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Geschichte über den Tod 11/12 Jahre Lesen 20 min.

Schritt für Schritt: Milos Erinnerungen an Frau Birke

Als Frau Birke plötzlich nicht mehr zur Schule kommt, lernen die Kinder, mit Trauer umzugehen: sie sammeln Erinnerungen, sprechen darüber und finden Trost in kleinen gemeinsamen Schritten.

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Milo, ein kleiner anthropomorpher Otter, sitzt traurig aber entschlossen auf einem flachen Felsen am Teich, nasses braunes Fell, gestreifter Schal, Pfoten an den Knien; Juna, eine Fuchsschülerin, steht links von Milo, besorgt und zärtlich, legt sanft eine Pfote auf seine Schulter und blickt auf den Teich; Herr Kranich, eine große graue Kranichgestalt, sitzt etwas zurückhaltend rechts, ruhig und aufmerksam, mit einer kleinen Ledertasche; im Hintergrund Schulhof mit rotem Backsteingebäude, geöffneter Tür zum Musikraum und einer Holzbank, verschwommene Tierkinder, die vorbeigehen; der Teich ist still, spiegelt rosafarbene Abendwolken, Schilf und einige schwimmende Blätter, gedämpfte Pastelltöne; emotionale Hauptszene: die Kinder gedenken am Wasser nach dem Tod ihrer Lehrerin, melancholisch aber friedlich, Komposition zentriert auf Milo und Junas tröstende Geste, Aquarelltexturen mit feinen weißen Gelstiftakzenten für Reflexe und Tränen. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der leere Platz im Musikraum

Milo, das kleine Ottermädchen, liebte den Mittwochmorgen. Dann roch die Schule nach Kreide, Apfelbrot und ein bisschen nach dem Teich draußen, weil alle ihre Pfoten nicht ganz trocken wurden. Milo mochte das Geräusch, wenn Stühle über den Boden schabten, und das Lachen, das wie Murmeln durch den Flur rollte.

Heute aber war etwas anders.

Im Musikraum stand ein Stuhl leer. Genau dort, wo sonst Frau Birke saß, die alte Igel-Lehrerin. Sie trug immer eine runde Brille und hatte einen Notizblock, in den sie mit winzigen Buchstaben schrieb. Wenn jemand zu laut wurde, klopfte sie mit dem Bleistift auf den Tisch, nicht streng, eher wie ein kleiner Taktstock.

Milo ließ sich neben ihrer Freundin Juna, einer aufgeweckten Fuchsschülerin, auf den Teppich plumpsen. Juna beugte sich vor und flüsterte: „Wo ist Frau Birke?“

Der Direktor, Herr Dachs, stand vorne. Sein Fell sah heute besonders ordentlich aus, als hätte er es mit Geduld gestriegelt. Er räusperte sich lange, als müsste er erst die richtigen Worte aus seinem Bauch nach oben schieben.

„Frau Birke ist gestern Abend gestorben“, sagte er schließlich.

Es wurde still, so still, dass Milo das Ticken der Uhr hörte. Ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer und blieb dann schwer liegen. Gestorben. Das Wort war wie ein Stein, der in den Teich fällt: erst ein Platschen, dann Kreise, die größer und größer werden.

Neben Milo schniefte jemand. Ein Kaninchen wischte sich hastig über die Nase. Juna starrte auf ihre Pfoten, als wären da plötzlich fremde Linien.

Milo dachte an Frau Birke, wie sie manchmal nach der Stunde noch blieb, um Milos Noten zu erklären. „Du musst nicht hetzen“, hatte sie gesagt. „Musik hat Zeit.“

Milo schluckte. Sie wollte etwas sagen, aber ihr Hals war trocken. Da fiel ihr ein Satz ein, den ihre Oma früher sagte, wenn es dunkel wurde und Milo Angst hatte: „Wir dürfen traurig sein, und wir gehen Schritt für Schritt.

Milo atmete ein. In ihrem Kopf wiederholte sie den Satz, leise, wie ein warmes Tuch: Wir dürfen traurig sein, und wir gehen Schritt für Schritt.

Herr Dachs sagte noch ein paar Dinge: dass Frau Birke sehr alt gewesen sei, dass sie friedlich eingeschlafen sei, dass man in den nächsten Tagen darüber sprechen dürfe, wenn man wolle.

Als die Stunde zu Ende war, blieb Milo kurz sitzen. Der leere Stuhl sah aus, als hätte jemand ein Stück aus dem Raum herausgeschnitten.

Juna zog Milo am Ärmel. „Komm“, flüsterte sie. „Wir müssen zur Mathe-Stunde.“

Milo stand auf, aber ihre Pfoten fühlten sich schwer an, als klebte Schlamm daran. Auf dem Flur roch es immer noch nach Apfelbrot. Und das machte es irgendwie schlimmer, weil alles normal roch, obwohl etwas nicht normal war.

„Milo“, sagte Juna, „meinst du… also… ist sie jetzt einfach weg?“

Milo blinzelte. „Ich weiß es nicht ganz“, antwortete sie ehrlich. Dann sagte sie, vorsichtig, als würde sie eine zerbrechliche Muschel tragen: „Aber wir dürfen traurig sein, und wir gehen Schritt für Schritt.“

Juna nickte, langsam. „Schritt für Schritt“, wiederholte sie, als hätte sie das Wort gerade erst gelernt.

Kapitel 2: Der Teich und die Fragen

In der großen Pause ging Milo allein zum Teich hinter der Schule. Dort wuchsen Schilfhalme, die im Wind flüsterten. Libellen standen in der Luft, als hätten sie vergessen, dass Fliegen Arbeit ist.

Milo setzte sich auf einen flachen Stein, der warm von der Sonne war. Sie starrte ins Wasser. Manchmal sah sie ihr Spiegelbild, manchmal nur Wolken.

„Warum muss jemand sterben?“, murmelte sie. Das Wasser gab keine Antwort, nur kleine Wellen.

„Da bist du ja“, sagte eine Stimme hinter ihr.

Milo drehte sich um. Es war Herr Kranich, der Schulsozialarbeiter. Er hatte lange Beine und einen Blick, der nie hetzte. Er setzte sich neben Milo, ohne sie zu drängen.

Eine Weile schwiegen sie. Das war angenehm, weil Milo gerade keine schnellen Worte mochte.

Dann sagte Milo: „Ich kann nicht aufhören, an ihren Stuhl zu denken. Es ist so… leer.“

Herr Kranich nickte. „Leere kann laut sein“, sagte er. „Manchmal schreit sie, auch wenn niemand spricht.“

Milo rieb ihre Pfoten aneinander. „Was bedeutet ‘friedlich eingeschlafen'?“, fragte sie. „Wie bei einem Mittagsschlaf?“

„Ähnlich“, antwortete Herr Kranich. „Der Körper hört irgendwann auf zu arbeiten. Das Herz schlägt nicht mehr. Man atmet nicht mehr. Das ist endgültig. Aber bei Frau Birke war es nicht plötzlich und nicht schmerzhaft. Sie war sehr alt. Ihr Körper war müde.“

Milo schluckte. Endgültig. Das Wort fühlte sich an wie eine Tür, die ins Schloss fällt.

„Und… wo ist sie dann?“, fragte Milo.

Herr Kranich sah aufs Wasser. „Manche glauben, es gibt einen Ort, an den man geht. Andere glauben, man lebt in den Erinnerungen weiter. Sicher ist: Wir tragen das, was wir mit ihr erlebt haben, in uns. Das bleibt.“

Milo dachte an Frau Birke, wie sie gelacht hatte, als Milo einmal beim Singen den Einsatz verpasst und dann so getan hatte, als wäre es Absicht gewesen. Frau Birke hatte nicht geschimpft, nur gesagt: „Ein Otter, der schwimmt, darf auch mal aus dem Takt platschen.“

Ein kleiner, trauriger Kicherlaut rutschte Milo heraus. Sie erschrak, als hätte sie etwas Verbotenes getan.

Herr Kranich lächelte mild. „Lachen darf neben Traurigkeit stehen“, sagte er. „Gefühle sind wie Gäste. Manche kommen mit schweren Koffern, manche bringen leichte mit. Aber du musst keinen rausschmeißen.“

Milo spürte, wie die Knoten in ihrem Bauch sich ein bisschen lösten. „Ich hab einen Satz“, sagte sie leise. „Der hilft mir. ‘Wir dürfen traurig sein, und wir gehen Schritt für Schritt.'“

„Das ist ein guter Satz“, sagte Herr Kranich. „Er erinnert daran, dass du Zeit hast. Trauer ist kein Wettrennen.“

Milo sah, wie ein Blatt aufs Wasser fiel und langsam davontrieb. Es verschwand nicht sofort. Es wurde nur weitergetragen.

Als die Pausenglocke läutete, stand Milo auf. Sie war noch traurig. Aber sie war nicht mehr ganz allein mit ihrer Traurigkeit.

Kapitel 3: Die Unterrichtsstunde mit dem Glas

Am nächsten Tag stellte Frau Eule, die Vertretungslehrerin, ein großes Glas auf den Tisch. Darin lagen kleine Papierstreifen und ein stumpfer Bleistift.

„Heute machen wir etwas, das uns helfen kann“, sagte sie und blinzelte langsam. „Frau Birke war ein Teil unserer Schule. Jetzt ist sie nicht mehr hier, aber sie war da. Und das darf man spüren.“

Ein Dachsjunge meldete sich. „Warum ist es im Kopf so durcheinander?“, fragte er. „Gestern war ich nur wütend. Heute bin ich müde.“

„Weil Trauer sich bewegt“, antwortete Frau Eule. „Sie kommt in Wellen. Manchmal groß, manchmal klein. Manchmal denkt man, sie ist weg, und dann ist sie plötzlich wieder da, wie Regen, der aus einer Wolke fällt, die man gar nicht gesehen hat.“

Milo mochte dieses Bild. Sie stellte sich vor, wie Trauer wirklich Regen sein könnte: nass, kalt, aber auch etwas, das wieder aufhört.

Frau Eule erklärte: „In dieses Glas sammeln wir Erinnerungen. Jede und jeder schreibt eine Sache auf, die er oder sie an Frau Birke mochte. Oder eine Szene, einen Satz, ein Geräusch. Es kann kurz sein. Es muss nicht perfekt sein.“

„Und wenn mir nichts einfällt?“, flüsterte Juna.

Milo flüsterte zurück: „Warte ein bisschen. Schritt für Schritt.“

Juna sah Milo an. „Du sagst das echt oft.“

Milo zuckte mit den Schultern. „Weil ich sonst vergesse zu atmen“, sagte sie.

Als Milo an der Reihe war, nahm sie den Bleistift. Ihre Pfote zitterte leicht. Der Bleistift roch nach Holz und nach vielen anderen Pfoten.

Sie schrieb: „Frau Birke hat gesagt: ‘Musik hat Zeit.' Und sie hat gelächelt, wenn man Fehler macht.“

Dann faltete sie den Streifen klein und ließ ihn ins Glas fallen. Er tippte gegen das Glas, ein leises Klack, wie ein kleines Zeichen: Ich bin hier.

Andere Streifen folgten. Milo hörte, wie ein Schafmädchen murmelte: „Sie hat mir beigebracht, wie man den Bogen hält.“ Ein Waschbär schrieb: „Sie hatte immer Pfefferminzbonbons, aber nur, wenn man ehrlich war.“

Ein paar schrieben auch schwierige Dinge. Ein Marderjunge knüllte seinen Zettel zweimal zusammen und warf ihn fast. Danach sah er aus, als hätte er zu fest die Zähne zusammengebissen.

Frau Eule sagte: „Wer möchte, darf vorlesen.“

Keiner meldete sich sofort. Dann hob Milo langsam ihre Pfote. Ihr Herz klopfte. Nicht, weil sie mutig war, sondern weil sie nicht wollte, dass es im Raum nur still bleibt.

Sie stand auf und las ihren Satz vor. Ihre Stimme war erst dünn wie ein Faden, dann wurde sie fester. Als sie fertig war, nickte Frau Eule.

„Danke“, sagte Juna leise.

„Wir dürfen traurig sein, und wir gehen Schritt für Schritt“, sagte Milo, mehr zu sich als zu allen.

„Schritt für Schritt“, wiederholte ein paar aus der Klasse, als wäre es eine kleine Melodie, die man zusammen lernen kann.

Kapitel 4: Der Besuch bei Frau Birke

Am Freitag gingen die fünften Klassen gemeinsam zum Garten hinter dem alten Rathaus, wo ein kleiner Abschiedsplatz für Tiere aus dem Dorf war. Es gab dort Bäume, die im Winter nicht alle Blätter verloren, und eine Bank, die schon viele Geschichten gehört hatte.

Milo lief neben Juna. Vor ihnen watschelte ein Entenpaar, das sonst immer kicherte. Heute waren sie ruhig.

Herr Dachs trug einen Korb mit weißen Blumen. Frau Eule trug das Glas mit den Erinnerungszetteln, fest an die Brust gedrückt, als wäre es zerbrechlich wie ein Ei.

Am Rand des Gartens stand eine kleine, schlichte Stelle im Boden, frisch aufgeschüttet. Keine gruseligen Dinge, kein dunkler Zauber. Nur Erde, die nach Regen roch, und ein Stein, der noch blank war.

Milo spürte, wie ihr Bauch wieder eng wurde. Sie hatte gedacht, sie sei vorbereitet. Aber Trauer hielt sich nicht an Pläne.

„Ihr müsst nichts sagen“, flüsterte Herr Kranich, der auch dabei war. „Ihr dürft nur da sein.“

Sie stellten sich im Halbkreis auf. Der Wind strich durch die Zweige und machte ein Geräusch, das klang, als würde jemand ganz leise „pssst“ sagen.

Herr Dachs legte die Blumen hin. Dann stellte Frau Eule das Glas daneben.

„Wir geben unsere Erinnerungen ab“, sagte sie. „Nicht, um sie loszuwerden. Sondern um zu zeigen: Wir haben sie zusammen.“

Milo sah das Glas an. Es war voll mit gefalteten Streifen. Jeder davon war ein kleiner Beweis, dass Frau Birke nicht nur ein leerer Stuhl gewesen war, sondern ein ganzer Mensch—ein ganzes Tier—mit Tagen, Lachen, Geduld.

Ein Kaninchen trat vor und sagte plötzlich: „Ich hatte Angst vor dem Solo. Sie hat gesagt, ich soll nicht gegen die Angst kämpfen, sondern neben ihr stehen und trotzdem spielen.“ Das Kaninchen wischte sich über die Augen. „Ich hab's dann gemacht.“

Ein paar nickten. Milo spürte, wie ihre Kehle brannte. Sie trat auch einen Schritt vor, ohne genau zu wissen, warum.

„Ich…“, begann sie und stockte. Alle warteten. Nicht neugierig, eher freundlich.

Milo atmete ein. „Ich hab von ihr gelernt, dass man nicht hetzen muss“, sagte sie. „Und…“ Sie suchte nach Worten, die nicht zu groß waren. „Ich glaube, sie war müde vom Altsein.“

Juna trat neben Milo. „Und sie hat immer so getan, als wäre sie streng, aber eigentlich war sie weich wie Moos“, sagte sie. Dann schniefte sie und lachte gleichzeitig. „Nur dass Moos keine Pfefferminzbonbons hat.“

Ein paar kicherten, ganz kurz, und Milo merkte, wie sich die Luft im Halbkreis ein bisschen bewegte. Es war nicht falsch. Es war menschlich—tierisch—normal.

Herr Kranich sagte leise: „Trauer hat viele Stimmen. Heute hört ihr einige davon.“

Als sie zurückgingen, fragte Juna: „Meinst du, es wird irgendwann nicht mehr so weh tun?“

Milo dachte an das Blatt auf dem Teich. „Vielleicht“, sagte sie. „Aber nicht, weil wir vergessen. Sondern weil wir lernen, es zu tragen.“

„Und wie lange dauert das?“, fragte Juna.

Milo schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Aber… wir dürfen traurig sein, und wir gehen Schritt für Schritt.“

Juna atmete aus. „Okay“, sagte sie. „Dann heute nur ein Schritt.“

„Genau“, sagte Milo. „Nur ein Schritt reicht.“

Kapitel 5: Geduld im Alltag

In der Woche danach passierten normale Dinge: Matheaufgaben mussten gelöst werden, ein Ball landete aus Versehen im Gebüsch, jemand vergaß sein Pausenbrot. Und trotzdem lag Trauer wie eine dünne Decke über allem.

Milo merkte, dass sie schneller genervt war. Als ein Eichhörnchen in der Klasse ständig mit dem Stuhl kippelte, wollte Milo zuerst zischen: „Hör auf!“ Dann erinnerte sie sich an Frau Birkes Art, Geduld zu zeigen.

Stattdessen tippte Milo dem Eichhörnchen auf die Pfote und flüsterte: „Kannst du kurz damit aufhören? Es macht mich gerade nervös.“

Das Eichhörnchen guckte überrascht, aber es stellte den Stuhl still. „Sorry“, murmelte es.

Nachmittags zu Hause—Milo wohnte in einem Bau nahe dem Fluss—half sie ihrer Mutter beim Sortieren der Wäsche. Normalerweise mochte Milo das nicht, weil Socken sich wie kleine Monster versteckten. Heute aber tat es gut, etwas Einfaches zu tun.

„Du bist so ruhig“, sagte ihre Mutter.

Milo zuckte mit den Schultern. „In mir ist es nicht ruhig“, gab sie zu. „Aber ich… ich übe Geduld.“

„Mit dir selbst?“, fragte die Mutter.

Milo nickte. „Und mit den Tagen.“

Abends lag Milo im Bett. Der Mond malte einen Streifen Licht auf den Boden. Milo hörte das leise Plätschern des Flusses. Manchmal kamen die Gedanken wie freche Fische: Was, wenn noch jemand stirbt? Was, wenn ich vergesse, wie ihre Stimme klang?

Milo presste die Pfoten an die Brust. Dann sprach sie ihren Satz, diesmal laut, damit er den Raum füllte: „Wir dürfen traurig sein, und wir gehen Schritt für Schritt.“

Der Satz war wie ein Geländer an einer Treppe, die man im Dunkeln hinuntergeht. Man sieht nicht alles, aber man hat etwas zum Festhalten.

Am nächsten Morgen in der Schule hing ein Zettel an der Tür zum Musikraum: „Heute keine Musikstunde. Freiarbeit.

Juna stöhnte. „Oh nein. Freiarbeit heißt immer: still sitzen und so tun, als hätte man keine Beine.“

Milo grinste kurz. „Wir sind Otter und Füchse“, sagte sie. „Natürlich haben wir Beine. Und wir können sogar still sitzen… für ungefähr drei Minuten.“

Juna kicherte. Dann wurde ihr Gesicht wieder ernst. „Ich vermisse sie“, sagte sie plötzlich.

Milo nickte. „Ich auch.“

Sie schwiegen eine Weile. Dann sagte Milo: „Wollen wir etwas machen, das nicht wehtut, aber trotzdem stimmt?“

Juna hob die Augenbrauen. „Gibt's das?“

„Vielleicht“, sagte Milo. „Eine Karte. Für Frau Birke. Von der ganzen Klasse.“

Juna schaute sie an, als hätte Milo gerade ein Fenster geöffnet. „Ja“, sagte sie sofort. „Eine richtige. Mit Unterschriften. Und vielleicht… mit einem Witz, den sie gemocht hätte.“

Milo atmete tiefer. „Schritt für Schritt“, sagte sie.

„Schritt für Schritt“, antwortete Juna. Und diesmal klang es nicht mehr nur traurig, sondern auch ein bisschen entschlossen.

Kapitel 6: Die Karte mit den vielen Namen

In der nächsten Klassenstunde stellte Milo sich neben Frau Eule. Ihre Pfoten waren feucht vor Aufregung, aber sie hielt das große Stück Karton fest, das sie in der Pause organisiert hatte.

„Wir möchten eine Karte machen“, sagte Milo. „Für Frau Birke. Also… für den Ort, wo sie jetzt ist. Oder für ihre Familie. Oder… einfach als Zeichen.“

Frau Eule sah Milo lange an, dann nickte sie. „Das ist eine gute Idee“, sagte sie. „Und sie passt zu Frau Birke. Sie hat Zeichen geliebt. Noten sind auch Zeichen.“

Die Klasse rückte zusammen. Einige holten Stifte, andere Aufkleber in Blattform, wieder andere nur ihren Mut.

Milo schrieb oben nicht zu groß, nicht zu klein: „Danke, Frau Birke.“ Darunter ließ sie Platz.

Juna malte eine winzige Brille mit Stacheln drumherum, als wäre es ein Igelgesicht. „Sie hätte gelacht“, sagte Juna.

Ein Dachsjunge schrieb: „Du hast mir Geduld beigebracht, sogar wenn ich die Hälfte vergesse.“

Das Kaninchen schrieb: „Danke, dass du meine Angst nicht ausgelacht hast.“

Der Waschbär malte ein Pfefferminzbonbon und schrieb: „Ehrlich sein lohnt sich.“

Milo sah zu, wie sich die Karte füllte. Jeder Strich machte das Papier wärmer, als würde es von innen leuchten.

Ein Marderjunge stand lange davor, den Stift in der Pfote, und schrieb dann nur: „Ich vermisse dich.“ Mehr nicht. Aber seine Schrift war sorgfältig, als hätte er jeden Buchstaben einzeln beruhigt.

Als alle unterschrieben hatten, war die Karte schwer vor Namen. Frau Eule schlug vor, sie in einen Umschlag zu stecken und beim Garten abzugeben, zusammen mit dem Glas.

Bevor sie den Umschlag schlossen, sagte Milo: „Darf ich noch etwas hinzufügen?“

Frau Eule nickte.

Milo schrieb unten rechts, klein, aber deutlich: „Wir dürfen traurig sein, und wir gehen Schritt für Schritt.“

Juna las es und legte ihre Pfote kurz auf Milos Arm. „Das gehört dazu“, sagte sie.

Am Nachmittag gingen sie als Klasse noch einmal in den Garten. Der Himmel war klar, und die Luft roch nach kalter Erde und neuen Tagen. Herr Dachs legte den Umschlag neben die Blumen und das Glas.

Alle standen einen Moment still. Milo spürte Traurigkeit, ja. Aber auch etwas anderes: ein ruhiges Band zwischen ihnen, als hätten sie gemeinsam einen schweren Korb ein Stück getragen.

Auf dem Rückweg fragte Juna: „Glaubst du, Frau Birke hätte unsere Karte wirklich gelesen?“

Milo überlegte. Dann sagte sie: „Vielleicht nicht mit Augen. Aber mit allem, was wir sind. Und wir haben sie ja auch geschrieben, damit wir es wissen: Wir waren nicht allein. Und sie war wichtig.“

Juna nickte. „Das ist… irgendwie tröstlich.“

Milo schaute zum Himmel, wo ein paar Vögel in einer ordentlichen Linie flogen. Sie wirkten geduldig, als hätten sie Zeit.

„Wir dürfen traurig sein“, sagte Milo noch einmal, leise, mehr wie ein Versprechen als wie ein Satz. „Und wir gehen Schritt für Schritt.“

Und während sie zur Schule zurückliefen, fühlte sich der nächste Schritt nicht leicht an, aber möglich.

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Räusperte
Kleine, kurze Husten- oder Kehlbewegung, um die Stimme zu klären.
Friedlich eingeschlafen sei
Höfliche Form, zu sagen, dass jemand ruhig und ohne Schmerzen gestorben ist.
Teich
Kleiner See mit meist ruhigem Wasser, oft im Garten oder in Parks.
Schilfhalme
Lange, dünne Wasserpflanzen, die am Rand von Teichen wachsen.
Endgültig
Etwas, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.
Schritt für Schritt
Langsam vorgehen, einen kleinen Teil nach dem anderen tun.
Vertretungslehrerin
Lehrerin, die kurzfristig eine andere Lehrerin ersetzt.
Schulsozialarbeiter
Erwachsener in der Schule, der bei Problemen mit Kindern hilft.
Freiarbeit
Zeit in der Schule, in der Kinder selbst wählen, was sie tun.
Umschlag
Papierhülle, in die man Briefe oder Karten steckt.

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