Kapitel 1: Leise Schritte im Tanzsaal
Der Tanzsaal roch nach Holz und einem Hauch Lavendel, als hätte jemand die Luft mit einem weichen Tuch poliert. Draußen war es schon dunkel. Drinnen schimmerte das Licht wie warmer Honig über dem Boden.
Mina zog die Jacke aus und hängte sie an den Haken. Neben ihr lachte Jule leise, weil ihre Haarklammer wieder einmal aus der Tasche verschwunden war. Sami suchte nach einer Wasserflasche, die sie ganz sicher eingepackt hatte. Und Ava rollte ruhig neben ihnen her, als würde sie den Raum begrüßen, ohne viel Aufhebens zu machen.
„Hier drin klingt alles anders“, flüsterte Mina.
„Als würde der Raum zuhören“, sagte Ava. Ihre Stimme war so sanft, dass sie fast mit dem Licht zusammenfiel.
Die vier stellten ihre Taschen an die Wand. Auf dem Boden lagen kleine, runde Markierungen, die der Trainer immer klebte, damit niemand zusammenstieß. Heute war der Trainer nicht da. Es war ihre letzte Probe vor dem kleinen Auftritt in der Schule, aber es sollte nur ein ruhiger Abend werden. Keine lauten Sprünge. Kein Rennen. Nur wiederholen, atmen, ankommen.
Jule drehte sich einmal im Kreis. „Ich glaube, ich bin heute eher… müde als elegant.“
„Müde kann auch elegant sein“, meinte Sami und grinste. „Wie eine Katze.“
Mina stellte sich in die Mitte und hörte auf das feine Knacken des Parketts. In ihrem Kopf war noch der Tag: Mathearbeit, Busverspätung, das kurze Genervtsein über Kleinigkeiten. Alles klebte wie Staub an ihr.
„Wollen wir langsam anfangen?“ fragte Ava.
Sie nickten. Und obwohl niemand es sagte, fühlte es sich an wie: Wir sind hier. Wir sind zusammen. Das reicht erst mal.
Kapitel 2: Ein Atemzug wie Wellen
Sie setzten sich im Halbkreis auf den Boden. Der Tanzsaal war so still, dass Mina sogar das leise Summen der Lampe hören konnte. Sami zog die Knie an die Brust. Jule legte die Hände auf den Bauch, als würde sie prüfen, ob ihr Herz noch da war. Ava hielt den Rücken gerade, aber nicht steif, wie ein Baum, der weiß, dass Wind nur ein Besuch ist.
Mina schloss die Augen für einen Moment. Dann öffnete sie sie wieder, weil es sich komisch anfühlte, so schnell allein zu sein in der Dunkelheit hinter den Lidern.
„Meine Oma sagt immer“, begann Ava, „dass der Atem wie Wellen ist. Er kommt, er geht. Und wenn man ihn nicht festhält, bleibt man trocken im Kopf.“
„Trocken im Kopf?“ Jule kicherte. „Ich glaube, mein Kopf ist eher… wie nasser Pudding.“
Sami stupste sie mit dem Ellbogen. „Puddingwellen.“
Sie lachten leise, damit das Lachen den Raum nicht erschreckte.
Mina atmete ein. Sie spürte, wie die Luft kühl in die Nase kam und wärmer wieder hinausging. Es war ein kleiner Weg. Ein Hin und Her, das niemand sehen musste, damit es trotzdem echt war.
„Stellt euch vor, ihr sitzt am See“, sagte Ava, und diesmal klang sie, als hätte sie den See wirklich dabei. „Nicht im Sommer mit Geschrei. Eher abends. Wenn das Wasser dunkel wird und die Ufer still.“
Mina dachte an ein Ufer aus Kies. An kleine Steine, rund und glatt. Sie stellte sich vor, wie ihre Hand einen davon aufhebt. Er war nicht kalt. Er war angenehm. Als wäre er in der Sonne gelegen, aber nicht zu heiß. Ein Galet, ein warmer Kiesel, wie ein Geheimnis in der Handfläche.
„Ich sehe es“, flüsterte Mina.
„Was?“ fragte Sami.
„Einen warmen Stein“, antwortete Mina. „Einen, der genau in die Hand passt.“
Jule ließ die Schultern sinken. „Das klingt gut. Ich will auch so einen.“
Ava nickte. „Dann sammeln wir welche. Mit Gedanken.“
Und ohne dass es wie eine Aufgabe klang, wurde es plötzlich leicht.
Kapitel 3: Die warmen Kiesel in der Tasche
Sie standen auf und begannen langsam, sich zu bewegen. Kein lauter Beat, nur das leise Surren der Heizung und ihre Schritte, die sich wie Flüstern über den Boden legten.
Mina ging zuerst. Ein Schritt nach vorn, dann zur Seite. Sie stellte sich vor, jeder Schritt wäre ein Kiesel, den sie vom Ufer aufhob. Warm. Glatt. Sicher.
Sami folgte ihr, etwas schneller, aber sie bremste sich selbst, als würde sie sonst den Abend überholen. Jule machte eine Drehung, die eher ein freundliches Stolpern war. Sie blieb stehen, verbeugte sich vor dem leeren Spiegel und sagte: „Danke, Boden, dass du mich gefangen hast.“
Mina musste lachen. „Der Boden ist heute wirklich nett.“
„Er hatte wahrscheinlich einen guten Tag“, meinte Sami.
Ava rollte in einem weiten Bogen um sie herum. Ihre Räder machten ein sanftes, gleichmäßiges Geräusch, das Mina beruhigte, wie Regen, der ordentlich fällt.
„Ich stelle mir vor, ich habe eine Tasche“, sagte Ava. „Und da kommen die Kiesel rein. Für später.“
„Für später, wenn man im Bett liegt?“ fragte Jule.
„Oder wenn man im Bus sitzt und jemand laut Chips isst“, ergänzte Sami.
„Oder wenn man Matheaufgaben sieht, die aussehen wie Spinnen“, sagte Mina.
Sie bewegten sich weiter. Jeder fand seinen Rhythmus. Mina merkte, wie die Gedanken, die vorhin noch wie ein Haufen durcheinandergeratener Zettel waren, sich ordneten. Nicht weil sie weg waren, sondern weil sie plötzlich genug Platz hatten.
Dann hielt Sami an. „Ich hab eine Idee.“
„Bitte sag nicht: noch zehn Durchgänge“, stöhnte Jule.
Sami grinste. „Nein. Wir machen eine ‚Dankeschritt‘-Runde. Jeder sagt bei einem Schritt etwas, wofür er dankbar ist. Nur kurz.“
Jule hob beide Hände wie bei einer Abstimmung. „Ich bin dankbar für Pausen.“
Ava sagte: „Ich bin dankbar, dass ihr wartet, ohne es groß zu finden.“
Mina schluckte. Das war so einfach gesagt, und genau deshalb traf es sie warm. Wie ein Kiesel.
Sami dachte nach und sagte dann: „Ich bin dankbar für Musik, selbst wenn sie nur im Kopf spielt.“
Mina machte ihren Schritt. „Ich bin dankbar… dass wir heute leise sein dürfen.“
Der Tanzsaal schien das zu mögen. Die Luft wurde nicht anders, aber irgendwie freundlicher.
Kapitel 4: Ein kleines Missgeschick, ein großes Kichern
Als sie die Choreografie einmal langsam durchgingen, passierte es: Jule wollte elegant rückwärts gleiten und blieb mit der Socke an einer Markierung hängen. Sie rutschte, fuchtelte wie eine junge Möwe im ersten Flugversuch und landete schließlich auf dem Po.
Es war kein lauter Sturz, eher ein überraschtes „Plopp“.
Einen Moment lang war es still.
Dann sagte Jule mit ernster Stimme: „Ich habe den Boden umarmt. Aus Dankbarkeit.“
Sami prustete los. Mina lachte so sehr, dass ihr die Augen trännten. Selbst Ava musste sich kurz am Rad festhalten, weil sie sonst mitlachte und dabei wegrollen würde.
„Alles okay?“ fragte Mina, als sie sich wieder fangen konnte.
Jule nickte und rieb sich theatralisch den Po. „Der Boden ist weich… in meiner Vorstellung.“
„Dann leg einen warmen Kiesel drunter“, schlug Ava vor.
„Gute Idee“, sagte Jule. „Zack. Warm. Problem gelöst.“
Sie halfen Jule hoch. Die Stimmung blieb hell, aber nicht wild. Das Kichern war wie ein kleiner Vogel, der kurz auf dem Fensterbrett sitzt und dann leise davonfliegt.
Mina spürte, wie angenehm es war, Fehler zu haben, die niemand groß machte. Ein Missgeschick, das nicht peinlich wurde, sondern nur menschlich.
„Dafür bin ich auch dankbar“, murmelte sie.
„Wofür?“ fragte Sami.
„Dass wir lachen können, ohne jemanden auszulachen.“
Sami nickte. „Das ist selten und wertvoll.“
Ava sah zum Spiegel. „Und dass ein Abend nicht perfekt sein muss, um gut zu sein.“
Der Tanzsaal hielt ihre Sätze wie eine Decke. Nicht schwer. Eher wie etwas, das warm auf den Schultern liegt.
Kapitel 5: Der See im Spiegel
Später setzten sie sich wieder hin, diesmal näher am Spiegel. Draußen im Flur ging kurz eine Tür. Schritte entfernten sich. Dann war alles wieder ruhig.
Mina betrachtete ihr Spiegelbild. Nicht nur sich, auch die anderen. Vier Mädchen, alle zwölf, alle unterschiedlich. Und doch war da etwas Gemeinsames: Diese Müdigkeit, die nicht traurig war. Eher voll. Voll von Tag.
„Komisch“, sagte Jule. „Der Spiegel sieht aus wie ein See, wenn das Licht so ist.“
Mina folgte ihrem Blick. Der Spiegel war dunkel in den Ecken, hell in der Mitte. Fast wie Wasser, das den Mond widerspiegelt.
„Dann sitzen wir am Ufer“, flüsterte Mina.
Sami zog die Beine aus und tippte mit den Zehen gegen den Boden. „Ich werfe einen Kiesel.“
„Platsch“, machte Jule leise.
Ava legte eine Hand auf ihr Knie. „Und wir hören den Kreiseln zu.“
Mina stellte sich wieder den warmen Kiesel vor. Diesmal lag er nicht in ihrer Hand, sondern in ihrer Brust, direkt hinter dem Sternbein. Er war ruhig, als würde er sagen: Du musst nichts beweisen. Du darfst einfach sein.
Sie atmete ein und aus. Der Atem war wie ein sanfter Tanz, den niemand sieht. Ein Schritt nach innen. Ein Schritt nach außen.
„Weißt du“, sagte Sami nach einer Weile, „man denkt oft, Dankbarkeit ist so ein großes Wort. Wie eine Rede vor vielen Leuten.“
„Dabei ist es manchmal nur“, sagte Ava, „dass man merkt: Ah. Das hier ist gut.“
Jule nickte langsam. „Zum Beispiel, dass mein Po noch dran ist.“
Mina lachte leise. „Zum Beispiel.“
Und in ihrem Kopf sammelten sich die kleinen Dinge wie Kiesel: das Holz unter ihren Händen, das warme Licht, die Freunde, die nicht drängeln. So viele runde, glatte Momente.
Kapitel 6: Heimweg mit Taschen voller Wärme
Sie zogen sich um. Jacken raschelten. Reißverschlüsse zogen kleine Linien in die Stille. Mina schlüpfte in ihre Schuhe und spürte, wie die Müdigkeit in ihren Beinen saß, aber freundlich, nicht schwer.
„Morgen wird stressig“, sagte Sami, als sie die Tasche schulterte. „Ich hab noch ein Referat.“
„Ich hab Mathe“, stöhnte Jule.
Ava sah zu Mina. „Und du?“
Mina zuckte mit den Schultern. „Alles ein bisschen. Aber… ich nehme was mit.“
„Warmes Kiesel-Gefühl?“ fragte Jule.
„Ja“, sagte Mina. „Und eure Sätze.“
Sie gingen zusammen zur Tür. Draußen war die Nacht kühl, aber nicht feindlich. Die Luft roch nach feuchtem Asphalt und irgendwo nach einem Kamin, als hätte jemand die Dunkelheit angezündet.
Auf dem Weg zur Haltestelle waren die Straßenlaternen wie ruhige Wächter. Ihr Licht lag in Pfützen, die aussahen wie kleine Seen. Mina trat daneben, nicht hinein, und stellte sich vor, sie würde am Ufer entlanggehen.
„Wofür seid ihr jetzt dankbar?“ fragte Sami plötzlich.
Jule dachte kurz nach. „Dass meine Socke den Abend überlebt hat.“
Ava sagte: „Dass wir Zeit hatten. Nicht nur Minuten, sondern echte Zeit.“
Sami: „Dass wir heute nicht lauter sein mussten, um Spaß zu haben.“
Mina blieb kurz stehen, sah nach oben. Zwischen den Häusern hing ein Stück Himmel, tiefblau, mit einem einzigen Stern, der so tat, als wäre er zufällig da.
„Ich bin dankbar“, sagte Mina leise, „für diesen Stern. Weil er nichts will. Er ist einfach nur da.“
Die anderen schauten auch hoch. Keiner sagte etwas. Und das Schweigen war diesmal wie eine Hand, die man halten kann.
Kapitel 7: Kiesel im Kopfkissen
Zu Hause war alles gedämpft. Die Wohnung klang nach Abend: eine leise Spülmaschine, irgendwo ein Uhrticken, Schritte, die vorsichtig wurden.
Mina putzte sich die Zähne und schlüpfte ins Bett. Die Decke war kühl am Anfang und dann schnell warm, als würde sie sich an sie erinnern. Sie drehte das Kissen ein bisschen zurecht und legte den Kopf darauf.
Im Dunkeln war ihr Zimmer ein anderer Ort. Die Möbel wurden zu sanften Formen. Die Schatten waren nicht gruselig, nur still.
Mina dachte an den Tanzsaal. An das Parkett, das geknackt hatte wie eine freundliche Sprache. An Jules „Plopp“. An Avas ruhige Stimme. An Samis Idee mit den Dankeschritten.
Sie stellte sich vor, sie hätte wirklich eine kleine Tasche neben dem Bett. Darin: warme Kiesel. Einer für das Lachen. Einer für die Ruhe. Einer für das Gefühl, nicht allein zu sein.
Der Atem kam und ging. Wie Wellen. Wie der Spiegel-See. Mina hörte ihm zu, ohne zu zählen. Ein leises Kommen. Ein leises Gehen.
In ihrem Kopf tauchte der Tanzsaal noch einmal auf, ganz leer und doch nicht verlassen. Das Licht lag wie Mondschein auf dem Boden. Vier unsichtbare Spuren waren da, als hätten ihre Schritte eine kleine Geschichte geschrieben.
Mina flüsterte in die Dunkelheit: „Danke.“
Es war kein großes Wort. Es war klein und rund. Wie ein Kiesel.
Und während der Schlaf näherkam, wurde alles weich. Der See in ihrem Inneren lag still. Die warmen Steine glühten ganz leise. Und Mina glitt hinüber, als würde sie auf einem ruhigen Wasser treiben, bis die Nacht sie sanft trug.