Kapitel 1: Der letzte Nachmittag
Jonas war zehn, loyal wie ein Hundewelpe und manchmal genauso albern. Er trug heute seine rote Mütze, obwohl seine Mutter sagte: „Die brauchst du drinnen nicht.“
„Doch“, meinte Jonas ernst. „Das ist meine Silvester-Mütze. Ohne die rutscht das Jahr bestimmt schief rein.“
In der Küche roch es nach frisch gebackenen Käse-Stangen. Auf dem Tisch standen Schüsseln mit Mandarinen, Salzbrezeln und einer großen Schale Linsensuppe. Oma Hilde rührte darin, als wäre sie eine Zauberin, die Glück anmischt.
„Linsen bringen Geld im neuen Jahr“, erklärte sie.
Jonas hob eine Linse auf seinen Löffel und hielt sie hoch. „Hallo, zukünftige Münze!“
Oma lachte. „Du bist unmöglich. Und genau deshalb mag ich dich.“
Draußen knisterte der Frost, und die Fenster waren ein bisschen blind vor Kälte. Jonas klebte eine Papiergirlande ans Wohnzimmerregal, die er mit seiner kleinen Schwester Mina gebastelt hatte. Mina war sieben und klebte grundsätzlich alles fest – sogar fast Jonas' Ellbogen.
„Mina! Ich brauche den Arm noch!“
„Dann wackel nicht so“, sagte sie frech und drückte das Klebeband fest.
Papa kam mit einem Karton ins Wohnzimmer. „Überraschung: Wunderkerzen, Knallbonbons und… ein bisschen Konfetti.“
„Konfetti ist gefährlich“, sagte Mama und verschränkte die Arme. „Das findet man im März noch im Socken.“
Papa grinste. „Dann haben wir im März noch Silvester.“
Jonas sah aus dem Fenster. Auf dem Balkon stand schon die Kiste mit den guten warmen Decken. In seinem Bauch zappelte Vorfreude wie ein kleines Kaninchen.
„Um Mitternacht“, flüsterte Jonas, „gucke ich das Feuerwerk. Ganz vorne. Also… am Balkon vorne.“
„Ganz vorne, aber nicht ganz draußen“, sagte Mama. „Und du teilst die Decke.“
„Immer“, versprach Jonas. Er meinte es auch so.
Kapitel 2: Die kleine Wunschwerkstatt
Als es dunkel wurde, schalteten sie die Lichterkette ein. Sie blinkte so, als zwinkerte das Wohnzimmer dem Abend zu. Oma stellte ein kleines Schälchen mit winzigen Zettelchen auf den Tisch.
„Wunschzettel“, verkündete sie. „Jeder schreibt einen Wunsch für das neue Jahr. Aber nicht nur für sich. Auch für jemand anderen.“
Mina rief: „Ich wünsche mir ein Einhorn!“
Oma hob eine Augenbraue. „Und für jemand anderen?“
Mina dachte nach, bis ihre Stirn Falten machte. „Für Jonas… ein… äh… Einhorn mit zwei Hörnern!“
Jonas prustete. „Danke. Das wird schwer zu füttern.“
Jonas nahm einen Zettel und einen Stift. Er schrieb langsam, damit die Buchstaben schön wurden. Er wollte etwas, das wirklich passte. Etwas zum Teilen.
„Was schreibst du?“ fragte Papa.
Jonas hielt den Zettel zu. „Geheim. Sonst läuft der Wunsch weg.“
Mama hatte ein kleines Bleigieß-Set aus der Schublade geholt, aber Oma schüttelte den Kopf. „Dieses Jahr machen wir es anders. Wir machen… Teegießerei.“
„Teegießerei?“ Jonas blinzelte.
Oma hielt einen Teebeutel hoch. „Wir lassen Teeblätter im Glas schwimmen und gucken, welche Form entsteht. Ganz ungefährlich. Und trotzdem geheimnisvoll.“
Sie füllten Gläser mit heißem Wasser. Die Teeblätter tanzten, drehten sich, sanken und stiegen wieder auf, als würden sie Geschichten erzählen.
Mina starrte in ihr Glas. „Meins sieht aus wie ein Drache!“
Papa beugte sich vor. „Oder wie eine Banane, die mutig sein will.“
„Drache!“ bestimmte Mina.
Oma nickte feierlich. „Dann wird das Jahr für dich stark.“
Jonas' Teeblätter formten etwas, das aussah wie ein kleiner Bumerang oder wie ein Lächeln mit Haken.
„Das ist ein…“ Jonas suchte nach einem Wort.
„Rückkehr-Lächeln“, sagte Oma sofort. „Du schickst Freundlichkeit raus, und sie kommt zurück.“
Jonas grinste. „Das nehme ich.“
Dann stellten sie eine Schale in die Mitte, und jeder faltete seinen Wunschzettel ganz klein. Jonas schaute zu, wie die Zettel hineinfielen, wie kleine Schneeflocken aus Papier.
„Und jetzt?“ fragte Mina.
Oma deutete auf die Schale. „Jetzt warten wir. Wünsche mögen es, wenn man ihnen Zeit gibt.“
Kapitel 3: Der Nachbar mit den leeren Händen
Später klingelte es. Jonas hüpfte zur Tür, weil er immer zur Tür hüpfte, als wäre der Boden Lava.
Draußen stand Herr Kroll aus dem dritten Stock. Er hatte eine Wollmütze auf, die ihm ein bisschen zu groß war, und ein Lächeln, das heute nicht richtig sitzen wollte.
„Guten Abend“, sagte er. „Entschuldigung, dass ich störe. Ich wollte nur… äh…“
Er hielt eine leere Tüte hoch, als hätte er sie unterwegs verloren.
Mama trat neben Jonas. „Herr Kroll, kommen Sie rein. Draußen ist es ja eisig.“
Herr Kroll zögerte. „Ich wollte eigentlich nur fragen, ob… ob vielleicht jemand eine Mandarine übrig hat. Ich hatte vergessen einzukaufen. Und ehrlich gesagt… ich mag es nicht, allein ins neue Jahr zu rutschen.“
Jonas spürte, wie etwas in ihm „Plopp“ machte. Ein Gefühl wie: Jetzt ist Teilen dran.
„Wir haben viele Mandarinen“, platzte er heraus. „Und Linsensuppe! Und Käse-Stangen! Und… äh… Konfetti, aber das ist gefährlich.“
Herr Kroll lachte zum ersten Mal richtig. „Dann lieber die Suppe.“
Papa stellte einen extra Stuhl an den Tisch. Mina rückte ihren Teller ein Stück zur Seite, als wäre Platzmachen ein eigenes Fest.
„Willst du auch einen Wunschzettel schreiben?“ fragte Jonas.
Herr Kroll sah auf die Schale mit den gefalteten Zetteln. „Darf ich?“
„Klar“, sagte Oma. „Wünsche sind wie Kekse. Wenn man sie teilt, werden es gefühlt mehr.“
Herr Kroll schrieb lange. Jonas versuchte nicht zu spicken, auch wenn es in seinen Augen kitzelte. Schließlich faltete Herr Kroll den Zettel und legte ihn vorsichtig in die Schale, als würde er ein kleines Tierchen hinlegen, das schlafen soll.
Beim Essen erzählte Herr Kroll von früher, wie er als Kind auf dem Dorf mit einem Topfdeckel um Mitternacht Krach gemacht hatte.
„Topfdeckel?“ Mina strahlte. „Haben wir auch!“
Mama hob warnend den Finger. „Wir haben auch Nachbarn.“
Herr Kroll grinste. „Dann machen wir eben leisen Krach. So einen… inneren Krach. Freude-Krach.“
Jonas mochte das Wort. Freude-Krach. Es passte zu diesem Abend.
Kapitel 4: Mitternacht am Balkonrand
Kurz vor zwölf zog sich die Wohnung in ein besonderes Flüstern zurück. Im Fernseher lief ein Countdown, aber Jonas hörte mehr das Rascheln der Decken, das Klirren der Gläser mit Kinderpunsch und das leise „Oh!“ von Mina, weil sie ein Knallbonbon nicht aufbekam.
„Bereit?“ fragte Papa.
Jonas nickte so heftig, dass seine Silvester-Mütze fast über die Augen rutschte. „Bereit wie ein… wie ein…“
„Wie ein Korken?“ schlug Mina vor.
„Genau!“ Jonas lachte. „Bereit wie ein Korken.“
Sie gingen auf den Balkon. Die Nacht war klar und dunkel, und die Sterne wirkten, als hätten sie sich geschniegelt für den Jahreswechsel. Jonas hielt eine Decke fest, und ohne zu fragen, legte er eine Ecke davon über Herr Krolls Schultern.
Herr Kroll sah überrascht aus. „Danke, Jonas.“
„Teilen ist wärmer“, sagte Jonas. Dann wurde er rot, weil es irgendwie klug klang.
Unten auf der Straße standen andere Leute, eingepackt wie bunte Zwiebeln. Man hörte irgendwo schon ein erstes „Puff“, ein ungeduldiges Feuerwerk, das nicht warten konnte.
Mina klammerte sich an Mamas Hand. „Wenn es gleich knallt, erschrecke ich nicht“, sagte sie. „Vielleicht.“
„Du darfst erschrecken“, sagte Mama. „Dann erschrecken wir zusammen.“
Der Countdown begann: „Zehn! Neun! Acht!“
Jonas spürte sein Herz klopfen, als wollte es mitsingen.
„Drei! Zwei! Eins!“
„Frohes neues Jahr!“ riefen sie alle durcheinander, und in diesem Moment explodierte der Himmel.
Feuerwerk sprang in Farben auf, als würde jemand riesige Blumen in die Luft malen: goldene Pusteblumen, rote Sternfische, grüne Palmen, blaue Funkenregen. Es knisterte und zischte, und Jonas staunte so sehr, dass er fast vergaß zu atmen.
„Guck mal!“ Mina zeigte auf eine besonders große Rakete, die oben zerplatzte und wie ein glitzernder Schirm herabfiel.
„Das ist ein Sternenduscher!“ rief Jonas.
Herr Kroll sagte leise: „Ich hab so was lange nicht mehr gesehen. Oder ich hab es lange nicht mehr richtig angeschaut.“
Jonas sah zu ihm. Herr Krolls Augen spiegelten die Funken. Jonas hatte plötzlich das Gefühl, dass das neue Jahr nicht nur neu war, weil es eine andere Zahl bekam, sondern weil man es mit anderen Menschen zusammen anschauen konnte.
Papa zündete Wunderkerzen an. Die Funken sprühten, als würden sie kleine Geheimwörter schreiben.
„Schreibt euren Namen!“ rief Papa.
Jonas schrieb „J O N A S“ in die Luft. Es sah eher aus wie „J… irgendwas“, aber das war egal.
Mina schrieb einen Kreis und behauptete: „Das ist mein Einhorn.“
Oma hielt ihre Wunderkerze ganz still. „Manchmal reicht es, nur zu leuchten“, sagte sie.
Als das Feuerwerk langsam weniger wurde und der Himmel wieder dunkler atmete, stand Jonas noch immer am Balkonrand, die Decke fest um alle gezogen. Unten fiel ein letzter Funken wie ein müdes Glühwürmchen.
„Das war…“, begann Jonas.
„…magisch“, sagte Mina.
„…warm“, sagte Herr Kroll.
„…laut“, sagte Mama und lachte.
„…genau richtig“, sagte Jonas.
Kapitel 5: Der Kalender auf dem Tisch
Wieder drinnen schmeckte der Kinderpunsch nach Apfel und Zimt, und die Wohnung roch ein bisschen nach Wunderkerzen und ein bisschen nach Suppe. Das fühlte sich überraschend gemütlich an, wie ein Pullover, der schon Geschichten kennt.
Oma stellte die Schale mit den Wunschzetteln auf den Tisch. „Jetzt kommt das Schönste“, sagte sie. „Wir ziehen Wünsche. Aber nicht den eigenen. Und wir versuchen, im neuen Jahr dabei zu helfen.“
„Wie helfen?“ fragte Mina und knabberte an einer Käse-Stange.
„Mit kleinen Dingen“, sagte Oma. „Mit Teilen. Mit Mut. Mit Zeit.“
Jonas zog einen Zettel. Seine Finger kribbelten, als wäre der Wunsch selbst lebendig. Er faltete ihn auf und las. Dann wurde sein Gesicht ganz still.
„Was steht da?“ fragte Papa.
Jonas schaute zu Herr Kroll hinüber. Der saß da, die Hände um seine Tasse gelegt, als würde er Wärme festhalten.
Jonas räusperte sich. „Da steht: ‚Ich wünsche mir, dass ich im neuen Jahr öfter nicht allein esse.‘“
Herr Kroll schluckte. „Oh“, sagte er leise. „Das ist meiner.“
Jonas nickte und hob die Hand wie bei einem Versprechen. „Dann… dann können Sie doch manchmal bei uns mitessen. Oder wir bei Ihnen. Ich kann auch Pfannkuchen. Also… ich kann helfen. Beim Wenden.“
Mama legte Jonas eine Hand auf die Schulter. „Das kriegen wir hin.“
Herr Krolls Lächeln saß jetzt genau richtig. „Das wäre… wirklich schön.“
Mina zog ihren Zettel und rief: „Da steht: ‚Ich wünsche mir, dass Mina mir beim Aufräumen hilft.‘ Das ist deiner, Mama!“
Mama lachte. „Erwischt.“
Mina seufzte theatralisch. „Na gut. Aber ich räume nur mit Einhorn-Pausen auf.“
„Deal“, sagte Mama.
Oma zog einen Zettel und las. Dann zwinkerte sie Jonas zu. „Hier steht: ‚Ich wünsche mir, dass Jonas sein Lachen teilt, wenn jemand einen grauen Tag hat.‘“
Jonas wurde wieder rot. „Das mache ich sowieso.“
„Eben“, sagte Oma. „Dann wird es ein gutes Jahr.“
Papa holte aus dem Karton noch eine letzte Sache: einen neuen Kalender, noch ganz sauber, die Seiten fest und glatt. Er legte ihn in die Mitte des Tisches, genau dort, wo vorhin die Wünsche gelegen hatten.
„Damit wir alles eintragen können“, sagte er. „Geburtstage, Pfannkuchentage, Besuchstage… und auch ganz normale Tage.“
Jonas strich über das Cover. Es fühlte sich an wie eine Tür, die man aufmachen kann.
Herr Kroll zeigte auf den Kalender. „Darf ich… einen Termin vorschlagen?“
„Unbedingt“, sagte Jonas.
„Nächsten Samstag“, meinte Herr Kroll. „Ich mache Spaghetti. Und ihr bringt… Mandarinen mit.“
Jonas lachte. „Abgemacht. Und ich bringe die Silvester-Mütze. Fürs neue Jahr. Nur zur Sicherheit.“
Sie beugten sich alle über den Kalender, und Mama schrieb mit ruhiger Hand den ersten Eintrag. Jonas sah die frische, leere Fläche der kommenden Tage und dachte: So sieht Zukunft aus, wenn man sie teilt.
Draußen war die Nacht schon ein bisschen leiser geworden. Drinnen blieb das warme Leuchten. Und auf dem Tisch lag der Kalender, bereit, die neuen Geschichten aufzunehmen.