die Blätter raschelten wie Papier, das ein Geheimnis flüstert. Vier Mädchen standen am Zaun des Stadtgartens. Sie waren neun Jahre alt und trugen Mützen mit kleinen, weichen Bommeln. Mira, Lea, Tilda und Ronja. Ihre Schnürsenkel waren bunt. Ihre Wangen rot von der Kälte.
Mira liebte Ideen. Sie sammelte sie wie bunte Glassteine. In ihrem Rucksack lag ein Notizbuch mit Eselsohren. Wenn sie sprach, strahlten ihre Augen. Heute strahlten sie besonders.
„Wir machen Halloween-Säckchen“, sagte sie. Ihre Stimme war warm und sicher. „Nicht nur Süßes. Etwas Besonderes. Etwas, das duftet. Etwas, das glitzert. Etwas, das Mut macht.“
Die anderen sahen sich an. Lea wippte. Tilda nickte langsam. Ronja pfeifte leise eine Melodie, die gar nicht unheimlich klang.
„Wo fangen wir an?“, fragte Lea.
Mira deutete nach vorn. Am Ende des Weges lag die Kürbis-Ecke. Ein Haufen kleiner und großer Kürbisse lehnte an Strohballen. Orange, gelb, grün gesprenkelt. Manche waren krumm wie Nasen. Manche rund wie Monde. Zwischen ihnen lagen bunte Bänder. Ein alter Tisch stand daneben, ein Schild aus Holz wackelte im Wind. Darauf stand: „Kürbis-Ecke – Nimm, was du brauchst, gib, was du kannst.“
Die Luft war kühl und ein bisschen scharf. Irgendwo klapperte eine alte Schaufel. Eine schwarze Katze sprang vom Zaun und tat so, als hätte sie einen sehr wichtigen Termin.
„Wir packen Kürbiskerne in Stoff. Mit Zimt. Mit Orangenstückchen. Und kleine Zettel mit Ideen“, sagte Mira. „Jeder bekommt eine Idee zum Selbermachen. Ein Trick. Eine kleine Mut-Aufgabe. Oder einen Witz.“
„Und Glitzer?“, fragte Tilda hoffnungsvoll.
„Ein bisschen“, lachte Mira. „Nur der freundliche Glitzer.“
Sie hüpften hinüber zur Kürbis-Ecke. Ihre Schuhe klackten auf dem Kies. Die Kürbisse rochen warm, als ob sie Geschichten atmen könnten. Der Himmel war grau und hell zugleich. Es war der richtige Tag für eine Idee, die im Dunkeln leuchten wollte.
Kapitel 2: Herr Funke, der Bastler
Hinter den Strohballen kniete ein Mann. Er trug eine Mütze mit einer Klammer. In seiner Jacke klapperten Schrauben. Sein Bart war wie eine Wolke, die nicht aufhören wollte, sich zu kräuseln. Er hielt eine Laterne in der Hand und drehte an einer winzigen Schraube.
„Guten Tag“, sagte er und sah auf. „Ich bin Herr Funke. Hier ist immer etwas, das surrt, klappert oder leuchtet.“
Die Mädchen stellten sich vor. Mira erzählte von den Säckchen. Herr Funke hörte zu, als wäre jede Silbe eine Sternschnuppe.
„Zimt und Orangen? Gute Nase!“, sagte er freundlich. „Kürbiskerne? Beim Rösten knistern sie wie ein Lagerfeuer. Aber ihr wollt sie ja einpacken. Hm.“
Er öffnete eine Blechkiste. Drinnen lagen Stoffreste, winzige Holzsterne, ein Beutel mit getrockneten Orangenschalen, kleine Klammern, dünne Schnüre und zwei Stempel in Form von Fledermäusen. Er reichte ihnen die Dinge, als ob er goldene Schätze verteilte.
„Sagt man nicht, man soll teilen?“, fragte Herr Funke. „Ich teile gern. Und ich lerne gern. Zeigt mir eure Ideen.“
Mira strich über die Stoffe. „Wir machen Säckchen, die nach warmen Küchen riechen. Mit Sternen daran. Und auf den Zetteln stehen Ideen. Zum Beispiel: Baue dir eine Papierfledermaus. Oder: Erfinde eine freundliche Spukgeschichte.“
Lea stellte sich auf die Zehenspitzen und schnupperte. Es roch nach Zimt und etwas Süßem, das an sonnige Nachmittage erinnerte. Ronja strich die Bänder glatt. Tilda drückte den Fledermaus-Stempel in die Luft, als würde sie schon Abdrucke sehen.
„Kommt in meine Werkstatt“, bot Herr Funke an. „Da ist es warm. Ich habe eine Lampe, die ein wenig launisch ist. Aber sie leuchtet, wenn man sie freundlich bittet.“
Sie gingen durch ein Tor, an dem ein silberner Löffel baumelte. Der Löffel bimmelte leise. Die Werkstatt war eine Scheune mit Regalen. Glasglöckchen hingen an einem Draht. Ein Radio brummte ganz leise eine Melodie, die an lila Abende erinnerte. Auf einem Tisch lag Papier. Daneben stand eine Kanne mit Apfeltee. Der Dampf roch wie ein Herbstspaziergang.
„Hier ist eure Ecke“, sagte Herr Funke. „Hier eure Scheren. Und hier…“ Er stellte eine Laterne auf den Tisch. „Meine alte Lampe. Sei nett zu ihr. Dann ist sie nett zu euch.“
„Danke“, sagten die Mädchen fast gleichzeitig. Das klang wie ein kleines Lied.
Kapitel 3: Als das Licht verschwand
Sie arbeiteten mit leisen Händen. Der Stoff flüsterte, wenn die Schere schnitt. Papier raschelte. Stempel klackten auf Karten. Zimtstaub kitzelte in den Nasen. Orangenstücke glänzten orange und hell. Kürbiskerne rollten davon und wurden wieder eingefangen. Ab und zu schnurrte die schwarze Katze vorbei, ließ sich streicheln, als ob sie zufällig Zeit hätte.
Mira sortierte die Ideen-Zettel. „Teile heute eine Idee mit jemandem“, stand auf einem. „Baue dir eine Mini-Lampe aus einem Glas“, stand auf einem anderen. „Schreibe eine nette Nachricht und stecke sie unter eine Fußmatte.“ Sie ordnete alles nach Themen. Mut. Spaß. Basteln. Freundlichkeit.
Die Lampe summte. Ihr Licht war weich. Es machte die Luft golden. Dann knisterte es. Ein kurzer Atem, ein Flackern. Eine Pause. Und plötzlich ein dunkles „Poff“. Das Licht ging aus. Geräusche hielten den Atem an. Das Radio brummte weiter, als wüsste es nichts. Und die Werkstatt wurde weich-schwarz.
Lea erschrak. „Oh!“ Tilda griff Ronja an die Hand. Die Katze miaute lila, was natürlich Quatsch ist, aber so fühlte es sich an.
Mira holte Luft. Ihre Stimme klang ruhig. „Alles gut. Wir sind nicht allein. Wir haben den Mond. Wir haben Ideen.“ Sie schob das Tor der Scheune einen Spalt auf. Silbernes Licht fiel über den Tisch. Es war kalt und freundlich.
„Wir können kleine Kürbislichter machen“, sagte Mira leise. „Nur kleine Gesichter. Wir schneiden große Augen hinein. Dann stellen wir Kerzen aus Wachsresten und einem Faden hinein. Oder… Herr Funke hatte doch eine Kurbel-Lampe.“
Sie tasteten. Herr Funke war in den Garten gegangen. Er pfiff, ein Ton wie ein sehr netter Kessel. Mira fand eine Kiste mit Gläsern und Deckeln. In einem Glas glitzerten Sterne aus Folie. Sie schnippte ein paar in die Luft, sie fielen wie Flocken.
„Ich hab's“, rief Ronja leiser, als sei der dunkle Raum ein Theater. „Wir machen Mondgläser. Die Sterne an die Innenseite. Kerze in die Mitte. Deckel locker. Das Glas ist unsere Laterne.“
Sie arbeiteten noch vorsichtiger. Messer kratzten leise. Papier knisterte. Ein Docht wurde aus Baumwolle gedreht. Zündhölzer gab es nicht, aber Herr Funke hatte am Fenster ein kleines, rundes Gerät. Man konnte oben drehen, und ein Funke sprang, ganz brav. Es hieß: Funkenrad. Sie drehten es, und eine Kerze erwachte. Das Licht kroch in die Gläser, als hätte es dort ein Bett.
Die Schatten an der Wand wurden freundlich. Sie sahen aus wie Tiere, die gähnten. Tilda lachte. „Die Fledermaus winkt“, flüsterte sie. Und wirklich: Das Licht malte eine kleine Hand an die Wand.
Das schlechte Gefühl floh. Mira holte Zettel. „Ein Säckchen soll immer ein Lächeln haben“, sagte sie. „Wir brauchen noch eine Sache. Etwas, das klingt.“
Sie hängte an jedes Säckchen ein winziges Glöckchen. Wenn man es schüttelte, klang es wie Schnee. Ihre Finger rochen nach Zimt und Leim. Ihre Herzen klopften ruhig und froh.
Als Herr Funke zurückkam, zog er überrascht die Augenbrauen hoch. „Habt ihr Licht gezaubert?“, fragte er.
Mira grinste. „Nur ein bisschen.“
Kapitel 4: Säckchen, Mut und ein Kichern im Dunkeln
Die Dämmerung kroch in den Garten. Der Himmel war ein weicher, dunkler Pfirsich. Kinder mit Umhängen huschten über den Weg. Kleine Monster klapperten mit den Zähnen, aber nur zum Spaß. Jemand trug einen Hut mit Sternen. Irgendwo röchelte ein Witz. „Buh!“, rief ein kleiner Drache und lachte sofort.
Die Kürbis-Ecke glühte. Auf der Leine hingen kleine Gläser mit Licht. Die Säckchen lagen in einer Kiste, geordnet wie kleine Soldaten, die eigentlich tanzen wollten. Jedes Säckchen hatte ein Sternchen, ein Zettelchen, ein Glöckchen. Der Duft war weich und warm. Zimt, Orange, ein Hauch von Heu. Es roch nach Mut und nach „Schon gut“.
Herr Funke brachte eine Kurbel-Lampe. „Sie geht manchmal aus“, sagte er schmunzelnd. „Aber sie lässt sich gern aufwecken.“
Die Mädchen stellten sich bereit. Die ersten Gäste kamen. Große Augen sahen, schnupperten, lächelten. Mira erklärte, ohne zu viel zu reden. „Das sind Mut-Säckchen“, sagte sie. „Sie duften. Sie klingen. Sie haben Ideen. Eine Idee zum Teilen, eine Idee zum Bauen, eine Idee zum Festhalten.“
Ein kleiner Vampir blickte skeptisch. Mira drückte ihm ein Säckchen in die Hand. „Heute teilst du einen Witz“, stand auf dem Zettel. Der Vampir las und grinste schief. „Warum können Geister so schlecht lügen? Weil man durch sie hindurchsieht.“ Er lachte. Sein Umhang wackelte vor Freude.
Lea kurbelte die Lampe. Sie knurrte, brummte und leuchtete. Dann ging sie aus, ganz plötzlich. Ein paar Kinder japsten. Tilda schüttelte ein Glöckchen. Es klang klar. Ronja pustete durch die Zähne, wie Wind. Herr Funke zwinkerte. „Ach, sie ist schüchtern“, sagte er. „Wir versuchen's noch mal.“
Mira hob ein Mondglas. Das Licht darin glitzerte ruhig. „Manchmal ist Dunkel gut“, sagte sie leise. „Man sieht besser, was leuchtet.“
Die Kurbel-Lampe brummte wieder. Ein Kind mit Fühlern sprang auf der Stelle. „Mein Zettel sagt, ich soll eine freundliche Spukgeschichte erzählen“, sagte es stolz. „Ein Gespenst, das sich verirrt hat und in einer Küche landet und alles riecht nach Zimt, und dann isst es Kuchen, aber ohne Krümel.“
Die Säckchen wanderten von Hand zu Hand. Kleine Finger hielten sie fest. Manche drückten die Glöckchen ans Ohr und schlossen die Augen. Andere steckten die Ideen-Zettel sofort ein, als wären sie Schatzkarten. Ein Junge hielt sein Säckchen an die Nase. „Das riecht nach meiner Oma“, sagte er. „Nach Sonntag.“
Die Schwarze Katze sprang auf einen Kürbis und tat so, als würde sie alles bewachen. Herr Funke blies unsichtbaren Staub von der Luft. „Alles läuft“, sagte er zufrieden. „Nicht perfekt. Aber gut.“
Mira sah, wie zwei Kinder am Rand standen. Sie wirkten unsicher. Sie ging zu ihnen. „Wollt ihr auch eins?“, fragte sie sanft. „Es ist für alle.“
Die Kinder nickten zögerlich. Sie nahmen die Säckchen, schnupperten. Ihre Schultern wurden weich. „Danke“, flüsterten sie.
„Gern“, sagte Mira. Es fühlte sich an, als würde eine kleine Sonne unter ihrer Jacke leuchten.
Kapitel 5: Ein leiser Schluss und ein zugeklapptes Notizbuch
Später wurde es still. Der Garten atmete langsam. Die Lichter in den Gläsern wurden kleiner. Ein paar lachten noch am Tor. Jemand sang eine kleine, wackelige Melodie. Die Luft war kühl und ein bisschen süß. Am Himmel klebten Sterne, die aussahen, als wären sie mit klarer Puddinghaut bedeckt.
Die Mädchen saßen auf einem Strohballen. Ihre Beine baumelten. Herr Funke goss Apfeltee in vier Tassen und eine große für sich. Die Tassen waren bunt, alle hatten einen kleinen Sprung. Der Tee schmeckte warm und nach offenen Fenstern. Die Schwarze Katze rollte sich zu einer Acht und schnurrte. Ein herbstlicher Frieden breitete sich aus.
„Wie viele Säckchen haben wir verteilt?“, fragte Ronja.
Lea zählte leise an ihren Fingern. „Viele“, sagte sie. „Sehr viele.“
„Genug“, sagte Tilda und grinste. Sie hatte Glitzer an der Wange, der sich weigerte zu gehen.
Mira zog ihr Notizbuch aus dem Rucksack. Es fühlte sich vertraut an. Die Seiten waren voll von Kringeln und Pfeilen. Sie stellte den Tee neben sich ab, der Dampf tanzte. Mit einem stumpfen Stift schrieb sie, was sie nicht vergessen wollte.
„Zimt + Orange = Mutgeruch“, notierte sie. „Glöckchen = Schnee im Ohr.“ „Fledermaus-Stempel sehr beliebt.“ „Dunkel ist nicht böse, nur leise.“ Sie zeichnete eine kleine Kürbis-Laterne. Sie notierte eine Idee für neue Zettel: „Schreibe heute jemandem, was du an ihm magst.“
Die anderen schauten zu. „Schreib drauf“, sagte Lea, „dass wir nächstes Mal mehr Sternchen brauchen.“
„Und dass die Kurbel-Lampe eine Pause verdient“, sagte Tilda und streckte die Arme. „Sie hat so fleißig gebrummt.“
„Und dass Herr Funke der beste Bastler der Straße ist“, fügte Ronja hinzu.
Herr Funke tat so, als würde er husten, aber seine Augen lachten. „Ich krieg schon rote Ohren“, murmelte er.
Mira schrieb alles auf. Der Stift kratzte sacht. Die Seiten raschelten wie milde Blätter. Ein Wind zog durch die Scheune. Er drehte eine Seite um und blieb dann stehen, als würde er zuhören. Die Kurbel-Lampe flackerte noch einmal, als wolle sie Winke-Winke machen. Dann ging sie aus. Ganz. Es war nicht schlimm. Es war richtig.
„Man kann auch im Dunkeln fertig sein“, sagte Mira. Ihre Stimme war warm.
Sie legte noch einen letzten Satz ins Notizbuch. „Teilen macht das Licht größer.“ Dann strich sie darüber, nicht weil es falsch war, sondern weil es schön genug war, um einfach so zu stehen. Sie pustete auf die Seite, als wäre Tinte darauf, obwohl es nur Bleistift war. Der Staub roch nach Papier und nach heute.
Tilda gähnte, ein Gähnen mit kleinem Quietschen am Ende. Lea lehnte ihren Kopf an Miras Schulter. Ronja summte die wackelige Melodie vom Tor. Herr Funke räumte leise die Gläser zusammen, als würde er Sterne sammeln.
Draußen knisterte eine ferne Rakete, die eigentlich keine war, nur eine Tüte, die der Wind schob. Ein Eulenruf kam aus dem Dunkeln. Es klang nicht wie Angst. Es klang wie ein Hallo, das durch weiche Nacht ging.
Mira sah zur Kürbis-Ecke. Die Kürbisse lagen still. Es war, als würden sie lächeln. Ein milder Oktoberduft lag darüber, etwas von Erde, etwas von Tee, etwas von Glitzer, der noch morgen an den Fingern haften würde.
„Guter Tag“, flüsterte Mira.
„Gute Nacht“, murmelten die anderen.
Mira strich die Kante des Notizbuchs glatt. Der Wind wartete. Ihre Finger waren warm. Sie spürte Zimt in den Nägeln, ein bisschen Leim an der Haut und ein kleines, feines Klingen von einem Glöckchen irgendwo tief in der Tasche. Dann klappte sie ihr Notizbuch zu.