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Fantastischer Mythos 11/12 Jahre Lesen 30 min.

Tarek und Ninsun am Tor des Abgrunds

Ein Wächter und eine junge Schreiberin machen sich auf, ein unheimliches Tor am Abgrund zu begegnen und müssen mit drei Gaben sowie dem Finden von Gleichgewicht einen Weg zwischen Mut und Maß finden.

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Ein Mann (Tarek) mit kantigem Gesicht, kurzen braunen Haaren und entschlossenem, zugleich zärtlichem Blick, in staubigem Mantel und einfacher Klinge am Gürtel, geht vorsichtig auf ein leuchtendes Portal zu und hält eine kleine Tonschale mit blau-goldener Flamme; neben ihm steht ein Mädchen (Ninsun), etwa 16, blasse, kreidestaubige Haut, kurze schwarze Haare, mit einer Schreibfeder in der Hand und neugierig-besorgtem Blick, ihre linke Hand berührt ein schmales Lichtband, das ihre Handgelenke verbindet; hinter ihnen sitzt ein Junge (Malek), etwa 12, mit feinen Zügen und alten Augen, lächelnd und entspannt auf einer alten Steinbrücke, eine kleine Holzmaske mit Lichtstreifen haltend; im Zentrum das Abgrund-Portal: organischer, dunkelbernsteinfarbener Rahmen mit blaugrün leuchtenden Adern, eine dichte, vibrierende Öffnung, umgeben von rissigem Steinboden und silbernem Bodennebel; mythische, angespannte Stimmung mit kontrastreicher Beleuchtung, warmer Flammenlicht auf den Gesichtern, tiefen Schatten im Nichts und texturierten Details wie Rissigkeit, Stofffasern und Tintenstrichen für eine reich erzählte Farbink-Darstellung. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Klinge des Wächters und die Feder der Schreiberin

Der Wind roch nach warmem Stein und nach dem Salz der fernen Ebene. Hoch über der Stadt lag das Archiv der Sonnentafeln, ein Bau aus hellem Kalk, der am Nachmittag leise glühte. Zwischen seinen Säulen standen Statuen alter Könige und Königinnen, deren Augen aus Lapislazuli im Licht funkelten, als wüssten sie längst, was heute geschehen würde.

Tarek, Wächter der Nordpforte, stieg die Stufen hinauf, Schritt für Schritt, als würde er mit jedem Absatz prüfen, ob die Welt noch fest genug war. Sein Mantel war staubig, seine Stiefel hatten den Klang von Wegen, die nicht auf Karten stehen. An seiner Seite hing kein prunkvolles Schwert, sondern eine schlichte Klinge, die so sauber geführt war wie ein Satz ohne Fehler.

Im Vorraum saß Ninsun über einer Tafel, die größer war als ihr Unterarm. Sie war jung, aber ihr Blick war so schnell wie ein flatternder Spatz: überall zugleich. Neben ihr lagen Schreibrohr, Tinte und ein winziges Messerchen zum Kratzen von Irrtümern.

„Du bist spät“, sagte sie, ohne aufzusehen.

„Du bist früh“, erwiderte Tarek. Er stellte sich so hin, dass sein Schatten nicht auf ihre Schrift fiel. „Und du kratzt viel. Das macht mich nervös.“

Ninsun hob endlich den Kopf. Ihre Wangen waren vom Staub der Kreide gepunktet, als hätte sie sich mit den Sternen angelegt. „Das macht dich nervös? Nicht das, was hinter dem Abgrund liegt?“

Tarek deutete auf die Tafel. „Worte sind mächtiger als Abgründe. Abgründe tun, was sie tun. Worte tun, was Menschen ihnen befehlen.“

Sie zog die Augenbrauen hoch. „Also befehlst du mir, keine Fehler zu machen?“

„Ich befehle dir gar nichts. Ich… bitte dich.“ Tarek räusperte sich, als wäre das Bitten eine ungewohnte Waffe. „Man sagt, du kannst alte Zeichen lesen. Die, die nicht nur klingen, sondern antworten.“

Ninsun klopfte mit der Feder auf die Tafel. „Man sagt vieles. Zum Beispiel, dass Wächter nie lächeln. Stimmt das?“

Für einen Herzschlag war Stille. Dann zog Tarek den Mundwinkel hoch, als würde er sich heimlich über sich selbst lustig machen. „Einmal pro Woche, sonst rostet es.“

Ninsun grinste. „Gut. Dann hör zu. Der Rat schickt dich nicht ohne Grund. Das Tor am Abgrund ist aufgewacht. Und wenn ein Tor aufwacht, will es gefüttert werden.“

„Womit?“

„Mit dem, was es fordert.“ Sie tippte auf eine Zeile. „Drei Gaben. Und… Gleichgewicht.

Tarek verschränkte die Arme. „Gleichgewicht klingt nach Turnen. Ich bin eher für geradeaus.“

„Geradeaus ist manchmal der schnellste Weg in die Tiefe“, sagte Ninsun trocken. Dann schob sie die Tafel zu ihm, als würde sie ihm ein Stück Zukunft hinlegen. „Du gehst nicht allein. Ich soll mit. Als Schreiberin. Damit jemand aufschreibt, was passiert. Und damit du nicht alles mit deinem Wächterkopf löst.“

„Was ist denn falsch an meinem Wächterkopf?“

„Er ist hart. Tore mögen keine harten Köpfe. Tore mögen… die Mitte.“

Tarek betrachtete die Zeichen. Sie wirkten wie Schlangen, die sich in Kreise bissen, und wie Schritte, die niemand gegangen war. „Also gut. Du kommst mit.“

„Nicht weil du es sagst.“ Ninsun stand auf, packte Feder und Tinte ein. „Weil ich wissen will, ob ein Tor wirklich sprechen kann. Und weil jemand dich daran erinnern muss zu atmen.“

Tarek nickte langsam. Draußen senkte sich die Sonne, als würde sie das Licht in die Ritzen der Welt drücken. Irgendwo, jenseits der letzten Felder, wartete der Abgrund mit seinem Tor. Und die Luft fühlte sich plötzlich an, als hätte sie eine Frage im Mund.

Kapitel 2: Der Pfad der flüsternden Steine

Am nächsten Morgen verließen sie die Stadt durch ein Tor, das ganz gewöhnlich aussah: Holz, Eisen, ein müder Pförtner. Doch sobald die Mauern hinter ihnen kleiner wurden, änderte sich die Welt. Das Gras wurde dunkler, die Hügel schärfer, als wären sie aus Papier geschnitten. Und zwischen den Steinen am Wegesrand steckten kleine Muscheln, obwohl das Meer viele Tagesreisen entfernt war.

„Die Muscheln sind ein schlechtes Zeichen“, sagte Tarek.

„Oder ein gutes“, meinte Ninsun. Sie hob eine auf und hielt sie ans Ohr. „Vielleicht erinnert sich die Erde an Wasser.“

Tarek brummte. „Vielleicht erinnert sie sich auch an Ertrinken.“

Der Pfad führte in ein Tal, in dem die Steine nicht nur lagen, sondern lauschten. Ninsun merkte es zuerst. Immer wenn sie sprach, vibrierte der Boden ganz leicht, als würde irgendwo eine Saite gezupft.

„Hast du das…?“ Sie trat vorsichtig auf einen flachen Stein. Unter ihrer Sohle klang ein helles „Ping“, fast wie eine kleine Glocke.

Tarek ging in die Hocke und legte die Hand auf den Boden. „Die Steine sind wach.“

„Alles ist wach“, sagte eine Stimme.

Tarek sprang auf, die Hand an der Klinge. Ninsun machte einen Schritt zurück, die Feder wie einen Dolch in der Faust.

Vor ihnen stand ein Widder, größer als jeder, den Tarek je gesehen hatte. Seine Hörner waren wie geschnitzte Spiralen, in denen sich Sonnenlicht verfing. In seinem Fell hingen trockene Blätter, als wäre er durch Jahrzeiten gelaufen. Und seine Augen waren nicht dumm, sondern tief.

„Ein sprechender Widder“, flüsterte Ninsun.

„Ein Wächter“, sagte der Widder, als hätte er zugehört. „Und eine Schreiberin. Ihr geht zum Tor am Abgrund.“

Tarek musterte ihn. „Und du bist…?“

„Man nennt mich Aru, der Schrittzähler. Ich zähle nicht eure Schritte, sondern eure Absichten. Der Widder schnaubte. „Wenn ihr stolpert, ist es selten der Stein.“

Ninsun schob sich neben Tarek. „Wir brauchen drei Gaben. Weißt du, wo sie sind?“

Aru sah sie an, als wäre sie ein Rätsel, das ihm gefiel. „Gaben sind nicht Dinge, die man findet wie verlorene Münzen. Gaben sind Antworten. Doch ja: Der erste Weg führt zum Brunnen, der nie leer wird. Dort liegt eine Gabe, die man nicht tragen kann.“

Tarek runzelte die Stirn. „Wie soll man etwas mitnehmen, das man nicht tragen kann?“

„Mit dem, was ihr zwischen euren Rippen tragt“, sagte Aru und deutete mit dem Horn auf ihre Brust. „Geht. Aber merkt euch: Mut ohne Maß ist nur Lärm. Maß ohne Mut ist nur Stillstand.“

Ninsun kicherte. „Das klingt wie etwas, das man an eine Wand schreibt.“

„Schreibt es an euer Herz“, brummte der Widder. „Die Wände hören zwar zu, aber sie handeln nicht.“

Sie gingen weiter. Hinter ihnen verstummten die Steine, als hätten sie genug gehört. Vor ihnen wurde der Weg schmal, und am Ende des Tals schimmerte ein Kreis aus dunklem Grün: der Brunnen.

Kapitel 3: Der Brunnen, der dein Echo trinkt

Der Brunnen stand mitten in einem Hain aus knorrigen Feigenbäumen. Ihre Wurzeln lagen wie Hände auf der Erde, und zwischen den Blättern hing Schatten, der kühl schmeckte. Der Brunnenrand war aus schwarzem Stein, so glatt, als hätte ihn Wasser poliert, bis er sich selbst spiegelte.

Ninsun beugte sich vor. „Ich sehe nichts. Nur… Dunkel.“

„Vielleicht ist er sehr tief“, sagte Tarek.

„Oder sehr voll“, murmelte Ninsun und klopfte mit einem Kiesel auf den Rand. Der Ton war nicht hohl, sondern satt, wie ein voller Krug.

Tarek kniete und sah hinab. „Ich höre etwas.“

„Was?“

„Uns.“ Er sprach lauter: „Hallo.“

Aus dem Brunnen kam nicht sein „Hallo“ zurück, sondern ein leises Lachen. Es klang, als hätte jemand im Wasser eine kleine Hand bewegt.

Ninsun schluckte. „Der Brunnen… antwortet anders.“

„Er trinkt Echos“, sagte eine Stimme hinter ihnen.

Sie fuhren herum. Eine Gestalt stand im Schatten der Feigenbäume: eine Frau, so alt, dass ihre Haut wie getrocknete Erde wirkte, und so wach, dass ihre Augen glänzten wie frisches Wasser. In ihren Haaren steckten Federn, aber keine von Vögeln, die man kennt.

„Wer bist du?“ fragte Tarek.

„Ich bin die Hüterin des Brunnenmundes“, sagte sie. „Manche nennen mich Aluna. Manche nennen mich gar nicht, weil Namen binden.“

Ninsun hob die Feder. „Wir suchen eine Gabe.“

Aluna nickte langsam. „Dann gebt zuerst. Der Brunnen nimmt, bevor er schenkt. Er ist höflich, aber er ist nicht dumm.“

Tarek verschränkte die Hände, als wolle er eine unsichtbare Tür schließen. „Was müssen wir geben? Gold?“

Aluna lachte, als hätte er ihr einen Witz erzählt, der hundertmal erzählt wurde. „Gold macht den Brunnen nicht satt. Er trinkt, was euch formt.“

Ninsun trat näher. „Unsere… Stimmen?“

„Euer Echo“, sagte Aluna. „Eure Gewohnheit, euch selbst zu hören, bis ihr glaubt, die Welt müsse genauso klingen. Ein Teil davon.“

Tarek betrachtete den Brunnen. In der Dunkelheit schien etwas zu glimmen, wie ein Auge, das nicht blinzelt. „Und wenn wir es geben?“

„Dann bekommt ihr die erste Gabe: Zuhören.“ Aluna legte den Kopf schief. „Nicht nur Ohren auf. Auch den Stolz zu.“

Ninsun zog eine Grimasse. „Das klingt unangenehm.“

„Die wichtigsten Dinge sind selten bequem“, sagte Tarek leise. Dann beugte er sich über den Brunnen. „Also gut.“

Er schloss die Augen und sprach nicht. Stattdessen atmete er, langsam, und ließ die Stille in ihm wachsen. Ninsun tat es ihm nach, auch wenn sie dabei aussah, als müsste sie eine Zitrone essen.

Aus dem Brunnen stieg ein kaum sichtbarer Nebel auf, der nach Regen roch. Er kroch ihnen in die Ohren, nicht kalt, eher wie eine Frage.

Plötzlich hörte Tarek mehr als vorher: den Wind, der zwischen Blättern Schach spielte, das leise Knacken einer Wurzel, die sich streckte, und – ganz fern – ein tiefes Brummen, als würde die Erde selbst ein Lied summen.

Ninsun riss die Augen auf. „Ich… höre den Boden. Der Boden redet!“

„Nicht reden“, korrigierte Aluna. „Er erinnert.“

Tarek stand auf, und seine Stimme war ruhiger, als hätte sie weniger Ecken. „Ist das die Gabe?“

Aluna nickte. „Ihr tragt sie schon. Sie ist leicht, aber sie verändert, wie ihr geht.“ Dann deutete sie nach Osten, wo die Hügel sich wie erstarrte Wellen kräuselten. „Die zweite Gabe liegt beim Herdfeuer der Riesen, das seit hundert Wintern nicht erloschen ist. Dort wartet etwas, das Mut braucht – und Maß.“

Ninsun stopfte ihre Tafel in den Beutel. „Klingt so, als würden wir uns verbrennen.“

„Nur, wenn ihr glaubt, Hitze sei euer Feind“, sagte Aluna.

Tarek sah noch einmal in den Brunnen. Das Dunkel darin wirkte nicht mehr leer, sondern aufmerksam. „Danke.“

„Dank ist gut“, sagte Aluna. „Aber geht. Tore werden ungeduldig, wenn man ihnen zu lange die Aufmerksamkeit entzieht.“

Kapitel 4: Das Herdfeuer der Riesen

Der Weg zum Herdfeuer führte über eine Hochebene, auf der der Himmel näher war. Wolken zogen so tief, dass Ninsun das Gefühl hatte, sie könnte eine Handvoll davon einsammeln und in ihre Tinte rühren.

„Würde hübsch aussehen“, sagte sie und schielte nach oben.

„Dann würde alles, was du schreibst, nach Regen riechen“, meinte Tarek.

„Nicht das Schlechteste.“

Als die Sonne ihren höchsten Punkt überschritten hatte, sahen sie es: ein Kreis aus gewaltigen Steinen, jeder so groß wie ein Haus. In der Mitte loderte ein Feuer – nicht wild, sondern ruhig, als hätte es die Zeit gelernt. Die Flammen waren blau und gold, und in ihnen tanzten kurze Bilder: ein Adler, ein Kind, ein Boot, das gegen einen Strom ankämpft.

„Das ist… wunderschön“, flüsterte Ninsun.

Tarek blieb stehen. „Und gefährlich.“

Sie traten näher. Die Wärme war sofort da, nicht nur auf der Haut, sondern im Bauch, als würde das Feuer sie beim Namen kennen.

Eine tiefe Stimme brummte aus den Steinen. „Wer tritt in den Kreis?“

Tarek legte die Hand auf die Brust. „Tarek, Wächter. Und Ninsun, Schreiberin.“

„Was sucht ihr?“

„Die zweite Gabe“, sagte Ninsun schnell, bevor Tarek wieder zu sehr nach „geradeaus“ klang.

Die Steine knirschten, als würden sie sich freuen. „Dann spielt.“

Tarek blinzelte. „Spielt?“

Aus der Flamme sprang ein kleiner Funke, landete auf dem Boden und wurde zu einem glühenden Steinchen, das aufgeregt hüpfte. Dann noch eins. Dann viele. Sie bildeten ein Muster, das wie ein Spielbrett aussah.

Ninsun kniete sich hin. „Das ist wie ein altes Riesen-Spiel… Meine Lehrmeisterin hat davon erzählt. Man muss den Weg durchs Feuer finden, ohne es zu beleidigen.“

„Feuer kann beleidigt sein?“ fragte Tarek.

„Alles kann beleidigt sein“, sagte Ninsun. „Sogar Tinte.“

Die Stimme aus den Steinen lachte. „Das Mädchen versteht. Der Wächter wird lernen.“

Das Spiel war einfach und gemein zugleich: Man musste von Stein zu Stein treten, doch einige wurden plötzlich heißer, andere kühler, als würden sie testen, ob man nur stur ist oder aufmerksam.

Tarek setzte den Fuß auf den ersten Stein. Er war warm, angenehm. Der zweite war heißer. Beim dritten zuckte er zurück.

„Nicht springen wie ein aufgescheuchtes Huhn“, spottete Ninsun, aber sie klang nicht böse. „Hör auf das Feuer. Es zeigt dir, wo Maß ist.“

Tarek atmete. Er erinnerte sich an den Brunnen: zuhören. Nicht mit Ohren, sondern mit dem ganzen Körper. Er spürte die Hitze wie eine Sprache. Manche Steine sagten „Jetzt“, andere sagten „Warte“.

Er ging weiter, langsam. Nicht feige – nur klug. Ninsun folgte, leichter, aber manchmal zu schnell.

„Ninsun!“ rief Tarek, als sie einen Stein betrat, der plötzlich aufflammte. Ein Zischen, ein Haarbüschel wurde versengt.

„Au!“ Sie sprang zurück und fauchte das Feuer an. „Das war gemein!“

Die Steine brummten. „Es war ehrlich.“

Tarek trat neben sie. „Mut heißt nicht, der Hitze ins Gesicht zu lachen. Mut heißt auch, einen Schritt zurückzugehen, bevor man fällt.“

Ninsun rieb sich die Stelle und verzog das Gesicht. „Das klingt schon wieder wie Wand-Spruch.“

„Dann schreib ihn nicht“, sagte Tarek. „Mach ihn.“

Sie schafften es gemeinsam bis zur Mitte. Dort stand auf einem flachen Stein eine Schale aus Ton. In der Schale glomm eine winzige Flamme, kaum größer als ein Daumennagel.

„Die zweite Gabe“, sagte die Stimme. „Ein Funke, der nicht frisst, sondern wärmt. Nehmt ihn. Aber nur, wenn ihr ihn teilt.“

Ninsun sah Tarek an. „Wie teilt man eine Flamme?“

Tarek nahm die Schale vorsichtig. „Indem man nicht glaubt, sie gehört einem.“ Er hielt sie Ninsun hin. „Trag du sie ein Stück.“

Ninsun hob die Schale. Die Flamme blieb ruhig, als wäre sie erleichtert. „Sie mag das.“

„Sie mag Gleichgewicht“, sagte Tarek.

Als sie den Kreis verließen, wurde die Luft kühler, doch in ihren Händen blieb Wärme, die nicht brannte. Hinter ihnen flackerte das Herdfeuer weiter und zeigte kurz das Bild eines Tores, das im Wind stand wie ein großes Maul.

Kapitel 5: Die dritte Gabe und der Schatten am Rand

Je näher sie dem Abgrund kamen, desto stiller wurde die Landschaft. Vögel flogen weiter oben, als würden sie sich nicht trauen, tiefer zu gehen. Selbst die Insekten schienen leiser zu summen.

Am Abend erreichten sie eine Steinbrücke, die über einen Riss in der Erde führte. Der Riss war nicht der Abgrund selbst, eher eine Vorstufe, ein Kratzer auf der Haut der Welt. Aus ihm stieg kalte Luft, die nach Metall und alten Gewittern roch.

Auf der Brücke saß ein Junge – zumindest sah es so aus. Seine Beine baumelten, als wäre die Tiefe unter ihm nur ein Bach. In seiner Hand drehte er eine Maske aus hellem Holz, halb lächelnd, halb traurig.

Ninsun flüsterte: „Was macht der da?!“

Tarek trat einen Schritt vor. „He! Von der Brücke runter. Das ist gefährlich.“

Der Junge sah auf, und seine Augen waren zu alt für sein Gesicht. „Gefährlich ist langweilig. Wirklich gefährlich ist, wenn man glaubt, nur eine Rolle zu haben.“

„Wer bist du?“ fragte Ninsun, die Feder schon bereit.

„Man nennt mich Malek“, sagte er. „Ich bringe die dritte Gabe. Aber ich gebe sie nicht denjenigen, die sie sofort in die Tasche stopfen.“

Tarek blieb stehen, genau außerhalb der Mitte der Brücke. „Wir brauchen sie, um das Tor zu passieren.“

Malek hielt die Maske hoch. „Dann sagt mir: Seid ihr Wächter und Schreiberin – oder seid ihr mehr?“

Ninsun öffnete den Mund, um etwas Kluges zu sagen, und schloss ihn wieder. Dann sagte sie ehrlich: „Ich bin oft nur Schreiberin, weil ich dann keine Angst zeigen muss. Hinter der Feder kann man sich verstecken.“

Tarek sah auf seine Klinge. „Ich bin oft nur Wächter, weil es einfacher ist, hart zu sein. Wenn ich weich werde, könnte etwas durchbrechen.“

Malek lächelte, und in diesem Lächeln lag ein kleines bisschen Mondlicht. „Gut. Dann könnt ihr die Gabe tragen.“

„Welche Gabe?“ fragte Tarek.

Malek ließ die Maske fallen – und sie blieb nicht am Boden liegen, sondern verwandelte sich in ein dünnes Band aus Licht, das sich um Tareks Handgelenk legte, dann um Ninsuns, wie eine lose Verbindung.

„Bindung“, sagte Malek. „Nicht Kette. Verbindung. Ihr könnt euch nicht ziehen wie ein Wagen ein Pferd zieht. Ihr müsst euch spüren. Wenn einer rennt und der andere zögert, reißt ihr euch selbst.“

Ninsun hob das Handgelenk. Das Lichtband war warm wie der Funke, aber ruhig wie der Brunnen. „Das ist… die dritte Gabe?“

„Ja“, sagte Malek. „Zuhören. Wärme. Verbindung. Drei Gaben, die nicht glänzen wie Schätze, aber heller sind, wenn es dunkel wird.“

Tarek nickte. „Und jetzt das Tor.“

Malek zeigte nach vorn. „Geht. Der Abgrund wartet. Und das Tor mag Geschichten. Vielleicht hilft es, wenn ihr eine habt, die nicht nur von Sieg handelt.“

Ninsun schnaubte. „Welche Geschichte handelt nur von Sieg?“

Malek zwinkerte. „Die, die von Leuten erzählt wird, die nie hingefallen sind. Also: erfundene.“

Er sprang von der Brücke – aber nicht in die Tiefe. Stattdessen landete er auf einem unsichtbaren Schritt und ging davon, als gäbe es einen Weg aus Luft.

Ninsun starrte ihm nach. „Ich möchte das auch können.“

„Du möchtest vieles“, sagte Tarek. „Das ist nicht schlecht. Solange du nicht alles auf einmal willst.“

Sie gingen weiter. Das Lichtband zwischen ihnen schimmerte im Dunkeln wie ein dünner Faden Stern.

Kapitel 6: Am Tor des Abgrunds

Der Abgrund war kein Loch, sondern eine Grenze. Die Erde endete plötzlich, als hätte jemand das Land mit einem Messer abgeschnitten. Jenseits davon fiel Dunkelheit, und in ihr bewegte sich Nebel wie langsame Tiere. Man hörte kein Echo, wenn man einen Stein hinunterwarf – nur ein langes Schweigen, das zu groß war.

Am Rand stand das Tor.

Es war aus keinem Material, das man gut benennen konnte: ein Rahmen, der wie dunkler Bernstein schimmerte, mit Adern, die kurz aufglühten wie Gedanken. In der Mitte war kein Holz, kein Stein – nur Luft, die sich anders anfühlte, schwerer, als würde sie die Welt festhalten.

Als Tarek und Ninsun näher kamen, knarrte das Tor, obwohl es sich nicht bewegte. Eine Stimme strömte heraus, tief und klar, wie Wasser über Fels.

„Wer kommt?“

Tarek trat vor. „Tarek, Wächter.“

„Und?“ fragte das Tor.

Tarek stockte. Das „Und?“ war wie ein Haken.

Ninsun trat neben ihn. „Ninsun, Schreiberin.“

„Und?“ wiederholte das Tor, als würde es ihre Wörter kauen.

Ninsun spürte das Band an ihrem Handgelenk und dachte an Malek. „Und… ich bin jemand, die lernen will, nicht nur zu schreiben, sondern zu verstehen.“

Tarek atmete. „Und… ich bin jemand, der schützen will, ohne alles zu zerbrechen.“

Das Tor schwieg kurz. Dann flackerte es. „Drei Gaben. Zeigt sie.“

Tarek hob die Hand. „Zuhören.“ Er schloss die Augen. Sofort hörte er den Abgrund nicht als Leere, sondern als tiefe Spannung, wie das Einatmen vor einem Wort.

Ninsun hob die Schale mit dem Funken. Die kleine Flamme brannte ruhig und warf Licht auf den Torrahmen, als würde sie ihn an etwas erinnern, das er vergessen hatte.

Dann hoben sie beide ihre Handgelenke. Das Lichtband zwischen ihnen spannte sich leicht, nicht schmerzhaft, eher wie ein freundlicher Hinweis: Allein ist leichter – aber nicht besser.

Das Tor summte. „Gaben erkannt. Doch das Gleichgewicht fehlt.“

„Was willst du?“ fragte Tarek, und seine Stimme klang fest, aber nicht hart.

„Ich will, dass ihr wählt“, sagte das Tor. „Mut oder Maß.“

Ninsun flüsterte: „Das ist eine Falle. Man kann nicht eins nehmen und das andere wegwerfen.“

„Und doch tun es viele“, antwortete das Tor. „Die Mutigen stürzen. Die Maßvollen bleiben. Ich brauche jemanden, der beides kann. Denn hinter mir liegt ein Weg, der sich bewegt.“

Tarek sah in die Luft in der Mitte des Tores. Sie vibrierte wie ein ruhiger See. „Wie beweisen wir es?“

„Mit einem Schritt“, sagte das Tor. „Einer von euch muss gehen. Der andere muss bleiben.“

Ninsun fuhr herum. „Was? Nein!“

Das Band an ihren Handgelenken wurde ein wenig heller, als würde es protestieren.

Tarek dachte schnell. Geradeaus wäre: Er geht, sie bleibt. Er ist Wächter. Er schützt. Aber das war wieder nur Rolle. Er erinnerte sich an den Brunnen: Stolz schließen. Und an das Feuer: warten, wenn es klug ist. Und an die Verbindung: nicht ziehen.

Er hob die Schale mit dem Funken zwischen sie beide, sodass das Licht auf ihre Gesichter fiel. „Wir machen es anders.“

Das Tor brummte. „Es gibt nur diese Wahl.“

„Dann wählen wir die Mitte“, sagte Tarek. Er wandte sich an Ninsun. „Wir gehen zusammen – aber nicht vollständig.“

Ninsun blinzelte. „Wie meinst du das?“

Tarek nahm die Klinge aus der Scheide und legte sie vor das Tor, auf den Boden. „Ich lasse etwas zurück: meine Waffe. Das ist Maß. Und ich nehme etwas mit: meinen Schritt. Das ist Mut.“

Ninsun verstand. Sie zog ihre Feder hervor, zögerte, dann legte sie sie ebenfalls neben die Klinge. „Und ich lasse etwas zurück: meine Möglichkeit, mich hinter Worten zu verstecken. Ich nehme mit: meinen Blick.“

Das Tor schwieg. Dann fragte es, leiser: „Ohne Waffe? Ohne Feder?“

Tarek nickte. „Zuhören, Wärme und Verbindung reichen. Wenn sie echt sind.“

Der Funke flackerte, als würde er klatschen. Das Lichtband zwischen ihnen wurde weich, nicht straff. Und das Tor öffnete sich nicht wie eine Tür, sondern wie ein Atemzug: Die schwere Luft in der Mitte wurde plötzlich leicht.

„Gleichgewicht erkannt“, sagte das Tor. „Tretet ein – langsam.“

Sie machten einen Schritt. Der Boden hinter dem Tor war ein schmaler Pfad aus dunklem Stein, der über die Tiefe führte. Er war so breit wie zwei Füße nebeneinander. Nebel kroch darunter, als würde er nach ihren Knöcheln greifen.

Ninsun flüsterte: „Ich hasse schmale Wege.“

„Dann geh nicht in Gedanken voraus“, sagte Tarek. „Geh hier.“

Sie gingen. Jeder Schritt war ein kleines Abkommen mit der Angst. Manchmal wackelte der Pfad, und Tarek wollte schneller werden, aber das Band erinnerte ihn. Ninsun wollte manchmal stehen bleiben, aber die Wärme des Funkens erinnerte sie: Bewegung ist auch Schutz.

In der Mitte des Pfades, wo der Abgrund am lautesten schwieg, tauchte ein Schatten auf. Er hatte keine Form, nur Absicht. Er glitt auf sie zu wie ein schlechtes Gerücht.

„Gebt mir eure Gaben“, flüsterte der Schatten. „Dann wird es leichter.“

Tarek hörte hin. Nicht auf die Worte, sondern auf das, was darunter lag: Gier. Abkürzung. Der alte Trick.

„Nein“, sagte er.

Ninsun hielt die Schale hoch, und der Funke leuchtete heller, nicht aggressiv, sondern ehrlich. Der Schatten zuckte zurück, als hätte man ihm die Wahrheit gezeigt.

„Ihr seid klein“, zischte er.

„Und du bist leer“, sagte Ninsun. „Das ist schlimmer.“

Der Schatten versuchte, zwischen sie zu drängen. Das Lichtband spannte sich, aber riss nicht. Tarek und Ninsun blieben im Takt, Schulter an Schulter, nicht zu dicht, nicht zu weit. Gleichgewicht, Schritt für Schritt. Der Schatten glitt ab, als hätte er keinen Halt an ihnen gefunden, und löste sich im Nebel auf.

Am Ende des Pfades wartete fester Boden. Hinter ihnen schloss sich das Tor nicht mit einem Knall, sondern mit einem ruhigen Klicken, wie ein Buch, das zufrieden ist.

Kapitel 7: Die Rückkehr mit leichten Händen

Auf der anderen Seite des Tores war die Welt anders, aber nicht fremd. Es gab dort keinen Schatzberg, keine goldenen Kronen. Stattdessen stand ein einzelner Baum, der auf einem Felsen wuchs, obwohl kein Boden zu sehen war. Seine Blätter waren silbern, und zwischen ihnen hingen Früchte, die wie kleine Lampen schimmerten.

Ninsun trat näher. „Was ist das?“

Eine leise Stimme kam aus den Blättern, nicht laut, eher wie ein Gedanke, der freundlich anklopft. „Ein Ort, an dem Gleichgewicht bewahrt wird. Ihr habt das Tor beruhigt. Dafür dürft ihr eine Erinnerung mitnehmen.“

Tarek sah Ninsun an. „Eine Erinnerung?“

„Nicht eure“, sagte die Stimme. „Eine, die ihr teilen könnt. Damit eure Welt nicht vergisst, dass Mut und Maß zusammengehen.“

Ninsun blickte auf ihre leeren Hände. „Aber wir haben keine Feder.“

„Du hast Worte“, sagte Tarek.

Sie standen unter dem Baum. Eine der leuchtenden Früchte löste sich und schwebte langsam herab, bis sie zwischen ihnen in der Luft hing. Darin sahen sie ein Bild: eine Stadt, die lacht, obwohl der Wind stark ist; ein Kind, das einem Fremden Wasser reicht; ein Wächter, der zuhört; eine Schreiberin, die nicht flieht.

Ninsuns Augen wurden groß. „Das… das ist wie eine Geschichte ohne Tafel.“

Tarek streckte die Hand aus, berührte die Frucht nicht, sondern hielt sie nur, als würde er sie stützen. Die Frucht wurde zu einem kleinen Licht, das sich in ihre Handflächen teilte und dann in ihre Brust sank, warm und ruhig.

Als sie wieder durch das Tor traten – das nun offen war wie ein freundlicher Eingang – lagen Klinge und Feder noch da. Tarek nahm seine Klinge auf. Sie fühlte sich nicht schwerer an, nur ehrlicher. Ninsun hob ihre Feder auf und drehte sie zwischen den Fingern.

„Sieht aus wie vorher“, sagte sie.

„Und doch nicht“, antwortete Tarek.

Auf dem Rückweg waren die Steine am Pfad nicht still. Sie klangen leise, als würden sie ihnen Platz machen. Als sie den Brunnen passierten, lachte er nicht mehr über sie, sondern mit ihnen. Und als sie am Herdfeuer vorbeikamen, zeigte es kurz das Bild von zwei Reisenden, die nicht stolperten, weil sie perfekt waren, sondern weil sie sich fingen.

In der Stadt empfing sie der Rat mit ernsten Gesichtern. Doch als Tarek und Ninsun ihre Geschichte erzählten, wurden die Gesichter weicher, als hätten die Leute vergessen, dass auch Erwachsene atmen dürfen.

Später saß Ninsun wieder im Archiv. Die Sonnentafeln glühten im Abendlicht. Sie schrieb, schnell und sauber, aber diesmal kratzte sie weniger.

Tarek stand in der Tür. „Schreibst du schon wieder Sprüche für Wände?“

Ninsun sah auf und grinste. „Nein. Ich schreibe eine Geschichte für Menschen.“

Tarek nickte. „Gut. Und wenn das Tor wieder ruft?“

Ninsun tippte mit der Feder auf die Tafel. „Dann gehen wir. Mit Mut. Mit Maß. Und wenn du vergisst zu lächeln, erinnere ich dich. Einmal pro Woche, sonst rostet es.“

Tarek ließ ein echtes Lächeln zu, warm und kurz. Draußen senkte sich die Sonne, und irgendwo weit weg schwieg der Abgrund – nicht hungrig, sondern ruhig, als hätte er endlich gehört, was er hören musste.

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Lapislazuli
Ein blauer Edelstein, den man oft für Schmuck oder Augen an Statuen benutzt.
Kalk
Ein heller Stein oder Putz, aus dem manche Gebäude gebaut sind.
Klinge
Der scharfe Teil eines Messers oder Schwerts, mit dem man schneiden kann.
Pförtner
Eine Person, die bei einem Tor oder Eingang aufpasst und Leute reinlässt.
Irrtümern
Fehler oder falsche Dinge, die man später korrigieren muss.
Absichten
Was jemand vorhat oder plant zu tun, also sein Ziel oder Vorhaben.
Saite
Ein dünner Faden aus Metall oder Darm, der bei Instrumenten Töne macht.
Knorrigen
Beschreibt einen alten, gebogenen Baum mit dicken, verdrehten Ästen.
Brunnenmundes
Der Rand oder die Öffnung eines Brunnens, durch die man hineinblickt.
Poliert
Wenn etwas glatt und glänzend gemacht wurde, zum Beispiel durch Reiben.
Echos
Töne oder Wörter, die zurückkommen, wenn sie an eine Wand oder Wasser treffen.
Herdfeuer
Das Feuer in einer Küche oder am Herd, wo man zum Kochen benutzt.
Gleichgewicht
Der Zustand, in dem etwas stabil ist und nicht umkippt oder aus der Mitte gerät.

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