Laternenlicht und ein Versprechen
Im Flur roch es nach Kürbis und Kerzenwachs. Lina hielt ihre Lieblingslaterne hoch. Sie war neun Jahre alt und liebte alles, was leuchtete und schimmerte. Ihre Laterne war selbst gebastelt, rund wie der Mond, mit ausgeschnittenen Sternen. Die Sterne warfen kleine Punkte auf die Wand, die tanzten, wenn Lina ging.
Am Nachmittag hatte ihre beste Freundin Mia angerufen. Mia lag mit kratzigem Hals im Bett und durfte nicht mit auf Süßigkeitensuche. „Sammelst du mir was mit?“, hatte Mia gehaucht. „Ich will nur wissen, wie Karamell an Halloween schmeckt.“ Lina hatte gelacht. „Versprochen! Ich sammle für uns beide.“ Sie legte das Telefon weg, spürte aber im Bauch ein kribbelndes Gefühl. Nicht nur wegen der Süßigkeiten. Es war Halloween. Alles war eine Spur dunkler, und doch fühlte sich die Luft weich an, als hätte sie ein Geheimnis.
Lina zog ihren warmen Mantel an, setzte die Mütze tief und band das Band der Laterne ums Handgelenk. Ihre Mutter strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Bleib in den Straßen mit Licht, und nicht zu spät, ja?“
„Ja, Mama. Und ich lasse die Laterne nie aus den Augen.“
„Kluges Kind“, sagte die Mutter und lächelte.
Draußen glühte der Abend. Kürbisse grinsten vor Türen, manche freundlich, manche frech. Spinnenweben aus Watte zitterten in der Brise. Aus Gärten raschelten Blätter, als würden sie flüstern. „Ich komme, Mia“, murmelte Lina. „Ich sammle, bis meine Tüte knistert.“
Der Weg zur alten Mühle
Die Straße zum Mühlenhügel war voller Schritte, Masken und Gelächter. Ein Vampir mit roten Turnschuhen rannte vorbei. Zwei Hexen versuchten, mit Besen zu balancieren und kicherten wie Teekessel. Lina hob ihre Laterne, und ihr Licht hing wie ein warmer Tropfen in der Luft.
Dann hörte sie es. Erst ganz leise, ein dumpfes Bumm, dann schneller, wie Herzschläge, die das Laufen üben: bumm-ta, bumm-ta-ta. Lina blieb stehen. Das kam nicht aus den Gärten. Es kam von oben, vom Hügel, wo die alte Mühle stand. Die Mühle war grau und groß, mit Flügeln wie alte Arme. Tagsüber war sie nur ein Haus. Aber in der Nacht knarrte sie, und jede Stufe erzählte eine Geschichte.
„Soll ich da hoch?“ Lina spürte das Kribbeln wieder. Die Luft roch nach feuchtem Holz und kaltem Stein. Sie dachte an Mia. An Karamell, an Lakritz, an Säcke voller Lachen. „Ich gehe nur gucken“, sagte sie zu ihrer Laterne, als wäre die Laterne eine Freundin. „Und wenn es zu gruselig ist, gehe ich wieder runter.“
Sie stieg den Hügel hinauf. Ihre Laterne zeichnete goldene Flecken auf den Weg. Das Trommeln wurde klarer. Es war kein wildes Getöse. Es war ein Rhythmus, der wusste, wohin er wollte. „Bumm-ta, bumm-ta-ta“, murmelte Lina. „Wer spielt mir den Weg?“
Oben schwieg die Nacht kurz, als horchte sie selbst. Die Flügel der Mühle knarrten. Ein kleines Fenster leuchtete matt, als hätte es einen Glühwurm verschluckt.
Der Trommler in der Mühle
Die Tür zur Mühle stand einen Spalt offen. Drinnen roch es nach Mehlstaub, nach alten Säcken und einer Idee von Vanille. Lina schob die Tür auf. Sie trat ein. Ihre Schritte waren weich. Eine Spinne zog einen Faden von Balken zu Balken, wie eine dünne Brücke.
„Hallo?“, flüsterte Lina. Ihre Laterne malte Kreise auf die Wände. In einer Ecke stand ein Holzrad, groß wie ein Mond, nur dunkler. In der anderen Ecke lagen Säcke, die aussahen, als schliefen sie.
„Nicht erschrecken“, sagte eine Stimme. Dann kam er aus dem Schatten, ein Junge in ihrem Alter, vielleicht ein Jahr älter. Er trug eine kleine Trommel vor dem Bauch, aufgehängt an einem breiten Band. Seine Mütze hatte einen zerlumpten Rand, und auf der Trommel klebten Sternchen, als hätten sie sich verirrt. „Ich bin Niko. Ich trommle hier.“
„In der Mühle?“, fragte Lina. Ihre Augen wurden rund. „Warum?“
Niko lächelte schief. „Damit sie nicht einschläft. In der Nacht will die Mühle träumen. Dann knarrt sie so wild, dass die Mäuse springen. Ich trommle einen ruhigen Takt. Dann träumt sie leise. Und außerdem lieben die Geister Rhythmus.“ Er machte bumm-ta, ganz sacht, und irgendwo knackte ein Balken wie ein zustimmendes Nicken.
Lina musste kichern. „Ich sammle Süßigkeiten. Für meine Freundin Mia. Sie ist krank. Hast du hier irgendwo eine Schüssel gesehen?“
„Süßigkeiten?“, fragte Niko und machte einen kleinen Wirbel auf der Trommel. „Draußen am alten Tor stehen manchmal Schüsseln. Manchmal stellen die Leute eine mit einem Zettel hin: Bitte bedient euch. Aber heute weht der Wind wie ein frecher Hund.“
„Ein frecher Hund kann Schüsseln umwerfen“, sagte Lina. „Das wäre schlecht.“
„Dann lass uns nachsehen“, sagte Niko. „Und deine Laterne kann mitkommen. Sie sieht mutig aus.“
Sie traten wieder ins Freie. Der Wind strich ihnen über die Stirn und zupfte an Nikos Mützenrand. Die Mühle hob und senkte die Flügel, ganz langsam. Weit unten gluckerte der Mühlgraben, und drüben am alten Tor stand tatsächlich eine Schüssel.
Die umgekippte Schüssel
Die Schüssel war groß, aus Metall, und sie hatte mal gerasselt. Jetzt lag sie auf dem Kopf. Bunte Bonbons rollten überall. Sie rollten in die Ritzen, sie rollten in die Wiese, sie rollten, als hätten sie es eilig, den Bach kennenzulernen.
„Oh nein!“, rief Lina. Das war das unerwartete Durcheinander, das niemand eingeladen hatte. Ein Zettel klebte an der Schüssel. „Bitte nehmt euch eins“, stand darauf, aber das Eins war längst zu Viele geworden.
Niko hob die Trommelstöcke. „Kein Drama“, sagte er. „Nur Tempo.“ Er trommelte einen schnellen Takt, klickte den Rhythmus auf den Rand der Schüssel: tik-tik, bumm, tik. „Beim bumm nehmen wir die größten Bonbons. Beim tik sammeln wir die kleinen.“ Er grinste. „Ein Sammelbeat.“
Lina spürte, wie die Panik in der Brust zuerst zappelte und dann brav wurde. „Okay.“ Sie legte ihre Laterne auf einen Stein, sodass das Licht über die Wiese strich. Dann schaute sie herum. Was half jetzt? Sie entdeckte zwei flache Äste, bildete damit eine kleine Rutsche, die auf die Schüssel zielte. Mit einem Stück Bastband, das an ihrer Laterne hing, band sie die Rutsche fest. Aus dem Zettel riss sie einen Streifen ab und faltete einen Trichter. „So“, murmelte sie. „Kleine Bonbons durch den Trichter, große direkt.“
Der Wind blies wieder, als wolle er mitspielen, aber Lina stellte ihre Laterne so hin, dass sie Windschatten war. Niko trommelte: bumm — Lina griff nach einem dicken Karamell und plopp, hinein in die Tüte. tik-tik — zwei kleine Himbeerbonbons rollten durch den Papiertrichter. bumm — ein Schokoriegel, der aussah wie ein kleines Boot. tik — zwei Lutscher, gefangen mit dem Bastband, das wie eine Angel klappte.
Ein paar Kinder in Kostümen kamen den Weg herauf, angezogen vom Trommeln und vom Schimmer der Laterne. „Braucht ihr Hilfe?“, rief eine Hexe mit grünem Schal. „Nur wenn ihr meinen Sammelbeat mögt“, sagte Niko und nickte mit dem Kinn. Sie nickten im Takt, und plötzlich war das Ganze wie ein Spiel. Einer hielt die Schüssel, zwei stellten sich als Bonbon-Stopp-Posten an die Kante zur Böschung. Lina dirigierte mit ihrem Trichter und mit ihrer Laterne, die ein goldener Finger war, der auf versteckte Bonbons zeigte.
„Da, im Gras!“, rief Lina. Ein Karamell war fast in den Mühlgraben gekullert. Sie schnappte sich einen leeren Mehlsack, der neben dem Tor lag, und legte ihn als Damm an den Rand. Die Bonbons prallten ab und rollten zurück in das Licht. „Danke, Mehlsack“, sagte sie leise. Der Mehlsack sagte nichts, aber er sah stolz aus.
Niko wechselte den Rhythmus. „Jetzt der Rückhol-Beat“, erklärte er lachend und trommelte wie Regentropfen. Die Kinder trommelten mit ihren Füßen mit, flach, schnell, wie kleine Besen. Die Bonbons raschelten, die Tüte knisterte, das Metall der Schüssel klang wie ein freundliches Gong, wenn ein Bonbon traf.
Nach einer Weile lagen kaum noch Bonbons im Gras. Die letzten hatten sich in einer Ritze versteckt. Lina kniete sich hin, zog den Drahtbügel der Laterne ab und bog ihn zu einem kleinen Haken. „Komm raus, du Lakritz-Spion“, flüsterte sie. Sie fischte das Bonbon aus der Ritze. „Hah.“
Die Schüssel stand nun wieder richtig herum, und die Tüte war fast so rund wie Linas Laterne. „Für Mia“, sagte Lina und strich über das Rascheln, als wäre es ein Fell. Sie gab der Hexe und den anderen Kindern ein paar Bonbons als Dankeschön. „Für den guten Takt“, sagte sie. Niko legte die Stöcke an die Trommel und salutierte, als wäre er Kapitän eines Süßigkeitenschiffs.
„Du hast gute Ideen“, sagte er. „Die Laterne ist nicht nur schön. Sie ist klug.“
„Sie hat mich geflüstert“, kicherte Lina. „Und du hast den Beat gerettet.“
Sie standen noch einen Moment da, atmeten die kalte Luft und hörten, wie die Mühle einmal tief knarrte, als hätte sie zufrieden die Augen geschlossen.
Ein ruhiger Morgen
Der Rückweg durch die Nacht war weich und warm vor Linas Laterne. Die Straßen wurden ruhiger. Ein Gespenst gähnte, ein Skelett zog seine Handschuhe aus. Lina fühlte die Tüte in der Hand wie eine kleine Schatzkiste. „Bis bald, Niko“, rief sie zum Hügel. Ein leiser bumm-ta-Beat antwortete, als winkte jemand mit Musik.
Zu Hause öffnete die Mutter die Tür. „Da bist du ja“, sagte sie, und ihre Stimme klang wie eine Decke. Lina stellte die Laterne auf die Fensterbank. Ihr Licht wurde still, als wüsste es, dass die Arbeit getan war. „Hat es Spaß gemacht?“
„Ein wenig gruselig und sehr gut“, sagte Lina. „Und kreativ.“ Sie hielt die Tüte hoch. „Für Mia. Ich bringe sie ihr morgen.“
Die Nacht kroch in die Kissen und verschwand. Linas Träume hatten leise Trommeln und goldene Punkte.
Am Morgen strich die Sonne wie ein Pinsel über die Dächer. Die Luft war klar und roch nach nassem Holz, nach Waschpulver und Pfannkuchen aus einem anderen Haus. Die Mühle stand still im blassen Licht, die Flügel wie ruhige Arme. Keine Kinder in Kostümen, keine Spinnenweben aus Watte mehr, nur echte Spinnen, die in der Sonne glitzerten. Lina und ihre Mutter gingen zu Mia. Jeder Schritt war ein kleines Klicken auf dem Bürgersteig.
Mia öffnete in einem roten Schal, die Wangen rosig trotz Husten. Ihre Augen wurden groß, als Lina die Tüte hinhielt. „Für dich“, sagte Lina. „Mit Sammelbeat und Laternenlicht.“
Mia lachte und hustete gleichzeitig. „Das klingt wie die beste Medizin.“ Sie griff in die Tüte, holte ein Karamell heraus, hielt es wie einen Schatz. „Schmeckt es nach Halloween?“
„Nach Mut und Mehlstaub“, sagte Lina. „Und ein bisschen nach Trommel.“
Sie saßen zusammen am Küchentisch. Die Tassen dampften. Die Welt war leise, als hätte sie Ohrenschützer an. Durch das Fenster fiel Licht auf Linas Laterne, die sie mitgebracht hatte. Die Sterne darauf glitzerten wie winzige Fenster. Lina tippte mit dem Finger auf die Tischkante. bumm-ta, bumm-ta-ta. „Damit die Langeweile nicht einschläft“, sagte sie und grinste.
„Und damit Ideen wach bleiben“, sagte Mia. Sie teilten das Karamell, genau in der Mitte, wie zwei Hälften von einem goldenen Punkt. Draußen nickte die Mühle, ganz leicht, oder vielleicht machte das nur der Wind. Alles war ruhig. Der Morgen war freundlich, und in dem freundlichen Morgen hatte auch ein kleines bisschen Halloween Platz. In Linas Kopf brannte eine neue Idee, dünn und hell wie ein Docht: Nächstes Jahr bauen wir eine Laterne, die trommeln kann. Nur ganz leise. Nur, wenn es nötig ist.