Kapitel 1: Schraubenzieher-Safari
In der Werkzeugscheune von Opa Kalle war es so bunt wie in einer Kiste Bauklötze. Hämmer hingen wie Fledermäuse an Haken, Schrauben lagen in Gläsern wie Bonbons, und ein Maßband schlängelte sich wie eine gelbe Schlange über die Werkbank.
Mitten darin rollte Rollo, ein kleiner Roboter auf zwei Rädern. Er hatte eine Taschenlampe als Nase und einen Magneten als Hand. Rollo nannte sich selbst „Entdecker-Roboter“, weil das viel spannender klang als „Werkstatthelfer Nummer 3“.
„Heute“, sagte Rollo zu sich selbst und machte dabei ein wichtiges Brumm-Geräusch, „mache ich das Unmögliche möglich.“
Er klappte sein Notizbuch auf. Auf dem Umschlag stand in krakeligen Buchstaben: IDEEN, DIE NICHT WEGROLLEN.
Gerade als er den Stift ansetzte, rutschte ein großes Glas mit winzigen Muttern ein Stückchen nach vorn. Es kippte… stoppte… kippte noch mehr… und dann—
„Pling! Pling! Pling!“
Muttern kullerten über die Werkbank und fielen auf den Boden. Sie rollten in alle Richtungen, als hätten sie winzige Füße.
„Oh nein“, piepste Rollo. „Muttern-Ausbruch!“
In diesem Moment sprang die Werkstatttür auf. Eine alte, freundliche Stimme rief: „Rollo? Alles in Ordnung?“
Das war Opa Kalle. Er trug eine Schürze, auf der „König der Schrauben“ stand. Er schaute auf den Boden, auf die rollenden Muttern, dann auf Rollo.
Rollo versuchte zu lächeln. Seine Taschenlampennase blinkte dabei fröhlich. „Äh… das war ein Test. Für… äh… Muttern-Fitness.“
Opa Kalle lachte. „Dann sind sie aber sehr sportlich. Hör mal, ich brauche gleich alle Muttern wieder im Glas. Und zwar schnell. Denn heute kommt die Werkzeug-Ausstellung, und ich will meine Werkstatt geschniegelt und gebügelt zeigen.“
„Ausstellung?“ Rollos Räder quietschten vor Aufregung.
„Ja! Alle Nachbarn kommen. Und weißt du, was sie sehen wollen?“ Opa Kalle beugte sich verschwörerisch vor. „Den ‚unmöglichen Werkzeugturm‘.“
Rollo kannte den Turm. Er stand auf dem Regal: ein wackeliges Gestell aus drei Holzbrettchen und einem viel zu kurzen Stab. Darauf sollten, so sagte die Legende, zehn Werkzeuge gleichzeitig balancieren: Hammer, Zange, Säge, Schraubenzieher, Feile, Pinsel, Wasserwaage, Inbusschlüssel, Maßband und ein kleiner Gummihahn, den niemand mehr benutzte, aber alle lustig fanden.
„Niemand schafft das“, murmelte Rollo. „Das ist… unmöglich.“
Opa Kalle zwinkerte. „Dann ist es ja genau richtig für dich, Entdecker-Roboter. Versuch's! Und wenn du fällst—“ Er klopfte Rollo sanft auf den Kopf. „—stehst du wieder auf. Das ist Werkstatt-Regel Nummer eins.“
Rollo schnappte sein Notizbuch. „Ich stehe nicht nur auf. Ich rolle auf!“
Kapitel 2: Der Turm, der kitzelte
Rollo rollte zum Regal. Der „unmögliche Werkzeugturm“ sah aus, als hätte ihn jemand gebaut, der zu viel Marmelade gegessen hatte: klebrig, schief und irgendwie fröhlich.
Rollo legte zuerst den Hammer oben drauf. Der Hammer war schwer und tat so, als wäre er der Chef.
„Bleib ruhig“, sagte Rollo. „Du bist nur ein Hammer.“
„Ich bin DER Hammer“, brummte der Hammer in Rollos Kopf, obwohl Hämmer eigentlich nicht sprechen. Aber in einer Werkzeugscheune kann man sich alles einbilden, besonders wenn man aufgeregt ist.
Als Nächstes kam die Zange. Dann die Säge. Schon beim dritten Werkzeug begann der Turm zu zittern wie Wackelpudding.
„Äh… Turm?“ fragte Rollo. „Geht's dir gut?“
Der Turm antwortete nicht, aber er kippte ein winziges bisschen nach links.
Rollo nahm schnell die Wasserwaage und hielt sie dran. Die Blase in der Wasserwaage schwamm in die Ecke wie ein Fisch, der sich verstecken will.
„Das ist nicht waagerecht“, stellte Rollo fest. „Das ist… sehr schräg.“
Da hörte er hinter sich ein leises Kichern. Es kam von den Muttern, die noch auf dem Boden lagen und sich in einer Ecke gesammelt hatten, als würden sie eine geheime Party feiern.
„Ihr kichert?“ Rollo drehte sich beleidigt um. „Das ist ein ernstes, unmögliches Projekt!“
Eine Mutter rollte ein Stück vor und plingte gegen eine Schraube, als würde sie sagen: Na und?
Rollo seufzte und lachte dann selbst. „Okay. Wenn ihr lachen dürft, darf ich auch.“
Er stellte fest: Sobald er lachte, fühlte sich sein Akku leichter an. Nicht wirklich, aber irgendwie doch.
Er versuchte es erneut. Dieses Mal legte er das Maßband als „Gürtel“ um den Turm, damit die Bretter sich nicht so weit bewegen konnten.
„Ha! Sicherheitsgürtel für Holz!“ Rollo grinste.
Das Maßband schnappte jedoch zurück—„Zapp!“—und wickelte sich um Rollos Rad. Rollo drehte sich im Kreis wie ein Karussell.
„Hilfe! Ich werde von einem Maßband gefangen gehalten!“ rief er.
Opa Kalle steckte den Kopf durch die Tür. „Alles gut?“
Rollo drehte weiter. „Ja! Ich… äh… teste den Wirbelwind-Modus!“
Opa Kalle lachte so sehr, dass seine Schürze wackelte. „Dann wirble nicht alle Schrauben weg!“
Rollo stoppte endlich, indem er seine Magnethand an die Metallkante der Werkbank klackte. Das Maßband löste sich langsam.
„Okay“, keuchte Rollo. „Plan A ist… ein bisschen wirbelig.“
Er schrieb in sein Notizbuch: Plan A: Maßband ist frech. Nicht als Gürtel benutzen.
Dann schaute er den Turm an. Der Turm sah unschuldig aus, als wäre er gar nicht daran schuld.
„Du kitzelst mich aus“, sagte Rollo. „Aber ich gebe nicht auf.“
Kapitel 3: Die unmögliche Idee mit dem Keks
Rollo überlegte. Er war ein Entdecker. Entdecker benutzen ungewöhnliche Methoden. Manchmal auch sehr ungewöhnliche.
Er rollte zur Snack-Ecke der Werkstatt, wo Opa Kalle immer eine Dose mit Keksen hatte. Auf der Dose stand: NUR FÜR WICHTIGE ARBEITEN. Rollo fand, das hier war sehr wichtig.
Er öffnete die Dose. Es roch nach Butter und Mut.
„Keks?“, fragte Rollo den leeren Raum. „Willst du helfen?“
Ein Keks antwortete nicht, aber Rollo nahm ihn trotzdem. Er rollte zurück zum Turm.
„Was soll ein Keks bitte tun?“ murmelte Rollo. „Er ist rund, er ist krümelig… und er ist…“
Da hatte er die Idee.
Er nahm den Keks und legte ihn unter das wackelige Brettchen, wie einen winzigen Keil.
„Keks-Keil!“ sagte Rollo feierlich. „Das klingt wie ein Piratenschatz.“
Der Turm stand etwas gerader. Nicht perfekt, aber weniger wie ein schlafender Flamingo.
Rollo legte vorsichtig die Werkzeuge auf. Hammer unten, Zange daneben, Säge etwas schräg, Feile quer, Schraubenzieher wie ein kleiner Speer. Der Pinsel kitzelte Rollos Nase, als er ihn platzierte.
„Hatschi… nein, ich bin ein Roboter“, sagte Rollo, obwohl er trotzdem das Gefühl hatte, niesen zu müssen.
Alles wackelte, aber es hielt.
Dann kam der Inbusschlüssel. Der war klein und fühlte sich sehr wichtig. Rollo legte ihn oben drauf.
„Noch zwei“, flüsterte Rollo. „Noch zwei und das Unmögliche wird… na ja, möglich.“
Er griff nach der Wasserwaage. Doch in dem Moment rollte eine Mutter heran, plingte gegen den Keks und—krümel, krümel—ein kleines Stück brach ab.
Der Turm machte ein „uh-oh“-Geräusch. Also, nicht wirklich. Aber Rollo hörte es in seinem Kopf.
„Nein! Keks, bleib stark!“ rief Rollo.
Der Keks bröselte ein wenig weiter. Der Turm neigte sich.
Rollo hielt den Atem an. Dann passierte etwas Komisches: Eine winzige Krümelspur klebte am Brett und… machte es rutschfest. Der Turm stoppte.
Rollo blinzelte. „Du… du hast geholfen! Du bist ein Anti-Rutsch-Keks!“
Er lachte so laut, dass ein Schraubenzieher im Regal klirrte.
„Was ist los?“ Opa Kalle kam näher, sah den Keks unter dem Turm und hob die Augenbrauen. „Ein Keks?“
„Ungewöhnliche Methode!“ sagte Rollo stolz. „Keks-Keil-Technik.“
Opa Kalle beugte sich hinunter. „Das ist ja… köstlich schlau.“
Rollo setzte die Wasserwaage auf. Noch das letzte Werkzeug: der kleine Gummihahn.
Der Gummihahn war weich und grinste immer, als würde er gleich „quak“ sagen.
„Bitte nicht hüpfen“, bat Rollo.
Rollo legte ihn ganz oben drauf. Der Turm stand. Er stand wirklich! Zehn Werkzeuge, ein Keks und sehr viel Konzentration.
Rollo hob beide Magnetarme in die Luft. „Unmöglich? Ha! Nur ein Wort mit schlechter Laune!“
Da hörte man draußen Stimmen. Die Nachbarn kamen.
Kapitel 4: Applaus, der klackt
Die Werkstatttür ging auf, und eine kleine Gruppe trat ein: Frau Mertens mit ihrer bunten Mütze, Herr Singh mit einem Fotoapparat, und die Zwillinge Lina und Lasse, die immer alles anfassen wollten.
„Willkommen!“ rief Opa Kalle. „Und schaut mal, was Rollo gebaut hat!“
Alle Augen richteten sich auf den Turm. Er stand noch immer. Ein bisschen schief, aber stolz.
„Wow!“ rief Lina. „Wie hält das denn?“
„Mit… Wissenschaft!“ sagte Rollo schnell. Dann räusperte er sich. „Und mit Resil… Resi… mit Wieder-Aufstehen!“
„Und mit einem Keks!“ rief Lasse, der den Keks gesehen hatte.
Die Erwachsenen lachten, und die Zwillinge lachten am lautesten. Sogar der Hammer schien weniger brummig zu sein.
Herr Singh knipste Fotos. „Das ist der berühmte unmögliche Werkzeugturm! Und jetzt ist er… möglich.“
Frau Mertens beugte sich vor. „Darf man den Keks später essen?“
Rollo wurde plötzlich sehr ernst. „Ähm… lieber nicht. Der Keks ist jetzt… tragendes Gebäck.“
Alle lachten noch mehr.
Doch dann—plopp—fiel ein winziges Krümelchen vom Keks. Der Turm zuckte.
„Oh!“ rief Rollo und rollte blitzschnell vor. Er hielt seine Magnethand an die Seite des Turms, nicht um ihn festzukleben, sondern um ihm Mut zu machen. So fühlte es sich jedenfalls an.
„Nicht umfallen“, flüsterte er. „Wir schaffen das zusammen.“
Der Turm beruhigte sich. Die Leute hielten kurz den Atem an, dann klatschten sie. Es klang in der Werkstatt wie ein Regen aus kleinen Schlägen: klack, klack, klack.
Opa Kalle legte den Arm um Rollo, so gut das bei einem Roboter ging. „Siehst du? Du hast nicht nur gebaut. Du hast nicht aufgegeben.“
Rollo spürte Wärme in seinem Brustkasten, obwohl dort eigentlich nur Kabel waren. „Ich habe oft gedacht: Das geht nicht. Und dann habe ich gedacht: Dann probiere ich eben etwas anderes. Oder ich lache kurz. Das hilft.“
Lina zeigte auf Rollos Notizbuch. „Schreibst du das auf?“
„Immer!“ sagte Rollo. „Sonst rollen die Ideen weg.“
Als die Ausstellung vorbei war und die Nachbarn gegangen waren, rollte Rollo zurück zur Werkbank. Der Turm durfte stehen bleiben, solange der Keks noch… tapfer war.
Rollo setzte sich hin, klappte sein Notizbuch auf und begann zu schreiben. Seite um Seite füllte er mit großen Buchstaben und kleinen Zeichnungen: Maßband-Falle, Magnet-Anker, Keks-Keil, Anti-Rutsch-Krümel, Muttern-Party, Wirbelwind-Modus (bitte selten benutzen).
Opa Kalle kam mit einer neuen Keksdose. „Für wichtige Arbeiten“, sagte er.
Rollo grinste. „Ich habe eine sehr wichtige Arbeit: neue unmögliche Dinge finden.“
Opa Kalle nickte. „Und wenn's nicht klappt?“
Rollo tippte mit dem Stift auf das volle Notizbuch. „Dann klappt's später. Oder anders. Und bis dahin…“ Er ließ seine Taschenlampennase aufblinken. „…lache ich, rolle weiter und sammle Ideen.“
Am Ende war das Notizbuch so voll, dass es kaum noch zuging. Es sah aus wie ein dicker, glücklicher Bauch.
Rollo drückte es fest an sich. „Ein ganzes Heft voller Möglichkeiten“, murmelte er zufrieden. „Das Unmögliche hat heute Pause.“