Der Fluss atmet
Am Rand des Flusses glitt das Licht des späten Nachmittags über das Wasser. Die Strömung war gleichmäßig wie ein langer, heller Atemzug. Nilo, ein junger Otter mit einem Fell, das im Sonnenlicht wie weiches Moos glänzte, tauchte vom glatten Stein am Ufer auf. Er schüttelte Tropfen aus den Ohren, und jeder Tropfen schien mit einem winzigen Pling im Fluss zu verschwinden.
Heute hatten sie in der Flussschule über Strömungen gesprochen. Frau Reiherin, die Lehrerin mit den langen, geduldigen Beinen, hatte Nilo gebeten, morgen eine kleine Vorstellung über die besten Winkel zum Tauchen zu machen. Nilo mochte das Tauchen. Doch beim Sprechen vor allen anderen Ottern, Bibern, Wasserrallen und Mäusen wurde ihm manchmal warm ums Herz, als hätte sich der Sommer für einen Moment in sein Brustfell geschmuggelt.
Er schwamm in einem ruhigen Bogen zurück, ließ sich treiben, beobachtete das Muster der Wellen an seinem Bauch. Das Wasser war nicht kalt, nicht warm, nur genau richtig. Am Ufer raschelte das Schilf, und irgendwo klopfte ein Specht. Nilo tauchte noch einmal und stieß mit den Pfoten vom Grund ab, leicht wie ein losgelassener Gedanke.
— Du machst das, als ob du mit dem Fluss sprichst, sagte Mira, die Wasserratte, die am Rand saß und einen Schilfhalm zwischen den Pfoten drehte.
— Vielleicht rede ich wirklich mit ihm, antwortete Nilo. — Der Fluss antwortet, nur ganz leise.
— Was sagt er? fragte Mira und neigte den Kopf.
— Er sagt: Ruhig. Einatmen. Ausatmen. Weitergehen, sagte Nilo und beobachtete, wie sich Miras Schnurrhaare im Wind bewegten.
Miras Augen glänzten. — Dann wird dir morgen dein Vortrag gut gelingen. Wenn du nervös wirst, hör auf den Fluss.
Nilo nickte, aber die Wärme in seiner Brust wurde nicht ganz kleiner. Er kletterte aus dem Wasser, schüttelte sich und schnupperte die Luft. Sie roch nach feuchten Steinen, nach Gras und einer Spur von Abend. Die Sonne war bereits hinter den hohen Weiden versunken. Eine erste Silbersichel des Mondes hing über dem Wasser, so dünn, dass sie fast zerbrechlich wirkte.
Zu Hause, unter der Wurzel eines alten Weidenbaums, warteten Nilos Eltern und seine kleine Schwester Tami. Der Eingang zum Bau war wie ein weicher Rachen aus Erde und Wurzeln, und darunter war es warm, selbst wenn draußen Wind ging.
— Du bist spät, flüsterte Tami und stupste Nilo mit der Nase.
— Der Fluss und ich hatten noch was zu besprechen, murmelte Nilo, und ihre Mutter lächelte mit den Augen.
— Morgen ist ein langer Tag, sagte sein Vater. — Wenn du magst, zeige ich dir nach dem Essen meine Lieblingsstrecke für den ersten Sprung. Direkt dort, wo der Fluss einen Wirbel hat.
— Morgen, nickte Nilo, obwohl er wusste, dass der Wirbel nicht sein größtes Problem war.
Sie aßen kleine Flusskrebse, die knusprig rochen, und dazu süße Wurzelstücke, die im Mund wie dunkler Honig wurden. Danach legte sich Stille über den Bau, eine gute, die überall weiche Ecken hatte.
Nilo rollte sich in seinem Nest aus trockenen Gräsern zusammen. Sein Herz klopfte ein wenig schneller als sonst. Er dachte an Frau Reiherin und an die anderen. Er stellte sich vor, wie alle Augen auf ihn gerichtet waren, so viele kleine runde Glitzerpunkte. In seinem Kopf gingen Worte hin und her wie Wasserläufer. Ein Bild nach dem anderen tauchte auf, und jedes blieb einen Moment, um dann wieder zu verschwinden.
— Schlaf, murmelte er zu sich selbst, aber der Schlaf kam noch nicht. Stattdessen atmete er den Duft der Weide ein und hörte, wie draußen das Schilf den Wind begrüßte. Der Fluss atmete. Nilo legte eine Pfote auf seinen Bauch und spielte mit dem Rhythmus.
Der Abend lief aus, so sanft wie das letzte Licht über dem Rücken einer Welle.
Die Unruhe im Fell
Der Morgen kam mit blauem Licht, das am Eingang des Baus leise schimmerte. Nilo wachte auf, bevor Tami ihn stupsen konnte, und fühlte, dass die Unruhe nicht weggeschwommen war. Sie klebte noch in seinem Fell, dünn wie Wasser, das im Schatten nicht trocknet.
Draußen war die Flussschule schon ein summender Ort. Die jungen Tiere kamen an, manche schmatzten noch am Frühstück, andere ließen Rufe über den Fluss fliegen. Frau Reiherin stand an einem Stein, mit ihrer ruhigen Haltung, die aussah wie ein Baum, der vergessen hatte, zu wippen.
— Guten Morgen, Kinder, sagte sie mit ihrer hellen, klaren Stimme. — Heute tauchen wir in die Winkel. Und morgen hören wir ein besonderes Referat von Nilo.
Ein paar Köpfe drehten sich zu Nilo. Er spürte einen kleinen Ruck in seinem Bauch und nickte. Mira stand neben ihm und stupste ihn mit dem Ellbogen.
— Du kannst eins: atmen, flüsterte sie.
— Atmen, wiederholte Nilo in seinem Kopf, als die Klasse zu den flachen Stellen ging, um die Winkel auszuprobieren.
Sie übten, die Schnauzen über dem Wasser, die Augen wach. Jaro, der Eisvogel, setzte sich auf einen Ast, der über das Wasser hing, und blickte mit scharfen Augen nach unten. Er liebte Zahlen. — Drei Fingerbreit schräg, dann ein Sprung. Das gibt den besten Schub, rief er, und seine Stimme war wie ein Pfeil.
— Drei Fingerbreit für dich, aber was ist mit uns, die keine Finger haben? rief eine junge Ente, und alle kicherten. Nilo lachte auch, und für einen Moment vergas er das Morgen.
Doch später, als sie im Schatten der Weiden saßen und den Fluss beobachteten, kehrte die Unruhe zurück. Sie war nicht groß. Eher wie etwas, das mit den Augen zwinkert, gerade wenn man wegschaut.
— Ich habe diese Unruhe, sagte Nilo schließlich. — Ich weiß, dass ich tauchen kann. Aber wenn alle schauen und ich sprechen soll, weiß ich nicht, ob meine Stimme meinen Mund findet.
Mira legte die Pfote auf Nilos Arm. — Stell dir vor, du erklärst es dem Fluss. Der kennt jeden deiner Winkel.
— Der Fluss ist nett. Die anderen auch. Aber durch die vielen Augen fühlt sich meine Brust an, als hätte sie zu wenig Platz.
— Dann mach Platz, sagte eine tiefe Stimme neben ihnen.
Meister Bork, der alte Biber, stand da. Sein Fell hatte die Farbe von dunkler Erde, und seine Zähne glänzten wie zwei kleine Monde. Er baute im oberen Teil des Flusses. Keiner baute so geduldig wie er, und er sprach selten, aber wenn, klang es, als spräche der Boden.
— Wie macht man Platz in der Brust? fragte Nilo. — Sie ist doch, wie sie ist.
— Mit Atem, sagte der Biber. — Mit Gewohnheiten, die weicher sind als Sorgen. Mein Damm fällt auch nicht auf einmal. Er wächst durch viele kleine, gute Stücke.
— Kleine, gute Stücke, wiederholte Nilo leise.
— Heute Abend, wenn der Fluss dunkler wird, komm zu meiner Stelle, sagte Meister Bork. — Ich zeige dir etwas, das ich tue, wenn die Arbeit groß ist, aber die Gedanken zu klein aussehen und sich trotzdem wichtig machen.
— Ist das schwer? fragte Mira.
— Es ist leichter als Schilf, wenn man es einmal in den Pfoten hatte, sagte der Biber und lächelte mit einem Mund, der für das Lächeln gebaut war, obwohl er meistens arbeitete.
Den Rest des Tages merkte Nilo, wie seine Unruhe neben ihm herlief wie ein kleiner Schatten. Sie sprang nicht vor seine Pfoten. Sie wehte nur mit, als er tauchte, als er mit Jaro über Zahlen sprach und als er Tami half, einen rutschigen Stein zu erklimmen. Manchmal dachte Nilo, die Unruhe sei vielleicht ein Gast. Einer, dem man eine Tasse Wasser anbieten konnte, solange er sich benahm.
Als die Sonne sich legte, fand Nilo den Weg zu Meister Borks Damm. Das Wasser rauschte leise, als hätte es etwas zu erzählen, das niemand störte. Der Damm war fest, nicht hart. So wie Brot, das gerade aus dem Ofen kommt und noch warm ist.
— Du bist gekommen, sagte Meister Bork. — Gut. Wir fangen mit dem an, was wir immer dabeihaben: den Atem.
Fluss-Yoga mit Meister Bork
Sie setzten sich auf eine flache Stelle am Ufer. Das Gras dort war weich, und kleine Blüten leuchteten mit dem Restlicht um die Wette. Über ihnen spannte sich der Abend wie ein großes, blaues Tuch, in dem der Mond ein heller Faden war.
— Setz dich bequem, sagte Meister Bork. — Dein Rücken ist ein Stamm. Stark, aber nicht starr. Wenn die Brise kommt, darf er ein wenig schwingen. Leg die Pfoten auf den Bauch. Spürst du ihn? Lass ihn weicher werden, als wäre er Moos, das Wasser trinkt.
Nilo legte seine Pfoten auf den Bauch. Unter ihnen hob und senkte sich etwas so stetig, als hätte die Welt selbst einen Rhythmus für ihn eingeräumt.
— Wir atmen wie der Fluss, sagte der Biber. — Ein: der Fluss kommt, leise anrollend. Aus: der Fluss geht, leise zurück. Einatmen bis vier, aushalten bis zwei, ausatmen bis sechs. Wie die Welle, die lang und ruhig an den Sand streicht und dann noch länger wieder hinausgleitet. Eins, zwei, drei, vier. Halt. Eins, zwei. Und hinaus: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs.
Nilo folgte. Beim Einatmen fühlte er, wie seine Pfoten sich ein Stück anheben. Beim Ausatmen spürte er, wie sein Rücken tiefer ins Gras sank. Sein Kopf wurde leicht, nicht leer.
— Und nun stell dir vor, sagte Meister Bork, — dass dein Atem durch deinen Körper fließt wie Wasser durch kleine Kanäle. Wir reisen. Wir lassen die Pfote dorthin gehen, wo die Aufmerksamkeit ist, ohne sie zu fest zu halten. Du musst nichts reparieren. Du schaust nur zu. So wie du dem Fluss zuschaust.
Nilo schloss die Augen. Er stellte sich vor, die Luft wären winzige, helle Bläschen, die aus dem Wasser aufstiegen und durch ihn hindurch perlten.
— Wir beginnen mit den Zehen, murmelte Meister Bork. — Spüre die Zehen, wie sie auf dem Boden ruhen. Vielleicht kribbelt etwas. Vielleicht ist da Wärme, vielleicht Kühle. Dann lass beim Ausatmen das los, was du nicht brauchst. Ein: flutendes Licht. Aus: weiche Schwere.
Ein dunkler Vogel zog hoch oben seine Bahn. Sein Ruf war ein einziger, langsamer Ton, der die Luft durchschlug, ohne sie zu zerteilen. Nilo ließ seinen Atem mit dem Ton laufen, als wären beide Fäden, die sich am Ende wiederfinden.
— Jetzt die Fußgelenke, die Waden, die Knie, fuhr der Biber fort. — Alles darf landen. Du musst nichts festhalten. Dein Bauch hebt sich; er senkt sich. Spürst du die Flusssteine in deinem Körper, die rund und ruhig sind?
— Ich spüre, dass mein Bauch im Takt mit dem Wasser ist, murmelte Nilo.
— Gut. Nun die Hüfte, der Rücken, die Schultern. Lass die Schultern wie Blätter sein, die ausatmen und auf dem Wasser liegen. Und zum Schluss das Gesicht: die Stirn wird breit wie der Himmel, der Kiefer bleibt locker, als hättest du eben an einem sehr süßen Grashalm gekaut.
Nilo bemerkte, wie sich etwas in seiner Brust öffnete. Es war kein Geräusch, sondern eher ein Gefühl, als hätte jemand eine Tür so langsam aufgemacht, dass sie nicht einmal knarrte.
— Jetzt fügen wir einige Formen hinzu, die der Fluss mag, sagte Meister Bork. — Du kannst sie Fluss-Yoga nennen, wenn du willst. Nichts Anstrengendes, nur harmonische Bilder. Setz dich in den Flussstein: Beine gekreuzt, Rücken lang, die Pfoten auf dem Bauch. Spür, wie schwer deine Sitzknochen sind, wie verlässlich.
Nilo richtete sich auf, und seine Wirbelsäule fühlte sich an wie ein Ast, der weiß, wie er die Blätter trägt.
— Und jetzt der Schilfstand: Stell dich aufrecht, die Füße in den Boden, die Arme neben dem Körper. Wenn ein Wind kommt, darfst du schwingen, aber du bleibst verwurzelt. Atme dabei ruhig und weit. Ein, zwei, drei, vier. Halt. Eins, zwei. Aus, aus, aus, aus, aus, aus.
Nilo stand und wog leicht. In seinem Bauch blieb die ruhige Bewegung, mit der er bis eben auf dem Gras gelegen hatte. Das Schilf um ihn herum wog ebenfalls, und plötzlich sah er, dass sie alle im selben Takt waren: er, das Schilf, der Fluss.
— Zum Schluss der Mondbogen, sagte Meister Bork. — Heb die Arme über den Kopf, als würdest du den Mond behutsam zwischen deine Pfoten nehmen. Und neig dich ein wenig zur Seite, ohne dich zu biegen. Stell dir vor, du machst dem Mondplatz in deiner Brust. Atme. Der Mond ist leicht.
Nilo hob die Arme. Er sah den Mond durch seine Pfoten schimmern, und als er sich zur Seite neigte, fühlte er, wie die Luft ihn trug. Nicht, weil sie stark war, sondern weil er weich geworden war.
— Wenn du abends im Bau liegst, sagte der Biber, — kann dein Körper sich an all das erinnern. Du gibst ihm Signale: Alles gut. Die Nacht ist da. Du bist sicher. Du musst nichts mehr sammeln, nichts mehr zeigen. Du darfst sinken. Sag dir beim Ausatmen: Ich darf loslassen.
— Und wenn die Unruhe wieder kommt? fragte Nilo.
— Dann setzt du sie neben dich, sagte Meister Bork. — Du sagst ihr: Du darfst dabei sein, aber ich atme jetzt. Ich schenke dem Fluss und meinem Bauch mehr Aufmerksamkeit als dir. Unruhe mag das nicht und geht oft gern ein Stück spazieren.
— Danke, sagte Nilo, und es war ein Danke, das nicht nur aus einem Wort bestand, sondern aus dem Gefühl, dass etwas viel Platz in ihm bekommen hatte, ohne laut zu werden.
— Du wirst morgen reden, wie du tauchst, sagte der Biber. — Nicht, um zu beeindrucken, sondern um zu teilen, was du liebst.
— Ich beginne mit dem Flussatem, murmelte Nilo und lächelte, so dass die Mondlinie sich in seinen Augen widerspiegelte.
— Und du endest mit einem Blick zum Fluss, sagte Meister Bork. — Weil er schon die ganze Zeit zuhört.
Die Nacht, die zuhört
Nilo ging zurück. Der Damm blieb hinter ihm liegen wie eine weiche Insel. Die Weide, unter deren Wurzeln sein Zuhause lag, zeichnete eine dunkle Form gegen den Himmel. Der Mond stand inzwischen höher und schickte sein Licht über die Wasserhaut, die ein bisschen flüsterte.
Im Bau war es warm. Tami lag in einem Knäuel und murmelte etwas von Blubbern und Blasen. Nilos Mutter hob den Kopf, als er hereinkam.
— Alles gut? fragte sie leise.
— Ja, sagte Nilo. — Meister Bork hat mir den Flussatem gezeigt. Und noch etwas, das sich wie Schilf anfühlt.
— Das klingt schön, murmelte seine Mutter. — Atme, mein Kleiner. Der Fluss ist in dir.
— Ich will auch Flussatem, murmelte Tami verschlafen.
— Morgen, lächelte Nilo. — Jetzt schlaf.
Er legte sich hin. Der Bau machte die Geräusche, die man nur hört, wenn man sich hinlegt: Ein feines Knacken in der Wurzel, ein ferner Tropfen, das Rascheln einer Maus, die in ihrer eigenen Geschichte unterwegs war. Nilo zog die Luft langsam ein, vier Schritte weit, hielt sie kurz, und ließ sie dann länger hinaus, sechs Schritte lang, wie eine Welle, die den Sand noch einmal streichelt, bevor sie geht.
Er reiste wieder durch seinen Körper wie am Flussufer. Zehen, weich. Waden, warm. Knie, ruhig. Hüfte, breit. Bauch, heben und senken. Brust, Platz machen. Schultern, Blätter auf Wasser. Gesicht, Mondlicht. Der Boden unter ihm war zuverlässig. Die Dunkelheit war nicht leer. Sie war erfüllt von kleinen, freundlichen Geräuschen, die die Nacht zusammenhielten.
Von draußen kam ein Windstoß. Die Weidenblätter raschelten etwas lauter. Nilo fühlte, wie seine Unruhe kurz die Pfote hob. Er nickte ihr zu.
— Du darfst da sein, flüsterte er in sein Kissen aus Gras. — Aber ich atme jetzt.
Der Wind ging weiter, und mit ihm ging die Unruhe wie ein Besucher, der beschließt, vor der Tür noch ein paar Schritte zu gehen.
— Wie war's beim Biber? kam die gedämpfte Stimme seines Vaters aus der Ecke.
— Ruhig, antwortete Nilo. — Er hat mir beigebracht, die Nacht zu hören.
— Gute Nächte lieben gute Zuhörer, sagte sein Vater lächelnd.
Nilo roch den vertrauten Duft nach Weidenrinde und warmem Fell, der bei seinem Vater immer stärker war. Er ließ den Duft zu einem Bild werden: ein breiter Rücken im Wasser, an den man sich lehnen konnte. Sein Atem wurde langsamer, sein Bauch hob sich wie ein kleines Boot, das auf weichen Wellen liegt.
Da war doch noch der Vortrag. Der Gedanke kam wie eine Libelle vorbeigeflogen, Licht auf den Flügeln. Nilo schaute sie an und ließ sie weiterfliegen. Morgen würde sie sich setzen, und er würde sie dann anschauen. Heute nicht.
— Nilo? flüsterte Tami plötzlich.
— Hm?
— Wenn ich den Flussatem mache, muss ich zählen?
— Wenn es dir hilft, ja, flüsterte Nilo. — Oder du tust so, als würdest du muscheln. Ein, zwei, drei, vier. Und dann legst du sie wieder zurück. Eins, zwei. Und dann ein langer, langer Blick auf das Wasser. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs.
— Langer, langer Blick, murmelte Tami und war wieder weg, der Schlaf hatte sie abgeholt.
Nilo blieb noch einen Augenblick wach. Er spürte, wie das Fell auf seiner Brust mit dem Atem kam und ging. Ein warmes, breites Gefühl füllte ihn aus, ganz ohne Drängen. Die Nacht hörte zu. Nilo musste gar nicht viel sagen; der Fluss sagte schon genug. Und als seine Gedanken sich streckten wie Katzen im Licht, ließen sie sich nebeneinander nieder und wurden still.
Das helle Morgenwasser
Als Nilo die Augen öffnete, stand der Morgen da wie ein Tier mit glitzernden Pfoten. Das Licht war nicht laut, aber entschieden, und der Fluss trug eine helle Haut, die sich beim kleinsten Wind kräuselte. Nilo fühlte sich, als würde er eine Schale in seinem Bauch tragen, die gut gefüllt war und nicht kippte, auch wenn er sich bewegte.
In der Flussschule hatte sich ein kleiner Kreis gebildet. Frau Reiherin stand wie eine gesammelte Note in einem Lied, und die jungen Tiere setzten sich um sie herum. Heute sollte Nilo anfangen.
— Wer beginnt? fragte Frau Reiherin.
Nilo atmete ein, bis vier, hielt kurz, und ließ die Luft lang wieder zurückrutschen. Er hob die Pfote.
— Ich, sagte er leise, und sein ich war nicht groß und nicht klein. Es war genau richtig.
Er trat nach vorn. Unter ihm war der Stein fest. Er spürte die Berührung des Kragens an seinem Hals, den seine Mutter am Vorabend ein wenig glatt gestrichen hatte, ohne dass er das gemerkt hatte.
— Sag uns, was du herausgefunden hast, sagte Frau Reiherin, und in ihrer Stimme lag Vertrauen, als hätte sie eine weiche Decke über ein Nest gelegt.
— Beim Tauchen, begann Nilo, — sind die Winkel wie Gespräche. Du redest mit dem Wasser, und es antwortet sofort. Wenn du zu steil springst, sagst du es zu laut, und das Wasser tut so, als hätte es dich nicht richtig verstanden. Wenn du zu flach springst, flüsterst du, und du kommst nicht tief genug. Der beste Winkel liegt dazwischen, so, dass die Welle dich trägt, ohne dich aus der Bahn zu bringen.
Er machte mit der Pfote eine kleine Bewegung in der Luft. Seine Stimme fand den Mund. Die Worte kamen heraus, als wüssten sie den Weg, weil sie ihn gestern schon gezeichnet hatten.
— Wie findest du diesen Winkel? fragte Jaro vom Ast.
— Du schaust, wie der Fluss heute ist, sagte Nilo. — Du hörst ihm zu. Ist er schnell? Trägt er viel? Dann brauchst du vielleicht mehr Neigung. Ist er ruhig, fast schläfrig? Dann reicht weniger. Und du stellst deine Pfoten so, dass sie zuerst das Wasser fühlen, nicht die Angst.
Ein paar Tiere nickten. Mira grinste, und in ihrem Blick lag etwas wie Stolz, das nicht laut werden wollte.
— Manchmal hilft es, dreifach zu atmen, bevor man springt, sagte Nilo und ließ den Blick kurz zum Fluss gehen. — Ein: Fluss kommt. Aus: Fluss geht. Und dann noch einmal länger aus, um Platz zu machen. Ich stelle mir vor, ich lege eine Muschel in meinen Bauch. Dann springe ich.
— Muschel-Bauch, flüsterte eine junge Ente und kicherte, aber es war ein freundliches Kichern.
— Zeig uns den Sprung, sagte Frau Reiherin sanft.
Nilo trat an den Rand. Seine Pfoten fanden den Stein, der leicht feucht war. Er atmete, eins, zwei, drei, vier. Er hielt kurz. Er ließ die Luft wieder hinaus, lang und ruhig. Dann sprang er. Der Winkel war nicht perfekt, aber er war gut. Das Wasser nahm ihn an, kühl und weich, und als er auftauchte, fühlte er, wie das Licht auf seinem Gesicht tanzte.
Ein paar klatschten mit den Pfoten, andere schnalzten. Es war kein lauter Applaus, sondern einer, der passte: freundlich und von Herzen.
— Danke, Nilo, sagte Frau Reiherin. — Du hast etwas gezeigt, das mehr ist als ein Winkel. Du hast gezeigt, wie man zuhört.
— Dem Fluss, sagte Nilo, und er lächelte.
Nach der Stunde gingen sie ein Stück am Ufer entlang. Mira lief neben Nilo her, ein Stück schneller, als wäre sie innerlich so leicht wie die Mücken im Licht.
— Du warst ruhig wie ein Stein, sagte sie.
— Ein Flussstein, grinste Nilo. — Außen rund, innen still.
— Und das in deinem Bauch? fragte Mira.
— Eine Muschel, sagte Nilo. — Die bleibt da. Auch in Nächten, die rascheln.
Sie setzten sich auf einen warmen Felsen und ließen die Beine ins Wasser hängen. Der Tag hatte ein Geräusch, das vertraut war: die Summen der Insekten, das Plätschern der kleinen Ströme, das leise Ticken, mit dem Kiesel aufeinander stießen. Nilo schloss kurz die Augen und tat so, als könnte er sein Bild von eben noch einmal sehen, noch einmal hören, noch einmal atmen.
— Willst du heute Abend zusammen üben? fragte Mira.
— Gern, sagte Nilo. — Aber zuerst will ich Tami den Flussatem zeigen.
— Du wirst ein guter Lehrer, sagte Mira.
— Ich bin nur ein Otter, sagte Nilo. — Der Fluss übernimmt den Rest.
Ein leiser Abend, ein weiches Ende
Der Abend schlich über den Fluss, so sachte wie eine Pfote, die niemand wecken will. Nilo und Tami legten sich nebeneinander, die Schnauzen auf den Pfoten. Durch den Eingang des Baus sahen sie den Himmel, der lila und blau war, als hätte der Tag mit sanfter Hand zwei Farben gemischt.
— Zeig mir den Flussatem, flüsterte Tami.
— Gut, sagte Nilo. — Leg die Pfote auf den Bauch. Atme ein, bis vier. Eins, zwei, drei, vier. Halt kurz. Eins, zwei. Und jetzt lang aus. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Stell dir vor, du bist ein kleines Boot, das der Fluss ganz von selbst bewegt.
— Ich bin ein Boot, murmelte Tami. — Ein rundes Boot.
— Genau. Und jetzt reisen wir durch den Körper, sagte Nilo leise. — Zehen, die wie kleine Steine am Ufer liegen. Waden wie warme Uferstücke. Knie, die freundlich schauen. Deine Hüfte wie eine Insel, auf der man sich ausruhen kann. Bauch, der sich hebt und senkt, wie das Wasser. Schultern, die sich mit dem Ausatmen ausbreiten. Gesicht, das weich wird wie Schlamm, in den man mit der Pfote "Hallo" schreibt.
Tami kicherte, ein winziges Kichern, das in den Abend passte.
— Und dann stell dir den Mond zwischen deinen Pfoten vor, sagte Nilo. — Heb ihn ganz vorsichtig hoch. Mach ihm Platz in deiner Brust, ohne dich zu beugen. Der Mond ist leicht, und er liebt es, wenn du ruhig bist.
— Ich mag den Mond, murmelte Tami.
Der Wind zog wieder durch die Weiden, aber diesmal klang er wie ein Lied, das man schon kannte. Nilo spürte, dass seine eigene Atmung langsamer wurde, ganz von allein. Er hörte draußen ein Platschen — vielleicht eine Forelle —, und fühlte, wie das Geräusch auf seiner Haut ankam und weiterzog.
— Gute Nacht, sagte ihr Vater aus der Ecke, dort, wo er immer schlief.
— Gute Nacht, flüsterten Nilo und Tami gleichzeitig, und es klang wie ein kleiner Chor.
Nilos Mutter rückte näher, so dass ihr Fell ihn leicht streifte. Das war eines der Dinge, die Nilo am meisten mochte: die Nähe, die nicht drängte, die einfach da war, wie ein Baum am Ufer, an den man sich lehnen konnte.
Nilo legte seine Pfote wieder auf seinen Bauch. Ein, zwei, drei, vier. Halt. Eins, zwei. Aus, aus, aus, aus, aus, aus. Er spürte, wie der Tag, den er getragen hatte, in Wellen abfiel. Nicht plötzlich, sondern Schritt für Schritt. Die Gedanken wurden weicher. Sie setzten sich wie Enten ins Wasser. Er beobachtete sie eine Weile und ließ sie dann weiter paddeln.
Er dachte an die Schule, an Jaro und Mira, an Frau Reiherin. An Meister Bork, der den Mondbogen gemacht hatte, als ob der Mond wirklich in seine Pfoten schlüpfen konnte. Nilo lächelte. In seinem Bauch lag die Muschel, und in seiner Brust der Platz für den Mond. Das reichte.
Manchmal, wusste er, würde die Unruhe wieder kommen. So wie Wolken wieder kommen, auch wenn der Himmel gerade blau ist. Das war nicht schlimm. Er hatte gelernt, ihr eine Ecke anzubieten und sich dann dem zuzuwenden, was verlässlich war: seinem Atem, dem Fluss, der Nacht, die zuhörte. Das war etwas, das man üben konnte. Keine große Sache, aber eine wichtige. Ein kleiner, guter Stein nach dem anderen, bis etwas Starkes entstanden war, das nicht hart war.
— Weißt du, Tami, flüsterte er, obwohl er glaubte, dass sie schon schlief. — Angst ist wie eine Welle. Wenn du stehen bleibst, trifft sie dich. Wenn du mitgehst und atmest, trägt sie dich. Du kommst wieder an Land.
— Mhm, machte Tami, halb im Traum. — Ich bin ein Boot.
— Du bist ein sehr gutes Boot, sagte Nilo.
Er legte den Kopf tiefer in sein Graskissen. Die Nacht roch nach kühlem Wasser und Nahsein. Irgendwo zirpte eine Grille, langsam, als hätte sie zugehört und beschlossen, mitzuzählen. Eins, zwei, drei, vier. Eins, zwei. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs.
Nilo dachte noch einen letzten, leisen Gedanken, der sich nicht drängte: Jeder Tag hat einen Satz, den er mitnimmt. Der heutige war: Ich atme. Der Fluss atmet. Wir hören einander zu.
Dann ließ er den Satz los, wie man eine kleine Blase im Wasser aufsteigen lässt, und sank, nicht schnell, nicht tief, genau richtig, in den Schlaf, der kam wie ein weiches Fell, das man um sich legt. So endete der Tag, ganz ohne Eile, und der Fluss trug die Sterne vorüber wie Lichter, für die man nichts tun musste, außer sie sehen zu lassen.