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Fantastischer Mythos 11/12 Jahre Lesen 28 min.

Die fehlende Note und der Kojot aus Rauch

Der schweigsame Nayaq macht sich mit dem schelmischen Kojoten Husch auf die Suche nach einer fehlenden Note eines alten Liedes und besteht Prüfungen bei drei Hütern, die ihn Geduld, Zuhören und Vertrauen lehren.

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Ein erwachsener Mann, Nayaq, mit ruhigem, erleichtertem Gesicht sitzt bei einem Lagerfeuer, kurze schwarze Haare, schlanke Gestalt, abgenutzter brauner Mantel, staubige Lederstiefel, ein Anhänger aus Knochen und Kupfer mit kleiner sichtbarer Spirale, er hält eine hellholzflöte mit feinen Gravuren an den Lippen, als habe er gerade eine Melodie gespielt; eine wichtige Nebenfigur ist ein Kojote namens Husch mit fuchsfarbenem Fell durchzogen von rauchigem Grau und schelmisch bernsteinfarbenen Augen, ausgestreckt auf einer niedrigen Holzbank am Feuer, die Schnauze erhoben und schelmisch lächelnd zu Nayaq schauend; eine ältere Frau (etwa 60) mit sanft faltiger Haut, grauen Dutt, fleckiger Schürze steht in der Tür einer kleinen roten Steinhütte, hält eine Holzschöpfkelle und einen großen Becher dampfender Suppe und lächelt wohlwollend; Ort: Tal mit polierten roten Felsen, ein kleiner silberner Fluss im Hintergrund, Strohdachsteinhütten, abendlicher Himmel von Rosa-Orange zu Mitternachtsblau mit ersten Sternen, niedrige silberne Gräser und moosbedeckte Steine um den Feuerkreis; Hauptszene: Nayaq unterbricht die Melodie, eine kleine goldene Lichtnote steigt vom Feuer wie ein tropfenartiges, warmes musikalisches Symbol, verbindet Flöte und Klänge und steigt sanft gen Himmel; Stimmung warm durch Feuerfarben, Kontrast zu den sanften Abendblauen; Stil: einfache expressive Vektorillustration mit klaren Linien, gesättigten aber weichen Farben, leichten Texturen auf Kleidung und Steinen, gut lesbaren, einfühlsamen Gesichtsausdrücken. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Das Lied mit der Lücke

In den Nächten, in denen der Mond wie ein stilles Auge über den Kiefern hing, hörte man im Tal der Roten Steine ein Lied, das nicht ganz fertig war. Es begann klar wie Quellwasser, es stieg an wie ein Falke im Aufwind — und dann stolperte es, genau an einer Stelle, als hätte jemand eine Stufe aus der Treppe genommen.

Nayaq ging dann immer hinaus.

Er war ein erwachsener Mann, schmal wie ein junger Baum und doch mit Schultern, die Geschichten tragen konnten. Seine Haare waren dunkel, seine Augen ruhig, und um den Hals trug er einen Anhänger aus Knochen und Kupfer, in den eine winzige Spirale geschnitzt war. Niemand im Tal wusste genau, woher er kam. Manche sagten: aus dem Nebel, der morgens zwischen den Felsen schläft. Andere meinten: aus einem Lied, das zu lange in einem Ohr geblieben war.

Nayaq selbst sagte selten etwas über seine Vergangenheit. Aber wenn er doch sprach, klangen seine Worte, als hätten sie vorher kurz in einer Trommel gelegen.

In dieser Nacht stand er am Rand des Flusses und lauschte. Das Lied kam vom Wasser her, als würde der Strom singen. Es war ein altes Lied, älter als die Wege, älter als die Namen. Es erzählte von der ersten Feuerstelle, vom ersten Hirsch, von der ersten Hand, die einen Stern zeigen wollte.

Und dann: die Lücke.

Nayaq presste die Finger an seinen Anhänger. „Da fehlt eine Note“, murmelte er. „Nicht irgendeine. Die eine.“

Hinter ihm knirschte Kies. Eine Stimme, frech und hell, sagte: „Vielleicht hat sie jemand geklaut. Notendiebe gibt's bestimmt.“

Nayaq drehte sich nicht erschrocken um. Er tat das nie. Er wartete, bis die Welt sich sortiert hatte.

Auf einem Stein hockte ein Kojot, aber nicht ganz. Sein Fell schimmerte, als wäre es aus Rauch gewebt, und seine Augen funkelten wie zwei winzige Feuerfliegen. Er grinste so breit, als hätte er irgendwo ein Geheimnis gefunden und es schmeckte ihm.

„Du bist nicht echt“, sagte Nayaq.

„Ich bin echt genug“, erwiderte der Kojot. „Nenn mich Husch. Oder Lass-es. Oder Was-soll's. Namen sind wie Blätter: Man kann sie wechseln.“

„Warum bist du hier?“

Husch sprang vom Stein, landete ohne Geräusch und schnupperte in Richtung Fluss. „Weil du zuhörst, und Zuhörer sind selten. Außerdem…“ Er setzte sich, legte den Kopf schief. „…du suchst etwas, das man nicht einfach findet, indem man es sucht.“

Nayaq sah hinüber zum Wasser. Die Oberfläche glitzerte, als hätten die Sterne kleine Münzen hineinfallen lassen. „Ich muss die fehlende Note lernen.“

„Lernen?“, kicherte Husch. „Du meinst, du willst sie besitzen.“

„Nein“, sagte Nayaq langsam. „Nicht besitzen. Verstehen. Einsetzen. Das Lied soll wieder ganz sein.“

Husch schnalzte. „Das ist schon besser. Dann hör zu: Die fehlende Note ist nicht weg. Sie hat sich versteckt. Und sie versteckt sich nicht in einer Höhle oder unter einem Stein. Sie versteckt sich in einer Prüfung.“

Nayaq hob eine Augenbraue. „In welcher?“

Der Kojot zeigte mit der Schnauze zum Norden, wo die Berge wie dunkle Zähne in den Himmel ragten. „Dort, wo die Wolken an den Spitzen hängen wie alte Decken. Dort ist der Pfad der drei Hüter. Wenn du die Note wirklich lernen willst, musst du sie dir verdienen. Schritt für Schritt. Atemzug für Atemzug.“

Nayaq atmete ein. Die Luft roch nach Kiefernharz und kaltem Stein. Er hatte Angst — aber sie war leise, wie ein Tier, das man nicht reizen will.

„Dann gehe ich“, sagte er.

Husch sprang auf, als hätte er darauf gewartet. „Natürlich gehst du. Du gehst, du stolperst, du stehst wieder auf. Das ist deine Art. Ich komme mit. Jemand muss doch lachen, wenn du zu ernst wirst.“

Nayaq konnte es nicht verhindern: Seine Mundwinkel zuckten. „Dann komm. Aber stör nicht, wenn ich höre.“

„Ich störe nie“, sagte Husch und grinste so unschuldig, dass es verdächtig war.

Sie gingen los, hinein in den Wald, hinein in den Mythos, hinein in die Nacht, die schon viele Füße gesehen hatte.

Kapitel 2: Der Pfad aus Sternenasche

Am Morgen war der Himmel milchig, als hätte jemand ihn mit einem Finger verwischt. Der Wald stand still, nur ab und zu knarrte ein Ast wie ein altes Knie.

Der Pfad nach Norden war kein normaler Weg. Manchmal war er deutlich, mit flachen Steinen, die wie Trittplatten lagen. Dann wieder verschwand er, und Nayaq musste sich an Zeichen orientieren: an eingeritzten Spiralen in Baumrinde, an Federn, die so platziert waren, als hätten sie eine Absicht, und an kleinen Häufchen grauer Asche.

„Sternenasche“, erklärte Husch, der nebenherlief, ohne jemals wirklich außer Atem zu sein. „Wenn ein Stern vom Himmel fällt und jemand ihn heimlich wieder hochwirft, bleibt das übrig.“

„Du denkst dir das aus“, sagte Nayaq.

„Ich denke vieles“, antwortete Husch. „Manches ist ausgedacht. Manches ist nur zu alt, um noch neu zu klingen.“

Sie stiegen höher. Der Wind wurde kühler. Immer wieder blieb Nayaq stehen, legte die Hand an einen Felsen, als würde er prüfen, ob er atmete. Er hörte. Nicht nur mit den Ohren. Mit den Fußsohlen, mit der Haut, mit dem kleinen, stillen Raum hinter dem Brustbein.

Das Lied war noch da — weit weg, aber wie ein Faden, der nicht reißt.

Gegen Mittag kamen sie an eine Schlucht. Unten tobte Wasser, weiß und wütend, und die Felsen waren glatt wie gewaschene Knochen. Es gab eine Brücke aus dicken Lianen und Holz, die aussah, als hätte sie schon hundert Stürme überlebt und keine Lust auf den hundertundersten.

Husch trat auf die erste Planke und wippte. „Sie hält. Vielleicht.“

Nayaq betrachtete die Brücke. Seine Stirn spannte sich. „Ich gehe langsam.“

„Langsam ist gut“, sagte Husch. „Langsam ist klug. Aber langsam ist auch… langweilig. Ich gehe vor.“

„Nein.“

„Doch.“

Bevor Nayaq ihn packen konnte, war Husch schon auf der Brücke, tänzelte, drehte sich einmal im Kreis und rief: „Siehst du? Kinderleicht!“

Genau in dem Moment knarrte es laut. Eine Liane rutschte. Die Brücke schwang, als hätte sie kurz überlegt, ob sie Husch ins Wasser werfen wollte.

Husch wurde blass — soweit ein Rauchkojot blass werden kann. „Äh. Vielleicht… doch nicht kinderleicht.“

Nayaq ging los. Schritt für Schritt. Er ließ sich nicht vom Schaukeln anstecken, sondern gab ihm seinen eigenen Rhythmus. Er atmete ein, atmete aus. Er zählte nicht. Er hörte.

Mitten auf der Brücke kam der Wind von unten hoch, kalt und feucht, und brachte einen Ton mit. Nur einen. Er war so kurz, dass man ihn fast verpasste — wie das Glitzern einer Forelle.

Nayaq blieb stehen, obwohl die Brücke wackelte.

„Nicht stehenbleiben!“, zischte Husch panisch. „Das ist der Moment, wo man stirbt und alle sagen: ‚Er war sehr musikalisch.‘“

„Still“, flüsterte Nayaq.

Der Ton schwebte wieder herauf. Ein Hauch, ein Pfeifen zwischen Felsen, ein dünner Silberfaden. Nayaq ließ ihn durch sich hindurchgehen. Nicht festhalten. Nicht jagen. Nur da sein lassen.

Als er weiterging, hatte er den Ton nicht „geschnappt“. Aber er hatte ihn berührt, wie man die Oberfläche eines Sees berührt, um zu wissen, dass er wirklich da ist.

Auf der anderen Seite fielen sie fast gleichzeitig auf sicheren Boden. Husch schnaufte dramatisch. „Ich bin sehr tapfer“, sagte er und legte sich flach auf den Bauch. „Extrem tapfer.“

Nayaq setzte sich neben ihn und sah zurück zur Schlucht. „Das war der erste Hinweis.“

„Hinweis?“, stöhnte Husch. „Ich nenne das ‚Beinahe-Bad‘.“

Nayaq lächelte. „Die Note ist nah genug, um mich zu prüfen.“

Husch hob den Kopf. „Und du bist stur genug, um sie zu bestehen.“

Sie gingen weiter. Der Pfad wurde steiniger. Über ihnen kreiste ein Adler, als würde er mitzählen, wie oft Nayaq den Blick nach vorne richtete, statt nach unten.

Kapitel 3: Die Steinschildkröte und das Echo

Am zweiten Abend erreichten sie eine Hochebene, auf der das Gras kurz und silbrig war. Dort stand etwas, das zuerst wie ein kleiner Hügel aussah. Dann sah Nayaq die rissige Oberfläche, die Muster, die an Panzerplatten erinnerten. Und er sah den Kopf.

Eine Schildkröte, groß wie eine Hütte, aus Stein und doch lebendig. In ihren Augen lag die Geduld von Jahrhunderten.

Husch wurde plötzlich leiser. „Oh. Sie.“

Die Steinschildkröte bewegte sich so langsam, dass es fast wie Stillstand war. Doch als sie sprach, rollte ihre Stimme über die Ebene, tief und warm wie ein ferner Donner.

„Wer kommt über Sternenasche und Schluchtwind?“

Nayaq trat vor, die Hände offen. „Ich bin Nayaq. Ich suche eine fehlende Note.“

Die Schildkröte blinzelte. Ein winziger Stein splitterte von ihrem Lid ab und fiel ins Gras. „Viele suchen. Wenige hören.“

„Ich will lernen“, sagte Nayaq. „Damit das Lied wieder ganz wird.“

„Lernen bedeutet wiederholen“, sagte die Schildkröte. „Wiederholen bedeutet bleiben, wenn es unbequem wird.“

Husch murmelte: „Unbequem ist mein zweiter Vorname.“

Die Schildkröte ignorierte ihn, als wäre er ein Windhauch. „Die Note, die du suchst, wohnt im Echo. Nicht im lauten Echo, das nur nachplappert, sondern im Echo, das sich erinnert.“

Nayaq sah sich um. Die Ebene war weit, und am Rand standen Felsen in einer Reihe, wie Zuhörer.

„Was soll ich tun?“, fragte er.

Die Schildkröte hob den Kopf ein wenig. „Sprich deinen eigenen Namen in die Steine. Und warte, bis er zurückkommt. Aber wenn das Echo lügt, darfst du nicht zornig werden. Wenn das Echo schweigt, darfst du nicht verzweifeln. Du musst bleiben.“

Nayaq nickte. Er ging zu den Felsen. Sie waren grau, aber in ihnen glitzerten kleine Adern wie eingefrorenes Licht.

Er stellte sich gerade hin. Der Wind strich an ihm vorbei, als wolle er ihn anstupsen.

„Nayaq!“, rief er.

Seine Stimme flog hinaus und schlug gegen die Felsen. Ein Echo kam zurück — doch es war nicht sein Name. Es klang wie „Na… ja…“, als würde jemand lachen.

Husch prustete. „Ha! Die Steine finden dich witzig.“

Nayaq spürte, wie Hitze in ihm aufstieg. Es war nicht schön, ausgelacht zu werden, nicht einmal von Steinen. Aber er erinnerte sich: nicht zornig werden.

Er atmete. Er wartete.

Er rief noch einmal: „Nayaq!“

Diesmal kam das Echo in drei Teilen zurück, als hätte es Mühe, die Silben zu tragen: „Na… ya… q.“

Es klang richtig und doch nicht ganz. Als würde es die letzte Ecke verschlucken.

Nayaq setzte sich ins Gras. Der Himmel färbte sich langsam von Milch zu Aprikose. Minuten wurden weich.

Husch lief um ihn herum, fand einen Käfer und erklärte ihm, er solle „ein bisschen schneller arbeiten“. Der Käfer ließ sich nicht beeindrucken.

Nayaq blieb. Er blieb, als die Kälte kam. Er blieb, als sein Rücken schmerzte. Er blieb, als seine Gedanken anfingen, dumme Dinge zu sagen wie: „Vielleicht bist du nicht gut genug.“

Er blieb.

Und dann, als die ersten Sterne sich zeigten, kam das Echo wieder — ohne dass Nayaq gerufen hatte. Es war ein Ton, nur ein Ton, der sich wie ein warmer Tropfen in die Luft setzte. Kein Wort. Keine Silbe. Ein Klang, der zwischen den Felsen geboren wurde und gerade deshalb echt war.

Nayaq schloss die Augen. Der Ton war runder als der Schluchtwind-Ton, tiefer, wie eine Hand auf einer Trommel. Er floss in ihn hinein und blieb nicht stecken. Er fand einen Platz.

Als Nayaq die Augen öffnete, sah er die Steinschildkröte näher, obwohl sie sich kaum bewegt haben konnte.

„Du bist geblieben“, sagte sie.

„Ja“, antwortete Nayaq heiser.

„Dann weißt du: Die Note wird dir nicht gehorchen. Du musst ihr Raum geben.“

Husch nickte ernst, was bei ihm selten vorkam. „Raum geben. Nicht jagen. Hab ich schon mal gehört. Hat mir keiner geglaubt.“

Die Schildkröte wandte den Blick nach Norden. „Der zweite Hüter wartet im Tal des blauen Rauchs. Dort wird deine Geduld ein zweites Mal auf die Probe gestellt. Und vergiss nicht: Ein Lied ist nicht nur Klang. Ein Lied ist Atem.“

Nayaq stand auf. In seinem Innern war etwas schwerer geworden — aber nicht als Last. Eher wie ein Stein im Flussbett, der dem Wasser eine Richtung gibt.

„Danke“, sagte er.

Die Schildkröte schloss die Augen. „Geh. Und wiederhole, was du gelernt hast, in jedem Schritt.“

Nayaq und Husch gingen, und hinter ihnen lag die Ebene still, als hätte sie ein Geheimnis verschluckt und sei zufrieden damit.

Kapitel 4: Der Hüter im blauen Rauch

Das Tal des blauen Rauchs machte seinem Namen alle Ehre. Zwischen niedrigen Hügeln hing ein Dunst, der wie gefärbter Atem aussah. Er roch nach Salbei und etwas Metallischem, wie nasser Stein.

„Wenn ich huste, klingt es bestimmt poetisch“, sagte Husch und tat es sofort. Sein Husten klang wie ein schlecht gestimmtes Instrument.

Nayaq zog sein Tuch über Mund und Nase. „Bleib nah.“

„Ich bleibe immer nah. Ich bin wie ein Schatten, nur hübscher“, behauptete Husch.

Im Rauch standen Pfähle, in die Symbole geritzt waren: Spiralen, Wellen, ein Kreis mit einem Punkt. Dazwischen lagen Knochen, ordentlich, nicht wie nach einem Kampf, sondern wie nach einem Ritual.

Sie hörten Schritte, obwohl sie selbst still standen.

Aus dem Dunst trat eine Gestalt, hoch und schlank, eingehüllt in einen Mantel aus Federn, die im blauen Licht schimmerten. Ihr Gesicht war teilweise hinter einer Maske verborgen, die wie ein Vogelschnabel geformt war.

„Wer sucht, stört“, sagte die Gestalt.

Husch flüsterte: „Sympathisch.“

Nayaq trat vor. „Ich suche eine fehlende Note.“

„Eine Note“, wiederholte der Hüter. „Du meinst: Macht. Öffnung. Schlüssel.“

„Nein“, sagte Nayaq. „Ich meine: Vollständigkeit.“

Der Hüter lachte leise. Es klang wie trockenes Laub. „Viele sagen das. Wenige meinen es. Der Rauch zeigt, was man versteckt.“

Nayaq spürte, wie der Dunst sich um seine Gedanken legte. Bilder tauchten auf, ohne Einladung: Er sah sich selbst allein, als Kind, wie er einer Flöte lauschte, die niemand sonst hörte. Er sah, wie er fortging, weil er glaubte, er müsse etwas „finden“, um ganz zu sein. Er sah Gesichter, die er nicht verabschiedet hatte.

Husch wurde ebenfalls still. Sein Grinsen war verschwunden. „Ich mag Rauch nicht“, murmelte er.

„Die Prüfung“, sagte der Hüter, „ist einfach: Spiele das Lied, das du schon hast. Spiele es bis zur Lücke. Und dann… halte aus, dass sie da ist.“

Nayaq schluckte. „Ich habe kein Instrument.“

Der Hüter hob eine Hand. Aus dem Rauch schälte sich eine Flöte, schlicht, aus hellem Holz, mit einem Band aus roter Faser. Sie schwebte einen Moment und landete in Nayaqs Händen, als wäre das normal.

„Du weißt, wie man atmet“, sagte der Hüter. „Das genügt.“

Nayaq hob die Flöte. Seine Finger fanden die Löcher, als hätten sie sich daran erinnert. Er atmete ein. Der Rauch schmeckte bitter, aber dahinter lag der Salbei, beruhigend.

Er spielte.

Die Töne kamen klarer, als er erwartet hatte. Sie zogen eine Linie in den Dunst, und der Dunst wich ein wenig, als würde er Platz machen. Nayaq spielte das alte Lied vom ersten Feuer, vom ersten Hirsch, vom ersten Sternzeichen.

Und dann kam die Stelle.

Die Lücke.

Seine Finger wollten automatisch „irgendetwas“ setzen, irgendetwas, um das Stolpern zu vermeiden. Sein Kopf schrie: Füll sie! Tu so, als wäre sie nie da gewesen!

Aber er erinnerte sich an die Schildkröte. Raum geben. Nicht jagen.

Nayaq ließ die Lücke stehen.

Er spielte nicht weiter. Er hielt die Flöte an den Lippen und atmete nur. Ein Atemzug. Noch einer. Der Rauch drückte auf seine Brust, als wollte er ihn zum Schnellsein zwingen.

Husch flüsterte: „Das ist gemein. Das ist wirklich gemein.“

Nayaq blieb. Er blieb, obwohl sich in ihm alles sträubte. Er blieb, weil ein Lied ehrlich sein musste, auch mit einer Lücke.

Dann geschah etwas Seltsames: Der Rauch begann selbst zu klingen. Nicht laut. Eher wie eine Erinnerung an Musik. Ein Ton stieg auf, zart wie das Schimmern einer Seifenblase — und er war genau dort, wo die Lücke war.

Nayaq spürte ihn, bevor er ihn verstand. Er war nicht wie der Schluchtwind-Ton und nicht wie das Echo. Er war dazwischen, verbindend, wie eine Brücke.

Der Hüter neigte den Kopf. „Du hast die Lücke nicht bekämpft. Du hast sie eingeladen.“

Nayaq ließ die Flöte sinken. Seine Hände zitterten.

„Ist das… die fehlende Note?“, fragte er.

„Ein Teil von ihr“, sagte der Hüter. „Die Note ist kein einzelner Stein. Sie ist ein Pfad aus drei Steinen. Du hast den zweiten berührt.“

Husch atmete aus, als hätte er das selbst die ganze Zeit gehalten. „Puh. Ich habe fast vergessen, wie man nicht dramatisch ist.“

Der Hüter trat näher. „Der dritte Hüter ist der, den du am wenigsten erwartest. Er wartet nicht auf einem Berg. Nicht in einem Tal. Er wartet dort, wo du dich wärmen willst.“

„Wärmen?“, wiederholte Nayaq.

Der Hüter hob die Hand, und der Rauch teilte sich, zeigte einen Weg nach Osten, wo das Land sanfter wurde. „Geh weiter. Und verliere die Note nicht, indem du sie festklammerst.“

Nayaq nickte. „Ich werde sie tragen, nicht drücken.“

Der Hüter verschwand im Dunst, als wäre er nie da gewesen. Nur der Salbeigeruch blieb, und der kleine, neue Ton in Nayaqs Brust, der bei jedem Atemzug leise mitwippte.

Kapitel 5: Das Feuer, das zuhört

Sie wanderten zwei weitere Tage. Der Wald wurde lichter, die Bäume standen weiter auseinander, und der Himmel wirkte größer. Abends färbte sich alles gold, als hätte jemand Honig über die Landschaft gegossen.

Husch war wieder besser gelaunt. Er erzählte Nayaq eine Geschichte darüber, wie er einmal versucht hatte, einem Bären das Tanzen beizubringen. „Der Bär hatte Talent“, behauptete er. „Nur leider war er auch sehr… bärig.“

Nayaq antwortete selten, aber manchmal lachte er kurz, und jedes Lachen machte das Wandern leichter.

Am dritten Abend fanden sie eine verlassene Feuerstelle: ein Kreis aus Steinen, sauber, als hätte jemand ihn gepflegt. Daneben lag ein Stapel trockenes Holz, ordentlich geschichtet. Das war ungewöhnlich. In der Wildnis ließ nichts etwas „ordentlich“ aussehen, außer Absicht.

„Das ist eine Einladung“, sagte Nayaq leise.

Husch schnupperte. „Oder eine Falle. Einladungen sind manchmal Fallen mit gutem Benehmen.“

Nayaq kniete sich hin, nahm zwei Steine aus seiner Tasche — Feuerstein und Schläger — und begann, Funken zu schlagen. Es dauerte. Der Wind spielte dagegen. Ein Funke verglühte, der nächste auch.

Husch seufzte übertrieben. „Du weißt schon, dass es Leute gibt, die Feuer einfach anstarren, bis es aus Mitleid angeht?“

Nayaq antwortete nicht. Er arbeitete weiter. Wieder und wieder. Perseveranz, dachte er nicht als Wort, sondern als Bewegung: noch einmal, noch einmal.

Endlich fing das Zunderbündel Feuer. Eine kleine Flamme züngelte, unsicher, dann wuchs sie, fraß sich in das Holz, wurde zu einem richtigen Feuer. Es knisterte, als würde es sich räuspern.

Nayaq setzte sich davor. Das Licht tanzte auf seinem Gesicht und machte seine Augen älter und zugleich weicher.

„Wenn der dritte Hüter dort wartet, wo man sich wärmen will“, sagte er, „dann…“

Das Feuer knackte. Und in dem Knacken lag Rhythmus.

Nayaq hielt den Atem an. In den Geräuschen: das schnelle Ticken kleiner Holzfasern, das tiefe Seufzen, wenn ein Ast nachgab, das Zischen von Harz — da war etwas wie Musik. Kein Lied, aber die Ahnung eines Liedes.

Husch legte sich hin, den Kopf auf die Pfoten. „Wenn das Feuer zu dir spricht, sag ihm bitte, es soll mich nicht zum Abendessen machen.“

„Hör“, flüsterte Nayaq. „Es ist da.“

Er nahm die Flöte, die ihm der Hüter gegeben hatte. Das Holz war warm geworden, als hätte es am Feuer zugehört.

Nayaq spielte die Töne, die er kannte: den Schluchtwind, das Echo, den Rauchton. Er spielte sie nicht als Sammlung, sondern als Weg. Er ließ sie aneinanderstoßen, sich reiben, sich umarmen. Das Lied begann zu fließen.

Und als er an die Stelle der Lücke kam, spielte er — nichts.

Er ließ Stille.

Die Stille war nicht leer. Sie war voll von Knistern und Atem und Nacht. Voll von Huschs ruhigem Schnaufen. Voll von einem fernen Uhu. Voll von allem, was immer da ist, wenn man endlich aufhört, zu drängeln.

Dann hob das Feuer seine Stimme.

Es war kein Wort. Es war ein Ton, der aus dem Glutkern kam, tief und klar, und er stieg auf wie ein Funke, der nicht verbrennt. Er verband die drei anderen Töne, als wären sie lange getrennte Geschwister.

Nayaq spürte, wie sich in ihm etwas schloss — nicht wie eine Tür, sondern wie ein Kreis, der endlich rund ist. Er wusste: Das ist sie. Die fehlende Note. Nicht „sein“ Besitz, sondern sein Lernen. Sein Erinnern.

Husch öffnete ein Auge. „Du siehst aus, als hättest du gerade verstanden, warum Steine so geduldig sind.“

Nayaq lächelte, müde und glücklich. „Weil sie bleiben. Wie ich bleiben musste.“

Das Feuer knisterte, als würde es zustimmen.

In dieser Nacht träumte Nayaq nicht von Lücken. Er träumte von einem Lied, das über das Tal der Roten Steine zieht, und niemand stolpert. Niemand muss so tun. Alles darf sein: Klang und Pause, Wärme und Wind.

Am Morgen war die Feuerstelle nicht mehr verlassen. Sie war einfach eine Feuerstelle, die ihre Aufgabe erfüllt hatte.

Nayaq stand auf, streckte sich und sagte: „Wir gehen nach Hause.“

Husch sprang auf. „Endlich sagst du mal etwas, das nach Essen klingt.“

Kapitel 6: Die Suppe, die alles rund macht

Der Rückweg fühlte sich kürzer an, obwohl die Strecke gleich war. Vielleicht, weil Nayaq nicht mehr suchte wie jemand, der etwas verloren hat, sondern ging wie jemand, der etwas gelernt hat.

Als sie das Tal der Roten Steine erreichten, war es Abend. Der Fluss sang wieder sein Lied. Nayaq blieb stehen und hörte.

Es war noch immer das alte Lied — vom Feuer, vom Hirsch, vom Stern. Aber nun war da kein Stolpern mehr. An der Stelle der früheren Lücke war eine Note, so selbstverständlich, als wäre sie immer da gewesen. Sie leuchtete nicht grell. Sie passte.

Aus einer der Hütten stieg Rauch auf, warm und freundlich. Ein Geruch kam ihnen entgegen: Zwiebeln, Kräuter, etwas Süßes wie Kürbis.

Eine ältere Frau trat vor die Tür, wischte sich die Hände an der Schürze ab und rief: „Nayaq! Du bist zurück. Und du hast…“ Sie blinzelte. „…einen komischen Hund dabei?“

„Ich bin ein Kojot“, sagte Husch beleidigt. „Ein sehr respektabler. Und außerdem unsichtbar, wenn ich will. Ich wollte nur gerade nicht.“

Die Frau lachte, als wäre das die normalste Antwort der Welt. In diesem Tal wunderte man sich über vieles kurz und vergaß es dann wieder, weil der Alltag wichtiger war.

„Kommt rein“, sagte sie. „Ihr seht aus, als hättet ihr den Wind als Kissen benutzt.“

Drinnen war es hell. Ein Topf stand über dem Feuer, und die Suppe darin blubberte leise, zufrieden wie eine Katze. Dampf beschlug das Fenster. Auf dem Tisch lagen Brotstücke, dick geschnitten.

Nayaq setzte sich, und erst jetzt merkte er, wie sehr seine Beine die Wärme wollten. Husch sprang auf eine Bank und schnupperte so eifrig, dass seine Nase fast in den Dampf fiel.

„Nicht reinfallen“, warnte Nayaq.

„Ich falle nie“, sagte Husch. „Ich gleite höchstens dramatisch ab.“

Die Frau schöpfte Suppe in zwei Schalen — und in eine dritte, weil sie klug war und Kojoten nicht diskutieren wollte. Die Suppe war golden, mit Kräutern, und darin schwammen Stücke von Kürbis und Mais. Der Duft machte die Welt für einen Moment sehr einfach: Hier. Jetzt. Warm.

Nayaq hielt die Schale mit beiden Händen. Er spürte die Hitze durch das Holz. Er atmete ein. Der Dampf stieg auf und legte sich wie eine Decke um seine Gedanken.

„Hast du gefunden, was du gesucht hast?“, fragte die Frau.

Nayaq hörte kurz auf den Fluss draußen. Dann sagte er: „Ich habe gelernt, was gefehlt hat.“

Husch schlürfte laut. „Er hat eine Note gelernt. Und ich habe gelernt, dass Rauch sehr unhöflich sein kann.“

Die Frau schüttelte lachend den Kopf. „Dann esst. Ein gelerntes Ding braucht einen vollen Bauch, sonst rutscht es wieder raus.“

Nayaq nahm den ersten Löffel. Die Suppe war heiß, würzig, tröstlich. Sie schmeckte nach Erde und Sonne und Geduld. Nach all den kleinen „noch einmal“, die ihn hierher und zurück gebracht hatten.

Draußen sang der Fluss sein ganzes Lied. Drinnen klirrten Löffel, und das Feuer atmete ruhig.

Nayaq aß langsam. Er ließ die Wärme in sich wachsen, bis sie nicht nur im Bauch war, sondern auch hinter den Rippen, dort, wo die Note nun wohnte.

Und während Husch versuchte, Brot in Suppe zu tunken, ohne dabei seine Würde zu verlieren, war Nayaq sicher: Manche Dinge lernt man nicht, indem man sie packt. Man lernt sie, indem man bleibt. Indem man hört. Indem man wiederholt. Und indem man am Ende eine warme Suppe teilt.

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Anhänger
Ein kleines Schmuckstück, das man an einer Kette um den Hals trägt.
Spirale
Eine Linie, die sich immer im Kreis dreht und nach innen führt.
Kiefernharz
Eine klebrige, dunkle Flüssigkeit aus Kiefern, schützt den Baum.
Schlucht
Ein sehr tiefer, enger Raum zwischen zwei Felsen mit Wasser unten.
Liane
Eine dicke Kletterpflanze, die wie eine natürliche Seilbrücke hängt.
Sternenasche
Bildlich: kleiner, heller Staub; hier klingt es wie ein besonderer Staub.
Steinschildkröte
Eine große Schildkröte aus Stein, langsam und sehr alt wirkend.
Hochebene
Ein weites, flaches Gebiet, das hoch über dem Meer liegt.
Dunst
Feine, leichte Wolke in Bodennähe, die alles etwas unscharf macht.
Zunderbündel
Material wie trockene Pflanzen, das man benutzt, um Feuer zu entfachen.
Glutkern
Der heiße, rote Teil des Feuers, der lange Wärme hält.
Ritual
Eine feste Abfolge von Handlungen, die eine besondere Bedeutung hat.
Salbei
Eine aromatische Pflanze, die gut riecht und oft beim Kochen verwendet wird.

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