Der langweilige Nachmittag
Lena, Mila und Sophia sind beste Freundinnen. Sie sind sechs Jahre alt und wohnen im selben Haus. Es ist Samstag und draußen scheint die Sonne, aber plötzlich ist es vorbei mit Spielen auf dem Hof: Ein Sommerregen gießt vom Himmel und macht alles nass und schlammig.
Die drei Mädchen sitzen auf Lenas Teppich. Sie haben schon alles ausprobiert: Verstecken gespielt, ein Comic gelesen, sogar eine Runde „Stille Post“ gemacht. Jetzt weiß niemand mehr, was sie tun könnten. Sie hören dem Regen zu, wie er gegen die Fensterscheibe prasselt.
„Mir ist langweilig!“, ruft Mila und lässt sich rückwärts aufs Kissen plumpsen. „Mir auch“, seufzt Lena. „Langweilig wie ein leerer Marmeladenglas!“ Sophia schiebt sich einen Kissenstapel unter den Kopf. „Was kann man gegen Langeweile machen?“, fragt sie in die Runde.
„Wir könnten ein Nickerchen machen...“, beginnt Lena und gähnt. Doch Mila schüttelt den Kopf. „Ich möchte nicht schlafen. Ich will etwas Aufregendes!“
Sophia sieht die Uhr an der Wand und hat eine Idee. „Gehen wir doch in die Bibliothek! Es gibt dort gemütliche Ecken, viele bunte Bücher – und man kann hingehen, auch wenn es regnet!“ Die anderen beiden nicken. Lena zieht ihre gelbe Regenjacke an, Mila holt ihren grünen Schirm, Sophia schlüpft in die roten Gummistiefel. Zusammen laufen sie lachend durch die Pfützen zur Kinderbibliothek um die Ecke.
Die Entdeckung in der Bibliothek
In der Bibliothek ist es warm und ruhig. Es riecht nach Papier, Holzregalen und ein bisschen nach Staub. Die Regale sind voll mit dicken und dünnen Büchern, manche mit bunten Einbänden, manche mit Tieren darauf, andere mit glitzernden Sternen.
Die Mädchen setzen sich erst einmal auf die großen, weichen Sitzsäcke in der Leseecke. Sie lassen die Beine baumeln. Doch so richtig wissen sie immer noch nicht, was sie machen sollen.
Da kommt Frau Schneider, die Bibliothekarin, vorbei. „Ihr seht ja gar nicht fröhlich aus“, meint sie freundlich. „Ist irgendetwas passiert?“ Sophia sagt leise: „Wir langweilen uns. Ich fühle mich wie ein leerer Luftballon.“
Frau Schneider lächelt. „Wisst ihr, Langeweile ist manchmal wie eine kleine Wolke im Bauch. Aber sie kann auch etwas Gutes sein. Sie zeigt euch, dass gleich etwas Neues passieren kann. Manchmal braucht die Fantasie einen Moment, um zu fliegen. Vielleicht wollt ihr etwas basteln? Oder ich zeige euch das Zauberbuch, das immer Ideen schenkt.“
Lena ist neugierig: „Was ist das Zauberbuch?“ Frau Schneider nimmt ein dickes, goldenes Buch aus einem Regal. Auf dem Einband steht in großen Buchstaben: „Das große Buch gegen Langeweile.“
Die Mädchen schlagen das Buch auf. Dort stehen viele Ideen: ein Gedicht erfinden, Tiere zeichnen, eine Bildergeschichte über Freundschaft malen, ein Geräusche-Bingo spielen, ein Buch alleine oder zusammen lesen.
„Wir könnten alle zusammen ein Buch lesen!“, ruft Mila und strahlt. „Oder wir erfinden ein eigenes Lied!“, sagt Sophia. Lena schlägt vor: „Wie wäre es mit einer Mini-Geschichte? Jeder denkt sich einen Satz aus.“
Sie geben sich die Hände und versprechen, es zu probieren. Lena beginnt: „Heute besuchen drei Freundinnen eine Bibliothek…“ Weiter geht's mit Mila: „Plötzlich entdecken sie ein Buch, das zu leuchten beginnt…“ Sophia ergänzt: „Und sie werden in eine Welt voller magischer Tiere gezogen!“ Alle müssen lachen. Ihre Fantasie beginnt zu sprudeln.
Wie die Langeweile verschwand
Die Zeit vergeht wie im Flug. Nachdem sie die Mini-Geschichte erfunden haben, will Sophia unbedingt ein Tier malen. Sie holt Papier und bunte Stifte, die es in der Kreativecke gibt. Mila malt einen grünen Drachen, Lena einen rosa Elefanten und Sophia eine kunterbunte Schildkröte. Sie erzählen sich dabei, was ihre Tiere am liebsten machen. Sie tuscheln, lachen und fühlen sich gar nicht mehr wie leere Luftballons.
Da schaut Frau Schneider vorbei. „Und, wie geht es eurer Wolke im Bauch?“ Lena grinst: „Die Wolke ist weg! Ich habe jetzt einen kleinen Sonnenstrahl da drin. Langeweile ist gar nicht schlimm, wenn man warten kann, bis einem etwas einfällt.“ Mila nickt: „Ich verstehe jetzt, dass Langeweile wie ein Pausenknopf ist. Dann kann man nachdenken, was einem wirklich Spaß macht.“ Sophia sagt: „Ich habe gemerkt, dass ich kreativ bin, wenn ich mich langweile. Das ist gar nicht so schlecht!“
Die drei Freundinnen entscheiden, dass sie beim nächsten Mal, wenn ihnen langweilig ist, zuerst in sich hineinhorchen, was ihr Herz gerne machen möchte. Vielleicht eine Geschichte erfinden? Oder einfach mal aus dem Fenster träumen?
„Ich habe gelernt, dass ich mir selbst vertrauen kann, wenn mir langweilig ist“, erzählt Lena stolz. Mila sagt: „Und dass es nicht schlimm ist, Langeweile zu haben. Sie gehört dazu!“
Der Heimweg und das kleine Versprechen
Bald ist es Zeit, nach Hause zu gehen. Der Sommerregen ist vorbei und die Sonne scheint wieder. Die drei laufen Seite an Seite zurück zum Haus. Die Pfützen spiegeln die bunten Wolken. Sie summen das Lied, das sie sich spontan ausgedacht haben.
Lena schaut zum Himmel und sagt leise: „Wenn ich das nächste Mal Langeweile habe, werde ich mich daran erinnern, dass aus einer Pause etwas Wunderschönes entstehen kann.“ Sophia stimmt zu: „Und ich verspreche, mir dann zu vertrauen – denn ich weiß jetzt, dass ich immer eine Idee finden kann.“ Mila lächelt: „Und zusammen macht alles noch mehr Spaß!“
Sie drücken sich zum Abschied. Jeder trägt ein bisschen Sonne im Bauch nach Hause. Denn sie wissen jetzt: Auch Langeweile kann zu einer kleinen, spannenden Entdeckungsreise werden – wenn man geduldig bleibt und sich selbst ein bisschen zutraut.